Coming of Age mit lauernden Monstern

Eine Besprechung zu Anne Riitta Ciccones Film „I’m (Endless Like The Space)“

In der ersten Szene von „I’m (Endless Like The Space)“ dachte ich erstmal, ich wäre im Musikvideo einer Metalband gelandet. Zwei Typen in Fellkleidung laufen hier, untermalt von Dark-Rock-Klängen, durch einen Winterwald in wahrlich kühlen Farben.

Diese Sequenz, obwohl für den weiteren Handlungsverlauf fast irrelevant, bereitet einen ganz gut auf das vor, was einen in den nächsten gut 1,5 Stunden erwartet. Netflix sortiert den Film, im italienischen Original „I’m (Infinita come lo spazio)“, unter „Fantasy“ ein und versieht ihn mit den Schlagworten „düster“, „dystopisch“. Das trifft es aber nur bedingt. In erster Linie ist „I’m“ nämlich vor allem eines: unvorhersehbar.

Monster, Goths und Marionetten

Und, so viel sei schon mal verraten, es ist keine Fantasy. Zwar gibt es ein paar surreale Dreampunk-Elemente und in den Inhaltsbeschreibungen, die man zum Film findet, ist von „our world in the near future […] or […] an alternate dimension“ die Rede, aber hätte ich es vorher nicht gelesen, wäre ich darauf nicht gekommen. Die Handlung könnte genauso gut im Hier und Jetzt spielen.

Apropos, die Handlung! In deren Zentrum steht die 17-jährige Jessica, szeneästhetisch und emotional irgendwo auf der Schnittstelle zwischen Metalerin, Goth und Emo. Ihr Vater trägt einen Kürbis auf dem Kopf, scheint aber ein netter, heiterer Kerl zu sein. Für viele andere in diesem Film gilt das nicht: Unter Jessicas Bett, in ihrem schwierigen Wohnviertel, aber auch im Sozialamt und in der Schule lauern Monster. In jeder freien (und auch jeder nicht so freien) Minute setzt sie sich hin und malt diese Monster, wenn sie nicht gerade damit beschäftigt ist, mit ihrer Mutter zu streiten oder ihre Mitmenschen zu beobachten. Und jene, die keine Monster sind, sind doch zumindest uniforme, im Gleichschritt laufende Marionetten, so stellt es sich Jessica jedenfalls vor.

Und doch sind ihre Monster keine reine Einbildung. Einmal geht sie an einer Wohnungstür vorbei, hinter der sich ein Pärchen streitet. Ein paar Szenen später geht sie erneut vorbei, doch nun wird die Tür durch Flatterband versperrt. „Die arme Alice, sie war so jung!“, raunt eine Stimme im Hintergrund und prompt wird die Tote in Jessicas Fantasie zu einer grotesken Wunderland-Alice, die bei einem Streit zwischen Hasen und Hutmacher dem Kronleuchter zum Opfer fällt.

Eine Frau, die Alice (im Wunderland) darstellen soll, sitzt an einem langen Tisch. Rechts von ihr steigt ein Mann in altertümlicher Kleidung mit Hut auf einen Tisch, links tut es ihm ein Mann mit Hasenohren gleich.
Noch klatscht Alice (Screenshot via Trailer, s. u.)

Ein paar wenige Menschen ordnet Jessica aber nicht den Kategorien „Monster“ oder „Marionette“ zu. Z. B. Peter, den veganen Eishockey-Goth vom Nebentisch, der eine etwas ungesunde Haltung zu Gewehren zu haben scheint. Oder Susanna, die in der Wohnung über Jessicas Familie wohnt und alten Rockstar-Träumen nachjagt, während sie in der Schulkantine arbeitet. Als sie sich divenhaft einer Sozialarbeiterin widersetzt, wird sie für Jessica zur Heldin, später zur Mentorin.

Klischees bewusst umspielend

„I’m (Endless Like The Space)“ ist in erster Linie ein Coming-of-Age-Film. Daneben ist es ein Episodenfilm, denn er konzentriert sich nicht nur auf Jessica, sondern widmet sich auch den Nebenfiguren: Susanna, Peter und dessen Vater, Jessicas Mutter. Ein für das Genre etwas ungewöhnlicher Zug, der aber paradoxerweise Jessicas einseitige Sichtweise umso mehr unterstreicht.

Und ungewöhnlich ist der Film ohnehin, aber im besten Sinne. An mehreren Stellen dachte ich „och nö, nicht auch noch DIESES Jugendfilm-Klischee“. Aber immer dann, wenn er gerade zu klischeehaft zu werden droht, schlägt er plötzlich eine andere Richtung ein oder überlässt es dem Publikum, wie viel es nun in eine Szene hineininterpretieren will. Z. B. ist da eine Szene, in der sich Susanna in eine Suite locken lässt, in der angeblich ein Casting stattfinden soll. Stattdessen hocken da ein paar zwielichtige, zugedröhnte Typen und man ahnt, was kommt … oder eben nicht. Denn statt den „Produzenten“ gefällig zu sein, fängt Susanna an, das Lied zu singen, das dem Film seinen Titel gibt. Die Typen sind erst verwirrt, dann fangen sie an zu lachen, und Susanna geht geknickt, aber unbehelligt nach Hause. Ein andermal wird Jessica von ein paar Jungen in der Schule bedrängt. Ausgerechnet ihre Erzfeindin kommt ihr zu Hilfe – aber eine Versöhnung gibt es trotzdem nicht, eine Minute später gehen sich beide schon wieder an die Kehlen.

Dark Wave und Tagträume statt Drogen

Wo sich andere Coming-of-Ager mit wilden Drogenexzessen oder dem ersten Mal aufhalten, zeigt „I’m“ lieber … Treppenarchitektur, Fassaden und Bergpanoramen. Oder lässt eben jemanden singen. Überhaupt spielt Musik eine mittragende Rolle, vor allem die Dark-Wave/Rock-Klänge des Hamburger Project Pitchfork. Und spätestens beim Abspann war ich mir sicher, dass die Musikvideo-Anspielung am Anfang beabsichtigt war. Die surrealen Elemente hingegen, die vornehmlich durch Jessicas Tagträumerei und Zeichnungen hervorgerufen werden, stehen gar nicht so sehr im Vordergrund, was dem Film vor allem in der zweiten Hälfte zugutekommt.

Darin nimmt der Film eine harte Wendung, mit der ich nicht gerechnet hatte. Es wird unangenehm, es wird schmerzhaft und doch gibt’s irgendwie ein Happy End, aber wiederum alles anders, als man es von „solchen Filmen“ gewöhnt ist. (Aus Spoilergründen halte ich mich hier mit Details zurück.) Dass der Film nie allzu nah an die Figuren heran geht, sondern mehr wie aus der Vogelperspektive auf sie hinabguckt (teilweise wortwörtlich), sorgt gerade in dieser zweiten Hälfte einerseits für Distanz, andererseits aber am Ende auch für eine der stärksten Szenen des gleichwohl etwas naiven Streifens.

Ein weiblicher Teenager mit pinken Haaren, Lederjacke und traurigem Blick geht eine Straße entlang. Hinter ihr steht ein Mann mit Kürbiskopf und lila Anzug.
Im Hintergrund Gassen einer pittoresken italienischen Kleinstadt.
Jessica mit ihrem Pumpkin-Daddy (Screenshot via Trailer, s. u.)

Ehe ich den Film bei Netflix quasi in der hintersten Reihe des „Internationale Fantasy“-Bereichs gefunden habe, war er mir kein Begriff, obwohl er mit Mathilde Bundschuh (als Jessica) und Julia Jentsch (als Jessicas Mutter) sogar zwei bekannte deutsche Schauspielerinnen in tragenden Rollen hat. Es ist auch nicht ganz leicht, nähere Infos oder Kritiken zu dem Film zu finden, aber wenn doch, sind sie eher negativ. Nun, so wurde ich positiv überrascht. Er bauscht nichts unnötig auf, die Schauspielenden, allen voran Bundschuh, machen ihre Sache sehr gut, und er bildet inhaltlich wie ästhetisch einen angenehmen Kontrast zu den US-Coming-of-Agern. Dass man über Netflix auch sowas problemlos gucken kann (Italienisch mit deutschen Untertiteln), halte ich für einen der großen Pluspunkte des Streamingdienstes.

Die Irritation, die das Publikum „I’m“ größtenteils entgegenbringt, könnte an der irreführenden Vermarktung liegen. Wie gesagt, es ist keine Fantasy und auch keine Jugenddystopie – ich vermute, dass nicht mal die „near future“-Assoziation im Sinne von Regisseurin Anne Riitta Ciccone war. Der Film ist von 2017, wahrscheinlich dachte sich der Verleih damals, es sei eine gute Idee, an den Hype um „Panem“, „Divergent“ und Co. anzuknüpfen. Die einzigen übernatürlichen Elemente entstehen aber durch Jessicas Tagträumereien, die auf mich in keinem Moment gewirkt haben, als seien sie mehr als das. Nur einmal könnte man kurz auf die Idee kommen, Jessica habe das „Monster“, das in der zweiten Hälfte die Figurenliste dezimiert, herbeigezeichnet. Doch selbst das wird so schnell aufgelöst, dass ich nicht mal den Eindruck hatte, hier sei eine ambivalente Deutung erwünscht.

 „Ghost World“ trifft auf „Franklyn“

Inhaltlich hat mich der Film an Terry Zwigoffs „Ghost World“ mit Thora Birch in der Hauptrolle erinnert. Durch die lebendig werdenden Zeichnungen besteht außerdem eine Verbindung zur Anthony-McCarten-Verfilmung „Am Ende eines viel zu kurzen Tages“, stilistisch wie inhaltlich auch zu Gerald McMorrows „Franklyn“.

Das sind alles Filme, die ich mag, und „I’m“ reiht sich gut darin ein. Fehlerlos ist er sicher nicht; gerade die immer wieder auftauchende Dichotomie zwischen „Losern“ und (erfolgreichen) „Künstlern“ war mir doch ein wenig zu unaufgearbeitet. Unterhaltsam und interessant ist „I’m (Endless Like The Space)“ aber allemal. Und am Ende gibt’s wirklich noch ein Musikvideo!

(Einen Trailer findet ihr auf YouTube, aber er ist ganz schön nichtssagend und auf Italienisch klingt’s besser.)

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