„Sonnenseiten“ und Solarpunk-Mythen

Anlässlich der Veröffentlichung der „Sonnenseiten“-Anthologie verliere ich ein paar Worte zum darin enthaltenen Essay sowie der angefallenen Recherche.

Mit „Sonnenseiten: Street-Art trifft Solarpunk“ erscheint morgen die erste deutschsprachige Anthologie mit Solarpunk-Fokus. (Und vermutlich auch die erste mit Street-Art-Fokus, zumindest in Verbindung mit SFF.)

22 Autor*innen erzählen darin ihre Zukunftsvisionen, herausgegeben wird die Anthologie von Jule Jessenberger, Tino Falke und dem Münchner Schreiberlinge e. V. Ein Essay zur Geschichte und Entwicklung des (literarischen) Solarpunk leitet das Ganze ein, und selbiges stammt von mir. Dazu ein paar ergänzende Worte:

Mit vielen Subgenres, Movements und so weiter beschäftigt man sich heute aus dem Internet heraus. Sie werden auf Blogs oder Social Media geboren und darüber weitergetragen. Einerseits lassen sich die Entwicklungen dadurch live beobachten (was in den letzten Jahren ja auch ein Herzstück dieses Blogs geworden ist). Andererseits fasern sie mitunter so aus, dass es schwer fällt, den Überblick zu behalten. Die ~Movements entwickeln in dieser „Ausfaserungsphase“ verschiedenste Facetten, was zunächst herrlich chaotische Formen annehmen kann, bis Gruppen oder Personen versuchen, das Ganze in geordnetere Bahnen zu lenken. Mit der Zeit entstehen dabei Mythen: Scheinbare Fakten, die für das Selbstverständnis von Movements von zentraler Bedeutung sein können, deren Ursprung in den Weiten des Netzes jedoch nicht immer leicht nachzuvollziehen ist.

Der Solarpunk, der um 2018/2019 einen neuen Bekanntheitsschub und gewissermaßen auch eine neue Ausrichtung erhalten hat, ist hierfür ein gutes Beispiel. Ich habe seit 2016 rum immer mal wieder über ihn berichtet, am prominentesten auf TOR Online. Für die Recherche am Essay bin ich aber noch mal tiefer in seine Eingeweide eingedrungen.

Von den Details ist dabei aber gar nicht so viel in den letztendlichen Text gelangt, der vor allem einen (gleichwohl vertieften) Überblick bieten soll. Irgendwelche Bitcoin-Bedeutungskämpfe aus den Tiefen von Solar-Twitter oder Ästhetikverhandlungen out of Tumblr wären hier fehl am Platze gewesen, hätten auch nicht zur Stoßrichtung der Anthologie gepasst. Aber mich durch den Ursumpf zu lesen, war erhellend und hat mein Bild auf das Movement in gewisser Weise geschärft. Sehr spannend fand ich beispielsweise die Mythen rund um das Solarpunk-Manifest, das seit 2019 in mehreren Sprachen über die Website Re-Des zur Verfügung gestellt wird. Wer hat dieses verfasst? Die Solarpunk Community natürlich, so will es das Manifest. Aber wenngleich es auf vorangegangenen Ideen fußt, wie sie u. a. von Adam Flynn formuliert wurden, ist es doch interessant zu wissen, wer genau diese Ideen entsprechend interpretiert und festgeschrieben hat. Manche Quellen sehen dahinter eine brasilianische (Künstler-)Gruppe. Auf Academia.edu hingegeben wird Alessandro Ardovini als Autor angegeben, der auch der Kopf hinter Re-Des ist. Erscheint also logisch, nur ist Alessandro Ardovini keine brasilianische Künstlergruppe, sondern ein italienischer Autor und Dozent. Auf Re-Des wiederum taucht er auf den Manifest-Pages eigentlich nur als einer der Übersetzer des Textes auf. Andererseits ist die brasilianische Version ebenfalls eine Übersetzung, das Original ist auf Englisch verfasst. Also wer war’s nun, die brasilianische Gruppe, der Autor oder ganz jemand anderes? It’s a myth!

Mehr spannende Fakten zum gar faszinierenden Movement findet ihr im Essay und der Anthologie, die ihr über den Buchhandel beziehen könnt! Das Essay steht übrigens unter CC BY SA. Ich habe eine Weile darüber nachgedacht, ob das sinnvoll ist, aber auch Freies Wissen ist ein wichtiger Teil vieler Verästelungen des Solarpunk. Daher erschien mir das angemessen und die Herausgeber*innen hatten freundlicherweise nichts dagegen. (Bei einem Projekt, das verständlicherweise ein Interesse daran hat, ein wenig Geld zu verdienen, ist das nicht selbstverständlich.)

Zuletzt noch der Hinweis, dass anlässlich der Veröffentlichung morgen von 17 bis 19 Uhr Oliver Bayer, Saskia Dreßler, Jule Jessenberger, Nadja Kasolowsky, Roman Maas, Ilka Mella, Dominik Windgätter und C. F. Srebalus auf dem Twitch-Kanal von Saskia Dressler aus der Anthologie vorlesen. 17 Uhr ist etwas früh für mich, ich hoffe aber, später auch noch reinschauen zu können.

Cover der Anthologie "Sonnenseiten. Street-Art trifft Solarpunk". Zeigt ein sättigungsreiches Bild einer futuristischen Stadt mit Begrünung, Sonnenblumenfeldern und Graffiti auf einer Wand.
Cover der Anthologie „Sonnenseiten. Street-Art trifft Solarpunk“ (ISBN: 9783756801879)

Kommentar verfassen; bitte beachte, dass die IP-Adresse gespeichert wird, wenn du einen Kommentar verfasst; siehe dazu die Datenschutzerklärung

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..