Sommeransichten 2022

Veranstaltungen fanden statt, Auszeichnungen wurden verliehen oder angekündigt, KI-Übersetzungen haben ihre Tücken, Subgenres entwickeln kollektive Identität, Monarchien sind voll 1580er, Hexen wissen zu gefallen u. v. m.

Na, alle am Schwitzen? Ein heißer und trockener Monat geht zu Ende, der Sommer ist auf dem Zenit und damit ist es an der Zeit für die (ersten!) Sommeransichten.

Präsent und hybrid

Auch wenn man nicht sagen kann, dass wir die letzten drei Monate besonders virenfrei gelebt hätten, haben sich viele Veranstaltungen in die Präsenz (zurück) gewagt. So fanden beispielsweise der Colonia Con, die German Comic Con, das Fantasy-Lesefestival im Hummelpark in Hochheim (Bericht von Tenja Tales) oder die auf norddeutsche Indie-Phantastik spezialisierte Lese-Veranstaltung Multivers statt (Bericht von Norbert Fiks). Vom 25. bis 26. Juni öffnete sogar die FeenCon wieder ihre Tore.* Die sollte ja erst als KrähenFee komplett nach Krefeld abwandern, aber ein Teil ist nun doch in Bonn geblieben. Nur die Location hat sich geändert: Statt Stadthalle Bad Godesberg stieg die Sache in der IGS Bonn Beuel. Ansonsten war die FeenCon aber weiterhin sie selbst, mit Ausstellerhalle, Lesungen und natürlich Rollenspielrunden. Ich war samstags nur kurz dort und habe mich bis auf eine kurze Hallenrunde auf den großzügigen Außenbereich beschränkt. Habe mich sehr gefreut, dort nach der langen Con-Pause viele bekannte Gesichter wiederzusehen!

Praktischweise gab es einige Veranstaltungen, die zumindest in Teilen hybrid angeboten wurden, sodass man teilnehmen konnte, ohne einmal quer durch Deutschland (oder gleich Europa) zu gondeln. So luden die Inklings zur Jahrestagung mit dem Thema „Religion, Glaube und Fantastik“ und streamten per Zoom-Webinar die Keynote zur Dynamik der Religionsbegegnung in der Fantasy-Literatur, vorgetragen von PD Dr. Knut Martin Stünkel. Inhaltlich kam sie trotz des spannenden Themas und einiger bedenkenswerter Impulse ein wenig einseitig daher. Die Fantasyliteratur besteht inzwischen ja doch aus mehr als 80er-Jahre-Fantasy-RPG-Pantheon auf der einen und George R. R. Martin auf der anderen Seite …

Und um in der Wissenschaft zu bleiben: Lars Schmeink sorgte mit seinem Vortrag „Changing the Voices of Science Fiction: The Progressive Fantastic in Germany“ dafür, dass deutsche Movements auch an der University of Glasgow ein Begriff werden.

Sommerlicher Preisregen

Wie im Sommer so üblich, tat sich viel im Bereich der Auszeichnungen und Awards: Sowohl beim Kurd Laßwitz Preis (KLP) als auch beim Deutschen Science Fiction Preis (DSFP) konnte Aiki Mira die Sache mit „Utopie27“ in den Kurzgeschichten-Kategorien für sich entscheiden. Der KLP für den besten Roman ging an Uwe Hermann („Nanopark“), der entspreche DSFP an Sven Haupt („Stille zwischen den Sternen“). Weitere KLP-Preistragende 2022 sind Kim Stanley Robinson mit „Das Ministerium für die Zukunft“, Pia Bunda für die Übersetzung von „Das Licht der Hohlwelt“, Hubert Schweizer für das Titelbild zur Exodus 43 sowie Christian Wittmann und Georg Falk-Huber für das Hörspiel „r_crusoeTM„. Die Sonderpreise wurden dieses Jahr an Franz Rottensteiner für sein Lebenswerk sowie an Hans Jürgen Kugler und René Moreau für die Anthologie „Macht und Wort“ vergeben. Die Preisverleihung des KLP erfolgt im Rahmen des ElsterCon am 17. September 2022, die des DSFP im Rahmen des SchwerinCon vom 19. bis 21. August 2022.

Der Gewinnertitel des Phantastik-Preises der Stadt Wetzlar, dessen Verleihung am 9. September während der diesjährigen Wetzlarer Tage der Phantastik erfolgt, wurde noch nicht bekanntgegeben. Hoffnungen darauf können sich Theresa Hannig mit „Pantopia“, Nils Westerboer mit „Athos 2643“ sowie Sabrina Železný mit „Kondorkinder“ machen.

Kurz vor Veröffentlichung dieser Ansichten kam außerdem noch die Longlist des Selfpublishing-Buchpreises heraus, auf der sich ebenfalls zahlreiche Phantastik-Titel finden, darunter Johanna Wolfmanns postapokalyptisches „Als wir verschwanden“, Celeste Ealains Historical Fantasy „Lockruf der Zeit“ oder Sameena Jehanzebs SF-Thriller „Frozen, Ghosted, Dead“.

Der Vincent Preis für Horrorliteratur wurde bereits im April verliehen, trotzdem gibt es hierzu ebenfalls News: Zum einen wird es ab nächstem Jahr mit dem Rein A. Zondergeld Preis eine Kategorie für sekundär- und tertiärliterische Beiträge geben, betreut von Thomas Sebesta. An den Namen des Preises – er ist benannt nach einem 2021 verstorbenen Literaturwissenschaftler, Herausgeber und Autoren – muss ich mich erst gewöhnen, die Kategorie weiß ich aber so oder so sehr zu schätzen. Zum anderen wird die Auszeichnung in einigen Kategorien ab 2023 dotiert sein, dank einer Förderung durch PAN e. V.

Trauermeldungen

Leider haben die Phantastikszene in den letzten drei Monaten auch mehrere Trauermeldungen erreicht: Am 16. Juli verstarb mit dem 1927 geborenen Autoren, Physiker und Herausgeber Herbert W. Franke einer der wohl prägendsten Köpfe der deutschsprachigen SFF. Nachrufe widmeten ihm u. a. der Standard, die Süddeutsche und die FAZ.

Drei weiße Männer an einem Tisch mit Wasser vor sich: Wolfgang Jeschke, Herbert W. Franke (ein Senior) und Erik Simon von der Seite
Herbert W. Franke (Mitte) mit Wolfgang Jeschke und Erik Simon
auf der PentaCon 2007
(Foto von Mike Krüger via Wikimedia unter CC BY SA 4.0)

Bereits am 6. Mai verstarb zudem mit Patricia A. McKillip eine Fantasyautorin, deren Werke ich sehr geschätzt habe. McKillip hatte für mich immer einen seltsam zeitlosen Status, gehörte zu den Autor*innen, bei denen ich dachte, sie würden ewig leben, wenn ihr versteht, was ich meine. Die Nachricht von ihrem Ableben hat mich als Leserin getroffen. 2021 widmeten Peter von Skalpell und Katzenklaue und ich McKillips Erdzauber-Trilogie unseren Klassiker-Reread. In diesem Kontext schrieb Peter auch einige Worte zu McKillip selbst. Einen Nachruf veröffentlichte Mike Glyer.

Eine rothaarige weiße, bebrillte Frau mittleren Alters: Patricia A. McKillip
Patricia A. McKillip auf dem Westercon 64
(Foto von Stepheng3 unter CC0 via Wikimedia)

Zeitgeschehen

Betroffenheit fühlt sich immer auch nach Machtlosigkeit an, dieser Tage noch mehr. Dass im Mai in Belarus George Orwells „1984“ verboten wurde, trägt eine sehr bittere ironische Note. In diesem Zuge wurden Verleger Andrej Januškievič sowie die Buchbloggerin Nasta Karnackaja verhaftet, PEN Belarus hat daraufhin einen umfassenden Bericht zur Lage der unabhängigen belarussischen Verlagslandschaft veröffentlicht.

Im Juni folgte außerdem die Meldung, dass „Metro 2033“-Autor Dmitry Glukhovsky von russischer Seite zur Fahndung ausgeschrieben wurde. Er sprach darüber u. a. mit dem BR.

Blogroll

Hierzulande bleibt die Beschäftigung mit phantastischer Literatur sowohl bei den größeren als auch bei den kleineren Portalen lebendig: Auf Skalpell & Katzenklaue gingen zwei gewohnt ausführliche Beiträge zu Richard L. Tierney sowie dessen Simon of Gitta-Storys online. Die Reihe wird noch fortgeführt. Christian Endres wiederum schrieb für Die Zukunft anlässlich der Veröffentlichung einer Hörbuch-Box über die Scheibenwelt-Hexen. Mir ging’s ebenfalls so, dass ich mit den Hexen-Romanen lange nicht so viel anfangen konnte, bis mich die Tiffany Weh-Bände noch von ihnen überzeugt haben.

Weniger um Hexen, dafür mehr um Könige und andere absolute Herrschende, rankte sich ein (englischsprachiger) Blogpost des Hugo Book Club, worin die oft noch immer mangelnde Skepsis gegenüber absoluten Monarchien in der SF beklagt wurde. Ich finde es etwas irritierend, wie darin Monarchien aller Art mit Absolutismus zusammengeworfen werden, zumal es meine ich in Space-Geschichten auch Beispiele gewählter Monarchen gibt (Amidala?). Aber die Grundfrage, warum ausgerechnet Geschichten, die sich mit der Zukunft beschäftigen, gerne auf dieses aus unserer Sicht doch veraltete Konstrukt zurückgreifen, ist sehr spannend und bedenkenswert.

Mit Monarchien können wir elegant den Bogen zu Tolkien spannen, genauer gesagt zur am 2. September anlaufenden „Die Ringe der Macht“-Serie. Ich bin keine Tolkienistin und habe kein Amazon Prime, also werde ich mir die Serie vermutlich nicht in naher Zukunft zu Gemüte führen. Dennoch verfolge ich die Fanreaktionen und Diskussionen dazu und fand Marcel Aubron-Bülles‘ Übersichtsartikel auf TOR Online sehr erhellend. Mir war vorher nicht klar, dass sich die Serie nicht auf konkrete Vorlagen stützt, sondern quasi Hochglanz-Fanfiction darstellt.**

Eine Figur steht auf einer Brücke in einem zwischen Bäumen erbauten Gebäude. Das ganze Bild ist in Blautönen gehalten.
Ob man wohl auch Caras Galadhon zu sehen bekommen wird?
(„Caras Galadhon“ von Gwillieth unter CC BY NC-ND 3.0 via DeviantArt)

Apropos TOR Online. Asena Meric präsentierte dort im Mai „Eine kleine Geschichte der türkischen Fantasy„. Und mit Fairytale Fantasy und Dark Academia gingen noch zwei Beiträge online, die ich im Rahmen der Genre-Reihe verfasst habe. Als 2020 der Artikel zu Solarpunk erschien, kündigte ich glaube ich an, dass dies der voraussichtlich letzte in der Reihe sein würde. Aber the Genre-Road goes ever on, zum Glück entstehen immer neue Richtungen, die populär genug sind, dass ich mich ihnen widmen darf. Übrigens weiß ich ja wider Erwarten nicht direkt alles, was ich dort schreibe, sondern recherchiere manches erst. Und finde es doch immer wieder bemerkenswert, was mir dabei an Details begegnet. Beispielsweise war mir vor meiner Recherche zur Fairytale Fantay nicht klar, dass es bis in die 1960er Jahre hinein dauerte, ehe Märchen und Fantasy zusammenflossen. Und in Sachen Dark Academica bin ich auf faszinierende Auseinandersetzungen dazu gestoßen, was sich denn nun Dark Academica nennen darf und was nicht. Wann immer mir so etwas begegnet, weiß ich: Hier ist etwas, das der näheren Betrachtung lohnt.*** Sobald Menschen im szenischen Kontext ein Wir und ein Ihr kreieren hört es auf, heimelig zu sein, aber aus der Außenperspektive kann das ziemlich interessant sein.

Spaß mit DeepL

Ebenfalls ziemlich interessant fand ich Miriam Neidhardts Bericht über das Lektorat eines mit DeepL übersetzten Romans. Auf Twitter gab es dafür viel Zustimmung, viele betonen gleichwohl, die Arbeit mit DeepL bei anderen Textformen oder als „Erst-Übersetzung“ zu schätzen. Ich nutze DeepL selbst gerne, um mir damit fremdsprachige Essays o. Ä. zu übersetzen. Ebenso habe ich eine meiner eigenen Kurzgeschichten via KI auf Englisch übersetzt, für eine US-Anthologie eingereicht – und sie wurde angenommen. Es gab jedoch zwei Stellen, an denen sich im Lektorat gezeigt hat, dass die KI offenbar etwas in einen falschen Kontext gesetzt hat; sobald die Geschichte erscheint, gehe ich darauf noch mal genauer ein. Grundsätzlich: Bei kürzeren Texten halte ich DeepL für nutzbar, aber die Software übersetzt halt nur, sie lokalisiert nicht und kümmert sich nicht um „die Stimme“ des Originaltexts. Gerade wo die sprachliche Gestaltung eine sehr bewusste Rolle einnimmt, wird es dann schwierig, und bei längeren Texten mit allen möglicherweise bestehenden internen Anspielungen gilt das vermutlich umso mehr.

Das Future Fiction-Magazin, das Anfang dieses Jahres in deutschsprachiger Ausgabe an den Start ging und kürzlich seine zweite Ausgabe herausgebracht hat, wirbt damit, bei Übersetzungen mit DeepL zu arbeiten. Einerseits ist das finanziell verständlich und ein interessantes Experiment. Andererseits bin ich nach Ausgabe 1 nicht restlos überzeugt von der Sache. Die fremdsprachigen Texte klingen teils hölzern, Wortwahl und Satzstellung irritieren manchmal. Klar kann man damit argumentieren, dass das Original so stärker erhalten bleibe, aber ich fürchte, das ist nur die halbe Wahrheit – die andere Hälfte bedeutet, dass man dem Original nicht gerecht wird.

Ich bevorzuge es, Übersetzungen zu lesen anstelle der fremdsprachigen Originale, selbst bei englischen Texten. Ich gehöre sogar zu der gefühlt nur noch Handvoll Leute, die sich Filme und Serien in der synchronisierten Version anguckt. Aber ich mache das deshalb, weil es mich sehr stört, wenn ich den Eindruck habe, irgendein Detail nicht mitzubekommen oder nicht zu verstehen. Und daher erwarte ich von einer Übersetzung, dass sie in der Lage ist, mir solche Details aufzubereiten. Das schafft KI noch nicht, so praktisch und faszinierend sie auch ist.

Sanfter Werbeblock

Wir schließen die Ansichten an dieser Stelle ab und ich wünsche einen gepflegten, hoffentlich ausgewogenen weiteren Sommer. Wenn euch nach phantastischen Sommerfeelings zumute ist, werft doch mal einen Blick in „Die Sommerlande„, wie wär’s? Apropos Eigenproduktionen: Am 10. September wage ich mich in den tiefen Süden, also nach Baden-Württemberg, um des frühen Abends auf dem Eckkultur-Festival in Karlsruhe meine Kurzgeschichte „Dialog im Baltikum“ aus der Future Work-Anthologie zum Besten zu geben. Beim DSFP hat’s mit ihr zwar „nur“ für Platz 6 gereicht, aber anhörenswert ist sie dennoch, find ich. Ich bin auf Karlsruhe gespannt, da war ich vorher noch nie. Hoffe, etwas Zeit für Sightseeing zu finden, da hat’s doch so einen Schlosspark, der aus der Luftperspektive aussieht, als würde er lächeln … Wie auch immer. Man sieht sich, oder man liest sich spätestens zu den Herbstansichten. Bis dahin fließt aber noch viel Wasser an den zunehmenden Sandbänken des Rhein vorbei.


*Ja ja, ich weiß schon. Wenn man von der Trennung in der Konvent und die MediaCon ausgeht, müsste es nach traditionellen Szeneregeln der Con heißen. Auf ihrer Website bevorzugt sie aber die FeenCon und wer bin ich, sie zu misartikeln!
**Bitte darum, „Hochglanz-Fanfiction“ nicht als wertend zu verstehen. Solange keine großen Brüche entstehen, mag ich so etwas eigentlich ganz gerne, gerade wenn es darum geht, ein Werk oder Setting zu modernisieren.
***Apropos Dark Academica: Wenn euch mein Überblick nicht reicht, empfehle ich euch die entsprechende Podcast-Folge von Our Opinions Are Correct. Hier geht es u. a. noch stärker um die Rolle des Außenseiters und damit zusammenhängende Diversity-Aspekte.

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