[Bericht] re:publica 2022

Vom 8. bis 10. Juni fand die re:publica 2022 statt. Ich rekapituliere.

2018/2019 war ich im Barcamp- und Konferenzfieber. Ich genoss es, hier auf interessante Themen gestoßen zu werden, ohne aktiv nach ihnen suchen zu müssen, und so neue Dinge zu lernen. Dabei schaute ich mir auch einige Livestreams der re:publica an, einer Kreuzung aus Festival und Konferenz rund um verschiedene Themen aus (Netz-)Politik, Medien, Wirtschaft und Kultur. Selbst hinzufahren, war mir 2019 aber noch zu teuer – immerhin muss man für ein Standardticket über 200 Euro berappen. Dafür klemmte ich mich an dem Tag, an dem die deutlich günstigeren Early-Bird-Tickets für 2020 verkauft werden sollten, hinter den Laptop und schaffte es tatsächlich, eines zu erhalten. Der Gedanke war, hierfür Bildungsurlaub zu beantragen, aber 2020 hatte bekanntlich andere Pläne. Die re:publica fand 2020 und 2021 vernünftigerweise rein digital statt.

Vom 8. bis 10. Juni kehrte sie nun aber in Präsenz zurück. Obwohl ich mehrere Gelegenheiten, mein Ticket aus 2020 zurückzugeben, bewusst hatte verstreichen lassen, war die Luft für mich jetzt irgendwie raus. Nach zwei Jahren solider und bequemer digitaler Alternativen war die Lust gering, extra nach Berlin zu fahren, um Leuten bei der potenziellen Selbstprofilierung zuzuschauen. Hinzu kam, dass mich das diesjährige Programm auf den ersten Blick nicht besonders gereizt hat und lange in den Sternen stand, ob der Bildungsurlaub beim inzwischen neuen Arbeitgeber klappen würde.[1] Und dann war da halt noch die Sache mit Corona und meiner eigenen zuletzt etwas unberechenbaren Gesundheit. Aber schlussendlich bin ich gefahren und, so viel sei schon mal verraten, ich habe es nicht bereut.[2]

Auf Instagram habe ich über meinen Besuch mit einer Reihe von Storys berichtet, allerdings nur einem eingeschränkten Benutzerkreis (ich teile nicht so gerne Gott und der Welt mit, wenn ich tagelang nicht daheim bin). Hier nun noch mal in länger, detaillierter und für alle, die’s interessiert. Die Programmpunkte sind mit Links zur Website-Beschreibung und, sofern vorhanden, zur Aufzeichnung auf YouTube hinterlegt.

Tag 1: Orientierung

Um der gefürchteten Akkreditierungsschlange zu entgehen, kam ich erst einige Minuten nach Konferenzstart zum Gelände an der Arena Berlin. Keine Ahnung, ob’s dort vorher eine längere Schlange gab, jetzt konnte ich jedenfalls im Anschluss an die Ticket- und Taschenkontrolle direkt durchgehen. Zu dem Zeitpunkt standen die meisten in der Eröffnungsveranstaltung, außerhalb dessen war noch wenig los und ich konnte den Moment nutzen, um mich erst einmal umzuschauen.

Das Gelände war unterteilt in drei Hallen mit Bühnen (Arena Berlin, Festsaal Kreuzberg und Glashaus). Daneben gab es kleinere Bereiche wie die Media-Parcours, den Flutgraben und dann den Outdoor-Bereich mit Badeschiff, Strandbühne, Food-Corner, Fabmobil und Schiff. In der Haupthalle mit den Stages 1 und 2, Makerspace, verschiedenen Ständen, der Information und den beiden Lightning Boxen (=Bereichen für Kurzvorträge) war es recht dunkel und ich fühlte mich an die Role Play Convention erinnert, die bis 2018 in Köln stattfand. Nur gab’s in Berlin halt weniger Orks (schade eigentlich).

Anfangs ziemlich verwirrt hat mich, dass an vielen Bühnen Kopfhörer benötigt wurden, um den Vorträgen zuhören zu können. Gerüchten (=Tweets) zufolge hat das am ersten Vormittag zudem nicht so gut funktioniert, aber nachdem ich das Prinzip mal verstanden hatte, fand ich es gut. So kamen sich die Bühnen kaum in die Quere, außer wenn das Mainstage-Publikum mal wieder zu enthusiastisch wurde. Allerdings hätte schon früher kommuniziert werden sollen, dass man Kopfhörer mitbringen soll, einige hatten es wohl in der Letzte-Infos-Mail überlesen bzw. es war nicht klar, dass sie tatsächlich am Großteil der Bühnen benötigt wurden.

Ansonsten: Es gab in der Mitte und an den Seiten ausreichend Sitzplätze, die nicht besonders bequem, aber teilweise erhöht und praktisch waren, um sich mal zurückzuziehen, wenn es woanders zu voll oder zu laut wurde. Das WLAN funktionierte die meiste Zeit über reibungslos. Die App hingegen, mit der es eigentlich möglich sein sollte, Events zu favorisieren und sich so einen persönlichen Plan zu erstellen, war arg verbuggt. Mir wurden statt meiner Favoriten andere Veranstaltungen angezeigt, die ich definitiv nicht angeklickt hatte, außerdem stimmten manche Ortsangaben nicht und bei einigen Terminen hat der Text geflimmert. Kann sein, dass sich das noch gebessert hat, es gab wohl mehrere Updates und ich hab gesehen, dass viele die App genutzt haben. Aber ich habe irgendwann aufgegeben und mir mein Programm manuell via Website + Notizbuch zusammengestellt.

Etwas unpraktisch fand ich, dass man bei dem Wechsel zwischen Arena/Glashaus/Außengelände und dem Festsaal durch eine Taschenkontrolle musste (vermutlich, weil eine Gasse dazwischen lag, die ließ sich vielleicht nicht absperren); da im Festsaal nichts war, was mich besonders gereizt hat, war ich daher nur einmal kurz dort und bin ansonsten im größeren Bereich auf der anderen Straßenseite geblieben.

Im Media-Parcours wurden mehrere immersive Video- bzw. VR-Projekte vorgestellt, im Makerspace u. a. Erfindungen, die Barrieren abbauen sollen. Die Food-Corner und die übrigen Essensstände hatten vornehmlich vegane Speisen im Angebot, mit ein paar vegetarischen Ausnahmen. Leider beinhaltet veganes Fast Food allerdings oft für mich relevante Allergene wie Tomate, Soja oder Nuss und eine entsprechende Auszeichnung hielten zumindest die Stände, an denen ich mich umgeschaut habe, nicht für nötig. Daher hab ich mich weitgehend außerhalb des Konferenz-Geländes ernährt.

Tag 1: Moos ist famos

Die Veranstaltungen selbst beinhalteten Vorträge, Diskussionen, Workshops, Music- und Comedy-Acts, ein Improvisationstheater und Meet-Ups. Mein Schwerpunkt lag aber klar bei den Vorträgen. Da ich am ersten Tag so viel Zeit mit der Orientierung verbracht habe, war mein sorgfältig aufgestellter Session-Plan erst mal obsolet. Stattdessen bin ich irgendwann auf einen freien Platz gefallen und habe mir die auf Stage 1 gestreamte Video-Botschaft von Marina Weisband zum Ukraine-Krieg angeschaut. Ich tue mich schwer damit, ihr in allen Punkten zu dem, was getan werden müsste, zuzustimmen. Aber generell schätze ich sie sehr dafür, wie sie Zusammenhänge darstellt und erklärt – auch hier wieder. [Link zum Video]

Auf der Hauptbühne gab es an allen drei Tagen zwischen den Vorträgen kurze Unterhaltungs-Acts, die das Ganze etwas auflockerten. An Tag 1 sind dafür mehrfach die Zauberkünstler Siegfried & Joy aufgetreten. Die beiden sind mit unterhaltsamen Reels bekannt geworden, in denen sie absurde „Zaubertricks“ vor ahnungslosen Berliner Passanten vorführen (d. h., zumindest sind sie mir damit bekannt geworden). Den Vorführungen auf der re:publica mangelte es aber ein wenig an der Situationskomik, da das Bühnenpublikum nun mal nicht so nichtsahnend ist wie ein Typ in der U-Bahn, der auf dem Heimweg zwei schillernden Magiern über den Weg läuft.

Mein Tages-Highlight war ein Lightning-Vortrag von GreenCity Solutions zum Thema Moos. Kurz und knapp wurde vorgestellt, wie die Pflanzen dabei helfen, Schadstoffe zu binden. Ob das in der Praxis tatsächlich alles so einfach wäre, weiß ich zwar nicht, aber mir gefällt die Vorstellung, durch die Bewaldung von Sachsen CO2-neutral zu werden. Leipzig können wir ja aussparen, obwohl LBM im Wald sicher auch ihren Reiz hätte.

Ein Mann vor einer Folie zum Thema "Moos ernährt sich von Schadstoffen in der Luft". Folientext: "Moose haben eine riesige Oberfläche, vergleichbar mit der menschlichen Lunge. Die Moosoberfläche ist durch die feinen, dünnen Blättchen enorm aufnahmefähig. So entsprechend die 2 bzw. 4m2 Moos, die im CityBreeze und CityTree eingesetzt sind, einer aktiven Moosoberfläche von 60 bzw. 120 m2, die Feinstäube aus der Luft absorbiere kann. Der Feinstaub hat eine negative, elektrische Ladung und wird von der positiv geladenen Moosoberfläche angezogen und gebunden. Der Großteil der "Beute" wird verstoffwechselt und von Mikroorganismen organisch abgebaut und unschädlich gemacht."
Moos futtert Schadstoffe

Anschließend gab es einen weiteren Lightning-Vortrag, dieses Mal von Staatssekretär Stefan Schnorr, der das Bundesministerium für Digitales und Verkehr vorstellte. Zunehmend Bauchschmerzen bereitet mir hier die Betonung des Themas Datenschutz. Nicht, weil mir dieses nicht wichtig wäre, im Gegenteil. Aber es hakt beim Wie bzw. den Outcomes: Data Literacy ist für viele Menschen noch immer theoretisch wie praktisch ein Fremdwort, von allgemeiner Medienkompetenz ganz zu schweigen. Die meisten Leute nutzen Medienangebote sehr ungefiltert, während auf der anderen Seite eine Data Fear steht, die zu teils absurden Verboten führt – beispielsweise von Live-Transkription, wodurch digitale Veranstaltungen für Menschen mit Hörbeeinträchtigung deutlich an Barrieren gewinnen. Es bräuchte hier dringend praktikable Lösungen, mit denen die viel zitierte Mitte der Gesellschaft erreicht wird. Aber solange Datenschutz nicht in größeren Kontexten angegangen wird, bleibt es schwierig.

Am Abend gab es weitere reizvolle Sessions, u. a. zu Afrofuturismus [Link zur Aufzeichnung]. Aber ich war erst mal am Konzentrationslimit, daher ging’s zurück zu meiner Schwester, die mir dankbarerweise während der re:publica Kost und Logis bot.

Tag 2: Mäandrieren

Zum Start von Tag 2 war ich geistig hochmotiviert, aber physisch musste ich bissl warten, bis ich wieder funktioniert habe. Daher habe ich den Lightning-Vortrag zu Makerspaces in Afrika leider verpasst und die Terra X-Session [Link zur Aufzeichnung] war mir zu voll; allgemein habe ich zugesehen, die allzu gut besuchten Sessions zu meiden. Theoretisch gab es wohl zumindest an den kleineren Bühnen eine Maskenpflicht, außerdem sollte man sich täglich testen. Kontrolliert wurde das aber nicht und die Maskendichte war selbst bei Ansammlungen gefühlt nur so bei 50 %. Herausfordern wollte ich daher nichts.

Stattdessen habe ich mir ein wenig die Stände angeschaut und den Tag dann mit einer Session gestartet, in der Indra Enterlein vom NABU und Katarzyna Dulko-Gaszyna von IKEA mit Moderator Tolga Akar über Akkus, LED-Leuchten und Nachhaltigkeit im Alltag diskutiert haben. Es war ein sehr höfliches Gespräch und ein nicht allzu erkenntnisreicher, gleichwohl chilliger Start in den Session-Tag.

Auch in der nächsten Diskussionsrunde ging’s höflich zu, aber die Kritik von Wikimedia an der geplanten Nationalen Bildungsplattform (NBP) war schon nachdrücklicher. Es war nach einem Webinar bereits die zweite Veranstaltung, die ich zu diesem Thema besucht habe, weil es meinen Hauptjob betrifft. Sowohl Zielsetzung als auch Umsetzung dieser Bildungsplattform, die quasi unter den Flickenteppich an bestehenden Angeboten von Schulen, Hochschulen und privaten Einrichtungen gelegt werden und hier eine verbindende Infrastruktur bieten soll, werfen bei mir weiterhin viele Fragen auf. Die Kritik seitens Wikimedia richtet sich vor allem darauf, dass lediglich auf die technische Umsetzung Wert gelegt wird, während das Bildungsverständnis unklar bleibt. Der Fokus der NBP liegt auf formellem, zertifizierbarem Wissen.

Das „Zwischenprogramm“, bei dem ich immer mal wieder vorbeigeschaut habe, bestand an Tag 2 aus den Torten der Wahrheit von Katja Berlin sowie Kurzkonzerten der Singer-Songwriterin Mina Richman. Die sagte mir vorher nichts, aber ihre Auftritte haben mir gut gefallen. [Link zur Aufzeichnung]

Nach Richmans erstem Auftritt startete auf Stage 1 der Vortrag „Dark Botany: Speculative Biology for Climate Crisis“ von Pinar Yoldas von der University of California. Ich konnte hier sprachlich nicht in allen Details folgen und hoffe noch auf eine deutsche Übersetzung, wie sie zu anderen Sessions hochgeladen wurde. Aber lehrreich war der Einblick in die potenziell veränderte Tier- und Pflanzenwelt auch so allemal. [Link zur Aufzeichnung]

Pinar Yoldas referiert über "Dark Botany". Im Vordergrund sitzt die Moderatorin.
Pinar Yoldas (Bildschirm) sprach über „Dark Botany“

Nach Yoldas‘ Abschluss bin ich ins Glashaus geeilt, wo bereits die Diskussion „Follow The Dark Rabbit“ lief, die sich um Tech-Dystopien drehte. Die Teilnehmenden waren hier Mario Sixtus, Zoë Beck, Sina Kamala Kaufmann, Katja Böhne (die für Bijan Moini einsprang) und als Moderatorin Christina Badde. Als ich kam, drehte sich das Gespräch gerade um die Frage, welche politische Verantwortung bei SF-Schreibenden läge. Etwas schade fand ich, dass das Gespräch nach den (hinterher im Video angeschauten) Eingangsworten kaum noch auf aktuelle Entwicklungen in der Genre-Literatur kam, obwohl sich das thematisch angeboten hätte. Andererseits hätte mich das auch überrascht: Die Beteiligten an der Runde kamen nun mal eher aus dem „Feuilletonbereich“ der Science Fiction, wenn ihr versteht, und entsprechend war der Blickwinkel da generell etwas anders als z. B. meiner. [3] Dennoch war das Gespräch kurzweilig und bekanntlich zustimmen konnte ich dem Fazit der Diskussion, dass die Bewertung eines Werks als Dystopie oder doch eher als Utopie oft eine Frage der Betrachtung ist. [Link zur Aufzeichnung]

5 Menschen sitzen vor der Aufschrift "re:publica":  Katja Böhne, Mario Sixtus, Sina Kamala Kaufmann, Zoë Beck und Christina Badde
Katja Böhne, Mario Sixtus, Sina Kamala Kaufmann, Zoë Beck und Christina Badde in der Diskussion um Dystopien

Zum Ende der Diskussion wurde es bedeutend leerer in der zuvor rege besuchten Veranstaltung, da sie sich mit Olaf Scholz‘ Auftritt überschnitten hat. Was er so erzählt hat, kann man u. a. via tagesschau.de nachlesen. Ich bin zwar auch noch rübergegangen, habe jedoch nicht viel mitbekommen – selbst an der Bühne, an der er nur gestreamt wurde, war es rappelvoll und weiter hinten konnte man nicht allzu viel verstehen. Viele saßen dann am Strand und haben Privatstreams eröffnet, was das WLAN in diesem Zeitraum dezent an die Grenzen gebracht hat.

Nach dem Kanzler-Besuch wurde es wieder ruhiger (und das WLAN stabiler) und ich habe mir auf Stage 1 ein interessantes Gespräch zwischen Katharin Tai und Nathan Law unter dem Titel „How to Fight Authoritarianism – Lessons Learned from Hong Kong“ angehört. Law war für die inzwischen aufgelöste pro-demokratischen Partei Demosistō im Legislativrat der Sonderverwaltungszone, lebt heute aber im Asyl in Großbritannien. [Link zur Aufzeichnung]

Katharin Tai und Nathan Law auf der Re:publica-Bühne
Katharin Tai und Nathan Law im Gespräch

Das Abendprogramm habe ich mir wiederum gespart, stattdessen ging es in „Everything Everywhere All At Once“ – spätestens nach der Dystopie-Diskussion, wo der Film kurz erwähnt wurde, musste das natürlich sein. Ein herrlich abstruser New-Weird-Hopepunk-Streifen, aber das nur am Rande.

Tag 3: Aufbruchsstimmung

Freitags dachte ich mir, ich nehme einen Umweg zur re:publica, um noch ein bisschen was von Berlin zu sehen. Sightseeing-technisch eine gute Idee, aber ich hab mir wohl doch etwas zu viel auf meine Orientierung eingebildet und mich verlaufen. Was nicht weiter schlimm ist, irgendwann kommt immer die nächste U-Bahn-Station und ich sehe einen gewissen Reiz im Verlaufen, wenn ich es nicht eilig habe. Aber dadurch ging es wieder später als geplant los und ich startete den Konferenz-Tag mit einem Interview mit Demokratieaktivistin Birgit Lohmeyer. Danach blieb ich erst mal sitzen und landete so in Mark Beneckes Einblick zur schwindenden Artenvielfalt. Benecke wollte unangenehm sein und war es auch. Ich nehme mit – jo, die Artenvielfalt nimmt ab, könnte man was gegen machen, aber wird man wohl nicht.

In der Halle selbst war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr besonders viel los. An den Ständen herrschte Aufbruchsstimmung, es wurde abgebaut, manche waren bereits abgereist. Zudem war es sonnig und heiß, wer noch da war, saß daher am oder im Badeschiff.

Recht gut besuchtes Badeschiff an der Spree mit Anleger
Außengelände schon nett

Die Freitagnachmittag-Sessions waren entsprechend ebenfalls recht leer, was ich einerseits angenehm, andererseits für die Speaker*innen schade fand; das Problem kennt wohl jeder, der schon mal einen Letzter-Tag-Nachmittagsslot auf einer Konferenz hatte.

Gespannt war ich auf den Lightning-Box-Vortrag zum Projekt OPENER next und der dazugehörigen App OpenStop, die u. a. von der TU Chemnitz entwickelt wurde. Mit der Anwendung sollen Nutzende die Barrierefreiheit von Haltestellen bewerten, die Information wird dann via OpenStreetMaps zur Verfügung gestellt. Eine schöne Idee, aber schade, dass nicht direkt flächendeckend mit den Verkehrsunternehmen zusammengearbeitet wird. Auch in der Nachhaltigkeit gibt es ein paar Schwachstellen. Bei baulichen Veränderungen an einer Haltestelle ist die App etwa darauf angewiesen, dass zuvor gemachte Eintragungen aktiv überarbeitet werden, was nach einer sehr enthusiastischen Community verlangt. Da es sich um ein auf drei Jahre befristetes Projekt handelt, mache ich mir außerdem Sorgen, wie es um die langfristige Betreuung der App steht. Leider kenne ich solche Hochschul-Projekte, die mit viel Enthusiasmus begonnen werden und dann im Nirvana versanden, nur zu gut. Aber vielleicht wird die App von der OMS-Community ja gut angenommen und weitergepflegt. Habe sie mir jedenfalls heruntergeladen. Das Ganze sieht dann so aus, dass man nicht einfach eine Sternebewertung gibt – Nicht-Betroffene können schließlich v. a. angesichts der Vielzahl unterschiedlicher Anforderungen und Barrieren diese kaum beurteilen –, sondern man beantwortet (je nach Haltestelle unterschiedliche) Fragen. Allerdings braucht man einen OpenStreetMaps-Account, um die Antworten dann auch zur Verfügung zu stellen.

Frau vor Folie zum Thema "OpenStop - Erfassungs-App". Text: "Konzept: Beim Warten an Haltestelle einfach und schnell Barrieren erfassen. Vorhandensein wichtiger als Vollständigkeit. Beantwortung kurzer, kleiner Fragten setzt vordefinierte OMS-Tags --> Erhöhung der Zugänglichkeit, ---> Abnahme der Entscheidung über Verwendung richtiger OMS-Tags, --> Vermeidung von Fehleingaben (wenig Freitext), Nur Hinzufügen von Tags/Elementen, kein Löschen --> kein vollwertiger Editor wie JSOM, ID, Verspucci, Hochladen von Änderungen über persönliches OSM-Konto"
Vorstellung von OPENER next und der App OpenStop

Nach der App-Vorstellung ging es zurück an die Stage 1. Claudio „Nex“ Guarnieri stellte hier gerade das Pegasus Project und die „Ausspähungsindustrie“ vor [Link zur Aufzeichnung]. Ganz anders, aber nicht minder spannend (und nicht minder deprimierend), war das anschließende Gespräch mit Ricardo Lange über den Pflegenotstand. Hier wies er u. a. auf den Streik der Pflegekräfte an Unikliniken in NRW hin, der deutschlandweit bemerkenswert wenig Aufmerksamkeit bekommt.

Die Zwischen-Konzerte kamen heute vom Duo Moritz Simon Geist und Portrait XO mit ihrer Robotic Music. Hat mir so gut gefallen, dass ich sie mir gezielt zweimal angeschaut habe, und erinnerte mich ein bisschen an die Tomandandy-Soundtracks zu „Resident Evil“. [Link zur Aufzeichnung]

Moritz Simon Geist und Portrait XO auf der Bühne
Moritz Simon Geist, ein Kameramann und Portrait XO

In meiner letzten Session drehte sich dann wieder alles um Hongkong: Die Journalistin Vivienne Chow stellte die aktuelle Hongkonger Kunst- und Musikszene vor, der Fokus lag dabei auf Canto-Pop. Der trifft zwar nicht meinen Musikgeschmack, aber sowas hat mich noch selten davon abgehalten, ein (sub-)kulturelles Phänomen interessant zu finden. Neben dem Moos-Lightning-Talk von Tag 1 war Chows Session mein re:publica-Highlight und ein schöner Abschluss.

Nun folgten noch die Closing Ceremony und u. a. ein Tocotronic-Konzert, aber mich zog es zum Picknick in den Treptower Park und aufs Tempelhofer Feld, wo man Florence & The Machine lauschen konnte, die nebenan ein Konzert gegeben haben. Berlin kann schon recht lauschig sein.

Fazit

Manchmal ist es ja gut, mit niedrigen Erwartungen zu kommen. Den ersten halben Tag über habe ich mich ziemlich verloren gefühlt und ich schätze, ich habe das Programm nicht ganz ausgekostet – immerhin habe ich weder an Meet-Ups noch an Workshops teilgenommen und mein ausgiebigstes Gespräch habe ich an der Infotheke über die Frage geführt, wie ich wohl an die Teilnahmebestätigung für den Bildungsurlaub bekomme. Zudem hat mich halt die ganze Pandemie-Lage noch verunsichert, wodurch ich einige Sessions bewusst nicht besucht habe.

Trotzdem empfand ich den Besuch als gewinnbringend. Auf menschliche Interaktion hatte ich ohnehin nicht viel Lust – ich wollte primär zuhören und Neues lernen, und beides hat geklappt. Grundsätzlich fand ich die Lightning-Boxen am spannendsten; ich mochte das Format der Kurzvorträge, außerdem war mir sympathisch, dass hier nicht alle diese Hyperprofessionalität der Speaker*innen von der Hauptbühne versprüht haben.

Samstags fand noch die .txt statt, eine Ergänzungstag mit Blick auf das geschriebene Wort. Thematisch mein Ding, aber dafür brauchte es noch mal ein Extraticket und nach drei Tagen war ich schon ausreichend mit Input gefüllt. Ich bin selbst jetzt, eine Woche nach dem ersten Sessiontag, noch ziemlich platt, aber auf grundsätzlich gute Art, ihr wisst schon. Ob ich direkt 2023 wieder auf der Matte stehe, weiß ich noch nicht. Wenn es mit dem Early-Bird-Ticket klappt, vielleicht, ansonsten reicht es mir alle zwei Jahre. Aber auf jeden Fall wird es, wenn es nach mir geht, nicht meine letzte re:publica gewesen sein.


[1] Mag sein, dass es dafür gute Gründe gab, aber leider wurde die Bestätigung der re:publica über ihre Anerkennung für Bildungsurlaub erst sehr spät online gestellt – für die fristgerechte Beantragung von sechs Wochen vor Veranstaltungsbeginn zu spät. Glücklicherweise war mein Arbeitgeber kulant und er wurde dennoch genehmigt. Jetzt muss ich nur noch an eine Teilnahmebestätigung kommen. (Aber so grundsätzlich: Bildungsurlaub ist trotz aller Bürokratie eine sehr coole Sache und meiner Wahrnehmung nach ist es nicht so bekannt, dass man den nehmen kann. Gönnt euch! Freiberufler und Selbstständige können stattdessen eine Bildungsprämie beantragen.)

[2] Disclaimer: Bisher habe ich es nicht bereut, gefahren zu sein. Die Corona-Warnapp stellt aber gerade einen neuen Rot-Rekord auf und ich harre der Dinge, die dort vielleicht noch nachkommen.

[3] Wie sehr ich selbst im Szenediskurs festhänge, fiel mir btw daran auf, dass ich es seltsam fand, dass dauernd von „SciFi“ die Rede war. Verdammt, ich will so nicht sein. (Tolles Schlusswort.)

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