7 Gründe, „The Last Witch Hunter“ zu schätzen

Vin Diesel als Axt im Hexenwalde – wer kann dazu Nein sagen?

Offenbar eine ganze Menge Leute, denn wenn ich in Social Media mal auf Diskussionen zum Urban-Fantasy-Streifen „The Last Witch Hunter“ stoße, handelt es sich meistens weniger um Diskussionen, sondern mehr um Rants. Irgendwie scheint der Film nicht sonderlich beliebt zu sein, was mir völlig unverständlich ist! Okay, das stimmt nicht ganz. Mir fallen genug Gründe ein, warum das so sein könnte, und da ich immer mal wieder vergeblich versuche, Leute beim Filmabend von den Qualitäten des Hexenjägers zu überzeugen, bekomme ich auch viele grundsätzlich nachvollziehbare Argumente mit, weshalb ihn Leute für „Fantasy-Quatsch ohne Sinn und Verstand“ halten (= der wohlwollende O-Ton einer Unüberzeugten).

Das ändert jedoch nichts daran, dass ich „The Last Witch Hunter“, seit ich ihn vor drei oder vier Jahren zum ersten Mal gesehen habe, außerordentlich schätze. Ja, er ist ein bisschen trashig. Ich meine, wir müssen uns ja nur die Story anschauen:

Mit einer Handvoll Gefährten macht sich Kaulder (Vin Diesel) zu finsteren Pestzeiten auf, die Hexenkönigin (Julie Engelbrecht) von der Erde zu tilgen, die in ihrer Wut auf die unersättliche Menschheit die Seuche losgetreten hat. Tatsächlich gelingt es Kaulder vermeintlich, die Hexe zu vernichten, die ihn in der Sekunde ihres Todes mit dem gar schlimmen Fluch der Unsterblichkeit belegt. Hartes Los, jo.

Die nächsten Jahrhunderte bekämpft Kaulder die überlebenden Hexen, wobei er von der Bruderschaft „Axt und Kreuz“ unterstützt wird, die ihm jeweils einen Dolan, eine Art Priester, zur Seite stellt, der sich um alles kümmert, was sich nicht mit brachialer Gewalt lösen lässt.

Im 21. Jahrhundert aber sind Hexen und Jäger zu einer Übereinkunft gelangt: Lassen sie die Menschen in Ruhe, dürfen die Hexen leben und sogar zaubern. Kaulder wird meist nur noch auf den Plan gerufen, um unerfahrene Teenager-Hexen davon abzuhalten, versehentlich Massenmord zu begehen.

Mit der Ruhe ist es aber vorbei, als Kaulders betagter Dolan-Kumpel (Michael Caine) durch Schwarze Magie schwer verletzt wird. Schnell ist klar: Die Hexenkönigin hat einen Weg gefunden, in die Welt der Lebenden zurückzukehren und sie ist ganz schön angepisst. Also packt Kaulder die Axt bzw. das Schwert aus, schnappt sich einen Dolan-Azubi (Elijah Wood) und Traumwandlerin Chloé (=special kind of witch, gespielt von Rose Leslie) und slasht sich durch Hexen-Dungeon und Traumwelt.

Ihr riecht sie schon, die Klischees, heh?

Aber die Schwächen eines Werkes zu erkennen, bedeutet für mich nicht, es gleichwohl genießen zu können. Und „The Last Witch Hunter“ kann ich nach einem halben Dutzend Mal immer noch genießen! Da im Freundeskreis langsam die Möglichkeit ausdünnen, Leute vom Film zu überzeugen, weiche ich nun auf die Leserschaft des Blogs aus und nenne euch sieben spoilerfreie Gründe, weshalb der Film sehenswert ist. Enjoy!

(1) Hinterhof-Magie: Das urbane Phantastische

Warum sich der Großteil der phantastischen Welt mal wieder nach New York zurückgezogen hat, bleibt zwar ein Geheimnis. Aber dieses Fantasy-New York ist auf jeden Fall in sich stimmig. Zum Beispiel gibt es im Film eine Szene, in der ein Junge einer Süßigkeitenspur folgt und so in einen scheinbar paradiesischen Hinterhof gelangt. Die Hexe aus „Hänsel und Gretel“ ist hier ein finsterer Kerl; wir erfahren nicht, warum er eigentlich Kinder sammeln möchte, aber wir erfahren, wie die naturliebenden Hexen (m/w/d übrigens) sich ihre eigene Welt innerhalb der Stadt erschaffen haben. Das Magische im urbanen Setting wird greifbar, nachvollziehbar. Und zugleich macht „The Last Witch Hunter“ nicht wie manch andere Urban Fantasy den Fehler, eine zeitlose Gegenwart zu entwerfen. Kaulder weiß, wie er ein iPad benutzt, Chloé treibt sich in Anti-Hexenjäger-Chatgruppen herum und macht Selfies. Nur weil man unsterblich ist, muss man ja nicht auf WhatsApp verzichten.

(2) Die Welt hinter der Welt

Die Hexen leben zwar unter den Menschen, bilden aber dennoch eine eigene Gemeinschaft mit separaten Clubs und Treffpunkten, Ritualen und Hierarchien. Wie das alles funktioniert, wird zwar nicht ausgeführt, aber durch Dialoge, wiederkehrende Elemente und die Ästhetik wird deutlich, dass sich hier jemand durchaus Gedanken über den Weltenbau gemacht hat. Optisch erinnert das Ganze zuweilen an „Hellboy 2: Die Goldene Armee“, aber inhaltlich denke ich eher an die Assassinen-Gesellschaft aus den „John Wick“-Filmen. Auch dort gewinnt der Weltenbau gerade dadurch, dass nicht so viel erklärt, dadurch aber viel vermittelt wird. Die Figuren wissen um ihre Welt. Das reicht, damit wir als Zuschauer sie fühlen können.

(3) Der Baum, mein Körper: Bio-okkulte Ästhetik

Schon in der Anfangssequenz, wenn Kaulder das erste Mal gegen die Hexenkönigin kämpft, erhaschen wir einen Blick in deren Unterwelt. Die dryadenhafte Hexenkönigin ist physisch mit ihrer Umwelt verbunden, ihr Körper besteht aus Wurzeln und Ästeln, über sie krabbeln Maden und Würmer und aus ihrem Mund huschen Fliegen. Vor allem dank der mit dem Wurzelwerk verbundenen Wirbelsäule (?) erinnert mich das an die Werke von H. R. Giger oder Simon Lejeune, oder an Tomasz Bagińskis oppulenten Kurzfilm „Katedra“. Es ist also ziemlich cool. Später, wenn wir den Hexenrat und dessen sonderbaren Kerkerwächter kennenlernen, rutscht das zwar schon bisschen Richtung Trash ab. Aber den Großteil der Zeit über beschert uns die Hexenwelt eine angenehm gruselige Ästhetik, in der Schmetterlinge zu Nachtfaltern werden, Äpfel in Sekundenschnelle verdorren und Spiegel unangenehme Wahrheiten verkünden. Gepaart wird das Ganze mit einer Symbolik, die sich irgendwo zwischen Okkult-Klischees und christlichem Kreuzwirrwarr verortet, sich dabei aber zum Glück nicht zu ernst nimmt.

Screenshot aus dem "The Last Witch Hunter"-Trailer. Zeigt Kaulder vor einem verfallenen Gebäude, daneben ein knorriger Baum. Klick aufs Bild führt zum Trailer auf YouTube.
New Yorker Märchenwald. Ein Klick aufs Bild führt zum Trailer.

(4) Da waren’s nur noch Maden: Illusionsmagie

Wie im vorangegangenen Punkt angeklungen ist, besteht die Magie der Hexen vornehmlich aus Illusionen: Hexen können beispielsweise die Gestalt verändern, Träume beeinflussen oder einen madenzerfressenen Teig als köstlichen Cupcake erscheinen lassen. Die Spezialisierung variiert dabei von Hexe zu Hexe und ist offenbar angeboren.

Diese Illusionsmagie ist nicht nur sehr hübsch anzuschauen, sie wirkt in den meisten Fällen auch stimmig. Man kann sich grundsätzlich vorstellen, wie sie funktioniert, und warum sie die Hexen trotz allem nicht zu mächtig werden lässt. Nur die Hexenkönigin fällt magietechnisch raus und ist aus irgendeinem Grund in der Lage, Krankheiten über die Menschheit zu bringen. Aber nun, wozu ist sie schließlich die Königin?

(5) „Ich habe mich an dich gewöhnt“: Stimmige Figurenchemie

Manche Werke leben mehr von der Handlung, andere von den Figuren. „The Last Witch Hunter“ fällt definitiv in die zweite Kategorie. Die Figuren sind bis in Nebenrollen hinein gut besetzt und ich hatte den Eindruck, dass die Leute Spaß beim Dreh hatten – was schon die halbe Miete ist. Klar, wirklich tiefgründig ausgearbeitet sind nicht mal die Hauptfiguren, aber sie verlieren sich auch nicht in Klischees und man nimmt ihnen die Sympathien und Antipathien zueinander ab. Positiv hervorzuheben ist zudem, dass der Film sogar den Bechdel-Test besteht (ja, meine Anforderungen sind da gering), obwohl es schön gewesen wäre, noch mehr von Chloés Freundin Miranda oder ihrer Interaktion mit der Hexenkönigin zu sehen.

Davon ab: Ich vermute, ich spoilere nicht, wenn ich sage, dass sich Chloé natürlich zum Love Interest entwickelt. Dass die höchste Liebesbekundung im Film „Ich habe mich an dich gewöhnt“ lautet, trifft aber mein Romantik- und Humor-Level. Approved.

(6) Es ist keine Adaption!

Ich lese in Social Media oft sowas wie „Hey, wieso ist Fantasybuch XYZ noch nicht verfilmt?“ und seufze dabei innerlich auf. Klar, es gibt gute oder unterhaltsame Adaptionen. Aber gerade der Urban Fantasy tut es meiner Meinung nach sehr gut, wenn sie keine Erwartungen der Fans bekannter Buchreihen oder auch Games erfüllen muss und stattdessen eigene Visionen entwickeln kann. Dann wirkt die Welt stimmiger, in sich geschlossener, und nicht, als müsste man erst noch drei Kompendien lesen, um sie zu verstehen. Neben „The Last Witch Hunter“ ist dafür auch „Bright“ ein schönes Beispiel; ohnehin erinnern mich die beiden Filme in ihrer Grundstimmung aneinander. In beiden sind die Details keine Fan-Gimmicks, sondern erfüllen Funktionen innerhalb des Films, was den Reiz des erneuten Anschauens verstärkt. Ebenso erklären sich die Figuren aus dem Werk heraus und man kann sich von der Ästhetik überraschen lassen.

(7) Unaufdringlich bis cyberträumerisch: Die Musik

Steve Jablonskys Streicher-intensive Score ist für einen Fantasyfilm bemerkenswert zurückhaltend. Dennoch oder gerade deshalb fällt er mir positiv auf. Und Ciaras cyberverträumtes „Paint it black“-Cover, das im Abspann läuft, ist einfach der ideale Hintergrund-Song für kontemplative Abende mit oder ohne Wein.

CD-Cover zu Ciaras "Paint it black"-Cover. Klick aufs Bild führt zum Lied auf YouTube.
Ein Klick aufs Bild führt zum Lied auf YouTube.

So. Nun habt ihr hoffentlich genügend Gründe, euch den Film anzuschauen oder ihm eine zweite Chance zu geben. Gegenwärtig ist er z. B. über Netflix verfügbar. 2020 hatte Vin Diesel übrigens noch eine Fortsetzung angekündigt. Für die gäbe es sicher genug Material, aber ob sie wirklich kommt? Lassen wir uns überraschen.

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