Novemberansichten 2021

Verlage werden doch nicht eingestellt, dafür aber Magazine. Ich zweifle an meinem Filmgeschmack, mache mir Gedanken über Buchreihen, die ich nicht gelesen habe, philosophiere über das Nicht-Abbrechen von Romanen, bin missgelaunt und habe keine Regel dafür, wann ich in diesen Teasern von „ich“ und wann von „wir“ spreche.

Der November startete für die Phantastikszene mit positiven Nachrichten: Nachdem ich in den letzten Monatsansichten noch geschrieben hatte, der Ach je-Verlag schließe seine Türen, kam inzwischen die Nachricht, dass es doch weitergeht, denn der Verlag wurde von Amrûn übernommen. Ehe mir hier aber jemand zu optimistisch wird, schließe ich die Info an, dass das Phantastika-Magazin (vielen eher unter dem ehemaligen Namen Corona Magazine bekannt) verschiedenen Meldungen zufolge nach einer Abschlussausgabe eingestellt wird. Die Szene gibt, die Szene nimmt. [nickt weise]

Aber ach, im November gab sie wirklich viel. Beispielsweise eine ganze Phantast-Ausgabe speziell zur Urban Fantasy! Oder den SF Lit-Award an Blake Crouchs „Gestohlene Erinnerung“! Und vonseiten des Berliner Brecht-Hauses eine viel beachtete Themenwoche zur Fantastik, deren Beiträge man in der hauseigenen Mediathek oder auf YouTube nachschauen kann. Bisher kam ich leider nur in Teilen dazu, sonst würde ich mehr dazu schreiben, aber es schaut sehr vielversprechend und im besten Sinne diskussionswürdig aus …

Das Rad der Adaptionen

Das „Nicht dazu kommen“ ist aktuell eine Konstante meines Lebens, beispielsweise komme ich selten dazu, die Serien zu gucken, über die die Götter und die Welt gerade so reden. Auch die „Rad der Zeit“-Serie auf Amazon Prime schaue ich mir vermutlich nicht vor 2025 an, wenn überhaupt. Gelesen habe ich die Romane ebenfalls nicht, aber etwas nicht selbst konsumiert zu haben, hat mich noch nie davon abgehalten, darüber zu lesen, eher im Gegenteil. Daher lese ich mir auch die vergnüglich zwischen nostalgischem sense of wonder und frustriertem Haareraufen pendelnde Rezensionsreihe von Sören Heim rund ums „Rad der Zeit“ durch – und frage mich, ob die im ersten Beitrag getätigte Aussage, „Das Rad der Zeit“ sei die berühmteste längere Buchreihe vor „Das Lied von Eis und Feuer“, so stehengelassen werden kann. Ich will es nicht komplett anzweifeln, ich hebe nur skeptisch eine Braue. Ich meine – „Shannara“? „Scheibenwelt“? Aber glaubt man MoneyInc, lässt sich die Behauptung zumindest in finanzieller Hinsicht und bezogen auf die High-Fantasy-Reihen durchaus unterstreichen – selbst „Scheibenwelt“ muss sich da hinten anstellen. Nun gut.

Ich habe im November irgendwie meine Liebe für generische Computerspiel-Adaptionen entdeckt. Nicht nur hatte ich Freude mit der neuen „Tomb Raider“-Verfilmung, es stürzt mich auch in eine tiefe Krise, dass ich gerade eigentlich noch lieber „Warcraft: The Beginning“ weiterschauen würde anstatt zu bloggen. Pandemie, was machst du mit mir? Vielleicht liegt der Reiz von „Warcraft“ ja im „Neuem am Bekannten“. Das wäre jedenfalls eine der Erklärungen aus Finja Gertullas umfassenden Artikel zu Adaptionen, der im November auf Teilzeithelden.de erschienen ist. Oder es liegt darin, dass der Film so quietschbunt und over the top ist, dass er für mich schon wieder funktioniert. Mit (High/Völker/Epic) Fantasy, die sich zu ernst nimmt und nicht wenigstens in Neuseeland gedreht wurde, habe ich auf dem Bildschirm oft ein Problem.*

Zeichnung von Ritter*in aus World of Warcraft in krass überdimensionaler Rüstung
Mein Gesichtsausdruck, wenn man mir vor einem Monat gesagt hätte, dass ich Spaß mit dem „Warcraft“-Filme haben werde. („WoW: Anduinn Wrynn“ von ryumo unter CC BY NC ND 3.0 via DeviantArt)

Die Selbstkasteiung der Lesenden

Es könnte aber auch durchaus sein, dass ich zehn Minuten vor Ende plötzlich das Interesse am Film wieder verliere und ihn nicht zu Ende schaue. Es ist eine Randerscheinung von Netflix, dass ich Sachen oft nur noch anfange, aber nicht durchziehe. Mein Gewissen hat damit ein Problem, aber zwei angefangene Serien später ist „Lost in Space“ eh wieder vergessen. O tempora, o mores! Bei Büchern verbleibt das schlechte Gewissen länger, vor allem bei Printromanen.** Und das, obwohl ich eigentlich Norbert Fiks zustimme, der sich auf seinem Blog auf Seiten derer positionierte, die kein Problem damit haben, ein Buch zur Seite zu legen. Aber in der Praxis quäle ich mich dann doch gerne noch weiter. Vielleicht aus Mitleid mit den Schriftstellenden – ich will ihnen doch die Chance geben, mein Urteil über ihr Buch noch zu revidieren! Schließlich haben all die Leute, die meine Romane nicht zu Ende gelesen haben, die Epiphanien ihres Lebens verpasst! Oder ich will halt wissen, wie das Werk endet. Bei Filmen oder Serien verrät einem das im Zweifel Wikipedia, bei Romanen ist das seltener der Fall.

Low-Tech-Pflasterliebe

Aber zurück zu klassischeren Themen dieses Blogs a. k. a. Solarpunk. Das Solarpunk Magazine versorgt inzwischen regelmäßig mit entsprechenden Inhalten; schon im letzten Blogbeitrag zu Dystopien und Utopien hatte ich beispielsweise auf dessen Beitrag zum Utopie-Begriff verwiesen. Ein anderer Beitrag setzte den Solarpunk in Relation zu anderen Punk-Genres, wobei ich dessen Rolle eigentlich nicht als so krass herausragend gegenüber den anderen empfinde.*** Solarpunk ist aktuell zwar der Platzhirsch und vielleicht „the cure to [our] eco-anxiety„, wobei sein spezieller Reiz mit im Hard-SF-Ansatz liegt. Aber find’s a bissl schad, dass er in manchen Artikeln so abgetrennt von Kumpels wie Hope- oder Ecopunk durchs Dorf getrieben wird. Wenn wir alle paar Monate einen neuen Begriff hypen bzw. ausbuddeln und die anderen dann wieder fallen lassen, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn’s von anderen belächelt wird. (Ja, sagt die, die alle paar Monate einen neuen Begriff rausholt, aber hey, ich informier hier nur und schaue beim Brennen zu, ok?!) Anyway. Apropos Hard-SF-Ansatz: Der wird inzwischen ja auch nicht mehr ganz so eng gesehen im Diskurs. Während ich puristisch genug bin, um Solarpunk und Solarfantasy voneinander trennen zu wollen, schließe ich mich doch definitiv der Low-Tech-ist-auch-Solarpunk-Sichtweise an. Ja und jetzt guckt euch halt noch paar Bilder an. Oder lest euch das taz-Interview mit Kim Stanley Robinson durch, ehe ihr zu ecothusiastisch werdet.

Klassiker

Nicht ganz so klassisch, aber doch von wiederkehrendem Interesse für die FragmentAnsichten sind weiterhin Vampire. Schon in den vorangegangenen Monatsansichten spielte eine historische Betrachtungen zu selbigen eine Rolle, und im November gab es da erneut einen Beitrag, dieses Mal von Saskia Dressler auf Couch & Chaos. Eine recht… klassische Empfehlungsliste zur deutschsprachigen SF gab es wiederum von Sascha Mamczak auf Goethe.de. Theresa Hannig hat derweil untersucht, wie viele weiblich gelesene Schriftstellende sich in der deutschsprachigen SF finden. Dafür gab es Lob, aber auch bedenkenswerte Kritik z. B. vonseiten nicht-binärer Schriftstellender.

Advent, Advent, Azeroth brennt (stellenweise)

Nun lassen wir den November dann hinter uns und schauen mal, was sich im Dezember so ergibt. Ich habe das erste Mal in meinem Leben keinen Adventskalender. Hartes Luxusproblem, ich weiß. Und lässt sich u. a. durch all die Adventskalender und -gewinnspiele kompensieren, die das Netz so bereithält. Bei dem von phantastisch-lesen kann man sogar „Die Türme von Eden“ gewinnen! Die FragmentAnsichten wollten eigentlich auch einen Adventskalender anbieten, aber ich lasse mich selbst davon überraschen, ob ich ihn noch rechtzeitig fertig bekomme, ehehehe [panisches Grinsen und Blick rüber zu „Warcraft“]. Ansonsten hab ich halt für 2022 vorgesorgt.**** Auf jeden Fall (Apokalypse ausgenommen) gibt es die Tage hier mal wieder ein Interview! Also stay tuned und habt eine schöne Adventszeit bzw. generell einen schönen Dezember und haltet euch von Viren fern und so. Thx.


*Bitte kommentiert jetzt nicht, dass sich „Warcraft“ durchaus ernst nimmt. Das ist eine Wahrheit, die ich gegenwärtig nicht verkrafte.
**Obwohl ich betonen möchte, dass ich E-Books dennoch inhaltlich als gleichwertig zu Print bewerte, bloß habe ich akzeptiert, am Bildschirm kein Durchhaltevermögen zu haben; ich schaue Filme auch äußerst selten am Stück, wenn ich nicht in Gesellschaft bin. Und bei Sachbüchern und Anthologien habe ich nur deshalb ein weniger schlechtes Gewissen als bei Romanen, weil sie sich halt leichter portionieren lassen. Würde ich eine Kurzgeschichte nicht zu Ende lesen, wäre es von meiner Bewertung her dasselbe wie bei Romanen.
***Ihn als „new kid on the block among punks“ zu bezeichnen, finde ich auch etwas gewagt, aber nun, volljährig ist er ja noch nicht.
****Die traurige Wahrheit ist, dass der Adventskalender schon für 2020 geplant war. Meine angefangenen und die tatsächlich abgeschlossenen Projekte bewegen sich seit zwei Jahren in einem beklagenswerten Verhältnis.

3 Kommentare zu „Novemberansichten 2021

Gib deinen ab

  1. Gibt es noch mehr als die 3 Shannara-Bücher? Die haben zusammen ja grad mal knapp 1800 Seiten… Das steckt Jordan allein mit seinen 2 längsten Büchern in die Tasche ;) Mit „länger“ meinte ich tatsächlich, was deutlich über die typischen 3-Teiler hinausgeht. Und mit „Reihe“ meine ich Texte, die einen übergeordneten Handlungsbogen haben. Die Discworld-Romane würd ich persönlich eher unter „shared universe“ einordnen, wobei Pratchett halt auch weiß, dass er Parodien schreibt, deshalb hätte ich an die jetzt gar nicht gedacht. vll hätte ich „ernst gemeinte Fantasy“ dazuschreiben sollen. Jordan scheint auch manchmal zu parodieren, aber das ist ein Unfall…

    Was ich meinte: WOT hatte schon einen krassen Nimbus, das war das „besondere“ Buch, von dem man raunte, weil es so lang sein sollte, so… immernoch nicht fertig und so… ja, was? Das wussten wir halt eiegntlich nicht. Kein Wikipedia oder überhaupt Internet & sowas hat die lokale Bibliothek nicht. Ans Kaufen denkst du gar nicht und wenn würdest du herausfinden, dass du dir die deutschen Halb-Bände nie wirst leisten können.
    Und dann hat das PC-Game 1999 dazu auch noch interessante Bilder produziert.

    1. Es gibt über 30 Shannara-Bände (auf Deutsch – nehme an, da wurden wieder einige getrennt). Und dann gibt es ja noch „Drachenlanze“, „Forgotteam Realms“ und die anderen D&D-Reihen (wobei zumindest hierzulande die anderen keine große Rolle gespielt haben) … Ich verstehe dennoch grundsätzlich, was du meinst. Wenn ich mit „Gelegenheitsfantasyleser*innen“ quatsche, kommt da auch fast immer „Das Rad der Zeit“ knapp nach der Tolkien- und der Abercrombie-Erwähnung. Hätte mich jetzt aber nicht entscheiden wollen, wer genau der Anführer in Sachen Endlos-Reihe ist.

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