Dein Ross ist mein Skateboard: Über Elfpunk

Es ist schon wieder fünf Monate her, dass ich mit Dreampunk zuletzt ein Mikrogenre vorgestellt habe. Da das eine recht lange Zeit ist und ich mich doch einem gewissen Bildungsauftrag verpflichtet sehe, sprechen wir heute über Elfpunk.

Elfpunk? Elfpunk! In den Diskursen hierzulande begegnet einem der Begriff nur selten, dabei wird er schon seit den 1980ern immer mal wieder ausgebuddelt und hat es sogar bis in die Wissenschaftsliteratur geschafft. Es ist nämlich eines der Cyberpunk-Derivate, die mir Mitte der 2010er in Alexander Knorrs „Cyberanthropology“ über den Weg gelaufen sind. Allerdings lassen sich die Erkenntnisse aus diesem Buch speziell zu diesem Mikrogenre zusammenfassen als: „Es existiert.“ Was ja auch schon mal was ist.

Aber was macht Elfpunk darüber hinaus aus? Nun, dort leben Elfen im Hier und Jetzt oder zumindest in einer Welt, die dem nahekommt. Kommt uns irgendwie aus der Urban oder Contemporary Fantasy bekannt vor, aber Elfpunk ist zusätzlich daaark und gritty. Halt, werdet ihr nun sagen – ist nicht auch Urban Fantasy zuweilen recht dark und gritty? Schon, aber es klingt nicht so fancy!

An dieser Stelle wiederum werden echt Elfpunks verständlicherweise missgelaunt eine Augenbraue heben, denn es gibt durchaus noch ein paar feinere Unterschiede. Beispielsweise betont Suzanne Lazear, selbst Elfpunk-Autorin, dass in diesem Mikrogenre ausschließlich Bewohner Faeries vorkommen dürfen. Wobei Faerie nicht auf den keltischen Raum beschränkt sein muss, sonst gäbe es ja gar keine Elfen.* Faerie steht hier also eher für eine globale, aber bereits existente Anderwelt. Neu erfundene Wesen oder Völker sind im Elfpunk hingegen nicht erwünscht, wie Elizabeth Partridge klarstellte, als sie 2007 bei den National Book Awards mit Scott Westerfield über den Begriff und die Abgrenzung zur Urban Fantasy diskutierte. Im Elfpunk-Erklärvideo von Nowhere Productions wird darüber hinaus hervorgehoben, dass Vampire oder Werwölfe, die klassischerweise keiner Anderwelt entstammen, im Elfpunnk ebenfalls nichts zu suchen haben. Menschen hingegen dürfen durchaus vorkommen und in die Machenschaften der Feenwesen, die sich eher von ihrer fiesen elisabethanischen Seite zeigen, hineingezogen werden.**

Die enge Orientierung an bereits „existenten“ Wesen ist aber nicht alles. Denn da ist ja noch der Punk! Im Elfpunk sind die Spitzohren angemessen gepierct, Legolas fährt Skateboard und die Einhörner rocken im lokalen Club. Na ja, zumindest in der Theorie … in der Praxis wird es leider selten so gegenwärtig. Dafür spielt Widerstand gerne eine Rolle; denken wir etwa daran, wie in Reihen wie Iron Fey oder Faeriewalker immer auch der Kampf gegen Fae-Traditionen und damit einhergehende soziale Ungerechtigkeiten in die Handlung eingewoben wird. Elfpunk ist also Urban, aber auch Social Fantasy. Und zuweilen wird Elfpunk als doch-nicht-ganz-so-gritty Untervariante des populäreren, postmodernen Mythpunk gehandelt, wie er von Catherynne M. Valente ins Spiel gebracht wurde. Aber zu dem dann an anderer Stelle noch mal mehr.

Lazear nennt als Beispiele für Elfpunk u. a. Holly Blacks „Die Zehnte / Tithe“, Gael Baudinos „Gossamer Axe“ oder natürlich Emma Bulls „War for the Oaks“, was gleichzeitig als einer der Urtexte der modernen Urban Fantasy gilt. Gleich in den Titel gepackt hat den Begriff Ani Fox in den Romanen seines Chafrium Elf Punk Universe.*** Als Beispiel für Nicht-Ganz-So-Contemporary-Elfpunk nennen Nowhere Productions außerdem das von Terri Windling begründete Bordertown-Shared Universe.

Abschließend stellt sich nun die Frage, wie wir das alles einordnen. Ist Elfpunk einfach ein Mikrogenre? Eine Ästhetik wie Decopunk? Ein Movement wie Solarpunk? Oder gar ein Modus wie Cyberpunk? Ich würde es irgendwo auf der Schnittstelle zwischen Mikrogenre und Ästhetik einordnen. Fürs Movement fehlt es an spezifischen Werten oder Zielen, für den Modus ist es zu unbekannt, wa. Aber das mag sich ja noch ändern …


*Feen = keltisch, Elfen = nordisch
**Elisabethanische Feenwesen = treiben ihre zuweilen sehr böswilligen Späße mit den Sterblichen, nehmen es sehr ernst mit Verträgen und wehe, du verrätst ihnen deinen Namen!; Viktorianische Feenwesen = deutlich gesitteter, schätzen Kunst und Kultur und halten sich von den Menschen lieber fern; im Grunde schöne Snobs
**Allerdings scheint mir dieses Universum aktuell auf einen Roman beschränkt zu sein.

Text unter CC BY 4.0

4 Kommentare zu „Dein Ross ist mein Skateboard: Über Elfpunk

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