Solarpunk, warum gerade jetzt?

Es ist Freitagabend, ich sitze auf den Treppenstufen vor einem semispannenden Bahnhof* und warte auf meinen Anschlussbus. Zeit und Grund genug, ein paar Artikel für die kommenden Monatsansichten zu konsumieren und in diesem Zuge wieder mal über Solarpunk nachzudenken.

Wenn ich wollte, hätte ich die letzten drei Mal die Monatsansichten allein mit Beiträgen zum Solarpunk füllen können. Für den August gilt das ebenfalls: Am 18. hat die Black Cat Community Press ihr Solarpunk Magazine angekündigt – es wird nach Optopia und Hyphenpunk bereits das dritte Online-Magazin mit entsprechendem Fokus sein.** Am selben Tag hat Jay Springett einige Worte über einen entsprechenden Videotalk verloren, Justus Enninga sprach Anfang des Monats auf The European über den Reiz der Solarpunk-Stadt und die BBC berichtete über den Einfluss von Solarpunk auf die Tech-Industrie. Während ich diesen Beitrag überarbeite – inzwischen ist nicht mehr Freitag – lese ich außerdem gerade auf Twitter, dass Lars Schmeink im DLF über das Thema spricht.

Und ehe ich mit diesem Beitrag angefangen habe (dem wohl ersten Beitrag, den ich am Handy tippe btw), habe ich einen interessanten Artikel von Vandana Singh gelesen, in dem sie darauf eingeht, wie sich CliFi um positive Zukunftsvisionen bemüht, ohne dabei Probleme auszublenden. Singh vermeidet dabei den Begriff „Solarpunk“ – ich habe den Eindruck, dass er einigen Akteuren zuletzt ein wenig suspekt geworden ist, vielleicht da er mit zunehmender Popularität zu einer Art Buzzword geworden ist, das, sobald einmal genannt, mit hübschen Pastellbildern, ein paar Schlagworten und quasi automatisiertem Widerwillen einhergeht. Wie das eben oft mit solchen Begriffen ist, wenn sie einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht haben und sich aus ihrer kleinen Bubble herausbegeben. Aber was Singh beschreibt, erfasst definitiv einige der zentralen Werte des „ursprünglichen“ Solarpunk-Movements: Positives Denken als Verzweiflungstat, Optimismus ohne (zu viel) Naivität, und vor allem die Betonung von Kosmopolitanismus und glokalen Betrachtungen.

Eine Person gießt Blumen vor dem Panorama einer grünen Zukunftsstadt. Comic-Stil.
Solarwelt in Pastell („Solar City“ von AJ-Illustrated unter CC BY NC ND 3.0 via DeviantArt)

Aber apropos „zunehmende Popularität“. Ich habe eine Weile überlegt, ob diese tatsächlich besteht oder ich sie mir nicht nur einbilde, weil ich in den letzten Monaten gezielter entsprechenden Accounts folge. Aber nein, es ist mehr als das. Sicher, Solarpunk ist keineswegs ein neues Movement: Die Anfänge gehen ins Jahr 2008 zurück, eine erste Hoch-Zeit erlebte er ausgehend von Brasilien in der Mitte der 2010er Jahre, als die erste größere Anthologie und das Manifest veröffentlicht wurden. Ich wurde das erste Mal 2015 durch einen Artikel in The New Republic auf das Thema aufmerksam. In den USA erfuhr das Movement in literarischer Hinsicht spätestens ab 2018 wieder einen Boost, als sich die World Weaver Press des Themas annahm und neben einer Übersetzung von Gerson Lodi-Ribeiros „Solarpunk“-Anthologie auch die erste „Glass and Gardens„-Sammlung veröffentlichte. Wohl unter dem Eindruck dieses neu erwachten Interesses widmete sich damals auch Arte dem Thema. In anderen Bereichen – Architektur, Mode, Malerei und vor allem unter Makern und Unternehmen, die sich mit regenerativen Technologien beschäftigen – war Solarpunk ebenfalls präsent, aber ich muss zugeben, hier keinen Überblick über die genaue Entwicklung zu haben.

Aktuell erlebt das Movement erneut einen Bekanntheitsschub, der in literarischer Hinsicht auch stärker als zuvor den deutschsprachigen Raum erreicht. Obwohl vereinzelt DACH-Autor*innen wie Marie Graßhoff oder Eike-Henning Nießler in dem Bereich veröffentlichen, lässt sich dieses neue Interesse nicht an einzelnen populären Titeln festmachen. Woran also liegt es dann, sowohl im DACH-Raum als auch international? Drei potenzielle Erklärungen (oder Thesen, das klingt besser):

(1) Zeitgeist

Der erste Punkt ist der wohl offensichtlichste. Die Themen des Solarpunk orientierten sich eng an den (Klima-)Problematiken des Hier und Jetzt – entsprechend naheliegend ist die Verbindung nicht nur zu Maker- und Industriezweigen rund um Nachhaltigkeit, regenerative Energien und Geo Engineering, sondern auch zu Bewegungen wie Fridays for Future oder Extinction Rebellion. Letztere haben sogar eine Solarpunk-Storytelling-Ausschreibung gestartet. Gemeinsam ist allen drei Bewegungen, dass sich ihre Mitglieder trotz aller klimatischen Hiobsbotschaften nicht mit Fatalismus und Weltuntergangsstimmung zufrieden geben wollen. Die daraus resultierenden Haltungen und Ethiken beeinflussen auch viele Menschen, die sich nicht explizit den Bewegungen zugehörig fühlen, und ob Architektur oder Werbung, man begegnet ihnen aktuell (erfreulicherweise) quasi überall. Beispielsweise habe ich in den letzten Wochen vier Museums-Ausstellungen mit unterschiedlichen Ausrichtungen besucht, und obwohl keine davon den Solarpunk im Namen hatte, fanden sich seine Haltungen hier überall. Natürlich hat das auch etwas mit persönlicher Neigung zu tun, aber allein, dass diese Auswahl so problemlos möglich war, zeigt schon, wie allgegenwärtig die Auseinandersetzung mit dem Klimawandel und daraus resultierenden ethischen Haltungen ist.

Daneben profitiert Solarpunk vom Climate-Fiction-Trend, der 2020 selbst die deutschsprachige Genreliteratur erreicht hat. Literarisch lassen sich CliFi und Solarpunk oft gar nicht richtig trennen, wie sich schön an den Diskussionen darum zeigt, ob Kim Stanley Robinson denn nun als Solarpunk durchgehe oder nicht. Die vage Trennlinie vollzieht sich vornehmlich an der Haltung der jeweiligen Autor*innen bzw. an der Frage, ob das vorliegende Werk nun eher dystopisch oder utopisch einzustufen ist.

Der Klimawandel ist aber nicht der einzige Aspekt, der für die soziale Aktualität des Solarpunk spricht. Hinzu kommt beispielsweise die Betonung von Kosmopolitanismus und Glokalisierung, d. h. in diesem Zusammenhang der globalen Zusammenarbeit bei gleichzeitiger Akzeptanz kultureller Unterschiede.*** Damit verbunden ist wiederum die Begrüßung von Diversity. Und auch Lifestyle-Trends wie Nachhaltigkeit, Upcycling und Co., die letztlich wieder mit dem Klimathema verbunden sind, passen prima ins Bild des Solarpunk. In der Literatur kommt noch eine Aufbruchsstimmung hinzu, die progressive, innovative Ansätze in den Fokus rückt.

(2) Hopepunk als Nachfolger und Wegbereiter

2017 hob Alexandra Rowland den Hopepunk aus der Taufe, der in den nachfolgenden Jahren einen ziemlich kometenhaften Aufstieg erlebt hat. Er ist dem Solarpunk in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich, setzt aber mehr auf soziale statt auf technologische Utopien und ist ein eher westliches Movement im Gegensatz zum u. a. lateinamerikanisch geprägten Solarpunk (oder Sertãopunk).**** In ihren Idealen sind beide aber eng verwandt, und es kam mir oft so vor, als sei der Solarpunk durch die Hopepunk-Diskussionen „wiederentdeckt“ worden. Aufgefallen ist mir das beispielsweise an den angefragten Themen: Als ich 2015/2016 das Solarpunk-Thema erstmals einigen Genre-Magazinen anbot, krähte kein Hahn danach. 2018/2019 stieg dann das Interesse an Hopepunk und als das im Frühjahr 2020 wieder abebbte, wurde es von der Nachfrage nach Solarpunk abgelöst. Insofern kommt dem Hopepunk die paradoxe Rolle zu, einerseits ein Nachfolger des Solarpunk zu sein, andererseits aber diesem zu neuem Leben verholfen zu haben. Inbesondere gilt das zwar für den deutschsprachigen Raum, aber ich könnte mir vorstellen, dass auch die World Weaver Press-Veröffentlichungen von 2018 vom Hopepunk-Utopien-Trend profitiert haben.

(3) Digitale Events als Vernetzungsbooster

Die Corona-Pandemie hat uns trotz allem einige Chancen beschert, die manchmal sogar genutzt wurden. Jedenfalls gilt das für die internationale Vernetzung der SFF-Szene(n): Zuvor waren internationale Gesprächsrunden oft eine Sache von Con-Panels in englischsprachigen Ländern, die außerhalb dessen nur bedingt wahrgenommen wurden. Das ist nun anders. In den letzten Monaten habe ich Veranstaltungen mit SFF-Autor*innen aus den verschiedensten Ländern besucht und konnte dank Zoom-Meetings und Mailinglisten in direkten Kontakt zu ihnen treten. In den Science-Fiction-Events ging es dabei fast immer auch um Solarpunk, der sich aufgrund seines globalen Anspruches halt auch sehr um ein internationales Publikum und internationale Gesprächsrunden bemüht. Über die Events hat wiederum die Vernetzung über Twitter und Co. zugenommen, mehr Genre-Autor*innen retweeten einander und flupps, hängt die ganze Timeline voller Pastellbilder von Wäldern mit Häuschen zwischendrin.

So weit, so relativ kurz zu meinen Überlegungen. Was meint ihr? Habt ihr Anmerkungen dazu oder Ergänzungen? (Das ist keine PR-Frage. Mich würde wirklich interessieren, wie die Entwicklung gerade auch Leuten wahrgenommen wurde, die sich vor 2020 vielleicht noch gar nicht mit Solarpunk beschäftigt hatten.)


*Bahnhofslevel „bäckerei- und kioskfrei“. Random Fact: In meiner Zeit als hauptberufliche Redakteurin habe ich mal einen Beitrag über die Eingruppierung von Bahnhöfen verfasst und hätte danach noch recht lange sagen können, in welche Kategorie dieser Bahnhof hier fällt. Inzwischen hab ich dieses Wissen leider wieder verloren :(
**Wobei sich Hyphenpunk generell auf die Punk-Movements, nicht auf Solarpunk im Speziellen fokussiert.
***In diesem Zusammenhang sei erwähnt: Ich tue mich deshalb auch schwer, Solarpunk in direktem Zusammenhang zu Kommunismus oder Anarchismus zu sehen. In letzter Zeit ist es ziemlich en vogue geworden, diese Verbindung zu ziehen, aber ich sehe die Herausforderung und auch das Ideal des Solarpunk eher darin, einerseits eine Gemeinschaft zu bilden, die andererseits plurale Herrschaftsformen zulässt.
****Der Begriff sertãopunk taucht zuletzt häufiger auf, um die brasilianische Variante des Solarpunk zu beschreiben. Wobei das als Erklärung ziemlich kurzgegriffen ist; eine Langfassung, was genau es damit auf sich hat, bietet Charlie Jane Anders.

3 Kommentare zu „Solarpunk, warum gerade jetzt?

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  1. Vor 2020 hatte ich gerade mal von Cyberpunk und Steampunk gehört. Jetzt, seit mein Blick auf Solarpunk gefallen ist, fällt mir auf, wie weit verbreitet das Thema doch ist – abseits auch von der Literatur. Ich dachte, es hätte mit meiner Filterblase zu tun.
    Danke für den informativen Artikel und die Links.

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