Aprilansichten 2021

Wir denken über die Zweischneidigkeit allzu toleranter Toleranz nach, stellen Individualismus und Communitydenken einander gegenüber, interessieren uns für internationale SF-Ansichten, nahmen am Litcamp teil und lasen und hörten Beiträge u. a. über Amazonen, Coverkünstler und das Aufwachsen in Kerpen.

In den Märzansichten hatte ich geschrieben, es habe an großen Aufregern gefehlt. Der April hat das offenbar zum Anlass genommen, diese Lücke mit gleich zwei Diskussionsmeteoriten (und ein paar kleineren Brocken) zu schließen: Im ersten Fall ging es um eine mehrfach diskriminierende, insbesondere rassistische Karikatur, die in der phantastisch! veröffentlicht wurde; inzwischen wurde hierzu eine Entschuldigung von Klaus Bollhöfener veröffentlicht und im E-Book die Karikatur ersetzt. Der zweite, tiefer sitzendere Fall betraf einen Artikel von Dirk Alt in der neuesten Nova-Ausgabe und die anschließende (nicht mehr öffentlich zugängliche) Diskussion auf scifinet.org, in dem einige Mitglieder ziemlich zweifelhafte, teilweise ins Rechtspopulistische abdriftende Ansichten offenbart haben. Das Ganze hat dann auch via Social Media noch größere Kreise gezogen. Letztlich hat Alt das Redaktionsteam verlassen und es wird aktuell eine neue Person für die Nova-Storyredaktion gesucht. Eine Zusammenfassung der Angelegenheit findet sich auf Deutsche-Science-Fiction.de.

So weit alles geklärt, könnte man sagen. Nur stehen beide Vorfälle nicht nur für sich, sondern sind Produkt u. a. einer Szene, die, auch wenn sie das nicht gerne hört, durchaus einige Leichen im Keller hat.

Wisst ihr, als ich in die Szene kam – und das war eher noch diese „ältere“ Szene der Cons und Fanzines, nicht die von Bookstagram und Litcamps –, war sie für mich eine Oase. Hier wurde ich akzeptiert, meine Interessen, mein Äußeres. Diese gegenseitige Akzeptanz ungeachtet von Aussehen und Ansichten war immer etwas, auf das die Szene stolz war, die sich gerne als Community von Außenseitern gesehen hat.[1] Manchmal wurde das sogar ziemlich pathetisch besungen, schaut z. B. nur mal in „Geek Pray Love“ rein. Diese Akzeptanz oder zumindest Toleranz fällt uns heute aber auf die Füße, da ein Stück weit auch immer schon Ansichten toleriert wurden, die wiederum (mal mehr, mal weniger offensichtliche) Diskriminierungen beinhaltet haben. Hinzu kommt eine seltsame Mischung aus Geniekult und der Forderung danach, Kunstschaffende von ihren Werken zu trennen. Wie oft habe ich gehört, XYZ sei „ein komischer Kauz, aber genial“ oder Ähnliches …

Mit manchem komischen Kauz habe ich selbst schon zusammengearbeitet. Ich weiß, dass es dann schwerfallen kann, sich zu distanzieren oder es anzusprechen, wenn der nette Autor / Verleger / …, der einem so viele gute Tipps gegeben hat, plötzlich diskriminierenden Mist von sich gibt.[2] Aber es gibt da diese Sache mit der gesellschaftlichen Verantwortung, die übrigens auch über Meinungszügellosigkeit stehen sollte.[3] Heißt: Ich weiß, das klingt nun sehr pathetisch, aber es liegt in unserer Verantwortung, nichts schweigend durchzuwinken, vor allem nicht in der momentanen sozialen Stimmung. Auch nicht, wenn wir uns sagen, dass die Person aber doch so gut schreiben kann. Und auch nicht, wenn wir uns sagen, dass das nur ein Ausrutscher war. Gewissermaßen gerade dann nicht. Ich muss mir das auch selbst sagen, da ich nicht die konfrontationsfreudigste Person bin. Persönlich bevorzuge ich es zudem (weiterhin), nicht gleich in die Öffentlichkeit zu gehen – sowohl aus Fremd- als auch Eigenschutz – und ich habe manchmal vielleicht zu viel Verständnis für Grauzonen (denke da auch an die Tintenzirkel-Sache). Aber irgendwo gibt’s halt für alles eine Grenze, erst recht, wenn es um öffentliches Material geht.

Was mir Hoffnung gibt: Gerade die Diskussion auf scifinet.org hat meiner Meinung nach gezeigt, dass die Szene durchaus wehrhaft und in der Lage ist, Probleme zu benennen. Ich finde es viel Wert, dass in beiden oben genannten Fällen die erste Kritik aus dem ~engeren Kreis kam, und nicht aus jenem Teil von Twitter, der mit Nova, phantastisch! und Co. ohnehin so wenig wie möglich zu tun haben will. So hatte die Kritik einfach ein anderes Standing.

Insofern sehe ich es ähnlich wie in der Wikipedia-Diskussion: Abfackeln brauchen wir nichts, ein bisschen kokeln hier und da aber schon (bitte nicht wörtlich nehmen, ok). Wenn wir dem inklusiven Ideal der Szene tatsächlich gerecht werden wollen, müssen wir an einigen Schrauben drehen, das ist ja nicht nur diesen Monat offensichtlich geworden (im Übrigen außerdem nicht nur in einer Szeneecke). Und es gibt so einige Stellen, an denen mehr Selbstreflexion, aber auch Empathie, Offenheit, Ambivalenzakzeptanz und Weitsicht nützlich wären (ok, jetzt fahre ich bisschen viel auf).

Wenn wir hier dann alles benannt und ausdiskutiert haben, können wir uns auch wieder Gedanken machen, ob es nun „der“ oder „die“ Con heißt. Obwohl. Besser nicht, selbst solche Diskussionen bergen dieser Tage bemerkenswerte Risiken. Hm. Können wir über Cover diskutieren, ohne uns an die Gurgel zu gehen? Nein? Über Genres? Uh, besser nicht. Okay, dann über …

Internationale Science Fiction von Andean Futurism bis „sense of wander“

Na ja, weiß nicht, wenn man will, kann man sich hierzu ebenfalls ordentlich in die Haare bekommen. Aber Herausgeber Lavie Tidhar, Verleger Nicolas Cheetham von Head of Zeus und die vier AutorInnen Lauren Beukes, Taiyo Fujii, R. S. A. Garcia und Francesco Verso sind sehr höflich miteinander umgegangen in ihrer Diskussion über internationale Science Fiction. Anlass für das von Head of Zeus veranstaltete rund einstündige Zoom-Event war die Veröffentlichung der Anthologie „The Best of World SF“, an der alle Genannten beteiligt sind.[4] Beukes, Fujii, Garcia und Verso haben dazu einen Überblick über die SF-Situation in ihren jeweiligen Heimatländern (Südafrika, Japan, Trinidad und Tobago und Italien) gegeben und sich anschließend mit Tidhar und Cheetham über ihren Blick auf die Entwicklung der SF insgesamt ausgetauscht. Das Publikum hatte die Möglichkeit, über ein Q&A-Tool und den Chat mitzuwirken.

Screenshot von Zoom. Kachel 1 ist schwarz und zeigt nur die Schrift "Head of Zeus". Kachel 2 zeigt eine Frau mit der Unterschrift "Lauren Beukes - Cape Town", Kachel 3 eine Frau mit der Unterschrift "R. S. A: Garcia - Trinidad und Tobago", Kachel 4 einen Mann mit der Unterschrift "Lavie Tidhar (Stranded in London)", Kachel 5 einen Mann mit der Unterschrift "Francesco Verso - Roma, Italy", Kachel 6 einen Mann mit der Unterschrift "Nicolas Cheetman - South London" und Kachel 7 einen Mann mit der Unterschrift "Taiyo Fujii".
Ob es irgendwann ein Genre namens Retro-Kachel geben wird? Die Storys spielen dann ausschließlich während Zoom-Sessions …. Zoom-Kammerspiele quasi.

In Anbetracht der Zeit konnten natürlich viele Themen nur angerissen werden. Aber gerade solche internationalen Events finde ich derzeit sehr spannend, weil ich so auf neue Denkanstöße und Perspektiven stoße. Klar reden wir auch hierzulande aktuell sehr viel z. B. über die Dekolonialisierung der Phantastik oder über problematische tropes. Aber ich empfinde diese Diskussion oft als festgefahren zwischen zwei extremen Polen und Bedeutungskämpfen; da fällt es schwer, das alles bereits weiterzudenken, stattdessen drehen sich die Debatten oft im Kreis. Aber, auch das eine Erkenntnis aus dem Event, mit diesem Hin und Her steht der deutschsprachige Raum nicht alleine da.

Zu den weiteren Impulsen gehörten beispielsweise ein sehr kurzer Exkurs in Richtung des südamerikanischen Movements des Andean Futurism, von dem ich in letzter Zeit immer mal wieder lese, sowie über die Bedeutung von Kurzgeschichten-Magazinen gerade für kleine Länderszenen. Außerdem ging es darum, wie Mangas und Animes Einfluss nicht nur auf die SF-Literatur Japans, sondern auch Trinidad und Tobagos genommen haben.

Angesprochen wurde auch ein Punkt, der derzeit sehr en vogue ist: R. S. A. Garcia sagte, der Individualismus vergangener SFF – also einzelne Held:innen gegen das System / die Bösen etc. pp. – trete immer mehr in den Hintergrund, stattdessen werde der Communitygeist betont. Das ist ein Element, das ja auch in vielen jüngeren Movements wie Solar- oder Hopepunk zentral ist (man beachte dazu auch diesen aktuellen Beitrag von Phoebe Wagner) und das tatsächlich auch im Mainstream-Storytelling immer mehr Raum einnimmt. Aktuelles Beispiel dafür ist etwa „Falcon and the Winter Soldier“.[5] Gerade angesichts der globalen Krisen, mit denen wir kämpfen, erscheint mehr Community-Denken nur sinnvoll. Trotzdem habe ich ein etwas unwohles Gefühl dabei, den früheren „Heldenindividualismus“ deshalb abzuwerten. Ich muss da an einen älteren Artikel von Andrew O’Hehir denken, der die Jugenddystopien mit seinen auf eigene Faust agierenden Heldinnen als „capitalist agitprop“ bezeichnet hat. Mal ganz davon abgesehen, dass ich seiner Behauptung nicht zustimmen kann, dass die Bücher keinen Bezug zur Realität hätten – würde er das nach Trump immer noch behaupten? – denke ich auch, dass individuelles Hinterfragen irgendwo die Voraussetzung dafür ist, dass sich erst Gruppen bilden, die gemeinsam eine Sache angehen. Gruppendenken aus der Gruppe heraus lässt bei mir noch Alarmglocken schrillen … Als neues oder zumindest noch vergleichsweise ungewöhnliches Element bietet der Community-Aspekt dennoch viel Reiz. Passend dazu sprach Verso davon, der oft kolonialistisch angehauchte „sense of wonder“ werde durch einen „sense of wander“, ein gemeinsames Erkunden, ersetzt. Und das klingt doch durchaus nett. (Und seien wir mal ehrlich: Die meisten Beispiele verbinden ohnehin Individualismus- und Communitygedanken.)

Die Diskussion wurde aufgezeichnet, sobald sie auf YouTube hochgeladen wurde, ergänze ich den Link hier.[6]

Virtuelle dritte (oder vierte) Orte

Dass es derzeit möglich ist, so viele Events mitzuerleben, ist eine tolle Sache. Allerdings herrscht auch ein solches Überangebot, dass es kaum mehr möglich ist, den Überblick zu behalten. Während ich das hier schreibe, lese ich, dass heute via Twitch der Auftakt zu einer Aktion namens Facettenreich lesen stattfindet. Im April gab es außerdem eine digitale Ausgabe des MarburgCons und ein Event namens Booktastica, von zig weiteren Twitch– und Instagram-Panels und Co. mal ganz zu schweigen.[7]

Außerdem fand die erste digitale 2021er-Ausgabe des Heidelberger Litcamps statt. Daran habe ich sogar teilgenommen und einen Workshop über Twine beigesteuert. Es lief glaube ich ein bisschen chaotisch, aber soweit ich es den Rückmeldungen entnehmen konnte, wussten am Ende alle, wie sie das Tool bedienen, also ist mein primäres Ziel erreicht. Im letzten Jahr hatte ich meine Folien im Anschluss hier hochgeladen, aber ich glaube, ohne gleichzeitiges Präsentieren sind sie dieses Mal nicht so aussagekräftig. Stattdessen werde ich demnächst eine kurze Anleitung veröffentlichen.[8]

Als Teilnehmerin hat mir insbesondere die Session zu digitaler Barrierefreiheit gut gefallen; ich habe mich mit dem Thema zwar schon oft auseinandergesetzt, aber es gibt immer noch vieles (jetzt aber weniger!), was mir da nicht ganz klar ist. Ansonsten kam mir das Litcamp – ungeachtet einiger sehr angenehmer Sessions – ein wenig monothematisch vor und mir haben die Aha-Momente früherer oder themenoffenerer Barcamps gefehlt. Zudem habe ich mich angesichts der eingeschworenen Community eher wie ein Zaungast gefühlt, aber das will ich dem Litcamp nicht ankreiden – eigentlich ist es ja sehr schön, wenn digital ein Raum geschaffen wird, in dem so viele Leute virtuell knuddeln.

Von Amazonen bis zu Teppichvölkern: Sonstiges

Langsam droht dieser Text unleserlich lang zu werden, daher weitere Tipps und Punkte in schnöder, aber eigentlich doch übersichtlicherer Aufzählung:

  • In einer sehr hörenswerten Reportage sprach Benedikt Schulz im Deutschlandfunk mit James Sullivan über Heimatgefühle und James‘ schriftstellerische Karriere, aber auch über dessen Rassismuserfahrungen,
  • Joachim Boaz warf auf Blog und Twitter erneut Schlaglichter auf verschiedene SF-Cover-Künstler, u. a. auf Damian Petruscu,
  • Wegbegleiter:innen von Terry Pratchett wurden nostalgisch angesichts des Jubiläums von dessen Debütroman „Die Teppichvölker“,
  • auf Skalpell und Katzenklaue ging es in diesem Monat um den zweiten Band der Amazons-Anthologien von Jessica Amanda Salmonson,
  • und dann wurden noch die Hugo-Finalist:innen bekannt gegeben, darunter als „Fan-Writer“ erneut die deutsche Cora Buhlert und … viele andere Menschen. Wer sich genauer für das Topic interessiert, dem seien Heike Lindholds Takes zu dem Thema empfohlen. (Muss zugeben, beim Hugo auch eher vage interessierter Zaungast zu sein.)

Tja. Ja. So war das also diesen Monat. Mal schauen, was wiederum der Mai an Aufregern bereithält … Zunächst mal wünsche ich euch eine schöne Walpurgisnacht, einen tollen Tag der Arbeit und Happy Beltaine. Wisst ihr, dass am 1. Mai mein 31,5-Geburtstag ist? Nein? Nun, jetzt wisst ihr es!

Kommt, zur Feier des Tages noch eine Amazone in der üblichen praktischen Kleidung (in mir kämpfen leichter Cringe und Bewunderung angesichts all der krassen Details):

Leicht bekleidete Kriegerin kämpft gegen Drachen
Community wäre jetzt praktisch! („Heroes and Dragons“ von David Saavedra / flipation unter CC BY NC-SA 3.0 via DeviantArt; vorgenommene Veränderungen: zurechtgeschnitten, Original im DA-Link)

[1] Streng genommen gilt das für alle Szenen, aber hier doch besonders.

[2] Diskriminierungen und Verschwörungstheorien müssen natürlich nicht zwangsläufig zusammen laufen und können völlig voneinander getrennt sein.

[3] Bin übrigens nach wie vor für flächendeckenden Ethikunterricht, damit alle den Unterschied zwischen Freiheit und Zügellosigkeit kennenlernen.

[4] Deutschsprachige Schriftstellende habe ich auf der Liste nicht entdeckt, aber vielleicht ja in Volume 2 …

[5] Offtopic: Puh, die Serie hat sich gezogen wie Kaugummi, oder? Ich mag die Figuren und auch einige der aufgeworfenen Fragen, aber Spannungsmoment war nicht so wirklich erkennbar. Na ja, man kann ja nicht jedes Mal „WandaVision“ haben.

[6] Disclaimer: Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich die Diskutierenden immer völlig richtig verstanden habe. Mein Englisch-Gehör ist leider nicht das Trainierteste.

[7] Insofern mag es auch sein, dass ich der Diskussionskultur hier etwas Unrecht tue – vielleicht schaue ich mir einfach nur nicht die richtigen Beispiele an ;) Und unterm Strich bin ich übrigens auch einfach froh, dass wir nun so viele Diskussionen laufen haben. Noch 2019 hatte ich ja bemängelt, dass diese oft den Marketingpanels weichen.

[8] Ich nehme mir sowas zwar häufiger vor, als ich es tatsächlich tue, bin aber zuversichtlich, keine leere Versprechung zu machen.

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