Veränderungen und Co. 5: Ju Honisch

Über die Frustration, einem Trend vorauszueilen, Erfahrungen mit dem englischsprachigen Buchmarkt, Eskapismus und Realitätsbezug, Wechselwirkungen zwischen Musik und Literatur und vieles mehr.

Als ich 2008 oder 2009 das erste Mal auf dem FeenCon war – neben der RPC meine erste einschlägige Veranstaltung überhaupt – landete ich in einem Workshop. Die beiden Vortragenden gaben dem Publikum Tipps zur Verlagssuche und sprachen dabei über aktuelle und kommende Trends. Der Vampirhype war am Abflauen, aber beide prognostizierten dem Steampunk, das nächste große Ding zu werden. „Sowas wie die Sachen von Ju Honisch“ hieß es zur Erklärung. Besagte Ju Honisch war ebenfalls auf dem FeenCon und las aus „Das Obsidianherz“[1], ihrem Debütroman, der prompt den Deutschen Phantastik Preis für das beste Debüt erhielt.

Lächelnde Frau
Ju Honisch (Foto von Harald Sawatzki)

Seither habe ich deutschsprachigen Steampunk immer stark mit Ju Honischs Namen verknüpft und umgekehrt – zumal nach „Das Obsidianherz“ drei weitere Romane im selben Setting erschienen, darunter das 2014 mit dem SERAPH prämierte „Schwingen aus Stein“. Dabei hat Honisch noch vieles mehr geschrieben, darunter die Sword & Sorcery-Romane aus der Klingenwelt oder den ungewöhnlichen Einhornroman „Die Quellen der Malicorn“, aber auch eine Reihe von Kurzgeschichten(-sammlungen). Zuletzt erschien 2020 im Verlag Roter Drache „Elgar Eisbär und die Zivilisation – Gedanken kurz vorm Aussterben“. Ein bemerkenswertes Portfolio also, und Grund genug, dass ich sie für die Interviewreihe rund um Veränderungen und Entwicklungen des Autoren-Karrieredaseins gewinnen wollte. Glücklicherweise erfolgreich: 

(1) Dein erster Roman „Das Obsidianherz“ erschien 2008 und wurde damals prompt mit dem Deutschen Phantastik Preis für das beste Debüt ausgezeichnet. Wie fühlt es sich an, wenn gleich das Debüt so prämiert wird? Und wie blickst du heute darauf zurück?

JH: Ich habe mich natürlich wie eine Schneekönigin gefreut. Das ist eine Ehrung, die mir heute noch gut tut. Manchmal, wenn ich am „book biz“ verzweifeln will, denke ich daran und sage mir: das hat damals genügend Leuten gefallen, dass sie es gewählt haben.

Leider hilft es nicht wirklich, das Buch bekannter zu machen, zumindest nicht über jene verschworene Gemeinschaft von Phantastik-Fans hinaus, die  in der Szene aktiv sind. Die meisten Buchhandlungen kennen den Preis gar nicht. Und die Ketten kaufen nach gänzlich anderen Kriterien ein. Schade, aber so scheint es zu sein.

(2) In den Romanen, die du bei Feder & Schwert veröffentlicht hast – angefangen mit „Das Obsidianherz“ von 2008 – tauchen Steampunk-Elemente auf. Inzwischen ist das auch im deutschsprachigen Raum relativ etabliert, 2008 dürftest du damit jedoch eine Vorreiterrolle eingenommen haben. Wie kam es dazu, dass diese Elemente ihren Weg in deine Romane gefunden haben?

(JH) Ich war mit Steampunk einfach zu früh dran. Ja. Vorreiterrolle. Aber Vorreiterrolle heißt, dass die sehr im „Wir machen nur, was wir schon kennen“ verhafteten Verlage noch nicht so weit waren. Da muss ein Trend schon gut eingeritten sein, dass man Bücher aus dem (Sub-)Genre angeht. Fünf Jahre, nachdem ich/bzw. Agentin einem großen Verlag das Buch angeboten hatte und die Antwort bekam, dass es Fantasy im 19. Jahrhundert nicht gibt und dass das auch nie einen interessieren wird, weil man schwertschwingende Helden braucht, hat der gleiche Verlag dann einen Wettbewerb für Steampunk-Manuskripte ausgeschrieben. Armselig.

Also: vor einem Trend zu sein ist schlecht.  Mit dem Trend zu laufen ist weitaus besser, und wenn man ihm einfach nur hinterherrennt, hat man in der deutschen Verlagsszene die besten Chancen.

(3) Sowohl „Das Obsidianherz“ und „Salzträume“, als auch „Jenseits des Karussells“ und „Schwingen aus Stein“ hast du ursprünglich auf Englisch verfasst. In einem Blogpost hast du 2019 von deinen Erfahrungen mit dem englischsprachigen Markt berichtet, die sich grob zusammenfassen lassen mit: Es ist schwierig.
Weshalb hast du diese Romane überhaupt zunächst auf Englisch verfasst und weshalb hast du ursprünglich den englischsprachigen Markt angepeilt? Gibt es inzwischen Neuigkeiten zu englischsprachigen Veröffentlichungen?

(JH) Ich schreibe einfach gerne auf Englisch. Texte / Bücher, die ich auf Englisch verfasse, sind gemeinhin witziger als solche, die ich auf Deutsch schreibe. Sprache formt auch ein wenig das Wesen. Ich habe damals nicht groß geplant, habe einfach angefangen zu schreiben. Und dann wurde auf einmal der erste Roman draus. Hätte ich richtig strategisch geplant, wäre das vielleicht alles anders ausgegangen. Aber da bin ich nicht gut drin. Ich bin eher so der spontane Chaot.

Meine Erfahrungen mit dem englischsprachigen Markt sind: englischsprachige Verlage kaufen deutsche Bücher nur ein, wenn die in Deutschland schon als Bestseller mit einer Millionen- oder wenigstens mehrfach 100.000er Auflage brilliert haben. Ich habe es versucht. Feder & Schwert hat es damals versucht. Mein damaliger Agent hat es versucht. Zweimal gab es einen (kleinen und ganz kleinen) Verlag, der sich interessierte, dann aber aufgrund der Seitenzahl wieder zurückschreckte, wegen der hohen Produktionskosten. Freundlich war dabei keiner von beiden.

Inzwischen habe ich angefangen, meine englischen Manuskripte per KDP Selfpublishing Amazon in den Rachen zu werfen. Ich meine, wenn sie ohnehin nur auf meinem Rechner herumliegen, kann ich sie auch ins Netz stellen. Natürlich habe ich nochmal eine Native-Speaker-Lektorin eingesetzt. Ich kann gut Englisch, aber ohne Lektorat hätte ich das dennoch niemandem anbieten wollen. [Amazonlink zu „Obsidian Secrets“]

Im Moment bearbeitet Marilisa gerade den ersten von mehreren Kurzgeschichtenbänden, die ich auch auf Englisch veröffentlichen will. Die englische Fassung von „Salzträume“ ist auch schon lektoriert. Ich hoffe, dass ich die dann im März rausbringen kann. Ich warte immer noch auf Bildrechte für das Cover.

(4) 2013 erschien „Die Quellen der Malicorn“, nachdem Heyne bei dir einen Einhorn-Roman angefragt hatte. 2014 hast du außerdem für das Märchen-Projekt „Wahre Märchen 2“ das Märchen um Aschenputtel zugelost bekommen und deine Geschichte zu bestehenden Bildern entwickelt.
Inwiefern macht es für dich einen Unterschied, ob du solche Themen vorgegeben bekommst oder eigene wählst? Wo liegen Vor- und Nachteile?

(JH) Das Einhorn-Thema war vorgegeben. Ich fand es sperrig. Und der Verlag fand es vermutlich auch sperrig, dass ich nicht entweder eine neue Völker-Fantasy à la „Zwerge“ oder „Elfen“ gestrickt habe, sondern einen Portal-Fantasy-Roman mit einem (ganz leichten) Rassismus-Thema. Vielleicht hätten sie auch ein Teenie-Pferdebuch mit Horn gemocht, aber entsprechende Vorgaben haben sie mir nicht gemacht. Und ich kann nun mal nicht anderer Leute Bücher schreiben.

Mit „Die Quellen der Malicorn“ bin ich bis heute nicht ganz glücklich. Bei Romanen werde ich sicher keine „Auftragsarbeiten“ mehr machen. Bei Kurzgeschichten hingegen lasse ich mich gerne von einem gemeinsamen Thema leiten. Ich finde es total spannend, was dann alles Verschiedenes rauskommt. Noch spannender ist fast, wer dann eine ganz ähnliche Idee hat.

(5) Neben deinen Romanen hast du auch zahlreiche Kurzgeschichten in Anthologien und eigenen Sammelbänden veröffentlicht. Nimmt man all deine Veröffentlichungen zusammen, deckst du eine große Bandbreite in der Phantastik von Portal Fantasy über morbiden Grusel bis hin zu historischer Phantastik und Science Fiction ab. Gab es Phasen, in denen dich eine dieser Spielarten besonders gereizt hat? Was würdest du darüber hinaus genretechnisch gerne einmal ausprobieren?

(JH) Meine SF-Freunde bedrängen mich ja immer, ich soll mal einen Roman „mit Raumschiffen“ schreiben. Bis jetzt hat mich aber die zündende Idee dazu noch nicht angeflogen. Dagegen hätte ich nichts. Ich mag SF. In den Kurzgeschichten habe ich allerdings so ziemlich jedes Genre schon ausprobiert und Spaß daran gehabt. In einer Geschichte in „Blutige Welten“ habe ich sogar Horror, Fantasy und SF gemeinsam untergebracht.

Im Moment erlaube ich mir, „back to the roots“ zu gehen. Ich schreibe an einem Roman, der im Universum der ersten historischen Fantasy-Romane spielt, allerdings etwas später, Mitte der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts mit ein bisschen Frauenbewegung und Suffragetten. Mit meinen dicken Schmökern finde ich es schwer, Verlage zu finden. Die großen wie die kleinen mögen dünnere Bücher.

Für meinen Agenten hatte ich viele verschiedene Exposés von Urban Fantasy bis High Fantasy angedacht, aber nichts davon war ihm letztlich recht. Wir haben uns auch inzwischen getrennt. Ich muss wohl damit leben, dass ich so ein bisschen am Rande der Phantastik grase. „Interstitial Literature“ nennen das die Amis. Jedenfalls, wenn ich meine Bücher in Zukunft „selfpublishen“ werde und ohnehin nicht davon leben kann, kann ich auch schreiben, was mir passt und nicht einem Gremium von Verlags-Marketing-Fuzzis. Zu Verlags-Marketing möchte ich weiter nichts sagen, die Antworten dieses Interviews sollen ja anständig und jugendfrei bleiben.

(6) Was viele von deinen thematisch doch recht unterschiedlichen Geschichten verbindet, ist der mitunter ins Satirische abdriftende Humor. Zu diesem Thema hast du auch auf der World Science Fiction Convention 2019 ein Panel abgehalten, und in einem Blogpost über deine 2020er-Veröffentlichung „Elgar Eisbär und die Zivilisation“ hast du folgenden Satz geschrieben:

„[…] die Phantastik hat immer schon nah an der Satire gelegen. Bei beiden Genres muss man die Realität kennen, um die Fremdartigkeit festzustellen.“


Inwiefern nimmt die Realität – auch die gegenwärtige z. B. gesellschaftspolitische – Einfluss auf deine Werke?

(JH) Ich kann die Realität nie ausblenden. Natürlich kenne ich das Argument, Phantastik wäre Eskapismus. Das sind Liebesromane und Krimis aber auch. Vermutlich sogar Kochbücher und Strickanleitungen. Außerdem ist – so man die Realität weiter im Auge behält – nichts falsch an ein bisschen Eskapismus. Ohne würden wir vermutlich bisweilen ein recht tristes Leben fristen.

Trotzdem beinhalten meine Bücher auch ein bisschen meine Meinung zu Problemen, die wir im Hier und Jetzt haben. Wichtig finde ich, dass man davon nicht erschlagen wird, sonst will das keiner lesen. Ich schreibe schließlich keine sozio-politischen Traktate. Aber ich bin eben doch als Person mit meinem Denken und Fühlen in diesen Büchern vorhanden. Vermutlich geht es jedem/r so.

Das Thema „Satire und Phantastik (bei Flann O’Brien)“ wäre einmal fast mein Dissertationsthema geworden. Ich habe es dann aber nicht geschafft, neben der Arbeit so viel Fleiß aufzubringen, um mir den Doktorhut auch zu erkämpfen. Elgar ist Satire. Aber eben auch Phantastik – als sprechender Eisbär fällt er vielleicht in das Tierfabel-Genre. Aber tatsächlich ist es nur der Blick von Außen, der hier interessant ist. Bei der meisten Phantastik sehen wir von innen nach außen ins Anderswo/Anderswie. Umgekehrt wird aber auch ein Schuh draus. „Briefe aus der chinesischen Vergangenheit“ von Rosendorfer oder „Stranger in a Strange Land“ von Heinlein haben das Muster auch schon benutzt.

Grafik mit Covern zu "Die Wellen der Malicorn", "Salzträume", "Blutfelsen" und "Elgar Eisbär und die Zivilisation"
Bücher von Ju Honisch: „Die Quellen der Malicorn“ (hier in der Neuauflage von Hockebooks), „Salzträume“ (hier in der Neuauflage von Knaur), „Die Geheimnisse der Klingenwelt – Blutfelsen“ und „Elgar Eisbär und die Zivilisation“

(7) Neben deinen Romanen schreibst du auch Lieder und bist erfolgreiche FILKerin. Ich muss gestehen, darüber nur wenig mehr zu wissen, als das, was du auf Zauberspiegel Online beschrieben hast. Wie kamst du zu dieser Musikgattung? Gibt es Wechselwirkungen zwischen deinen Liedern und deinen Geschichten?

JH: Das Filken ist ein bisschen in den Hintergrund getreten, weil ich einfach nicht für alles Zeit habe. Es ist schon eine Weile her, dass ich mein letztes Lied geschrieben habe. Aber es gibt ja über 250 Lieder von mir.

Gefunden habe ich Filk auf einer Star Trek-Con Anfang der 90er. Dort habe ich meine Duo-Partnerin kennengelernt und wir haben lange gemeinsam die Con-Welt bereist und Musik gemacht. Bisweilen tun wir das immer noch – wenn wir wieder mal dürfen.

Wechselwirkungen gab es mehrere: „Seelenspalter“ beruht auf einem Lied von mir. Da wollte eine mörderische Tänzerin in dem Lied noch ein bisschen mehr als ein paar Strophen haben. Meine erste Kurzgeschichtensammlung „Bisse“ hatte ein Lied pro Geschichte, den Kleinverleger haben damals aber nur die Geschichten interessiert. Die Lieder harren noch darauf, entsprechend zugeordnet zu werden. Da ich im Moment meine Kurzgeschichten ins Englische übertrage, ergibt sich sie Möglichkeit, vielleicht über eine spezielle Seite im Internet Text und Noten zu manchen Geschichten (längst nicht alle haben ein Lied) zu veröffentlichen. Da denke ich noch drüber nach.

(8) Wenn du auf deine bisherige Karriere als Autorin zurückblickst: Worauf bist du stolz? Gibt es auch etwas, was du heute anders machen würdest?

JH: Rückblickend war es falsch, nicht zu warten, bis der Steampunktrend Deutschland erreicht hatte. Es wäre dann wohl vieles anders gelaufen. Aber wer weiß? Hätte hätte Fahrradkette.

Worauf ich stolz bin? Auf den Deutsche Phantastik Preis und den SERAPH, die ich erbeutet habe. Freuen würde ich mich, wenn vielleicht auch mal eine Kurzgeschichte von einer Jury wahrgenommen würde.

(9) Und zu guter Letzt: Was bringt die Zukunft? Welche Projekte und Veröffentlichungen sind geplant?

JH: Wie schon gesagt: im Moment ein Roman mit Setting 1885 in England. Viele Kurzgeschichten. Und nach und nach meine Bücher in Englisch.

Vielen Dank für die Einblicke!

Weitere Infos zu Ju Honisch findet ihr auf ihrer Website, außerdem ist sie auf Twitter, Facebook und Instagram zu finden.


[1] Ich glaube zumindest, dass sie aus „Das Obsidianherz“ gelesen hat. Vielleicht war es aber auch schon dessen Nachfolger „Salzträume“; ganz so genau weiß ich es dann doch nicht mehr, ich erinnere mich nur noch an den Feder & Schwert-typischen Einband.

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