Grimdark, so romantisch

– Wie ich versuche, auf Melissa Marrs „Untamed City“ klarzukommen.

[Spoilerwarnung! Wenn ihr Melissa Marrs „Untamed City / Shadow World“ lesen und euch davon inhaltlich überraschen lassen wollt, rate ich euch, diesen Beitrag nicht zu lesen.
Darüber hinaus Content Warnung, es geht im Buchkontext auch um die Themen Zwangsverheiratung und Vergewaltigung.]

Wenn ich mir Bücher kaufe oder wünsche, tue ich das in aller Regel sehr bewusst. Ich gehe nur noch selten in den Buchladen und kaufe mir spontan etwas, sondern schaue meistens vorher, was mich interessiert und lese mir dazu Besprechungen oder Diskussionen durch.

Auf diese Art erwische ich zwar zwar selten Titel, die mich enttäuschen, aber dafür geht der Überraschungseffekt flöten. Ich kam überhaupt nur zur Fantasy, weil ich random ein Buch aus einem Regal gezogen habe, und viele meiner Lieblingstitel waren frühere Spontankäufe, Geschenke oder Rezensionsexemplare, auf die ich beim bewussten Kauf nicht gekommen wäre. Insofern freue ich mich immer darüber, wenn ich doch mal ein Buch erwische, an das ich vollkommen (im wahrsten Sinne des Wortes) vorurteilsfrei herangehen kann.

Melissa Marrs „Untamed City: Carnival of Secrets“ ist genau so ein Buch. Ich hätte es mir vermutlich nie gekauft: Der deutsche Titel, unter dem ich es gelesen habe, ist „Shadow World: Krieg der Seelen“, und damit ebenso generisch wie das Jugendbuch-Cover. Für die Zielgruppe vermutlich passend, aber mich spricht beides nicht an. Trotzdem habe ich das (seines Umschlags entledigte) Buch in einer Mittagspause aus dem öffentlichen Bücherschrank gezogen, mich damit an den Rhein gesetzt und die ersten paar Seiten gelesen. Die waren dann überraschend fesselnd, also habe ich das Buch mit nach Hause genommen.

Und tja. Jetzt hab ich den Band ausgelesen und komm einfach nicht drauf klar. Dieses Buch ist so. weird!

Wisst ihr, ich finde es sehr schwierig, als Autorin eine kritische Besprechung eines Buchs zu schreiben. Es wirkt unkollegial und man läuft immer Gefahr, Sachen zu kritisieren, die man womöglich nachweislich auch nicht besser kann (meine XXL-Überlegungen zu dieser Problematik finden sich hier). Aber das Buch hat mich auf vielen Ebenen beschäftigt, und ich muss das irgendwie in Worte fassen. Es ist auf eine Art ziemlich innovativ, allerdings zugleich ein Beispiel dafür, dass das allein noch kein Qualitätsmerkmal ist. Aber von vorne:

Erst einmal die harten Fakten

Die US-Amerikanerin Melissa Marr schreibt Phantastik und Liebesromane verschiedener Art, ist aber hauptsächlich mit Romantasy-Titeln bekannt geworden. Ihr Debütroman „Wicked Lovely“ (dt. „Gegen das Sommerlicht“) war ein Bestseller und fand auch hierzulande viel Anklang. Es folgten bis 2011 vier weitere Sommerlicht-Romane, 2012 erschien dann mit „Untamed City: Carnival of Secrets“ (dt. bei Ravensburger „Shadow World: Krieg der Seelen“) der Auftakt zu einer neuen Jugendfantay-Reihe. Zumindest war es als Auftakt geplant. Bislang ist außer einer kleinen Prequel-Novelle („Carnival of Lies“) kein weiterer Band erschienen und ich glaube auch nicht, dass sich das noch mal ändert.

Ich weiß nicht, woran genau es liegt, dass die Reihe nicht fortgesetzt wurde, Marr selbst schweigt sich dazu aus. Fakt ist aber, dass sie das Niveau der Sommerlicht-Bände in den Augen ihrer Fans wohl nicht recht halten konnte. Viele Rezensionen zu „Carnival of Secrets“ sind für die Verhältnisse der A-Level-Romantasy ungewöhnlich kritisch und ich vermute, dass das Buch den hohen Anforderungen nicht gerecht wurde, die inzwischen an Marr gesetzt wurden.

Frau steht an einem Fenster, vor dem eine Stadt zu sehen ist.
Zum Roman wurde ein Trailer produziert, der einen der Kämpfe von Aya zeigt. Ein Klick auf das Bild führt zum Trailer bei YouTube.

Ok, und worum geht es?

In der STADT, der Welt der werwolfartigen Daimonen, herrscht eine strenge Hierarchie, die sich sowohl nach Kasten als auch nach dem Geschlecht richtet. Wer aufsteigen will, kann jedoch an einem Kampfwettbewerb teilnehmen – dem oder der GewinnerIn winken Ruhm und Ehre.*

Sowohl die hochwohlgeborene Aya als auch der Streuner Kaleb nehmen an den Spielen teil. Für Aya ist es die einzige Möglichkeit, einer Heirat und dem damit einhergehenden Fruchtbarkeitsritus zu entgehen und stattdessen in die Politik einzugreifen. Kaleb wiederum möchte seinem Dasein als Auftragsmörder und Prostituierter entkommen.

Ein zweiter (oder besser gesagt dritter) Handlungsstrang spielt in unserer Zeit und Welt. Hier leben die Maga, die Erzfeinde der Daimonen, im Exil, seit sie von den Daimonen aus der STADT vertrieben wurden. Ausgerechnet ihnen vertraut die Daimonin Selah ihre Tochter Mallory an, um sie vor den Intrigen der STADT zu retten – denn Mallory ist zugleich die Tochter des Daimonenherrschers Marchosias.

Mallory wächst also in der Menschenwelt heran, im Glauben, ein ganz normales Mädchen zu sein (auch wenn ihr Vater zaubern kann und ihr manchmal Klauen wachsen, aber nun, wem passiert das nicht gelegentlich). Als sie ein Teenager ist, bekommt die STADT aber Wind von ihrem (Über-)Leben. Während ihr leiblicher Vater sich erst einmal Gedanken darum macht, an wen er Mallory verschachern kann, um möglichst schnell einen männlichen Erben zu generieren, will ihr Onkel sie umbringen. Und natürlich soll Kaleb den Scheiß für ihn erledigen und ebenso natürlich verliebt er sich aber in Mallory.

Wenig Lärm um viel Handlung

Entschuldigt, wenn das nun überbordernd und zum Ende hin etwas sarkastisch klingt. Aber da sind wir schon bei zwei Problemen, die dieses Buch hat: Erstens passiert einfach viel zu viel! Das Buch hat gerade mal 350 Seiten. Auf diesen müssen zwei neue Welten eingeführt werden und es gibt drei PerspektivträgerInnen, alle mit eigener Geschichte, außerdem noch jede Menge Nebenplots (z. B. zu Mallorys Ziehvater, Kalebs bestem Freund, Mallorys Mutter, Ayas Verlobtem Belial, …). Fast alle dieser Fäden haben ihren Reiz, können aber aus Platzmangel im Grunde nur angeteasert werden. Nach und nach verbinden sich zwar die Handlungsstränge von Kaleb, Mallory und Aya, wodurch sich das Tempo etwas entspannt und Raum für ein paar Details geschaffen wird. Bis dahin aber brecht die Story in einer unglaublichen Geschwindigkeit vorwärts und Wochen oder Monate werden mal eben in einem Absatz abgehandelt.

Das ist verschmerzbar, aber schade, weil gerade die STADT sehr viel atmosphärisches Potenzial bietet. Im Anhang erklärt Marr, dass das Buch vom Lied „Far From Home“ der Band Five Finger Death Punch inspiriert wurde. Dort heißt es zu Anfang „Another day in this carnival of souls …“ „Carnival of Souls“ war auch der Arbeitstitel des Buches und dieser Basar der Seelen spielt eine entscheidende Rolle. Es ist der einzige Ort, der wirklich ausgearbeitet und greifbar ist. Selbst über die Menschenwelt erfahren wir ansonsten nicht viel. Ok, man könnte sagen, dass wir die ja eh schon kennen. Aber in einigen Absätzen wird erwähnt, dass die Menschenwelt stark durch die hierher verbannten Maga beeinflusst wird. Was das bedeutet, wie sich diese Beeinflussung auswirkt, bleibt jedoch im Dunkeln.

Irgendwie unangenehm

Leider, und damit sind wir bei oben genanntem Punkt 2, betrifft die Oberflächlichkeit auch die Figuren. Diese werden nicht groß beschrieben, sondern sollen durch ihr Handeln für sich sprechen. Das ist natürlich völlig in Ordnung, eigentlich sogar wünschenswert. Irritierend ist nur, dass ich dadurch zum Beispiel die ganze Zeit dachte, Aya und Belial seien erwachsen. Erst auf den letzten Seiten, als sie auf Mallory treffen, erfahren wir dank deren Schilderung, dass die beiden Teenager sind.

Am schwierigsten aber ist die Figur von Mallory. Wenn man „Untamed City“ als Romantasy einordnen möchte, ist sie die Hauptfigur, und viele der Kapitel sind aus ihrer Sicht erzählt (wobei die Perspektive manchmal auch mittendrin wechselt, was ebenfalls irritiert). Aber eigentlich erfahren wir NICHTS über Mallory. All ihre Kapitel drehen sich entweder um die Beziehung zu ihrem (Zieh-)Vater oder ihre Liebe zu Kaleb, aber sie scheint weder Hobbys noch einen Schulalltag, eine eigene Meinung oder sonst irgendetwas zu haben, was normale 17-jährige Mädchen so auszeichnet. Sie erhält von ihrem Vater Zaubertränke, die verhindern sollen, dass sie ihre wahre Natur (TM) entdeckt. Die trinkt sie auch bereitwillig, weil ihr Vater es ihr ja sagt – selbst dann noch, als sie längst merkt, dass sie unter einem Zauberbann steht und von ihrem Vater angelogen wird. Einerseits finde ich es sympathisch, wie die Beziehung zwischen Mallory und ihrem Vater nicht dem Jugendromanschema F aus Enttäuschung, Wut und Flucht folgt, andererseits ist Mallory einfach die passivste, fremdbestimmteste Figur, die ich in der YA-Fantasy je erlebt habe.

Man könnte argumentieren, dass das durchaus Absicht ist. Immerhin ist auch der erste Impuls ihres leiblichen Vaters, als er von Mallorys Überleben erfährt, dass er sie – ohne Mallorys Zustimmung oder gar Anwesenheit – verheiratet und dieses Bündnis an die Bedingung knüpft, dass sie aber bitte innerhalb eines Jahres schwanger werden soll. Und sorry, aber spätestens an dem Punkt muss ja jedem klar sein, dass Marr Mallory absichtlich zum passiven Spielball in der Politik zwischen Daimonen, Menschen und Maga machen wollte.

Zudem hat Mallory mit der Figur von Aya eine Antithese. Aya lässt sich wiederum von niemandem etwas sagen und bringt (vermeintlich) sogar ihren Verlobten um, weil sie ihn zwar liebt, aber keine Ehefrau und vor allem keine Mutter werden möchte. Stattdessen kämpft sie in dem Wettbewerb, der es ihr ermöglichen soll, Politikerin zu werden. Klingt feministisch und ich würde es Marr sogar verzeihen, dass sie das Bild der starken Frau (wiederum TM) hier nur darauf reduziert, dass Frau halt dickköpfig ist und weiß, wie man ein Schwert benutzt. Aber etwa in der Mitte des Buchs, in der Aya eh aus dem Nichts eine Drehung um 180 Grad macht, erfährt man, dass sie eigentlich gar keine politischen Ambitionen hegt. Ihr Problem ist bloß, dass sie verbergen muss, zur Hälfte Maga zu sein; würde sie ein Kind bekommen, könnte sie ihre Herkunft nicht mehr verbergen.

Bis hierhin kann man das alles noch unter enttäuschend, aber nicht weiter bemerkenswert abtun. Aber das Ding ist, dass in der STADT Sex und Gewalt eine sehr große Rolle einnehmen. Dass der Spagat zwischen einer solchen Welt und Jugendfantasy durchaus gelingen kann, zeigen Darren Shans „Dämonicon“ oder Jay Kristoffs „Nevernight“. Dass er auch misslingen kann, sehen wir dagegen in „Untamed City“.

Ein paar Ideen sind hier zwar seltsam, aber mir auf eine krude Art sympathisch – beispielsweise, dass einige Daimonen, wenn sie eine Frau sehen, diese erst mal von Kopf bis Scham beschnüffeln. Ich meine, es ist unfreiwillig komisch, passt aber zur Charakterisierung der Daimonen und gibt ihnen und dem Buch etwas … Eigenes. Auch die Kampfszenen in der Arena sind in Ordnung, und überhaupt bietet die aus Assassin*innen, Prostituierten und Zuhälter*innen bestehende Daimonengesellschaft eine gewisse Abwechslung innerhalb der YA-Fantasy.

Aber dann ist da diese Szene, in der Kaleb eine Dienerin mehr oder weniger vergewaltigt und ab da war es dann doch vorbei mit dem Buch und mir.** Bis hierhin haben wir Kaleb als sympathischen Perspektivträger erlebt, der auf seine Tätigkeiten als Attentäter und Prostituierter mit einer Mischung aus Pragmatismus und Abneigung blickt. In den richtigen Momenten zeigt er außerdem Skrupel und wir mögen es, wie er sich um sein Rudel kümmert. Aber dann kommt diese schräge Szene, in der er Mallory deren Vater abkauft und öffentlich mit ihr schlafen soll, um den Vertrag zu besiegeln. Da Mallory aber nicht vor Ort ist, braucht es eine Ersatz-Sexpartnerin und da nimmt Kaleb halt eine von Marchosias Dienerinnen, weil die gerade da ist. Die Gute gibt ihm zwar noch ein halbherziges Einverständnis, weil sie damit Schulden abbezahlen kann und Marr gesteht Kaleb einen Absatz zu, in dem er ein paar Bedenken äußert. Aber es passiert halt trotzdem und es wird ziemlich ersichtlich, dass Kalebs Partnerin schlicht keine Wahl hätte. Dass sie ihm sagt, es sei okay, wirkt insofern nur wie ein schwacher Versuch, die Lesenden zu beruhigen. Und auch wenn das innerhalb der Daimonengesellschaft Sinn geben mag, ist es scheiße, zumal es Kaleb hinterher nicht mehr groß belastet oder auch nur beschäftigt. Hinzu kommt, dass es jegliche Möglichkeiten zerstört, die Beziehung zwischen Kaleb und Mallory als eine zwischen Gleichgestellten zu betrachten. Schließlich weiß Mallory gar nichts davon, dass sie gerade rituell mit einem Typen verheiratet wird, den sie erst seit ein paar Wochen kennt und der sie ihrem unbekannten Vater abgekauft hat.

Es gibt Szenarien, in denen so etwas schlüssig sein kann. In einem Grimdark-Roman mit entsprechend eingeführter Gesellschaft und Atmosphäre – okay. Wäre nicht mein Fall, könnte da aber funktionieren. Aber scheiße, doch nicht in einem Romantasy-Roman, der versucht, seinen Protagonisten zum Sympathieträger zu machen! Bei aller Liebe zu Genrebrüchen, so wirkt diese Szene und alles, was daran hängt, einfach nur extrem unangenehm und letztlich unangebracht.

Nichts Halbes, nichts Ganzes …

Meine ursprüngliche Vermutung war, dass Marr nach der erfolgreichen Sommerlicht-Reihe schnell etwas Neues in Richtung YA-Romantasy liefern sollte. Das würde die vielen unausgereiften Stellen erklären, und damit ließe sich auch erklären, wie sie auf die Idee kam, eine Romantasy-Handlung in einem Grimdark-Setting anzusetzen. Im Nachwort kann man allerdings nachlesen, dass das Buch im Gegenteil ein Herzensprojekt von Marr war, das sie zunächst ohne Absprache mit ihrer Agentur oder einem Verlag begonnen hatte.

Insofern … bin ich etwas ratlos. Vielleicht wollte Marr wirklich einfach ein Experiment wagen und zwei Genres bzw. Bewegungen mixen, die auf den ersten Blick unvereinbar wirken.

… und trotzdem nicht ohne Reiz

Ich muss Marr letztlich lassen, dass sie einen sehr unverwechselbaren Roman geschaffen hat. Das Setting hebt sich definitiv ab von anderer YA-Fantasy, und die positiveren Rezensionen heben auch genau das hervor.***

Trotzdem bleibt am Ende gerade deshalb Enttäuschung. Das Setting und die Grundidee hatten ein immenses Potenzial, das nicht ausgeschöpft wurde. Einfacher wäre es gewesen, den Mallory-Strang herauszunehmen und die Handlung auf die STADT und auf Kaleb und Aya zu konzentrieren. Damit hätte der Roman die Kurve bekommen können.


*Ich verzichte hier gemäß der Buchlogik bewusst auf eine inklusivere Schreibweise.
**Emotional vorbei – weitergelesen habe ich trotzdem.
***Im Übrigen habe ich Zweifel, dass der Roman heute noch erscheinen könnte. Nur sechs Jahre später ist die Diskussionskultur so verändert, dass „Untamed City“ zumindest heftige(re) Kritik erwarten würde.

Allgemein

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