Zum digitalen Conjahr 2020 …

(… aus Teilnehmerinnensicht)

Die Frankfurter Buchmesse ist vorbei, der BuCon ist vorbei. Letztes Jahr um diese Zeit war ich an einem Punkt der Befremdung angelangt. Der übliche Con-Blues blieb aus, stattdessen war ich frustriert. Die Szene wirkte festgefahren auf mich, eingefroren in einer endlosen Abfolge aus Lesungen und schläfriger Behaglichkeit.

Plötzlich ausgebremst

Dass mir das im letzten Jahr so deutlich auffiel, lag vermutlich nicht nur an der Szene selbst. Ich hatte 2019 viel zu viel Energie – die dauerschlafende Alessandra von heute kann da nur mit Verwunderung draufgucken. Fast jedes Wochenende fuhr ich zu irgendwelchen Veranstaltungen und auch für den Hauptjob war ich viel auf Tagungen unterwegs. Meistens ging es dabei um Digitalisierung in verschiedenen Bereichen von Industrie bis zu Care-Arbeit. Auch auf diesen Veranstaltungen war natürlich nicht alles super und ideal, auf keinen Fall. Aber hier ging es nicht nur darum, Leute zu treffen oder Produkte zu bewerben, sondern es ging um das Teilen von Wissen. Ich habe in diesem Jahr viele ungeahnte Perspektiven kennengelernt, hatte zahlreiche neue Ideen und das Gefühl, die Welt ein bisschen besser zu verstehen.

Und dann waren da die Cons. Früher fühlte ich mich dort daheim und entschleunigt, plötzlich aber eher ausgebremst. So interessiert die Phantastik an Innovation ist, so cozy und traditionell schätzt sie ihre Treffpunkte. Austausch von Ideen oder Meinungen? Weitgehend Fehlanzeige. Ein Workshop hier und da ist oft schon der Gipfel an Abwechslung, und visuellen Content bieten die wenigsten.

Bis hierhin habe ich eigentlich nur wiederholt, was ich letztes Jahr schon geschrieben hatte. Ich hatte danach etwas Angst vor den Reaktionen. Was, wenn nur ich so empfinde? Wenn ich der Eindringling bin, der von diesen Treffpunkten etwas erwartet, was die anderen schlicht gar nicht wollen? Aber ich bekam Zuspruch, weitaus mehr, als ich erwartet hatte, selbst von Con-Betreibern. Einige hatten für 2020 ohnehin Änderungen geplant.

Trotzdem überlegte ich, 2020 meine Con-Zeit zu reduzieren und bedauerte nur kurz, dass ich z. B. zugunsten der re:pulica auf das PAN-Branchentreffen verzichten musste.[1] Vielleicht erwartete ich zu viel, weil ich zu oft auf diesen Treffen herumhing? Vielleicht würde ich die Behaglichkeit wieder zu schätzen lernen, wenn ich nur zwei Mal im Jahr zum emotionalen Gruppenknuddeln fuhr?

Mit Twitch und Discord zum Digitalcon

Dass 2020 mir die Entscheidung aus der Hand nehmen würde, hatte ich nicht erwartet. Dass es die Szene zum Umdenken zwingen würde, ebenfalls nicht. Trotzdem kam es so und wenn ich ein vorläufiges Fazit ziehen darf: Bei allem Negativen, was sich über 2020 sagen lässt, hat es auch an vielen Stellen ein bitter nötiges Umdenken mit sich gebracht. Nicht nur unter den Phantasten, natürlich nicht. Aber an deren Beispiel wird es meiner Meinung nach auf schöne Art deutlich.

Viele Cons wie der FeenCon, der BuCon oder der NordCon fanden online statt. Das hätte in einem großen Chaos enden können – einige wissenschaftliche Tagungen haben das eindrucksvoll demonstriert. Es hätte auch in einer großen Verweigerung enden können, einem Unwillen, sich der digitalen Herausforderung zu stellen. Aber stattdessen wurde die Herausforderung angenommen und herausgekommen sind ein paar sehr solide virtuelle Veranstaltungen, die meiner Meinung nach den analogen inhaltlich nicht nachstehen.

Die drei genannten Cons wurden mit Verbindungen aus Discord, Twitch und Skype realisiert.[2] Technisch gesehen hat das gut funktioniert. Klar hat es hier und da mal gehapert, manches Mikro wollte nicht so richtig, die technische Ausstattung war nicht immer die idealste und manchmal hat einem als Besucher*in der Überblick gefehlt. Aber hey, dafür dass vieles kurzfristig aus dem Boden gestampft werden musste und mancher vorher noch nie einen Stream mitgemacht hat, war das super! Glaubt mir, da hab ich dieses Jahr echt andere Sachen mitbekommen. Hier hat sich gezeigt, dass die Szene eigentlich digital ziemlich versiert ist, nicht zuletzt vermutlich auch dank der Verwandtschaften Richtung Gamer-Szene, schließlich sind Discord und Twitch traditionell deren Plattformen.

Neue Möglichkeiten

Aber nicht nur in technisch-digitaler Hinsicht war das eine solide Angelegenheit. Ich hatte den Eindruck, dass weitaus mehr Überlegungen als sonst in die inhaltliche Planung geflossen sind. Es gab Chat- und Ausstellungsräume, außerdem wurden viele Diskussionen angeboten. Beim FeenCon fand ich toll, dass dabei viele Leute und Verbindungen zum Zuge kamen, die man sonst nicht auf jedem Podium sitzen hat[3], beim BuCon haben mich vor allem die Babbeltische überzeugt, denen man mit Video beitreten konnte. Und der DreieichCon, der am 21. und 22. November stattfindet, wagt sich sogar an ein internationales Konzept, was einfach derbst cool ist.

Besonders positiv wurde ich dieses Jahr auch von den Lesungen überrascht. Wichtig zu sagen: Die will ich gar nicht komplett missen, weder als Autorin noch als Konsumentin. Ich finde es nur schade, wenn sie das alleinige Programm darstellen. Jedenfalls hatte ich bei ihnen am meisten Zweifel, dass sie digital funktionieren können, da sie ja ein Stück weit von der Aura der schreibenden bzw. vortragenden Person leben, und von der Interaktion mit dem Publikum. Aber auch das funktioniert online gut, vor allem auch deshalb, weil den Lesenden klar ist, dass es nicht immer reicht, eine Stunde monoton vor sich hin zu lesen. Stattdessen werden Notizbücher in die Kamera gehalten, per Screensharing Karten oder Illustrationen gezeigt u. v. m. Und via Stream oder interaktiver Tools kann das Publikum miteingebunden werden.[4] Außerdem ist das Publikum tendenziell größer: So viele Zuschauende wie bei meiner digitalen Sommerlande-Lesung im Rahmen des FeenCon hatte ich noch selten. Selbst die Verkäufe im Anschluss über den Discord-Stand des Verlags waren solide, obwohl keine Signaturen möglich waren.

Überregional und tendenziell barriereärmer

Damit sind wir auch beim nächsten Thema: Digitale Cons sind tendenziell ressourcensparender – sowohl für die Ausrichtenden als auch für das Publikum. Die Leute müssen hierfür keinen kompletten Tag reservieren, sondern können einfach mal reinschalten. Sie müssen nicht von Kiel nach Freiburg fahren, sondern setzen sich nur an den PC. Als angenehmen Nebeneffekt haben sich zudem die Subszenen dieses Jahr etwas mehr vermischt als sonst (bleibt aber ausbaufähig). Und wenn man aus gesundheitlichen, familiären oder sonstigen Gründen gerade nicht vor die Tür möchte oder kann, kann man trotzdem teilnehmen.

Klar, auch digitale Veranstaltungen sind nicht völlig inklusiv. Abgesehen davon, dass die digitale Barrierefreiheit mancher Tools noch sehr zu wünschen übrig lässt – von gezeigten Inhalten ganz zu schweigen –, kann auch nicht jede*r an den Streams selbst teilnehmen. Beim einen hadert es am passenden Mikrofon, bei der nächsten am schlechten Netzempfang und die dritte Person ist vielleicht schlicht überfordert, wenn ihr auf einmal gesagt wird, sie solle Discord installieren. Ganz ehrlich, drei Jahre früher wäre ich auch noch ziemlich hilflos gewesen, und ich denk eh – wir haben in digitaler Hinsicht echt Glück, dass uns die Pandemie nicht zwanzig Jahre früher erreicht hat.

Jedenfalls, diese Barrieren müssen mitbedacht und, soweit möglich, nach und nach abgebaut werden, vor allem, falls es nicht bei einem Onlinejahr bleibt – und ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass es dabei bleibt.

Hybride Chancen und ein paar Bedenken

Insofern muss jetzt in die Zukunft gedacht werden. Und dabei ist mir klar, dass nicht alle so enthusiastisch wie ich sind. Vielen reichen die (Video-)Chaträume nicht, für sie fehlt das direkte, persönliche. Ich hätte zwischendurch auch gerne mal an meinem BuCon-Tisch einen Kaffee getrunken, und mir hat das GaFo gefehlt. Ebenso wie mir die Messeatmosphäre gefehlt hat. Während mir die digitalen Cons gut gefallen haben, war ich beim Angebot der FBM einfach nur von der Masse überfordert. Das war kein Treibenlassen mehr, das war nur das übliche Netz-Überangebot.

Zudem können leider mit virtuellen Ausstellerräumen nicht alle Händler*innen abgeholt werden. Das Schöne ist ja eigentlich gerade, dass man bei ihnen z. B. Kleidung oder Schmuck auch mal anprobieren kann, und ein virtueller Wein ist irgendwie unbefriedigend. Die Märkte haben mir dieses Jahr wirklich sehr gefehlt, und dabei bin ich nur Konsumentin. Ich kann nur erahnen, wie die Situation der Standleute ist bzw. muss dazu auf Schilderungen etwa des Deutschen Schaustellerbund e. V. zurückgreifen.

Also, wie kann sie aussehen, die Zukunft der Cons? Idealerweise hybrid. Schön wäre es also, wenn die Cons, sobald es ihnen möglich ist, durchaus wieder analog stattfinden, mit Märkten, Workshops, Versteigerungen[5], Keksecken usw. Zugleich könnten Sie aber auch einen Stream von den Veranstaltungen aus anbieten oder Höhepunkte aufzeichnen, oder es gibt eine Mischung aus analogen und digitalen Cons. Vielleicht auch virtuelle Angebote übers Jahr verteilt, z. B. in Zusammenarbeit mit bereits bestehenden Podcasts und Co.?

Vereinzelt gab es das ja durchaus auch schon vor 2020, aber die Bereitschaft und das Publikumsinteresse daran sind glaube ich gestiegen. Außerdem ist die Bereitschaft gestiegen, sich aufzeichnen zu lassen. Ich weiß selbst, wie schwierig es noch vor einigen Monaten war, Leute dazu zu überreden, Interviews oder Vorträge mit ihnen online stellen zu dürfen. Die Angst war sehr groß, etwas Falsches zu sagen und damit Kritik auf sich zu ziehen. Diese Angst ist nicht völlig verschwunden – ich kenne sie ja auch von mir selbst –, aber sie ist abgeflacht durch die neue Normalität der Aufzeichnungen.

Was aber an einigen Stellen mehr mitbedacht werden sollte, ist das Thema des Datenschutzes. Dieses Jahr hat einmal mehr gezeigt, dass die Regelungen, die mit der DSGVO bestehen, vielleicht gut gemeint, aber nicht wirklich praxistauglich sind. Dass sich manche Bereiche des öffentlichen Dienstes mit Streams und Co. so schwer tun, liegt auch nicht nur daran, dass für sie Twitch und Co. ein Buch mit sieben Siegeln sind, sondern auch, dass es für sie problematisch ist, solche Tools zu nutzen. Die Diskussionen zu Zoom haben die meisten ja wahrscheinlich mitbekommen, und sie kommen nicht von ungefähr. Ein bisschen sollte man das Thema schon auf dem Schirm haben, sich bei den aufgenommenen Personen zumindest mit Einverständniserklärungen absichern und vielleicht auch nach datenfreundlichen Alternativen Ausschau halten. Denn die gibt es durchaus: Viele Barcamps haben dieses Jahr das Tool Venueless verwendet, was aus meiner Sicht eine sehr solide Discord-Alternative darstellt, aber halt nicht kostenfrei ist.[6]  Ach ja, und – Urheberrechtsverletzungen bleiben auch im Stream Urheberrechtsverletzungen und lassen sich in den meisten Fällen ganz wunderbar umgehen, indem man z. B. auf die vielfältigen Möglichkeiten von Creative Commons zurückgreift. Aber das nur am Rande.

Jedenfalls, es hat sich was getan. Das Gefühl des Treibenlassens, das ich 2019 vermisst hatte, ist zurück, ich sehe auch außerhalb des Netzes wieder Bewegung in der Szene.[7] Jo, es ist schade, dass es dafür erst eine Pandemie gebraucht hat. Aber nun, so bleibt die Möglichkeit für etwas Optimismus trotz Corona.


[1] Obwohl ich dazu sagen muss, dass das Branchentreffen – mal ganz unabhängig von den Diskussionen, die es dieses Jahr ausgelöst hat – neben den großen Messen aus meiner Sicht eigentlich am besten den Spagat aus Wissenserwerb und Szenetreffpunkt hinbekommt. Zumal PAN nicht nur einen bestimmten Szeneteil anspricht.

[2] Allerdings kann ich nur bei BuCon und FeenCon auf eigene Beobachtung zurückgreifen.

[3] Überhaupt zeigt sich, dass dies nicht unbedingt die Glanzstunde der großen Namen ist. Es sind eher die mit kleinen, aber treuen Fangemeinden, die als Erstes den Sprung rüber zu Twitch, Second Life und Co. gewagt haben (einige waren da natürlich auch schon vor Corona). Das zeigt sich ganz ähnlich auch in der Musik, dem Einzelhandel und verschiedensten anderen Bereichen. Aber das ist ein Thema, das ich eigentlich gerne noch mal gesondert angehen möchte.
[Edit: Was die „Prä-Corona-Digitalangebote“ der Szene angeht, bitte auch den Kommentar von Thorsten Küper beachten, der virtuelle Second-Life-Cons veranstaltet. Überhaupt gibt es eine Menge digitaler Phantastikangebote, die die Szene schon lange bereichern, aber auch das ist noch mal einen separaten Post wert.]

[4] Mag in Sachen interaktiver Tools derzeit z. B. Tricider gern, auch wenn das jetzt im Con- und Streamingkontext noch wenig Anwendung gefunden hat.

[5] Oh, die FeenCon-Versteigerung hat mir wirklich gefehlt …

[6] Es ist übrigens sehr unfair, europäischen Unternehmen vorzuhalten, dass sie keine so eingängigen Lösungen wie Zoom bereithalten, dabei aber nicht mitzubedenken, dass sie datenschutzmäßig ganz andere Auflagen als US-Tools erfüllen müssen. Andererseits können europäische Tools auch oft nicht mithalten, was das Thema Barrierefreiheit angeht. Während das in den USA auch für die Privatwirtschaft fest verankert ist, kann man hierzulande froh sein, wenn der öffentliche Dienst (der spätestens seit September diesen Jahres eigentlich dazu verpflichtet ist) das mitbedenkt.

[7] Na gut, sagen wir: außerhalb von Social Media.

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