Septemberansichten 2020

… in denen wir u. a. auf digitale und analoge Veranstaltungen und Preisverleihungen verweisen, uns über mangelnde Medienkompetenz ereifern, uns über andere Sachen nicht mehr aufregen und etwas Werbung machen.

Von Dokomi bis zum Buchblog Award: Veranstaltungen und Awards

Der September kam und ging und wenn ich mich nicht ganz täusche, blieben große Phantastik-Aufreger aus. Oder war dieser Sturm im Wasserglas, als die Frankfurter Buchmesse vermeintlich nur noch Bloggende mit großer Followerreichweite reinlassen wollte, schon im September? Weiß ich nicht mehr genau, stellte sich aber ohnehin als Missverständnis heraus. Und später dann als weitgehend redundant, weil die FBM dieses Jahr – große Überraschung! – mit Ausnahme eines Liveprogramms und des Bookfests digital stattfindet (14.-18. Oktober). Ebenso wie der BuCon, das alljährliche Phantastik-Familientreffen (17./18. Oktober).

Ebenfalls digital wurde in sehr abgespeckter Form die diesjährige Tagung der Gesellschaft für Fantastikforschung abgehalten: Über YouTube lassen sich noch die beiden Panels zu „SF and historical voices“ sowie zu „Indigenous Futures“ abrufen.

Nicht digital fand dagegen am 26. und 27. September die Anime- und Mangamesse Dokomi in Düsseldorf statt. Da kochten die Emotionen dann aber doch hoch: Trotz umfassenden (und offenbar solide eingehaltenen) Hygienekonzepts hagelte es Kritik an der Veranstaltung. Einen kurzen Bericht hat RP Online veröffentlicht.

Andere analoge Cons blieben dagegen von (größerer) Kritik verschont, darunter auch der Leipziger ElsterCon, der sich das Thema des Klimawandels auf die Fahnen geschrieben hatte. Hier wurde der diesjährige Kurd-Laßwitz-Preis verliehen, der u. a. an Andreas Eschbach (Bester Roman für „Perry Rhodan – Das größte Abenteuer“), an Jaqueline Montemurri (Beste Erzählung für „Koloss aus dem Orbitt“) und an das Team des Science Fiction Jahr 2019 (Sonderpreis für dessen Rettung via Crowdfunding) ging – was der perfekte Moment dafür ist, darauf hinzuweisen, dass jüngst das Science Fiction Jahr 2020 veröffentlicht wurde.

Aber zurück zum Thema Preise und Awards: Ebenfalls verliehen wurde der Phantastikpreis der Stadt Wetzlar, der – wie bereits im Juli bekannt gegeben – dieses Jahr an Joana Osman für deren Debüt „Am Boden des Himmels“ ging.

Lächelnde Frau mit Buch in der Hand und Mann mit Mikrofon
Joana Osman erhält den Phantastikpreis der Stadt Wetzlar im dortigen Rathaus (Foto von Klaudia Seibel)

Rein digital lief wiederum die Verleihung des Deutschen Science Fiction Preises ab. Hat aber den Vorteil, dass man die Veranstaltung auf YouTube nachschauen kann. Die Preisträger, Tom Turtschi (Beste Kurzgeschichte für „Don’t be Evil“) und Bijan Moini (Bester Roman für „Der Würfel“), wurden bereits im Mai bekanntgegeben.

Darüber hinaus veröffentlichte das Team des Buchblog Awards dessen Longlist für das Jahr 2020. In Sachen Phantastik finden sich auf der Liste u. a. die Podcasts Tollkühn – Ein Mittelerde-Podcast (Bester Newcomer) sowie PhanLiTa (Bester Verlagsblog). Der Siegerblog bzw. -podcast wird am 18. Oktober verkündet.

International wurde der Arthur C. Clarke Award vergeben (an „The Old Drift“ von Namwali Serpell), hierzulande veröffentlichte SF Lit außerdem eine Longlist für dessen internen Award.

Keinen Award, aber dafür eine Liste strebt wiederum TOR Online an. Nachdem im letzten Jahr bereits die 100 besten Science-Fiction-Romane gesammelt wurden, geht es dieses Jahr ans Fantasy-Äquivalent. Noch bis 11. Oktober kann jeder dafür die seiner*ihrer Meinung nach fünf besten Fantasytitel einreichen (Details im Link).

Zombies, Pflanzen, Amazonen und zwei Seufzer: Artikelrundschau

Apropos TOR Online: Dort ging im September mein Artikel zu Zombies online.* Judith Madera wiederum hat sich Pflanzen gewidmet, die in der Science Fiction eine Rolle spielen. Und auf Skalpell und Katzenklaue entließ Peter Schmitt einen unterhaltsamen Artikel zu Janrae Frank und deren Sammelband „In the Darkness, Hunting“ in die Öffentlichkeit.

Ah, und wenn mir beim Thema Artikel sind, fällt mir doch noch eine Kontroverse ein, die Anfang des Monats Social Media beherrschte: Jill Criswell berichtete von ihren Reisen in fünfzig Länder und wie sie das zu ihren Fantasyromanen inspiriert hat. Das hätte vermutlich keine so hohen Wellen geschlagen, hätte der Beitrag nicht den Titel „Want to Be a Fantasy Writer? You need to travel“ getragen.

Wisst ihr, manchmal glaub ich, 80 % unserer Netzprobleme würden enden, wenn wir mit dem Clickbaiting aufhören würden. Rein nach der Überschrift war ich auch empört. Es hat mich an den Kulturwissenschaftsprofessor erinnert, der in einem Seminar sagte, man könne kein*e gute*r Wissenschaftler*in sein, wenn man nicht um die Welt reise und Kulturen kennenlerne dabei war ich zu dem Zeitpunkt schon froh, wenn ich die 20 km zur Uni bewältigt bekam. Meine Forschungsthemen konnte ich dennoch bearbeiten.

Mit dem Schreiben von Fantasy ist es ganz ähnlich. Klar bekommt man beim Reisen neue Eindrücke. Klar kann einem das helfen. Aber es gibt auch viele andere Möglichkeiten zur Inspiration, und eine Reise kann auch um die nächste Straßenecke führen. Ebenso wie es Kulturen gibt, die man vor der Haustür antreffen kann.

Aber der Witz ist: Man muss gar nicht so weit ausholen für diesen Artikel von Criswell. Es ist mehr ein im Grunde recht nichtssagender Blogpost, in dem die Autorin beschreibt, wie ihre Reisen sie zu ihren Büchern inspiriert haben. Ohne die Überschrift wäre das kein Zucken wert.**

Aufregender ist da das Kapitel aus Christian Stöckers „Das Experiment sind wir“, das vorab auf Die Zukunft veröffentlicht wurde. Inhaltlich nichts Neues, aber man kann nicht oft genug der Frustration darüber freien Lauf lassen, wie sich gerade intellektuelle Kreise der Digitalisierung verwehren (ja, ich schaue dich an, Hochschuldeutschland!). Die Probleme sehe ich aber gar nicht so sehr im mangelnden Interesse an der Technik, sondern mehr im fehlenden Verständnis der damit einhergehenden sozialen Mechanismen. Medienkompetenz, Leute! Schon mal gehört? Das ist nicht nur, dass man weiß, wie man ein Tablet startet, es ist noch nicht mal, dass man weiß, wie man eine App programmiert. Sondern das ist auch, ein Grundwissen von der Netzcommunity, deren Strukturen, Funktionaliäten und Macht zu haben.*** Ich gebe Workshops zur digitalen Quellenrecherche für Studierende. In der Regel sind das Digital Natives, die sich der Digitalisierung auch nicht aktiv verwehren. Trotzdem können sie erschreckend oft einen Werbeartikel nicht von einer Reportage unterscheiden und einen Artikel der DWN nicht von einem aus FAZ oder der Zeit. Und das ist jetzt kein Rumgemaule über eine bestimmte Generation, ich bin mir sicher, dass das durch die Bank bei allen Altersklassen ähnlich ablaufen würde. Aber es ist fucking erschreckend und die Problematik dieser mangelnden Medienkompetenz echt vielen nicht im Geringsten bewusst. (Im genannten Kapitel ging es davon ausgehend um den Wert der Science Fiction, falls sich jemand fragt, was das Ganze hier zu suchen hat.)

Nachrufe: Ron Cobb und Terry Goodkind

Leider blieb auch der September nicht von Todesnachrichten verschont: An seinem 83. Geburtstag verstarb am 21. September Filmdesigner Ron Cobb, der an zahlreichen SFF-Klassikern wie „Star Wars“, „Alien“ oder „Conan der Barbar“ (1983) mitwirkte. Vier Tage zuvor verstarb mit 72 Jahren der (höflich ausgedrückt) umstrittene Autor Terry Goodkind, dessen „Schwert der Wahrheit“-Romane zu den großen Klassikern der Fantasy zählen.

Herbstdinge

Abschließend noch ein paar Hinweise auf kommendes Fiktionales aus dem Hause Reß:**** Mitte Oktober erscheint „Die Türme von Eden“, ab 01.10. bin ich außerdem mit Beiträgen (ok, bisher nur mit einem Beitrag) in der Kurzgeschichten-App Smart Storys vertreten. Ebenfalls noch im Herbst sollen die beiden Anthologien „Wenn die Welt klein wird und bedrohlich“ (Blitz) sowie „Geschichten aus dem Keller“ (ohneohren) erscheinen, ebenfalls mit jeweils einem Beitrag von mir. Wenn hier ein Erscheinungsdatum vorliegt, kommuniziere ich es natürlich. Bis dahin aber erst mal einen schönen Oktober auch wenn der für die Phantastik etwas ungewohnt (da-)heimelig ablaufen dürfte …


*Ich wurde darauf hingewiesen, dass der im Text genannte Roman „Der Übergang“ zwar Zombiemotive beinhaltet, die Monster darin aber als Vampire bezeichnet werden. Sorry, solche Fehler passieren; werde darum bitten, diesen Titel herauszunehmen.
**Allerdings hätte es dann auch weniger Klickzahlen gegeben, also simma einfach alle mal wieder dem Netzungetüm auf den Leim gegangen.
***Andererseits, wenn die Leute diese Macht bemerken, resultiert es nur im überstürzten Löschen eines Referats-Twitteraccounts, also was soll’s.
****Ich will ein Wappen und ein paar fancy Titel.

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