[Random 7] Rund um „Die Türme von Eden“

Die letzten Top-/Random 7 sind schon eine Weile her. Ich hab das Gefühl, erst mal wieder mehr lesen zu müssen, damit ich nicht immer dieselben Titel nenne. Aber eigentlich sagt ja niemand, dass es da immer nur um Buchtitel gehen muss![1] Daher zur Abwechslung eine Siebener-Runde, in der ich einfach dieses und jenes (hoffentlich) Wissenswertes rund um Inhalte und Entstehung zu meiner Oktoberveröffentlichung „Die Türme von Eden“ erzähle. Natürlich spoilerfrei.

(1) Geflügelträume in Space

Manchmal träume ich, mir würden Flügel wachsen und ich würde munter umherfliegen. Je nachdem, welche Quelle ich dazu befrage, kann das u. a. auf hochtrabende Ideen, auf Unruhe, Konfliktlösung, Glück, Krankheit, Fernweh, ein Beziehungsende, Erfolg oder spirituelle Sinnsuche hinweisen. Hm. Auf jeden Fall find ich diese Träume bzw. das Körpergefühl in ihnen einfach nur fantastisch. Ich kenne kein vergleichbares reales Gefühl und finde den Moment des Aufwachens aus solchen Träumen für gewöhnlich ziemlich enttäuschend.

Was mache ich, wenn ich einen Traum festhalten will? Genau, ich schreibe zu ihm eine Geschichte. Und aus diesen Geflügelträumen sind gleich eine ganze Reihe von Erzählungen entstanden. Die Geflügelten bezeichne ich dabei meistens der Gewohnheit und Symbolik halber als Engel, wenngleich es meist eher SF-Engel sind, die ihre Flügel der Kultur und nicht ihrer Natur verdanken.

Ich finde, dass solche künstlichen „Engel“ grundsätzlich eine ganze Reihe spannender Überlegungen eröffnen, angefangen von der Frage, wonach sich entscheidet, wer Flügel bekommt bis hin zur der, was das aus den Träger*innen macht. Antworten darauf gebe ich z. B. in meinen Kurzgeschichten „Schutzengel“ und „Neophyt auf Eden“. Letzteres spielt ja, wie schon häufiger erwähnt, in derselben Welt wie „Die Türme von Eden“, der Sprung von den Kurzgeschichten- zu den Romanengeln ist also nicht weit. Zentral war das Engelsthema aber auch in meinem abgebrochenen Projekt „Angela“, über das ich hier ein wenig geredet habe. Aus „Angela“ sind ebenfalls einige Versatzstücke in „Die Türme von Eden“ gelangt (siehe dazu auch Punkt 3).

Übrigens, ich bin ja nicht die Erste, die auf die Idee kam, Engel mit SF zu verbinden. Wenn euch das Thema interessiert und ihr „Die Türme von Eden“ schon durch habt, schaut euch z. B. mal „Maximum Ride“, das „Engel“-Rollenspiel oder die Manga-Reihe „Angel Sanctuary“ an. Oder „Eines Menschen Flügel“, bei dem mich zugegebenermaßen ein bisschen fuchst, dass es gerade jetzt herauskommt. Man wünscht sich ja doch immer eine gewisse Unverwechselbarkeit, wenigstens für einen Monat.

(2) Planetenbau

Bevor ich veröffentlicht habe, war ich überzeugte Weltenbauerin. Da wurden enthusiastisch Karten gezeichnet, jeder Kleinstadt eine umfassende Historie angedichtet und selbstverständlich hatte auch noch jede Region ihre Mythen und Sagen. Mit den Veröffentlichungen ist der Detailreichtum aber dem Pragmatismus gewichen. Heute entwickle ich Welten nur noch im Detail, wenn es wie in „Die Sommerlande“ für die Handlung relevant ist.

Auch die Planeten und Monde, auf denen die Handlung von „Die Türme von Eden“ spielt, habe ich ehrlich gesagt nicht bis ins letzte Detail geographisch ausgearbeitet. Aber ich nutze meine Romane auch gerne für soziale „Was wäre wenn“-Fragestellungen. Manchmal – wie in „Liminale Personae“ – ist das für die Handlung zentral, manchmal ist es eher ein Sidefact.

In „Die Türme von Eden“ herrschen auf jedem der Planeten andere soziale Normen und Codes. Obwohl es für die Handlung nicht tragend ist, war das einer der ersten Punkte, für deren Entwicklung ich mir sehr viel Zeit genommen habe. Ich fand es beispielsweise spannend, mit Cuchulain und Demeter zwei Planeten zu erschaffen, die einander normativ eigentlich recht ähnlich sind – nur hat der eine eine patriarchalische, der andere eine matriarchalische Gesellschaftsstruktur. Wie gesagt, für die Handlung ist das nur insofern relevant, als eine der Hauptfiguren und eine wichtige Nebenfigur von dort sind und sie eben entsprechende Erfahrungen und Ansichten mit sich tragen. Aber mir zu überlegen, an welchen Punkten das zu Unterschieden, aber eben auch zu Gemeinsamkeiten führen kann, war eines meiner liebsten Gedankenspiele. Oder auch die Frage danach, wer in einer scheinbar inklusiven, aber technokratischen Gesellschaft (wie sie auf dem Mond Cyberia herrscht) das Nachsehen hätte.

(3) Von Holus nach Eden

Ich mag es, wenn Autor*innen ihre Werke im selben Universum spielen und kleine Anspielungen auf andere Geschichten einfließen lassen. Das muss nichts Großartiges sein, aber eine verbindende Figur oder ein Ort, der in Buch A eine Rolle spielt und in Buch B kurz erwähnt wird – so etwas schafft eine vertiefte Atmosphäre. Vielleicht eine Nachwehe meiner früheren D&D-Romanvorliebe, bei der von Ravenloft bis Drachenlanze ja alles ein bisschen miteinander verbunden war.

Wie auch immer. Jedenfalls spielen auch mehrere meiner Romane und Kurzgeschichten im selben Kosmos. Bisher war das glaube ich nicht besonders offensichtlich, es kam auch (meines Wissens) erst einmal vor, dass es einem Leser aufgefallen ist.[2] Aber zwischen „Spielende Götter“ und „Die Türme von Eden“ hat für mich von Anfang an eine logische Verbindung geherrscht. In beide habe ich Motive aus „Angela“ einfließen lassen, beide behandeln Themen wie Ethik, Glauben und Realität(sverlust) – und beide spielen im selben Kosmos. Zwar müsst ihr „Spielende Götter“ keineswegs gelesen haben, um „Die Türme von Eden“ zu verstehen, es ist nur ein kleiner Gimmick für die Leute, die eben beides kennen.

(4) Feat. Glossar

Mit knapp 500 Seiten ist „Die Türme von Eden“ mein dickster Roman. Und doch kommt er mir schmal vor, wenn ich mir überlege, dass ich darin ein ganzes Sternensystem einführe. Die Krux ist bei sowas ja immer, dass man einerseits das Gefühl einer weiten, durchdachten Welt vermitteln und deshalb auch ein paar fancy „Insider“ und Details einbringen will. Andererseits darf man’s auch nicht übertreiben, der Roman soll nicht mit unnützen Sidefacts überfrachtet werden. Ich denke, ich habe mich da dieses Mal durchaus zurückgehalten, aber ein Glossar gibt es für alle Fälle dennoch. Damit ihr in der interplanetarischen Kommunikation nicht den Überblick verliert :)

(5) Paradiese der 90er

Ich bin mir nicht ganz sicher, wann ich mit den ersten Notizen zu „Die Türme von Eden“ angefangen habe (dessen Arbeitstitel damals btw „Wenn Ikarus fällt“ war). Auf jeden Fall war es noch zu Ende meines Studiums und ich war mit meiner Masterarbeit beschäftigt, in der es um Cyberanthropology und -communitys ging. Entsprechend habe ich in dieser Zeit eine Menge Essays rund um Cyberculture gelesen. Viele von ihnen waren aus den 90er Jahren und wirken aus heutiger Sicht putzig. Internet und Cyberspace galten den Akademiker*innen, die sich damals damit beschäftigten, als freiheitsliebendes Paradies der Underdog-Communitys. An die Schattenseiten, die das mit sich gebracht hat, dachten die wenigsten.[3]

Trotzdem warten viele dieser Essays mit spannenden Ideen auf. Eine Vorreiterrolle hat beispielsweise Arturo Escobar mit seinem „Welcome to Cyberia“ eingenommen, weshalb ich einen der Monde aus „Die Türme von Eden“ eben auch „Cyberia“ getauft habe. Aber nicht nur der Name, auch einige dieser formulierten Vorstellungen haben ihren Weg in das Buch gefunden, auch wenn der Cyberspace hier – anders als in „Spielende Götter“ – eigentlich kaum eine Rolle einnimmt. Am wohl augenfälligsten beeinflussend war das Konzept der Cybermystik.[4] Das ist nicht neu in der Science Fiction – in einem Seminar zu dem Thema haben wir beispielsweise verschiedene Texte von William Gibson besprochen –, aber ich finde es nach wie vor faszinierend.

(6) There’s magic in the air

Eine der häufigsten Fragen, die mir vorab zu „Die Türme von Eden“ gestellt wurde, ist, warum das Buch als Space Fantasy und nicht als Science Fiction eingeordnet wird.

Tja. Nun. Hat sich irgendwie so ergeben.

Unbefriedigende Antwort? Gut, versuchen wir es etwas ausgedehnter. Ich glaube, vor zehn Jahren hätte ich das Buch als Science Fiction bezeichnen können und es hätte niemanden gestört. Aber derzeit sind Genrediskussionen bemerkenswert sensibel[5] und von der Science Fiction wird wieder stärker erwartet, die Science ernst zu nehmen. Bzw. die hard sciences. Und, so viel Ehrlichkeit muss sein, das tue ich in „Die Türme von Eden“ nicht. Natürlich bemühe ich mich um Schlüssigkeit, aber die Frage, wie sich z. B. ein Raumschiff von A nach B bewegt, war für mich so zweitrangig, dass ich sie gar nicht ernst angeschnitten habe.

Zudem existiert im Sternensystem Aditi, dem Schauplatz der Handlung, eine Art von Magie. Die Planeten werden ausschließlich von Menschen bewohnt (Engel mal ausgenommen), aber zuvor lebte dort eine andere Spezies, die inzwischen ausgestorbenen „Schweigenden“. Hinterlassen haben sie Religionen und eine Technologie, die die Menschheit nicht kapiert. Und was sie nicht kapiert, bezeichnet sie eben als Magie. Und was Magie beinhaltet, fällt eher unter Fantasy als unter Science Fiction. Nichtsdestotrotz hoffe ich, dass insbesondere Freund*innen der Soft Science Fiction ebenfalls Freude an dem Buch haben können. J

(7) Die Lianenlüge

Apropos Schlüssigkeit, zum Abschluss noch was Nettes:  Das Schöne an der Recherche, die normalerweise zwangsläufig mit jedem Roman einhergeht, ist ja, dass man immer etwas dazu lernt. Seit „Liminale Personae“ weiß ich z. B., wie man Forellen mit der Hand fängt.[6] Und seit „Die Türme von Eden“ weiß ich, dass man mit Lianen nicht von einem Baum auf den anderen schwingen kann. Die sind dazu nämlich viel zu fest und unnachgiebig! Wenn Tarzan also durch den Dschungel schwingt, nimmt er vermutlich eher Luftwurzeln zur Hilfe. Die sind deutlich flexibler und lassen sich zur Not z. B. auch zu Seilen flechten.

Engel mit Schwert vor Sternenhimmel, daneben ein Cover mit Aufschrift "Die Türme von Eden"
Nix Offizielles, ich spiel bloß rum. (Unter Verwendung von Bildern von Willgard / Pixabay, Free-Photos / Pixabay und des Covers zu „Die Türme von Eden“, Lindwurm Verlag)

***

Sou. Sollte euch das jetzt noch nicht zu viel an Information gewesen sein, gibbet auf der Buch-Unterseite übrigens auch ein Video, in dem ich diversen Kram zu Entstehung, Motiven und Handlung des Romans erzähle.[7] Teilweise doppelt sich das zu dem, was ich hier schon erzählt habe, aber es gibt mehr zu sehen.[8]

Und ansonsten … stay tuned! Erscheinungsdatum für den Roman ist der 15. Oktober, ihr solltet ihn schon in den allermeisten Buchhandlungen problemlos bestellen können.


[1] Der Vollständigkeit halber: „oder um Filmtitel“ – immerhin habe ich auch eine Top 7 zu Comicverfilmungen gemacht.

[2] Spontan kann ich ehrlich gesagt gerade selbst nicht sagen, an welchen Punkten man es denn hätte merken können …

[3] Obwohl viele andere negative Folgen vorhergesagt wurden, die wiederum nicht eingetreten sind. Entfremdung war ein thing.

[4] Habe den Absatz mit der genaueren Erklärung rausgelöscht, da er dafür, dass das Buch noch nicht mal erschienen ist, vielleicht doch schon etwas zu spoilernd wirkte. Bei Interesse kann ich aber gern noch mal nach der Veröffentlichung was dazu schreiben.

[5] Wovon ich irgendwie auch profitiere …

[6] Auch wenn die Erfolge im Praxistest zu wünschen übrig gelassen haben.

[7] War nicht so auf der Höhe am Drehtag und bin daher nicht wirklich zufrieden mit dem Videoergebnis, weshalb ich es auch nicht groß herumgeteilt habe. Aber nu, vielleicht stört es andere weniger, dass man Pferdeschwanz auf der falschen Seite lag, ich in Minute X einen seltsamen Satz gesagt habe usw.

[8] Also … mich.

Phantastik Schriftstellerei Top7

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