Augustansichten 2020

Feat. Hugos und CoNZealand, das Litcamp Heidelberg und Creative Commons, Elisabeth Báthory, Einhörner und progressive Phantastik, Autor*innen und die Corona-Situation, Nachrufe auf Denise Reichow und Thomas R. P. Mielke.

Mit leichter Verspätung schauen wir in die Phantastiknews des Augusts zurück – allerdings in inhaltlich etwas abgespeckter Form. In den letzten Wochen war bei mir einfach zu viel zu tun mit den Druckfahnen zu „Die Türme von Eden“ (nun auch mit Klappentext!), Lektoraten und RL-Bewerbungen*; vor allem in der zweiten Monatshälfte habe ich die Szenediskussionen daher nur am Rande mitbekommen.

Hugo-Problematiken

Schon in den Juliansichten waren die Hugo Awards Thema, welche im Rahmen der diesjährigen digitalen World Con vergeben wurden, genauer gesagt der CoNZealand. Zu den Ausgezeichneten gehören u. a. Arkady Martine (Bester Roman für „A Memory Called Empire“), Amal El-Mohtar und Max Gladstone (Beste Novelle für „This Is How You Lose The Time War“) sowie S. L. Huang (Beste Kurzgeschichte für „As The Last I May Know“). Eine Besprechung aller nominierten Romane wurde von Heike Lindhold auf Teilzeithelden.de veröffentlicht.

(Leider) Mehr Aufmerksamkeit als die Gewinner*innen hat allerdings die Verleihung der Awards bekommen. Diese verlief nicht ganz optimal, was vor allem auf die unbeholfene, überlange und zuweilen den Umständen entsprechend unpassend nostalgische Hugo-Moderation durch George R. R. Martin zurückgeführt wurde. Da ich das selbst nur durch Social Media mitbekommen habe, verweise ich auf die Veröffentlichungen anderer Leute: Einen Bericht zur Moderation inkl. eines Auszugs aus Martins im Anschluss veröffentlichter Erklärung liefert beispielsweise Sam Brooks auf The Spinoff. Selbst für einen Hugo nominiert war die deutsche Schriftstellerin Cora Buhlert, die auf ihrem Blog in mehreren lesenswerten Artikeln sowohl ihre eigene Sicht auf die Zeremonie darlegt, als auch die Reaktionen anderer Phantastik-Akteur*innen sammelt.

Aber nicht nur die Hugo-Verleihung, auch die Con insgesamt standen in der Kritik, u. a. wegen der mangelnden Thematisierung neuseeländischer Phantastik. Darüber spricht die in Neuseeland lebende deutsche Schriftstellerin Janna Ruth auf Patreon.

Früher war alles asimov?

Im Verlaufe der Diskussionen zu den Hugos (inkl. der Retro Hugos) wurde auch wieder der Ruf danach laut, die Klassikerverehrung der SFF beiseite zu lassen und sich auf neuere (und nicht zuletzt diversere) Literatur zu fokussieren. So heruntergebrochen klingt das durchaus sinnvoll. Aber wie jede Diskussion, die 2020 geführt wird, gipfelte natürlich auch diese wieder in Extremen, und es hieß dann u. a., ältere SFF sei per se reaktionär, sexistisch usw. – und Entsprechendes gelte dann auch für die Leser*innen selbiger.

Diese Sicht wird weder „älterer“ (TM) Fantasy oder Science Fiction gerecht, die btw nicht nur aus Asimov und Campbell besteht, noch den Leuten, die gerne diese Klassiker lesen. Und Geschichtsvergessenheit ist halt selten eine gute Idee. Wer einfach nur zur Unterhaltung SFF liest, darf gerne zu den Titeln greifen, die ihm oder ihr eben zusagen. Wer sich mit der Szene beschäftigt, sollte idealerweise aber schon einen Überblick über ihre Vergangenheit haben – ebenso wie über ihr Heute. Ich finde es extremst ungeil, wenn Phantastikexpert*innen über die Entwicklungen aktueller Phantastik schimpfen, aber es ist auch nicht so, als seien Innovationen ein Ding der Gegenwart. Und ohne einen gewissen Überblick starten wir nur immer und immer wieder dieselben Diskussionen, obwohl wir längst weiter sein könnten.** Eleganter drückt das übrigens wiederum Cora Buhlert auf ihrem Blog aus.

Eine analoge Con …

In Deutschland ging die Consaison auch weiter, und das sogar in zum Teil analoger Form. So fand vom 21. bis 23. August in Wesel die NiederrheinCon statt, die Teilzeithelden veröffentlichten dazu ein Interview mit Organisator Markus Pomorin. Ich habe vereinzelt ein paar Tweets und Instagram-Posts von Ausstellenden gesehen, allerdings keine Blog- oder Zineberichte aus Besuchendensicht. Wenn hier jemand was weiß, freue ich mich über einen Hinweis; mich würde mal interessieren, wie das Konzept so angenommen wurde.

… und ein digitales Barcamp

Eine gelungene digitale Veranstaltung war das diesjährige Litcamp Heidelberg, das mit venueless realisiert wurde. Dieses Tool baut auf Big Blue Button auf, ist aber – anders als z. B. Zoom oder WebEx – nicht auf Videokonferenzen spezialisiert, sondern auf virtuelle Veranstaltungen. Ehrlich gesagt war meine Neugier am Tool mit ein Entscheidungsgrund, mich für das Litcamp anzumelden und ich bin positiv überrascht. Die Lösung des FeenCon mit der Einbindung von Twitch, Discord und Skype war ebenfalls gelungen, aber venueless glänzt durch eine höhere Datenschutzfreundlichkeit und bietet sich vor allem bei einem eingeschränkten Teilnehmendenkreis an.

Aber das nur als Exkurs am Rande, kommen wir zu den Inhalten: Ich habe eine Session zu Creative Commons angeboten, was mir in den letzten Jahren ein Stück weit zu einem Herzensthema geworden ist. Gerade im Blog-, aber auch im Social-Media-Bereich könnte eine konsequente Nutzung der Lizenzen viel vereinfachen, zumal sie einen Kompromiss bieten zwischen der Netzfreiheit einerseits und urheberrechtlichen Kontroversen andererseits.

Daher also die Session, die auch recht gut besucht war. Leider kann ich dazu aber nicht, wie ursprünglich angekündigt, eine digitale Aufzeichnung anbieten. In den mit aufgezeichneten Nachfragen ging es etwas weg vom Thema Creative Commons, hin zu medienrechtlichen Fragen allgemeinerer Art. Ich behaupte, halbwegs zu wissen, wovon ich rede, aber da ich keine juristische Ausbildung vorweisen kann (wie auch in der Session erwähnt), verweise ich bei so etwas lieber an eine Rechtsberatung. Ich hoffe aber, bei Gelegenheit einen kleinen Bloggerleitfaden oder einen Screencast zum Thema erstellen zu können. Bis dahin stelle ich hier meine unkommentierten Basis-Folien zur Verfügung (siehe unten).*** Für weitere Infos empfehle ich Open-Educational-Resources.de. Zwar richtet sich die Website vornehmlich an Angestellte im Bildungsbereich, die verständlich aufbereiteten Informationen sind aber weit darüber hinaus interessant.

Startseite der Powerpoint-Folien zu "Creative-Commons-Lizenzen - Was sie sind, wie man sie nutzt, woher man sie bekommt"
Ein Klick auf das Bild startet den Download der Folien

Meine Session fand gleich zum Start statt. Danach habe ich jene von Storydive besucht, die ihr Konzept der Audiowalks präsentiert haben. Diese funktionieren so, dass Storys direkt auf eine Umgebung angepasst werden, welche sich dann während des Hörens wortwörtlich ablaufen lässt. Im E-Learning gibt es vergleichbare Angebote z. B. in der Geographie oder jüngst als Exkursionsersatz. Zweifellos bietet das aber auch für die Literatur einige Möglichkeiten, insbesondere bei Kooperationen mit regionalen Marketingabteilungen. Allerdings sind die Audiowalks vorerst nur für einige wenige Städte wie Karlsruhe oder Mainz verfügbar. Zudem können teilnehmende Autor*innen noch nicht bezahlt werden.

Apropos Städte: Nach Storydive habe ich die Session von Autorin und Landschaftsarchitektin Rafaela Creydt besucht, die quasi eine Einführung in den Städtebau gegeben hat. Auch das sehr spannend und unterhaltsam, nicht zuletzt dank der interaktiven Elemente.

Bis hierhin eine wie gesagt gelungene Veranstaltung, in der mir ehrlich gesagt gar nicht so viel gegenüber einer analogen Veranstaltung gefehlt hat. Allerdings hatte ich nach den drei Sessions erst mal genug davon, den sonnigen Samstag vorm Bildschirm zu verbringen.

In other news: Elisabeth Báthory, Einhörner und Entwicklung

Zu anderen Augustnews in aller Kürze: Nach wie vor ist Corona für den Alltag ziemlich bestimmend. Auf der Website des PAN e. V. sind Kurzinterviews mit Katharina Seck, Andreas Suchanek und mir rund um die Frage erschienen, wie wir die Entwicklungen derzeit wahrnehmen und bewerten.

Um weitaus menschlichere Serienmörder ging es auf Fantasyguide.de: Karin Reddemann veröffentlichte hier einen Überblick zum Leben der „Blutgräfin“ Elisabeth Báthory, der allerdings die Theorien zu möglichen Missinterpretationen ausspart. Meine liebste (wenngleich sehr freie) Báthory-Darstellung ist übrigens die aus der Manga-Reihe „A Midnight Opera“, welche ein ambivalentes Badass-Bild der Unguten zeichnet.

Cover von "A Midnight Opera, Volume 2". Zeigt einen Gitarre spielenden Steinengel, eine geflügelte Frau sowie einen Mann mit Zylinder.
Band 2 von „A Midnight Opera“ von Hans Steinbach (Tokyopop), auf dem Cover ist u. a. Lady Báthory (mit Flügeln) zu sehen

Weitaus wohlwollender geht die Gegenwartsphantastik mit Einhörnern um. Ihnen habe ich einen Artikel gewidmet, der im August auf TOR Online erschien. Fand es sehr interessant, zu diesen Wesen zu recherchieren, über die ich vorher auch nur wenig mehr als ein paar Klischees zu berichten wusste.

Ebenfalls auf TOR Online erschien ein Beitrag von James Sullivan und Judith Vogt, in dem die beiden das Konzept der Progressiven Phantastik vorstellen, das James zuvor schon in verschiedenen Podcasts und auf Twitter ins Gespräch gebracht hatte. Das Konzept spricht sich dafür aus, sich sowohl inhaltlich als auch strukturell stärker von Genrekonventionen zu lösen. Wie im Artikel schon erwähnt, ist das erstmal nichts völlig Neues (womit wir wieder ein paar Absätze weiter oben wären) – ich denke da vor allem auch an China Miéville und die Tradition des New Weird. Dennoch bleibt in der Praxis vor allem hierzulande viel im Vorsichtigen und Bekannen verhaftet. Sich das klarzumachen, Neues zu wagen und reaktionäre Muster zu vermeiden, ist sicher keine schlechte Idee.

Denise Reichow und Thomas R. P. Mielke verstorben

Leider gab es im August zwei Todesfälle in der deutschsprachigen Phantastik: Wie der Gedankenreich Verlag am 23. August via Facebook bekannt gegeben hat, ist dessen Gründerin Denise Reichow im Alter von 29 Jahren durch eine Erkrankung verstorben. Der Verlag, der u. a. Romane von Kristina Licht, Katharina Groth, EF v. Hainwald oder Jan Corvin Schneyder herausgibt, wird von Reichows Schwester Nadine weitergeführt.

Am 31. August verstarb zudem Thomas R. P. Mielke. Er veröffentlichte zahlreiche historische sowie SFF-Romane (u. a. „Gilgamesch. König von Uruk“) und war u. a. einer der Konzeptentwickler hinter der SF-Serie „Die Terranauten“. 1983 erhielt Mielke für „Das Sakriversum“ den Kurd-Laßwitz-Preis. Er wurde 80 JAhre alt.


*Ende Dezember endet meine derzeitige Projektstelle. Ich arbeite im E-Learning, bin ausgebildete Print-Redakteurin und habe sowohl Erfahrung als Online- und Social-Media-Redakteurin als auch im Projektmanagement. Braucht da jemand zufälligerweise ab Januar was (bzw. mich)? [Stellensuche über’n Blog, why not]
**Zugleich wiederhole ich aber mein ewiges Mantra, dass wir uns nicht darauf verlassen sollten, dass jede*r denselben Diskussionshorizont hat wie man selbst. Eine gewisse elitäre Arroganz in allen Ehren, aber einen aktuell gehaltenen Überblick zu allen Themen der Phantastik zu haben, ist schlicht unmöglich. (Ach, und warum klinge ich jetzt eigentlich wie meine Deutschlehrerin, als ich ihr gesagt habe, dass ich keinen Bock mehr auf Goethe habe und mal was Aktuelles besprechen möchte …?)
***In der zuerst hochgeladenen Variante war auf S. 1 anstatt des grünen Hintergrundes noch meine Bloglogo-Grafik enthalten (wie im Screenshot). Ich habe bewusst eine bearbeitbare PPT anstelle einer PDF hochgeladen, sodass sie bei Bedarf auch von anderen ergänzt werden kann. Die Grafik sollte außerhalb der PPT aber bitte keine weitere Verwendung finden. Danke!

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