Juliansichten 2020

Im Juli wunderten wir uns über ungeduldige Fans, freuten uns über Anekdoten im Podcastformat, nahmen am FeenCon teil, waren frustriert über Berichte zu sexueller Belästigung in der Comicszene, lernten viel über Judge Dredd, kündigten einen neuen Roman an u. v. m.

Echos im Szeneall

Vor einiger Zeit, als man es noch wagte, mit einer ganzen Gruppe von Freund:innen Ausstellungen zu besuchen, habe ich mir eine Kunstinstallation zum Thema Klimawandel angesehen. In der Diskussion dazu kam auch das Thema Literatur auf, es ging um Bienensterben und damit eben schnell auch um Maja Lunde. Ich habe dann irgendwie einen Vergleich zu Kim Stanley Robinson gebracht und Schweigen geerntet. In dem kulturell aufgeschlossenen Grüppchen hatte den Namen nämlich niemand bisher auch nur gehört. Ok, ein leichter Frustrationsmoment war da – Mensch, jetzt nehme ich schon den bekanntesten CliFi-Autor, der mir einfällt! –, aber im Grunde war ich nicht überrascht. Ich denke, den meisten Szeneleuten ist klar, dass wir uns thematisch in einer Nische bewegen, aus der heraus höchstens mal Namen wie J. K. Rowling herausdringen.* Im Juli hat Salik Shah, Herausgeber der indischen Mithila Review, das anhand eines Google-Trendvergleichs dargestellt, aus dem u. a. hervorgeht, dass das weltweite Interesse an Schriftstellenden wie N. K. Jemisin oder Liu Cixin selbst dann gering bleibt, wenn sie in der Szene Hochkonjunktur haben.** Die Auswahl an Vergleichskriterien empfinde ich als etwas … beliebig. Aber das mag auch schlicht daran liegen, dass ich eben schon wieder aus einer anderen Echokammer heraus auf das Thema blicke. International ist die SFF-Szene halt auch nicht überall die gleiche, nech.

Promiprobleme und -berichte

Ein Thema, das durchaus international beschäftigt, ist aber offenbar die Frage, wann George R. R. Martin und Patrick Rothfuss endlich ihre Reihen fortsetzen. Welche Züge das annimmt, darüber berichtete kürzlich beispielsweise der Guardian. Hm. Ja. Vielleicht ist es ganz gut, dass ich Reihen immer erst mit einer solchen Verspätung entdecke, dass ich selten auf Fortsetzungen warten muss.*** Andererseits vermute ich, dass ich auch dann, wenn ich ein strammer „Lied von Eis und Feuer“-Fan wäre, nicht auf die Idee kommen würde, meinen Lieblingsautor in einer Hütte einzuschließen, aber wer weiß das schon.

Wo wir aber gerade bei George R. R. Martin sind: So langsam werde ich mit Podcasts doch noch warm. Vor allem den Phantastik Brunch mag ich inzwischen sehr gerne, höre aber querbeet und in 10-Minuten-Häppchen – momentan stecke ich beispielsweise gerade in der Folge zur Pressearbeit. Direkt angehört habe ich mir aber die zweite Juli-Folge zu Conventions, Promi-Begegnungen, redaktionellen Überarbeitungen und Co., denn wenn Catherine Beck Gast ist, fackelst du halt nicht lang, sondern hörst dir verdammt noch mal direkt den Podcast an! Ich wurde auch nicht enttäuscht, die Folge hat mir sehr viel Spaß gemacht und Einblicke in eine Welt gegeben, von der man als reine Bloggerin/Autorin/Nicht-Verlags-Redakteurin halt normalerweise nicht so viel mitbekommt. Ich will jetzt gar nicht groß herumspoilern, hört einfach mal rein, ich denke nicht, dass ihr es bereuen werdet.

Aber auch sonst hat der Juli wieder einiges an digitalem Gesprächscontent hervorgebracht, was man sich nach und nach mal anhören kann. Beispielsweise hat Klaus N. Frick ein längeres Interview rund um die Redaktionsarbeit bei Perry Rhodan gegeben. Finde ich aus organisatorischer Sicht spannend, allerdings ist das Interview inhaltlich schon eher für Leute geeignet, die (anders als ich) mehr als einen Perry gelesen haben.

FeenCon-Nachlese

Anfang des Monats fand außerdem die digitale Variante des FeenCon, die FeenConline, statt. Ich hatte anfangs Zweifel, ob die Transformation so gut gelingen würde, habe die Veranstaltung, die vornehmlich über Twitch-Stream und Discord-Kanäle realisiert wurde, aber als sehr angenehm empfunden. Natürlich hat es mir gefehlt, einfach an Ständen vorbeizuschlendern oder auf der Außenwiese Pommes zu essen. Trotzdem kam ein gewisses Con-Feeling durchaus auf, und ich empfand die Sessions inhaltlich sogar als spannender als in der analogen Variante. Das lag zum einen daran, dass viele Lesungen durch Screensharing, Moderationen und den Chat tendenziell abwechslungsreicher gestaltet wurden. Zum anderen hatte das Programm auch viele Diskussionen und Talkrunden zu bieten – deren Mangel war ja 2019 einer meiner Kritikpunkte, nicht nur in Bezug auf den FeenCon, sondern auch auf die Conlandschaft generell. Samstags verliefen manche dieser Runden zwar noch etwas schleppend, aber ich hatte den Eindruck, dass sich das im Laufe des Wochenendes gut eingependelt hat.

Ich habe bei verschiedenen Sessions immer mal wieder reingeschaut, etwa als es um positive Entwicklungen im Rollenspielbereich ging oder auch bei James Sullivans Lesung aus „Die Stadt der Symbionten“ – einem Buch, das mit einer sehr spannenden Überlegung zum Thema Unsterblichkeit und Überbevölkerung aufwartet. An drei Panels habe ich selbst teilgenommen: Samstags standen eine Vorstellung des Herbstlande-Shared-Universes sowie eine Lesung aus „Sommerlande“ auf dem Programm. Auch hier war ich positiv überrascht. Ich hatte befürchtet, dass sich niemand groß für eine Online-Lesung interessieren würde, aber letztlich hatte ich deutlich mehr Publikum als sonst und auch die Verkäufe im Anschluss waren zufriedenstellend. Sonntags fand dann noch eine Diskussion rund um Utopien statt, zu der ich bereits im Blogbeitrag zu „Sun in the Heart“ einige Worte verloren habe.

Jo. Wie gesagt, eine gelungene Veranstaltung, die auch positiv z. B. auf den BuCon schauen lässt, der dieses Jahr ebenfalls digital ausgerichtet wird. Selbiges gilt für das Literaturcamp Heidelberg, das am 15. August via venueless stattfindet. Ich habe mir spontan auch noch ein Ticket gekauft und plane, eine Session zum Thema Nutzung von Creative Commons für Blogs, Videos und Co. anzubieten. Mal schauen, ob das auf Interesse stößt.

Noch in analoger Planung wird derweil über den WorldCon 2022 diskutiert – und über die Aussicht, dass dieser in Saudi-Arabien stattfinden könnte. Über die damit verbundenen Problematiken und Widerstände berichtet zusammenfassend Peter Michael Meuer auf Comic.de

Gute und böse Geister

Aber zurück in die Vergangenheit: Hier wurde bekanntgegeben, dass der Phantastikpreis der Stadt Wetzlar dieses Jahr an Joana Osmans „Am Boden des Himmels“ geht. Für den Phantastikpreis Seraph wiederum ist die Einreichungsphase gestartet, alle Informationen finden Interessierte auf der Seraph-Website.

Von den Preisen geht’s zu Blog und Zines: Literatopia veröffentlichte ein sehr spannendes Interview mit Birgit Rabisch, das sich u. a. um deren Roman „Unter Markenmenschen“ drehte, aber auch den Umgang mit Menschen mit Behinderung, um alternative Blicke auf Frauenliteratur und um einen Blick auf die deutsche SF von jemandem, der sie produziert, ohne aber allzu deep in der Szene drin zu sein. Leichtherziger ging es auf Fantasy-faction zu, wo eine kurze Übersicht zu einigen Hausgeistern und Helferlein online ging. Auf Eletric Literature wiederum wurde das Vorwort zu „The Big Book of Modern Fantasy“ von Ann und Jeff VanderMeer veröffentlicht. Die beiden beschreiben hier die Wechselwirkungen zwischen Fantasy, Popkultur und Gesellschaft im 20. und 21. Jahrhundert. Ein sehr dichter Beitrag, der eigentlich nach einer gesonderten Betrachtung verlangt …

Ein gesellschaftspolitisches Thema, das den Juli stark beherrscht hat, war das der Polizeigewalt. In dem Zuge machte sich @Hugo-Book-Club auf Twitter ein paar Gedanken zu SF-Cops und wie sich diese im Laufe der Zeit verändert haben. Das einmal näher zu betrachten wäre sicher sehr lohnenswert. In Bezug auf Judge Dredd wurde zudem ein Artikel auf TOR Online veröffentlicht, der den Blick aber weniger auf das Bild des Supercops, sondern mehr auf dessen Geschichte und (hierzulande mangelnde) Popularität wirft.

Anfang des Monats berichtete darüber hinaus der Tagesspiegel über sexuelle Belästigungen in der deutschsprachigen Comicszene. Muss zugeben, in den letzten Jahren nicht mehr so viel daran gedacht zu haben, aber was ich früher so auf Cosplay-Veranstaltungen mitbekommen habe, war zuweilen echt abstoßend – ein paar kurze Worte dazu habe ich in diesem Beitrag verloren. Die „Cosplay is not consent“-Debatte hat seither – wie auch im Artikel beschrieben – einige positive Veränderungen mit sich gebracht, aber wenn ich mir das so durchlese, bleibt ein langer Weg zu gehen. Ok, das ist nicht die krasseste Erkenntnis des Jahres, aber allein, dass es nach wie vor vielen schwerfällt, innerhalb der familiären Szene über Erlebnisse zu berichten, zeigt, dass halt doch noch nicht ganz so viel erreicht wurde, wie man zuweilen hofft. Und das gilt für die Phantastikszene wohl ebenso.

Zurück nach Eden

Abschließend zwei Hinweise in eigener Sache: Im Oktober erscheint mein neuer Roman „Die Türme von Eden“ im Lindwurm Verlag, einem der neuen Imprints von Acabus. Der Titel erinnert nicht von ungefähr an meine Kurzgeschichte „Neophyt auf Eden„; beide spielen im selben Universum (sogar im selben Sternensystem, haha!) und auch wenn Aria keine größere Rolle mehr spielt, wird es mit der einen oder anderen Figur aus der Geschichte sicher ein Wiedersehen geben. Der Roman spielt allerdings einige Jahre später und wird eine Antwort auf das offene Ende der Kurzgeschichte geben (und tatsächlich auch auf einen offenen Faden aus „Spielende Götter“, wenn auch nicht ganz so offensichtlich).In den nächsten Wochen nutze ich den Blog auch dazu, ein bisschen mehr zu den Hintergründen, dem Setting und den Themen zu berichten.

Außerdem habe ich die Seite hier ein bisschen aktualisiert. U. a. habe ich die Totlinks im Rezensionsbereich entfernt, ein paar ältere Beiträge aktualisiert und unter „Sommerlande“ finden sich nun der Buchtrailer und – da häufig danach gefragt wurde – eine inoffizielle Karte (wenn es der auch noch an Details mangelt). Wenn ihr irgendwo Fehler oder leere Links findet, freue ich mich übrigens auch hier immer über Hinweise. Nun genießt aber erst einmal die Sonne oder den Regen, je nachdem, was bei euch gerade ansteht.

P. S.: Inzwischen ist schon August und die Hugo-Awards wurden vergeben. Damit das hier alles seine Ordnung behält, schauen wir uns die erst in den Augustansichten an. Ich empfehle aber schon mal Heike Lindholds Thread zum Thema:

P. S. 2: Merke gerade, dass ihr durch die FeenCon-Fotos (danke dafür übrigens an Fabienne Siegmund!) alle einen Blick auf meinen Router und meine Schlafzimmertür erhaltet. ENJOY!


*Eigentlich wollte ich das Fass nicht aufmachen, aber weil es gerade zum Thema passt: Die meisten Leute außerhalb der Bubble wissen, wer J. K. ist und dass sie „Harry Potter“ geschrieben hat. Die wenigsten wissen aber, was sie im letzten halben Jahr von sich gegeben hat. Ich lese immer mal, dass auf Twitter und Co. Leute empört darauf reagieren, dass XYZ immer noch Rowling toll findet. Aber wir müssen uns einfach mal ins Gedächtnis rufen, dass es die meisten Leute weiterhin herzlich wenig interessiert, was irgendeine Autorin gerade getweetet hat. Hatte erst kürzlich ein Gespräch mit einem „Harry Potter“-Fan, in dem ich gefragt habe, wie sie es mit der ganzen Sache mit Rowlings Äußerungen über trans Personen hält. Sie hatte davon schlicht noch nichts gehört – dabei ist sie nun sicher auch nicht der uninformierteste Mensch auf dieser Erde. Klar tauchte das Thema auch mal in der Zeit usw. auf, aber halt auch nicht unter den Top 10 der Meldungen. Das soll jetzt weder heißen, dass man deshalb nicht darüber diskutieren sollte oder dürfte noch soll das irgendeine Rechtfertigung mit sich bringen. Aber man sollte es im Blick behalten, bevor man jemanden als ignorant einstuft. (Im Übrigen lässt sich das auf viele Themen anwenden, die für die Twittercrowd als bekannt vorausgesetzt werden.)
**Disclaimer: Ich bin mir nicht zu 100% sicher, ob Salik Shah den Vergleich selbst erstellt oder nur verbreitet hat.
***Wobei ich ein bemerkenswertes Talent dafür besitze, gerade mit den Reihen anzufangen, die dann zwischendrin ganz abgesetzt werden. Ja, ich schaue euch an, „Chroniken von Myrillia“!

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