Das pragmatische Utopia …

… aus Roberta Spindlers „Sun in the Heart“

[der Beitrag enthält essentielle Spoiler zu „Sun in the Heart“]

Vor anderthalb Wochen fand die FeenConline statt, die digitale 2020er-Variante des FeenCon. In deren Rahmen habe ich sonntags gemeinsam mit der Illustratorin Don Kringel, dem Schriftstellenden-Ehepaar Judith und Christian Vogt sowie Moderator Oliver Bayer an einer Diskussion zum Thema Utopien bzw. Hope- und Solarpunk teilgenommen.

Auch wenn man das Thema sicher noch hätte munter ausweiten können, war ich froh, einige Punkte anbringen zu können, die mir bisher oft zu kurz kamen. Dazu gehört auch der Aspekt, dass insbesondere Solarpunk zunächst gar nicht so „utopisch“ (im Alltagssinne) daherkommt. Es geht nicht unbedingt darum, einen „besseren“ oder gar perfekten Ort zu erschaffen. Es geht eher darum, überhaupt einen Ort zu erschaffen, an dem die Menschheit auch in Zukunft noch leben kann.

Im Vorwort der englischsprachigen Ausgabe der brasilianischen „Solarpunk“-Anthologie von Gerson Lodi-Ribeiro schreibt Sarena Ulibarri, Chefredakteurin der u. a. auf Solar- und Decopunk spezialisierten World Weaver Press:

The stories in this anthology are far less utopian and pastoral than most of the English-language solarpunk I’ve read. […] [S]everal of the stories show that just because a corporation or a government is „green“ doesn’t mean it’s free of corruption. […] Americans tend to associate it with liberalism and left-wing ideology – the very idea of a world run primarily on renewables is often dismissed as idealistic and utopian. Brazil is actually one of the world’s leaders in renewable energy, with 76% of the country’s energy in 2017 coming from wind, solar, and hydropower.Brazil’s political landscape, however, is certainly not a liberal utopia. […]“

Sarena Ulibarri in „Solarpunk: Ecological and Fantastical Stories in a Sustainable World“, S. 2/3

Dennoch wohnt auch vielen dieser früheren brasilianischen Solarpunk-Werke ein gewisser utopischer Geist inne, aber er ist pragmatischer als der (jüngerer) englischsprachiger Solarpunk-Geschichten.*

Wie genau man sich das vorstellen kann, zeigt etwa die in der Anthologie enthaltene Kurzgeschichte „Sun in the Heart“ von Roberta Spindler. In der Zukunft haben Wissenschaftler*innen hier Implantate entwickelt, welche optisch Tätowierungen ähneln. Sie ermöglichen es den Menschen nicht nur, frei von Nahrungsbedürfnissen zu leben, sondern dienen auch dazu, die agressiven Sonnenstrahlen in „positive“ Energie umzuwandeln, was den Implantatbesitzenden u. a. ein längeres und gesünderes Leben ermöglicht. Im Prinzip haben sich die Menschen also in optimierte biologische Solaranlagen verwandelt. Eine Solarpunk-Fantasie par excellence, die gleich für mehrere mit dem Klimawandel einhergehende Probleme globale Lösungen gefunden hat.** Allerdings sind die Implantate noch nicht zwingend nötig zum Überleben; sie machen in erster Linie den Alltag angenehmer, unabhängiger und schützen vor den Gefahren durch die Sonne.

Die Handlung folgt nun einem Tag im Leben von Laura und Lúcio, deren gemeinsamer Sohn Élio heute sein erstes Implantat erhalten soll. Er ist spät dran für sein Alter, da er sich gerade erst von einer vorangegangenen Leukämie-Behandlung erholt, die seinen Körper geschwächt hat. Entsprechend sind die Eltern in Sorge, ob er die OP gut verkraften wird.

Während des Eingriffs kommt es zum Streit zwischen dem Ehepaar. Wir erfahren, dass Lúcio gegen das Implantat war. Es ist ihm zu risikoreich, zudem wird es dem Sohn – wie allen Implantattragenden – die Möglichkeit nehmen, normale Nahrungsmittel zu genießen. Laura hat für diese Bedenken allerdings wenig Verständnis. Sie stammt aus einer ärmeren Familie, für die die Entscheidung über das teure Implantat eine um Leben und Tod war. Erstmals erzählt sie ihrem Mann von ihrem jüngeren Bruder, der als Teenager an den Folgen einer Sonneneruption starb; hätte sich die Familie rechtzeitig ein Implantat leisten können, hätte ihm die Eruption nichts ausgemacht. Der Streit ist heftig und hinterlässt vor allem Lúcio aufgewühlt. Doch das Ende ist versöhnlich, wir erleben, wie sich die junge Familie gemeinsam in der Sonne „auflädt“. Élios OP ist geglückt.

Die Geschichte enthält mehrere dystopische Elemente: Die auf die Dauer lebensrettende Technologie der Implantate ist nur für Wohlhabende finanzierbar. Zwar steht den übrigen der Zugang zu den verbliebenen Nahrungsmitteln frei, wodurch sie höheren Genuss erfahren, doch die Schattenseiten sind eine deutlich verkürzte Lebensdauer und eine ständig erhöhte Gefahr potenziell letaler Krankheiten. Und trotzdem erzählt auch „Sun in the Heart“ eine Utopie. Die Menschheit hat irgendwie das Beste aus der Situation gemacht, auch wenn diese Verzicht mit sich bringt und die Gleichheit der Menschen (noch) Ideal bleibt. Um es mit Lúcios Fazit am Ende der Geschichte zu sagen: „For the moment, being alive is enough.“

Hopepunk ist Idealismus, der Traum von gerechten Gemeinschaften. Aufrichtig, naiv, dabei zuweilen kitschig und vielleicht auch anstrengend – zugleich aber wichtig als ethische Utopie im Wortsinne. Solarpunk ist demgegenüber eine pragmatisch-kosmopolitische und optimistische Vision. Nicht ohne Probleme, nicht ohne Widersprüche, und mehr ein Weg denn ein Ziel. Aber insofern auch realistischer für unsere Zeit und unsere Gesellschaft, die den Streit der Eltern derzeit auf vielen Ebenen führt.

Eine der Flaggen des Solarpunk-Movements. Gelb steht für Sonnenenergie, Grün für Nachhaltigkeit (Bild von Starwall@radicaltown unter CC BY SA 4.0 via Wikipedia)

*Wohlgemerkt gilt das dennoch nicht für alle Geschichten aus der Anthologie. Man merkt, dass es sich hier um eine Anthologie aus der Frühzeit des Movements handelt und die Autor*innen atmosphärisch freier an ihre Themen herangegangen sind. Manche der Geschichten sind sehr cyberpunkig oder gehen sogar Richtung Grimdark (z. B. Telmo Marçals „When Kingdom’s Collide“).
**wenn auch diese sehr fantastisch gedacht sind

Phantastik

6 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Hi, finde ich einen wichtigen Hinweis, nicht alles, was ein halbwegs geordnetes Überleben vorstellt, als „Utopie“ zu lesen… Sowas senkt am Ende die Erwartungshaltungen an die Zukunft ;)
    Spiegelbildlich sollte man wohl auch Szenarien, in denen Lebensrettende Technologien nur für die Reichen oder unter enormem Aufwand zu beschaffen sind, nicht dystopisch nennen… außerhalb der westlichen un einiger internationaler Zentren ist das ja auch einfach nur Standart. Und selbst hier stirbt das Proletariat gut 10 Jahre früher.
    mE ist interessanterweise, was die verschiedenen Genres, die sich x-Punk nennen, dystopisch wirken lässt, tatsächlich vor allem die „edgyness“, wie Heidi Klumm sagen würde. In der Welt von Neuromancer zu leben ist halt irgendwie doch ein cooler Gedanke. „Realität“, das ist, wenn Dystopien wahr werden oder sind, bloß unter der Langeweile der Alltäglichkeit schwer auszumachen…

    • Ist eine interessante Überlegung, ob dieses Konzept der Dystopie eigentlich eines des Westens ist … Darüber muss ich noch ne Runde nachdenken.
      Was die „edgyness“ angeht, stimme ich dir zu. Allerdings sehe ich gar nicht alle „punkigen“ Genres als dystopisch (oder utopisch) an, z. B. fielen Steam- oder Silkpunk da für mich raus. Aber durch den Widerstandstrope haben sie natürlich dennoch alle ihre Edgyness. (Meine mal gelesen zu haben, dass „Neuromancer“ eigentlich sogar als Utopie gedacht war …)

      • Echt? So im Sinne der besten Möglichen Zukunft, wenn man sonst nichts mehr zu hoffen wagt? Weil Gibson wirkt auf Twitter schon eher links-zivilisationskritisch-pessimistisch…

        Dass Dystopie an sich „westlich“ ist, will ich nicht gesagt haben. Nur dass vieles, was man in den Zentren des Westens dystopisch finden mag andernorts schon lang Realität ist…

      • Nein, schon klar, ich meinte auch nicht, dass Dystopien generell ein westliches Konzept sind. Aber ich finde es ziemlich spannend, darüber nachzudenken, inwiefern sich solche Ideen je nach Kulturkreis unterscheiden und ob was für den einen als Utopie durchgeht, für den anderen schon als Dystopie gilt.

        Zu Gibson: Ich glaube, das fußte auf der Idee vom Cyberspace als utopischem Potenzial. (Wäre interessant, das wiederum mal mit Theorien zu virtuellen Gemeinschaften der 1990er und mit dem aktuellen Stand der Netzkultur zu vergleichen … aber ach, zu viele Themen!) Aber so oder so habe ich hierzu nicht wirklich Insights, ich kenne „Neuromancer“ selbst nur aus der Sekundärliteratur.

      • Vll als Potential, aber diese Welt ist schon ziemlich abgefuckter Turbo-Kapitalismus & Zugang zum Cyberspace auch nicht so einfach zu erreichen… Wenn man da das utopische finden will, dann vll im großen Ganzen, in dieser Entfaltung der Künstlichen Intzelligenzen zu Bewusstsein hin… Ob die Menschheit da was von hat? Aber aus der Perspektive der KIs ist es wohl tatsächlich ein utopischer Roman.

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