Juniansichten 2020

Zwei Städte zeichnen Phantastik aus bzw. haben es vor, SF-Schriftstellende sind Gegenstand von Statistiken und Aufzählungen, Schwarze AutorInnen und eine Ex-Selfpublisherin berichten über ihre Erfahrungen, SFF-Schriftstellende passen nirgends richtig rein, Veranstaltungen finden digital statt und Solarpunk markiert ein Ende.

Es gibt zwei Aktionen, anhand derer ich feststelle, dass Zeit in diesem Jahr anders verläuft: Das eine sind die Autorensonntage auf Instagram, das andere die Monatsansichten. Hab ich die nicht gerade erst geschrieben?! Mir kommt es vor, als hätte ich seitdem gar nicht die Zeit gehabt, mir irgendwas durchzulesen oder anzuhören. Bei näherer Betrachtung habe ich dann aber doch das eine oder andere mitbekommen:

Neue und nicht mehr ganz so neue Auszeichnungen

Beispielsweise gibt es einen neuen städtischen Preis für Phantastik. Ausgeschrieben wird er von Krefeld und ins Rennen können deutschsprachige SFF-Romane gehen, die zwischen August 2018 und November 2020 veröffentlicht wurden. Zudem gibt es eine separate Kurzgeschichten-Ausschreibung für Schriftstellende unter 18 Jahren. Alle Infos zu dem auch fluffig als Pentagondodekaeder bezeichneten, mit 10.000 Euro dotierten Preis findet ihr in der Ausschreibung.

Bereits seit 1984 existiert eine andere städtische Literaturauszeichnung, nämlich der mit 4.000 Euro dotierte Phantastikpreis der Stadt Wetzlar. Im letzten Jahr ging dieser an Antje Wagners „Hyde“, für 2020 wurde nun die Longlist herausgegeben. Eine Pressemeldung findet sich auf der Website der Stadt Wetzlar, die Longlist umfasst folgende Titel:

  • Christian von Asters „Sieben Arten Dunkelheit“ (Thienemann)
  • Bernd Bodens „Dismatched: View und Brachvogel. Eine phantastische Dystopie“
  • Emma Braslavskys „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“ (Suhrkamp)
  • Zoran Drvenkars „Licht und Schatten“ (Beltz & Gelberg)
  • Theresa Hannigs „Die Unvollkommenen“ (Bastei Lübbe)
  • Sibylle Knauss‘ „Eine unsterbliche Frau“ (klöpfer, narr)
  • Elisabeth Ligensas „Tollhaus – Eine absurde Geschichte“
  • Joana Osmans „Am Boden des Himmels“ (Atlantik)
  • Oliver Plaschkas „Der Wächter der Winde“ (Hobbit Presse)
  • Ulrich Tukurs „Der Ursprung der Welt“ (S. Fischer)

Der oder die Gewinner*in wird am 4. September bekanntgegeben.

Bereits verliehen wurden dagegen die diesjährigen Locus Awards. Diese gingen u. a. an Charlie Jane Anders für „The City in the Middle of the Night“, an Seanan McGuire für „Middlegame“, an Marlon James für „Black Leopard, Red Wolf“, an Yoon Ha Lee für „Dragon Wolf“ und an Tamsyn Muir für „Gideon the Ninth“. Die komplette Liste der Gewinner*innen und Nominierten findet sich auf Locusmag.com.

SF-Schriftstellende im Wandel von Zeiten und Awards

Einen Blick auf vergangene Awards hat Norbert Fiks geworfen und untersucht, welche deutschsprachigen SF-Autor*innen die meisten Preis abräumen konnten. Dabei thematisiert er auch das Missverhältnis zwischen ausgezeichneten Autoren und Autorinnen.

Nach wie vor schadet es also nicht, ein Schlaglicht auf SF-Autorinnen zu werfen, und an dieser Stelle passt gut der Hinweis auf Markus Mäurers Beitrag über die „wichtigsten deutschsprachigen Science-Fiction-Autorinnen des 20. Jahrhunderts“. Ein sehr schöner, runder Überblick, wobei ich besonders den Teil zu den DDR-Autorinnen spannend finde; diese waren mir bisher weitgehend ein Buch mit sieben Siegeln.

Mit Genreliteratur zwischen den Stühlen

Die beiden oben genannten Stadtpreise zeigen, dass Phantastik auch fern der Conventions und Comicbuchläden wahrgenommen wird. Wie schwer es aber zugleich sein kann, als SF-Autorin zum einen innerhalb des Genres, aber eben auch darüber hinaus anerkannt zu werden, davon berichtete Katharina Hartwell in einem kraftvollen Beitrag auf 54books.

Dieses Gefühl des Zwischen-den-Stühlen-Sitzens kennen glaube ich viele von uns, gerade diejenigen, die nicht die hierzulande noch immer sehr beliebte tolkieneske Fantasy oder Jugendbücher schreiben. Ich habe es erlebt, wenn dieselbe Lektorin, die sich in einer Podiumsdiskussion unverbrauchte Ideen wünschte, mein Gesamtmanuskript später mit der Begründung ablehnte, es sei zu ungenerisch für ihr Imprint. Oder wenn mir eine Leserin schrieb, mein Buch habe ihr nicht gefallen, weil es nicht sei, was sie von Fantasy erwarte. Oder wenn dieselbe Kollegin, die erklärte, Science Fiction gar nichts abgewinnen zu können, kurz darauf von Maja Lunde schwärmte.[1]

Es ist ein altbekanntes Problem, und gerade deshalb ist es frustrierend, dass wir diese Diskussion immer noch führen. Ich habe das Gefühl, dass sich in der Anerkennung von Science-Fiction-Literatur zwar einiges getan hat. Die Fantasy, vor allem die deutschsprachige, profitiert davon aber wenig – die vorübergehende Push-Wirkung, die „Game of Thrones“ verursacht hatte, ist schnell verpufft.

Erfahrungswerte

Bleiben wir im Bereich der Erfahrungswerte: Auf TOR-Online führte Jade S. Kye ein Interview mit Nora Bendzko und James Sullivan über deren Erfahrungen als Schwarze Personen in der deutschen Phantastikszene, sprach zudem auch über eigene Erlebnisse.

Kia Kahawa wiederum berichtete auf ihrem Blog über ihre Zeit als Selfpublisherin und warum sie nun in den Selbstverlag wechselt. Das hat nicht unmittelbar mit Phantastik zu tun, aber ich finde den Beitrag spannend, v. a. da er mit der finanziellen Sicht auf das Thema sehr transparent umgeht. Und ehrlich gesagt wusste ich vorher gar nicht, dass es einen Bedeutungsunterschied zwischen Selfpublishing und Selbstverlag gibt (d. h. ich wusste, dass es beide Varianten gibt, aber nicht, dass sie begrifflich so voneinander abgegrenzt werden).

Internationale Projekte

Was tat sich sonst in der Phantastik? Das Samovar Magazine startete ein Crowdfunding für eine Ausgabe zu palästinensischer SF, das binnen 24 Stunden erfolgreich war. Die Ausgabe wird 2021 erscheinen.

Darüber hinaus bin ich auf das Projekt Insignia Stories gestoßen, das asiatische SFF veröffentlicht bzw. auf frei zugängliche Veröffentlichungen verlinkt.

Vergangene und kommende Events

Hierzulande fanden außerdem der Nordcon und die Buchmesse Saar statt, beide natürlich online. Die Slots der Buchmesse Saar, darunter vieles mit Phantastik-Bezug, lassen sich noch über Facebook aufrufen. Ein kleiner Nachbericht inklusive Bilanz und Ausblick auf 2021 erschien in der Saarbrücker Zeitung, ein persönlicher Bericht von Benjamin Kiehn wurde im Börsenblatt veröffentlicht.

Mit meinem eigenen Buchmesseslot wurde es letztlich nichts, aber dafür bestreite ich im Juli gleich drei Panels: Denn auch der FeenCon findet am 04. und 05. Juli digital via Twitch als Feenconline statt und irgendwie hat es sich ergeben, dass ich dort an mehreren Slots teilnehme. Samstags habe ich mit Fabienne Siegmund, Markus Heitkamp und Stephanie Kempin zunächst um 12:00 Uhr einen Talk rund um „Die Herbstlande“, ehe ich um 15:15 Uhr „Die Sommerlande“ vorstelle. Sonntags wiederum diskutiere ich um 14 Uhr mit Judith und Christian Vogt sowie der Illustratorin Don Kringel über Hope- und Solarpunk.

Termine für den FeenCon: 
04.07.2020 12 Uhr Vorstellung Herbstlande
04.07.2020 15:15 Uhr Vorstellung Sommerlande
05.07.2020 14 Uhr Hopepunk, Solarpunk, Utopien
Gesammelte Alessandra-relevante FeenCon-Termine 2020

Volles Programm also. Ich hoffe, das Ganze läuft smooth und es wird nicht zu heiß. Aber es ist der FeenCon, also werden wir vermutlich im Bikini streamen. Um den Panels zu folgen, ist es übrigens nicht nötig, sich auf Twitch anzumelden. Das komplette Programm und alle Infos findet ihr auf der FeenCon-Website. Zudem hat Michael Fuchs von den Teilzeithelden ein Interview mit der neuen GfR-Vorsitzenden Michaela Sorger zur Zukunft des FeenCon geführt.

Bye bye Genrereihe

Ein letzter Hinweis noch, ehe ich euch in den Juli (bzw. ins Juniende) entlasse: Beim Stichwort Solarpunk fiel mir ein, dass zu diesem auch mein Genrebeitrag auf TOR Online veröffentlicht wurde. Da nun die bekanntesten Genres und Movements abgegrast sind, wird das der vorerst letzte Beitrag dieser Reihe, zumindest meinerseits.

Schon irgendwie krass; als 2018 gefragt wurde, ob ich Interesse hätte, den Artikel zur Urban Fantasy zu schreiben, hätte ich nicht gedacht, dass die Reihe so umfangreich wird. Sie zu schreiben hat mir auch echt Spaß gemacht und ich habe in ihrem Zuge viel gelernt: über Genres, über Autor*innen und ihre Werke, und über die Trotzreaktionen, die einem entgegenkommen, wenn man über etwas spricht, von dem andere Genrefans noch nichts gehört haben.[2] Tja.

Den Solarpunk-Beitrag habe ich bereits 2019 geschrieben, aber finde es passend, dass er als Letztes kommt. Damit endet die Reihe auf eine recht optimistische Note und mit einem Movement, das mich ohnehin gerade stark beschäftigt. Hab ich erwähnt, dass ich ein Promotionsvorhaben zu diesem Thema eingereicht habe? Na ja, steht allerdings in den akademischen Sternen, ob daraus etwas wird.

So, nun reichts aber. Macht es gut, man sieht sich ggf. online!


[1] Ironie am Rande: Aber als ich in einem Artikel selbst mal die Unterscheidung in Genre- und Feuilleton-SF vornahm, wurde mir wiederum prompt in einem Kommentar vorgeworfen, keine Ahnung von den Nuancen des Genres zu haben. Man kann es niemandem recht machen. >_<

[2] Merke: Beiträge, in denen man als „junge Dame“ bezeichnet wird, enthalten in 99 % der Fälle anschließend den Vorwurf der Unfähigkeit, Unerfahrenheit oder Unwissenheit. Oder alles zusammen. Aber wem sag ich das.

Allgemein Eventansichten Monatsansichten Phantastik

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