[Random 7] Sachbücher zur Phantastik

Dieser Tage fühlt man sich ja irgendwie verpflichtet, eine Top 7 der apokalyptischsten Veröffentlichungen herauszubringen oder wenigstens eine Abhandlung über die beliebtesten Viren der Romangeschichte. Damit wäre man am Puls der Zeit. Ich denke allerdings, das haben andere schon ausreichend gelöst, SF Lit beispielsweise. Hm, jetzt, wo ich das schreibe, hätte ich irgendwie auch wieder Lust, was Sach-Apokalyptisches zu schreiben – ich hab da doch letztes Jahr diesen Vortrag gehalten, den ich noch in einen Blogbeitrag umwandeln … Aber nee. Erst mal hat mich gerade eine andere Muse geknutscht, und die mag lieber Sachbücher. Eine Bildungsmuse offenbar. Nicht ganz so trendy, aber hey, auch Sachbuch-Verlage freuen sich über’s #buecherhamstern!

Konkret geht es dieses Mal um sieben Bücher, die sich auf theoretischer Ebene mit Phantastik befassen. Als ich im Studium irgendwann auf die Idee kam, mich kulturwissenschaftlich mit der Phantastik und ihren Szenen auseinanderzusetzen, dachte ich erst, es gäbe zu dem Thema gar keine Quellen. Nun, ich habe mich geirrt. Selbst deutschsprachige Verlage wie z. B. Transcript oder Springer haben einiges Passendes auf Lager, von den englischsprachigen ganz zu schweigen.

Zudem haben die einschlägigen Veröffentlichungen im letzten Jahrzehnt gefühlt zugenommen, was ich auf eine gestiegene Akzeptanz der Phantastik im wissenschaftlichen Kontext zurückführe. Oder ist einfach mein Blick sensibilisierter geworden …? Wie dem auch sei, hier kommt sie, die Random 7 an Sachbüchern rund um Phantastik:

drei Buchcover
„Cyberanthropology“, „Eine kurze Geschichte der Fantasy“ und „Vergemeinschung in Zeiten der Zombie-Apokalypse“

(1) „Vergemeinschaftung in Zeiten der Zombie-Apokalypse“ (Sammelband)

Seht ihr, ein bisschen Apokalypse darf es doch sein! In diesem Sammelband stehen, wie der Name schon sagt, das Verhältnis des Wir zum Ihr sowie Othering im Fokus. Beides wird anhand verschiedener Beispiele aus Filmen und Serien thematisiert, die meisten Verfassenden kommen aus der Soziologie. Der Begriff der Zombies wird dabei sehr weit gedehnt und reicht von Vampiren über Cyborgs bis hin zu Geistern. Vieles wiederholt sich, manches kratzt eher an der Oberfläche, aber uninteressant wird es nie.

Erschienen im Springer Verlag, Herausgeber sind Michael Dellwing und Martin Harbusch, ISBN: 978-3-658-01722-4.

(2) „Cyberanthropology“ von Alexander Knorr

Im Master hatte ich Cyberanthropology als Forschungsschwerpunkt gewählt, und da war es natürlich angebracht, sich dieses nur knapp 200 Seiten umfassende Buch anzuschaffen. Zum Glück, muss man sagen, denn bis heute ist „Cyberanthropology“ mein Favorit unter den Phantastik-Sachbüchern. Wobei der Fokus gar nicht so sehr auf Phantastik an sich liegt. Knorr schlägt den Bogen von Game-Communitys über die klassische Ethnologie bis hin zum Cyberpunk und wieder zurück.

Dankenswerterweise spart er sich dabei den ganzen Wissenschaftsduktus, der viele einschlägige Bücher außerhalb der Uni unlesbar macht. Ich hab glaub ich kein anderes Sachbuch so oft verschenkt wie dieses hier, einfach weil es a) vergnüglich und spannend geschrieben ist und b) zugleich eine schöne Einführung in (Cyber-)Ethnologie und Cyberpunk gleichermaßen bietet.* Und kommt schon, ein Buch, das diese beide Themen verbindet, muss man doch lieben!

Verlag Peter Hammer, ISBN: 978-3-7795-0359-0

(3) „Shared Fantasy: Role Playing Games As Social Worlds“ von Gary Alan Fine

Das Gute ist: Seit ich diese Rubrik in „Random 7“ umbenannt habe, kann ich auch mal Bücher erwähnen, die ich nicht so richtig toll fand. Dieses hier zum Beispiel. „Shared Fantasy“, erstmals erschienen 1983, war lange eines der Standardwerke zur (US-)Rollenspielszene und es war auch das erste, was ich zu dem Thema gelesen habe. Vieles fand ich interessant, manches konnte ich aus eigenen Szene-Erfahrungen bestätigen, einiges hat mich maximal irritiert. Zum Beispiel dieser trope mit den Frauen als Irritationsfaktor in Rollenspielgruppen. Dunno, auch wenn der Männeranteil in der Szene überwiegt, hatte ich nie das Gefühl, eine Exotin dort zu sein. Und auch in unseren lokalen Rollenspielläden ist niemand aus dem Raum geflüchtet, wenn eine Frau ihn betreten hat o.O Mein Favorit ist aber die Stelle, an der Fine mit völliger Selbstverständlichkeit erwähnt, Frauen besäßen eben weniger Fantasie und könnten daher mit Rollenspiel nichts anfange. Yeah, that’s science!**

University of Chicago Press, ISBN: 978-0-2262-4944-5

(4) „Jenseits der Sterne“ von Christian Wenger

Von einer seltsamen zu einer liebenswerten Feldstudie: Christian Wenger hat sich die Trekkies vorgenommen und mit „Jenseits der Sterne“ nicht nur eine ausführliche Darstellung von deren Fankultur vorgenommen, sondern auch implizit eine Art Leitfaden zur Fankultur-Feldforschung erstellt. Fand ich seinerzeit äußerst praktisch, als es an meine eigenen Feldstudien ging. Davon ab: Ich hab den ganzen Star-Trek-Fandom immer nur am Rande mitbekommen und kenne mich mit dessen Medien wenig aus. Dank dieses Buchs habe ich aber einen guten Überblick erhalten und darüber hinaus merkt man Wenger einfach an, dass er mit viel Euphorie bei seiner Arbeit war.*** Find ich schön, sowas.

Transcript, ISBN: 978-3-89942-600-7

(5) „Geek Pray Love“ von Andrea Bottlinger und Christian Humberg

Aus der Szene selbst kommen ebenfalls einige Sachbuch-Veröffentlichungen. Eine davon ist „Geek, Pray, Love“, was sich als „Leitfaden für das Leben, das Fandom und den ganzen Rest“ betrachtet. Das ist dann (Überraschung!) doch etwas hochgegriffen. Einsteiger:innen wird aber immerhin eine solide Einführung in Szeneevents, Gruppen von Akteur:innen und die wichtige Unterscheidung in der und die Con geboten. Trotzdem habe ich stellenweise mit dem Buch gefremdelt. So wholesome wie die Szene hier beschrieben wird, ist sie bei aller Liebe auch wieder nicht. Davon ab fehlen viele aus meiner Sicht über eine solche Übersicht relevante Aspekte. Wobei da wahrscheinlich einfach das Problem ist, dass „die“ Szene ziemlich viele Subgruppen hat und Bottlinger und Humberg aus einer anderen kommen als der, der ich mich selbst zugehörig fühle.****

Ach ja, und es stört mich hart, dass sie die Szene dauernd als Subkultur bezeichnen. Das kann man mal machen, wenn’s schnell gehen muss, aber eigentlich sind das zwei unterschiedliche Sachen. Um es mal hart herunterzubrechen: Szenen bezeichnen Gemeinschaften, die vor allem in der Freizeit zusammenkommen, während Subkulturen das ganze Leben betreffen. Zugegeben, die Übergänge sind fließend, aber wir sind jetzt nicht so subkulturell veranlagt wie der Punk, dem man in (fast) allen Lebenslagen seine Werte ansieht. [yeah, hab lange kein Soziologie-Gatekeeping mehr betrieben, macht Spaß*****]

Cross Cult, ISBN: 978-3-8642-5428-4

(6) „Eine kurze Geschichte der Fantasy“ von Farah Mendlesohn und Edward James

Noch ein Buch mit ambitioniertem Ziel, dieses Mal soll es gleich eine Geschichte des ganzen Fantasygenres sein. Das gelingt Mendlesohn und James recht gut, soweit ich das beurteilen kann. Ab den 2000ern wirkt zwar alles etwas schnell abgehandelt und der Blick ist sehr US-zentristisch mit kleinen Ausflügen nach Australien, Kanada und Großbritannien. Aber vor allem die Kapitel der „Anfänge“ und bis in die 1970er Jahre empfand ich als sehr erhellend und lebhaft beschrieben. Ich hab eine Menge hierdurch gelernt, und ohne das Buch hätte die Genre-Reihe etwas peinlich werden können.

Erschienen bei Golkonda, ISBN: 978-3-9447-2025-8. Auszüge kann man via TOR Online lesen.

(7) „Blutsaugerinnen und Femme Fatales“ von Angelika Schoder

Um die Geschichte insbesondere der europäischen Vampirinnen geht es Angelika Schoder. Dazu beschreibt sie anschaulich, wie sich deren soziales Bild und Wesen im Laufe der Jahrhunderte verändert hat. Eine faszinierende Abhandlung, die auch für „Vampirkenner:innen“ noch die eine oder andere Überraschung bereithalten dürfte. Ausführlicher habe ich über das Buch hier geredet.

U-Line, ISBN: 978-3-86608-101-7

Jo. So viel zur Random 7 an Sachbüchern rund um Phantastik-Themen. Nun bleibt gesund und ergänzt gerne eure Empfehlungen (oder auch Anti-Empfehlungen) in den Kommentaren.


*Obwohl es „Expert:innen“ des einen wie des anderen sicher an mancher Stelle zu oberflächlich sein dürfte. Es richtet sich eher an Themeneinsteigende.
**Der Fairness halber sei erwähnt, dass sich Ramona Kahl in ihrem Essay „„Nichts anderes als ein Spiel?“ Fantasy-Rollenspiele als Bühne verdrängter Lebensentwürfe“ genau andersherum äußert.
***Ohne dass deshalb die Wissenschaftlichkeit darunter gelitten hätte. Muss man ja immer dazu sagen, sonst kommt wieder irgendeiner hervorgeschossen, der meint, dass man sein Feld nicht zu sehr lieben sollte.
****Wenn ich häufiger so verschwurbelt schreibe und noch ein paar Substantive reinbringe, qualifiziere ich mich für die Promotion.
*****Sprach eine, die nie Soziologie studiert hat. In solchen Momenten verstehe ich, wie sich Literaturwissenschaftler:innen fühlen, wenn ich Genres, Strömungen und Movements munter mixe.

Allgemein Phantastik Top7

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