Edifice Fantasy

Auf TOR Online erscheinen bekanntlich ja in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen die Übersichten zu den vielen Subgenres, die Fantasy und Science Fiction beherbergen. Seit mehr als einem Jahr läuft das Ganze nun und so langsam neigt sich die Reihe, an der neben mir auch Judith Vogt, Christian Handel, Joachim Sohn und Hennig Mützlitz mitgewirken, dem Ende zu.

Dabei bin ich im Laufe der Recherchen noch auf viele weitere Subgenres und Movements gestoßen, die irgendwo auf der Welt ein dickes Ding sind, hierzulande aber nur zu Fragezeichen führen. Ich sag nur Mannerpunk, meine Lieben! Mannerpunk!

Ein nicht ganz so abgespactes Beispiel ist die Edifice Fantasy, die einige sehr bekannte Romane umfasst, aber hierzulande trotzdem nie zu eigenständiger Bekanntheit kam. Der dazugehörige Artikel war TOR daher verständlicherweise auch zu speziell. Da ich ihn in einem Moment des Übermuts aber bereits vor dem Go bzw. Nicht-Go geschrieben hatte (sehr professionell, Alessandra, sehr professionell -_-), nutze ich nun eben den Blog, um der Welt doch noch mitzuteilen, was sich hinter dem Begriff der Edifice Fantasy verbirgt. Gönnt euch! [Text unter CC BY-ND]

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Schlösser, in denen die Treppen ihre Richtung ändern und Spielzeugläden, die um ihren Besitzer trauern: In der Edifice Fantasy sind Gebäude nicht mehr nur Schauplatz der Handlung, sondern werden selbst zum Akteur. Mal agieren sie dabei als Helfer, mal führen sie die Protagonisten ins Verderben.

Edi-was? Zugegeben: Selbst als Fantasy-Vielleser begegnet man dem Begriff der Edifice Fantasy nur selten, wenn überhaupt. Dabei dürften die meisten bereits Bücher aus dieser Richtung gelesen haben. „Edifice“ bedeutet auf Deutsch so viel wie „Bauwerk“ oder „Gebäude“. Entsprechend bezieht sich die Edifice Fantasy auf Literatur, deren Handlung sich wesentlich um ein Gebäude rankt bzw. in der ein Gebäude auftaucht, das ein gewisses magisches Eigenleben führt. Das muss nicht unbedingt bedeuten, dass das Gebäude tatsächlich eine Seele besitzt oder ständiger Hauptschauplatz ist, aber es wird mehr zum Akteur denn zum reinen Schauplatz.

Gothic Novels und Mystery als enge Verwandte

Oft handelt es sich um düstere Fantasy mit enger Verwandtschaft zu Horror oder Mystery. Das zeigt schon ein Blick in die Geschichte des Genres: Zu Ende des 18. Jahrhunderts und im 19. Jahrhundert waren Schauerromane (Gothic Novels) beliebt, die sich um ein Grauen innerhalb eines Gebäudes, oft eines Schlosses oder Klosters, drehten. Quasi begründet wurde das durch Horace Walpoles „Das Schloss von Oronto“ (1764), später folgte beispielsweise Edgar Allan Poes „Der Untergang des Hauses Usher“ (1839). Allerdings müssen die mit dem Gebäude verbundenen Schrecken nicht unbedingt einen übernatürlichen Ursprung haben; vielmehr leben die phantastischen Schauerromane jener Zeit von der Frage, ob die auftretenden Phänomene einen übernatürlichen oder einen psychologischen Ursprung haben. Fast zweihundert Jahre nach Walpole feierte die US-amerikanische Autorin Shirley Jackson mit dieser Mischung ebenfalls große Erfolge. Ihr „Spuk in Hill House“ (1959) wurde vor allem durch seine Adaptionen bekannt, zuletzt etwa 2018 als Netflix-Serie. Auch ihr Roman „Wir haben immer schon im Schloss gelebt“ (1962) wurde mehrfach für Bühne und Film adaptiert, eine Neuverfilmung startet 2019. Beide Romane sind Klassiker der (queeren) Edifice Mystery.

Namenlose Portale, endlose Labyrinthe

Als John Clute, Herausgeber der Encyclopedia of Science Fiction sowie der Encyclopedia of Fantasy, den Begriff des Edifice in Bezug auf Fantasy definierte,* hatte er allerdings nicht unbedingt die klassischen Spukhäuser im Sinn. In seiner Definition hat er einige Merkmale aufgeführt, die auf ein entsprechend magisch-lebendiges Gebäude hindeuten. Zu diesen Merkmalen gehört unter anderem, dass das Gebäude namenlos ist, es Portale oder Labyrinthe beinhaltet (bzw. selbst beides ist), es lebendig und von innen weitaus größer ist, als es von außen erscheint, es schon immer da war oder der Erbauer im Werk genannt wird, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in seinen Mauern verschwimmen oder es sich um einen Mikrokosmos der Welt handelt.[1] Ähnlich wie in der Dark Fantasy kommt die Unterscheidung zum Horror dadurch zustande, dass die magische Realität greifbarer ist, entdeckt werden kann und den Protagonisten bereits bekannt ist.

Von Schlössern und anderen Akteuren

Das Paradebeispiel der Edifice Fantasy ist die zwischen 1946 und 1959 veröffentlichte „Gormenghast“-Trilogie von Mervyn Peake, in der der Bezug zu „Das Schloss von Oronto“ sehr deutlich wird. Überhaupt blieben Schlösser lange die beliebtesten Genre-Gebäude – Joan Aikens „Castle Barebane“, Sarbans „The Sound of his Horn“, Diana Wynne Jones‘ „Sophie im Schloss des Zauberers“ (sowie dessen Anime-Verfilmung „Das wandelnde Schloss), Peter S. Beagles „Das letzte Einhorn“, Lisa Medleys preisgekrönte Graphic Novel „Schloss der Erwartung“ und nicht zuletzt Jim Hensons Fantasyfilm „Die Reise ins Labyrinth“ sind nur einige Beispiele.

Doch auch viele andere Bauwerke durften schon ein Eigenleben entfalten. Das gilt für Kinderheime („Die Insel der besonderen Kinder“), Spielzeugläden („Mr. Magoriums Wunderladen“ (Film)), Zirkusse („Doktor Laos großer Zirkus“), Karussells („Der Karussellkönig“), Paläste und Zitadellen („Gloriana oder Die unerfüllte Königin“, „Die unendliche Geschichte“, „Pala und die seltsame Verflüchtigung der Worte“), Fabriken (feindlich in „Fairwater“, hilfreich in „Charlie und die Schokoladenfabrik“), Universitäten (Fritz Leibers „Hexenvolk“) und selbstverständlich auch für Herren- und andere Spukhäuser („Böses Blut“ von Rhiannon Lassiter, Maja Ilischs „Die Spiegel von Kettlewood Hall“).


„Mission complete“ by Loreathan is licensed under CC BY-NC-ND 3.0

Wenn das Treppenhaus ein Eigenleben führt

In den letzten beiden Jahrzehnten haben aber besonders zwei Bauwerksarten das Schloss von Platz 1 der magischen Gebäude verdrängt: die Internatshäuser und alles, was mit Büchern zusammenhängt.

Gut, beim Internat sind wir mit Hogwarts aus „Harry Potter“ doch schon wieder bei den Schlössern angelangt. Auch sonst ist die Reihe voll von magischen Gebäuden, die wesentlichen Einfluss auf die Handlung nehmen und teilweise selbst zu agieren scheinen (beispielsweise das Haus der Blacks oder der Fuchsbau). Betrachtet man die Reihe als Ganzes, nimmt Hogwarts unter diesen Gebäudefiguren aber zweifellos die Rolle des Protagonisten ein, und das u. a. mitsamt einer Gründungsgeschichte, labyrinthartigen Treppenhäusern und Portalen.

„Harry Potter“ ist die bekannteste, aber längst nicht die einzige Internats-Edifice-Fantasy. Ebenfalls dazu zählen lassen sich beispielsweise „Die Gabe der Magie“ von Kathleen Duey, der erste Band der „Nevernight“-Trilogie von Jay Kristoff oder Mechthild Gläsers humorvolles „Emma, der Faun und das vergessene Buch“. Begreift man das Genre etwas offener, lässt sich auch Richelle Meads „Vampire Academy“-Reihe darunter fassen.

Bibliotheken als (nicht ganz so) heimliche Protagonisten

Sowohl in Hogwarts als auch in der Assassinenschule aus „Nevernight“ tauchen Bibliotheken auf, die in sich wiederum ein Eigenleben führen und sich feindlich gegenüber all jenen zeigen, die Büchern nicht den gebotenen Respekt entgegenbringen. Das ist ganz typisch für Fantasybibliotheken. Ebenso für Fantasybuchhandlungen, -antiquariate und alles, was sonst noch mit Büchern zu tun hat. Kein Wunder, schließlich neigen Leser wie Autoren dazu, Büchern eine besonders phantastische Macht zuzuschreiben. Logisch also, dass beispielsweise in Kai Meyers „Die Seiten der Welt“, Genevieve Cogmans „Die unsichtbare Bibliothek“, Terry Pratchetts „Einfach göttlich“ oder Akram El-Bahays „Bücherstadt“ Bibliotheken und Co. quasi zu Protagonisten werden.

Selten benannt, oft genutzt

Traditionell eignen sich besonders die Weird Literature und Dark Fantasy für die Verwebung mit Edifice Fantasy. Aber die genannten Beispiele zeigen, dass von Romantasy bis Funny Fantasy viele weitere Subgenres „eigensinnige“ Gebäude aufweisen können. Auch wenn sich der Begriff der Edifice Fantasy wenn überhaupt nur sehr beschränkt durchsetzen konnte – das Genre dahinter ist definitiv lebendig.


[1] Siehe http://sf-encyclopedia.uk/fe.php?nm=edifice

*Edit: Hier war ursprünglich implizierz, Clute habe den Begriff der „Edifice Fantasy“ aufgebracht. Offenbar bin ich dabei aber einem Zitatfehler von Farah Medlesohn und Edward James in „Eine kurze Geschichte der Fantasy“ aufgesessen und Clute hat „Edifice“ anders als die beiden nie mit einem Genre in Verbindung gebracht.

Allgemein Phantastik

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