Novemberansichten 2019

Die Debatte um Hopepunk und Noblebright geht in die nächste Runde, dem Magischem Realismus wird abgesprochen, ein Genre zu sein, der DPP sorgt (mal wieder) für Diskussionen u. v. m.

14. 14 Themen habe ich mir aufgeschrieben, die für die Novemberansichten von Interesse wären. Das ist dann doch zu viel, um Lesende und mein schreibendes Ich bei Laune zu halten, aaaber was soll ich auswählen und wo fange ich an? Vielleicht da, wo auch die Oktoberansichten mehr oder weniger anfangen: bei Genre-Diskussionen.

Über Wassergläser und helles Grau

Schon im Oktober war der Hopepunk ja unser aller Lieblingsthema. Momentan ist es an dieser Front etwas stiller, aber ich bin mir sicher – höret meine Prophezeiung! –, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis es weitergeht. Anfang des Monats war die Diskussion gerade ein wenig am Abflauen, als Judith Vogt auf ihrer Webseite eine Art Manifest veröffentlichte. Da stehen einige schöne bis interessante Sachen drin, und ich empfinde beispielsweise den Wasserglas-Vergleich als sehr passend. Demnach ist in der klassischen Heroic Fantasy das Wasserglas halb voll, im Grimdark halb leer, im Hopepunk wird ums Wasser gekämpft. Allerdings stört mich die Überbetonung des Kampfes der „radikal Gütigen“ gegen die Übrigen. Das kann ein Aspekt sein. Allerdings verstehe ich Hopepunk grundsätzlich eben nicht als den altbekannten Kampf der „Guten“ gegen die „Bösen“, sondern vielmehr als die Fähigkeit, Differenzen zu überwinden und zusammenzuarbeiten. Was mir persönlich auch sympathischer ist.

Natürlich wird man mir nun sagen, dass an dem Punkt, an dem Unterdrückung oder Diskriminierung ins Spiel kommen, eine Zusammenarbeit nicht mehr möglich ist. Ethisch würde ich dem auch zustimmen, aber praktisch ist es schwierig und vielleicht auch nicht unbedingt wünschenswert, ein Wir und Ihr zu erschaffen, das in allen Positionen übereinstimmt. Um ein praktisches Beispiel zu nehmen: Ich kann mit meinem Bekannten D., einem Abtreibungsgegner, morgens erbitterte Diskussionen führen und trotzdem am selben Tag mit ihm zu einer AfD-Gegendemo gehen. Es mag eine Grenze geben, ab der Kooperationen nicht mehr möglich sind, aber in erster Linie ist Hopepunk aus meiner Sicht die Fähigkeit, sich gegen Bedrohungen zusammenzuschließen, selbst wenn man in anderer Hinsicht unterschiedlicher Auffassung ist. Wenn Grimdark für das dunkle Grau der Menschen steht, so steht Hopepunk für ihr helles Grau, den Glauben daran, dass man zur Not irgendwie zu einem Konsens finden kann. Auch wenn es bei manchen Themen schwer fällt und frustrieren mag.

Konservativer und liberaler Optimismus

Das klingt nun so kitschig und naiv*, dass wir uns problemlos dem Noblebright zuwenden können. Denn in den Hopepunk-Diskussionen kam immer mal die Frage auf, worin denn der Unterschied zwischen Hopepunk und Noblebright bestehe, da sich ja beide als Gegenstück zum Grimdark sehen. Tatsächlich haben beide aber gar nicht so viel gemein – anders übrigens als Solar- und Hopepunk, aber dazu demnächst an anderer Stelle mehr.

Statue „Searching for Utopia“ in Nieuwpoort, Belgien
(Foto von Trougnouf / Benoît Brummer, CC BY-SA 4.0)

Tiefer mit Noblebright beschäftigt hat sich Peter Schmitt. Er hat mir seine Einschätzungen dazu geschickt und ich zitiere mit seinem Einverständnis einen Teil davon:

[…] Zwar schreibt Brightley [C. J. Brightley, Begründerin des Noblebright, Anm. AR] in ihrem „Manifest“, dass die Bewegung auch Werke umfassen solle, die keinen offen christlichen Charakter tragen, dennoch habe ich das Gefühl, dass die Abgrenzung von der Grimdark hier letztlich von einer christlich-konservativen Grundlage ausgeht. Es geht um die Restituierung traditioneller Werte und Tugenden, und damit verbunden eines traditionellen Heldenbildes. Die Noblebright-Autorin Karen Myer erklärt sogar ganz offen, die gesellschaftliche Aufgabe der Literatur sei es, moralische Werte zu vermitteln, was durch die Antihelden der Grimdark unterlaufen werde.

Noblebright scheint mir darum auch weniger etwas Neues schaffen, als vielmehr die klassische „heroische“ Fantasyerzählung wiederbeleben zu wollen. Dazu passt auch recht gut die erklärte Vorliebe für „clear fantasy“ {was bei mir sofort die Alarmglocke schrillen lässt}, also der Verzicht auf explizitere Darstellungen von Sex und Gewalt. Spontan musste ich da an eine Debatte denken, die Anfang 2011 in der amerikanischen Phantastikszene aufgeflammt war. Damals hatten eine Reihe extrem rechter Figuren die Grimdark attackiert. Den Anfang machte Leo Grin vom „Cimmerian“. Sein Aufsatz „The Bankrupt Nihilism of Our Fallen Fantasists“ erschien bezeichnenderweise bei “Breitbart“. Später mischte auch Theo Beale aka Vox Day mit. Kernpunkt war, dass sie den „Nihilismus“ der Grim & Gritty als Ausdruck eines allgemeinen Werteverfalls und einer gesellschaftlichen Desorientierung interpretierten, für die sie selbstverständlich die bösen “Liberalen“ verantwortlich machten.

Der Vergleich ist sicher etwas unfair. Ich habe bei Brightley und ihren Mitstreitern nichts gesehen, was auch nur im Entferntesten dem faschistischen Dreck ähneln würde, für den Vox Day und seine Kumpanen berüchtigt sind. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass ihre Ablehnung der Grimdark von einer tendenziell ähnlichen Grundlage ausgeht. Ich finde es in diesem Zusammenhang dann auch recht interessant, dass die Hopepunker {oder Hoper?} in ihrer Abgrenzung vom Noblebright erklären, diesem gehe es vor allem um „gute“ Herrscherfiguren à la Aragorn. Mike Reeves-McMillan hat zwar erklärt, dies sei eine Fehlinterpretation der Bewegung, aber ich denke, die Hoper spüren ganz richtig den konservativen Grundgehalt des Noblebright. Während ihre eigene Bewegung klar erkennbar von einer „liberalen“ oder „linken“ Grundlage ausgeht.

Peter Schmitt via PN

War für mich sehr erhellend. Mein Eindruck von Noblebright war bisher vor allem, dass es hier um ein größeres Ganzes geht, eben doch wieder die Erretung einer am Ausgangspunkt utopischen Welt, während Hopepunk eher kleine, „persönlichere“ Episoden erzählt. Im Prinzip also eine ähnliche Trennung wie zwischen High und Low Fantasy. Der christliche Aspekt zu Noblebright ist mir zwar auch begegnet, ich habe ihm aber keine so große Bedeutung zugemessen. Gerade die Unterteilung beider Movements in ein „konservatives“ und ein „liberales“ Mindset erscheint mir aber sehr schlüssig.

Ist es noch ein Movement
oder schon ein Genre?

Und apropos Movement: In der Hopepunk-Diskussion wurde immer wieder mokiert, dass es sich hier nicht um ein Genre im klassischen Sinne handelt. Stimme da einerseits zu. Andererseits können wir in diesem Genre-Verständnis aber auch Grimdark, Solarpunk und vielleicht nicht einmal Cyberpunk den Genre-Status zusprechen. Es handelt sich bei ihnen allen um Movements, die z. B. auch in Mode oder Musik ausgedrückt werden und literarisch von Fantasy bis Krimi eine große Bandbreite betreffen können.

Diesen Unterschied zwischen Genre und Movement bzw. Bewegung** hat Sören Heim passenderweise Anfang November in seinen Ausführungen zum Magischen Realismus beschrieben. In den Szenediskussionen halte ich es allerdings für vertretbar, nicht zu stark auf einer begrifflichen Trennung zu bestehen. Ansonsten können wir die Diskussion als nächstes an der Frage weiterführen, wo ein Genre aufhört und ein Movement beginnt. Ok, können die Literaturwissenschaftler unter uns gerne machen, aber dann bleib ich erst mal Zaungast, wenn’s recht ist.

Und ist eigentlich Military SF dann ein Genre, ein Movement oder bloß ein Label für die ganz Versierten? Keine Ahnung, habe es auf TOR Online aber mal als Genre durchgehen lassen.

Schweizer Buchpreis
und World Fantasy Award

Jetzt sind wir schon wieder so tief ins Genre-Topic geraten, dass es kaum mehr lohnt, weitere Fässer aufzumachen. Aber auch im November gab es ja einige phantastische Veranstaltungen, etwa die Buch Berlin, die Vienna Comic Con oder das ebenfalls in Berlin stattgefundene Sci-Fi Filmfest. Außerdem wurden wieder einige Preise verliehen: Für ihre Dystopie „GRM. BRAINFUCK“ wurde Sibylle Berg mit dem Schweizer Buchpreis geehrt. Den World Fantasy Award wiederum erhielten u. a. C. L. Polk für „Witchmark“ (Best Novel), Kij Johnson für „The Privilege of the Happy Ending“ (Best Novella) oder Rovina Kai (Best Artist). Die Lifetime Achievement Awards gingen an Hayao Miyazaki und Jack Zipes.

DPP und das
Personalunion-Dilemma

Die meiste Szene-Publicity erhielt hierzulande allerdings der Deutsche Phantastik Preis (DPP), der zur Abwechslung auf der Buch Berlin verliehen wurde. Zu den Preistragenden gehören hier u. a. Nicole Böhm für „Vermächtnis der Grimms – Wer hat Angst vorm bösen Wolf?“ (Bester Roman), Christine Weber für „Der fünfte Magier: Schneeweiß“ (Bestes Debüt) und Markus Heitkamp für „Housten hat Probleme“ (Beste Kurzgeschichte).

Für einigen Unmut hat allerdings die Nachricht gesorgt, dass mit Björn Sülters „Es lebe Star Trek“ (Bestes Sekundärwerk) und Lieven Litaers „ta’puq mach – Der kleine Prinz auf Klingonisch & Deutsch“ (Beste Übersetzung“) gleich zwei Bücher aus dem ausrichtenden Verlag In Farbe und Bunt das Rennen gemacht haben. Im Falle der Klingonisch-Übersetzung auch noch in einer neu eingerichteten Kategorie, und bei Sülter handelt es sich als Verlagsleiter auch um einen der Organisatoren.

Nun ja, das Thema ist schwierig. Allgemein führen in der Phantastik-Szene sehr viele Personen Aufgaben in Personalunion aus – über Probleme, die das mit sich bringt, habe ich beispielsweise hier ein paar Worte verloren. Insofern ist es schwierig bis unmöglich, immer alle Werke auszuschließen, die irgendwie mit einem Jurymitglied in Verbindung stehen. Es tut mir auch leid für die beiden Gewinner, deren Freude durch die Diskussion getrübt sein dürfte. Beide haben ja nun auch Themen gewählt, die den Szene-Mainstream durchaus ansprechen dürften, insofern hätten sie vielleicht so oder so gewonnen. Dennoch bleibt ein schales Gefühl. Gerade der DPP wirkt seit seiner Rückkehr als Jury-Teilzeitpreis recht inzestuös, Diskussionen gibt es quasi jedes Jahr. Es würde der Glaubwürdigkeit des Preises aber schon gut tun, mehr Transparenz bezüglich Jury und Vornominierungen zu zeigen sowie in Zukunft Titel von Schriftstellenden unter den Jury- und Orgamitgliedern von der Nominierung auszuschließen. Beim SERAPH z. B. waren meine Titel in dem Jahr, in dem ich in der Jury saß, auch von der Nominierung ausgeschlossen.

Feen, Unterdrückung
und ein Ranking

Zu weiteren Themen in aller Kürze: Ich schrieb über Feen und deren Unterschiede zu Elfen. Dietmar Dath, der kürzlich ein Sachbuch zur Geschichte der SF veröffentlicht hat, sprach im Zeit-Podcast darüber, was wir von der Science Fiction lernen können.*** N. K. Jemisin wiederum verlor einige Worte dazu, wie sich Worldbuilding auf Unterdrückung auswirkt, wie Wired.com zeigt und berichtet. Und schließlich wählte das Paste Magazine die seiner Meinung nach 30 besten Fantasyromane des 20. Jahrhunderts aus. Gelesen habe ich davon zwei („Der Ozean am Ende der Straße“ von Neil Gaiman und „Der Weg der Könige“ von Brandon Sanderson). Ja, nun. Vielleicht komme ich noch zu meinem persönlichen Ranking, aber realistisch betrachtet eher nicht. So spontan könnte ich auch keinen absoluten Favoriten benennen …

Nun denn. Das reicht wohl erstmal als Start in den Advent – ich wünsche euch eine schöne Zeit.


*Manchmal frage ich mich echt, wo meine Wut hin ist. Früher war ich eher der Typ „Hasta la victoria siempre“, mit allen Mitteln für das einsetzen, was man für richtig hält. Aber irgendwie ist mir das abhanden gekommen.
**Ich bevorzuge den Begriff „Movement“, weil er für mich noch einmal eine etwas andere Konnotation mitbringt als „Bewegung“. Zudem passt er, da mit ihm William Gibson, John Shirley, Lewis Shiner und Rudy Rucker, quasi die Gründer des Cyberpunk, bezeichnet wurden. Und letztlich lässt sich Cyberpunk (neben New Wave) als eines der ersten großen Movements in der Phantastik des 20. Jahrhunderts begreifen.
***Wie bei Podcasts üblich, handelt es sich hier um einen Blindhinweis, das heißt, ich habe ihn noch nicht selbst gehört. Selbiges gilt für das Jemisin-Video.

Allgemein Monatsansichten Phantastik

2 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Heyho!
    Was deine Fußnote 1 betrifft, darüber habe ich die letzten Tage mehr nachgedacht, als rational sinnvoll erscheint, aber da hast du was benannt, was ich für mich auch nachvollziehen kann. Ich glaube, viel meiner eigenen Wut ist in dem Maße gewichen, wie die Welt insgesamt gefühlt immer wütender geworden ist.
    Das hat mich zumindest immer mehr richtig innerer Ruhe und co. streben lassen. Die Leidenschaft für bestimmte Themen ist ungebrochen gegeben, aber kompromisslose Kampfeswille, der ist weg.

    Vielleicht hilft das ja bei der eigenen Reflexion ;)

    Viele Grüße,
    Thomas

    • Vielleicht hast du recht. Ich habe mal einen Artikel gelesen, in dem es hieß, dass sich zwischen den Extremen eine Art neue Biedermeier-Kultur mit Rückzug ins Private herausbildet. Das klingt mir ein bisschen zu negativ und … nun ja, spießig ;-) Aber es ist vielleicht schon was dran.

      Liebe Grüße

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