Über beißende Frauen, Vagina Dentata & stuff

Sie küssen, sie beißen, und manchmal kommt beides zusammen: Kürzlich ist auf TOR Online eine neue Reihe gestartet, in der es um Ursprung und Entwicklung von Fantasywesen geht. Im Rahmen dessen durfte ich mir für diesen Beitrag gleich mal die Promis mit den spitzen Eckzähnen vornehmen.

Nun dachte ich vorher, eigentlich schon ganz gut über Vampire Bescheid zu wissen. Trotzdem habe ich mir einen Samstagnachmittag lang die Zeit genommen, mich in die lokale Uni-Bibliothek gesetzt und mir alles zu Gemüte geführt, was sie dort zu Vampiren hatten. Was übrigens erstaunlich viel war – gerade die Theologie-Fraktion hat offenbar ein Faible für die Beißerchen.

Jedenfalls endete das in 13 beschriebenen Notizseiten, diversen Epiphanien und einem sechsseitigen Artikel. (Finanzeffizientes Arbeiten sieht anders aus, aber nun, wenn man einmal im Flow ist … ) Für einen leserfreundlichen Artikel war das zu viel, also habe ich erst mal radikal gekürzt. Trotzdem habe ich nun immer noch diese ganzen Notizen mit … faszinierenden Fakten rund um die Geschichte der (weiblichen) Vampire (in Europa). Die meisten von denen, die es letztlich nicht in den Artikel geschafft haben, entstammen dem gleichwohl sehr empfehlenswerten Buch „Blutsaugerinnen und Femme Fatales“ von Angelika Schoder (U-Line 2009, ISBN-13: 978-3-86608-101-7).

Quasi als Spoiler und damit die ganzen Notizen nicht umsonst waren, hier ein paar random facts rund ums gar üble Wesen von Vampirinnen. Die bei näherer Betrachtung natürlich weniger lustig, sondern vielmehr frustrierend sind …

  • Bis ins 19. Jahrhundert hinein waren nahezu alle Vampire weiblich. Insbesondere gilt das für „westliche“ Vampire, Ausnahmen gelten dagegen z. T. für Dämonen aus dem fernöstlichen Raum wie Vetala oder Giang Shi.
    Ein Grund könnte darin liegen, dass Tod, Blut und Fruchtbarkeit in vielen mythologischen Vorstellungen eng miteinander verknüpft sind. Totengöttinnen sind dadurch relativ häufig anzutreffen, aber nicht unbedingt negativ konnotiert.
  • Viele Vampirinnen galten als „birth demons“, also Wiedergängerinnen von Frauen, die im Kindbett gestorben sind, eine Totgeburt erlitten hatten oder deren Kinder getötet wurden. Das wiederum steht in Zusammenhang zum vampirischen Drang, kleine Kinder zu entführen.
  • Ferner können Vampirinnen als Anthithese zur „normalen“ Frau gesehen werden. Die vampirische Fortpflanzung entspricht quasi dem Zyklus aus Sex und Geburt.
  • Außerdem, nun verlassen wir den nüchternden Teil, galten Frauen als „sexuelle Raubtiere, die dazu getrieben werden, die ökonomische Potenz der Männer und ihre Vitalität zu dezimieren“ (Schoder, S. 16). Diese Ansicht vertraten beispielsweise Otto Weininger (1903) oder Sigmund Freud (1905). Ausgenommen waren Mütter und Ehefrauen.
  • U. a. war Francis Cooke um 1870 der Auffassung, dass Frauen Blut trinken, um den Blutverlust durch die Menstruation wiedergutzumachen (jetzt ist es raus!).
  • In eine ähnliche Kerbe schlug Havelock Ellis, als er 1894 in „Man and Woman: A Study of Secondary and Tertiary Sexual Characteristics“ Frauen ein andauerndes Verlangen nach dem männlichen Lebenssaft attestierte, weil sie durch Menstrutation und Schwangerschaften selbst ständig geschwächt seien.
  • Ende des 19. Jahrhunderts kam das Bild der femme fatale auf, deren Sexualität Männer ins Verderben führt. Dem gegenüber war das Bild der sittsamen, aber langweiligen femme fragile oder snow maiden. (Man kann es halt niemandem recht machen.)
  • Vampirinnen standen nun (na, eigentlich auch schon vorher) für die übersteigerte Gier nach Liebe, Blut und Sex. Diese Störung musste in der Literatur von männlichen Helden bekämpft werden.
  • Besondere (Kastrations-)Angst brachten einige Männer des 19. Jahrhunderts dem weiblichen Mund entgegen, der nun wieder vermehrt als Vagina Dentata gedacht wurde.* Danke, Poe! (Von Freud wollen wir mal gar nicht reden, der hat hier schon genug Aufmerksamkeit bekommen.)
  • Euphemismus für den Tod durch eine*n Vampir*in: „zu Tode küssen“
  • Zugleich wurde die Emanzipation der Frauen in der Vampirliteratur des 19. Jahrhunderts aber auch wohlwollend behandelt. Na ja, zumindest ein bisschen: In „Dracula“ etwa steht Mina für die vom Autoren als positiv empfundenen Elemente der Emanzipation, also Chancengleichheit, freie Partnerwahl und das Ausüben „weiblicher“ Berufe. Lucy und die Vampirinnen aus Draculas Schloss symbolisieren durch die Ablehnung von Ehe und Mutterschaft dagegen die „negative“ Seite.
  • Sheridan LeFanus „Carmilla“ stellt patriarchalische Machtstrukturen in Frage, zugleich wird lesbische Sexualität als gefährlich beschrieben.
  • Der männliche Vampir gilt weniger durch seine übersteigerte Libido als furchteinflößend, sondern durch seine Repräsentation des Fremden, Unbekannten.
  • Weibliche Vampire des 19. Jahrhunderts zeigen Herz und Empathie, männliche weniger.
  • Tote Frauen galten im 19. Jahrhundert als ästhetisches Ideal. o.O Ach ja, belebte Venusstatuen waren auch ein thing.
  • Mal was Schöneres: Ein Entstehungsmythos für Vampirinnen besteht darin, dass diese früher Sterne waren, die vom Himmel gefallen sind. Wirft ein ganz neues Bild auf Yvaine, oder?
  • Um 1900 änderte sich das Bild, die femme fatale wurde fortan auch positiv als selbstbestimmte, durchsetzungsfähige Frau gelesen.

So viel dazu. Literaturgeschichte ey. Als *hust* Kulturwissenschaftlerin finde ich es davon ab aber sehr spannend, dass Vampire und Vampirinnen quasi weltweit anzutreffen sind. Während sie sich in einigen Aspekten unterscheiden, sind sie sich dabei in anderen bemerkenswert ähnlich (siehe TOR-Artikel). Wusstet ihr z. B. schon, dass Knoblauch nicht nur gegen europäische Vampire, sondern auch gegen die philippinischen Aswang hilft? Nein? Tja, gut dass wir drüber geredet haben.


*Auch das allerdings kein rein westliches Phänomen. Siehe dazu z. B. dieser Artikel auf Vice.

Text unter CC-BY-SA

Outside Tellerrand Phantastik

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