Veränderung in Zeiten von FBM und BuCon

Als ich 2015 zum letzten Mal die FBM als Cosplayerin besuche, bin ich befremdet. Unter der Szene irritieren mich die ständigen Fotos, das Schrille, die fremden Leute, die einen plötzlich umarmen, weil man ein ähnliches Kostüm trägt. Außerhalb der Szeneplätze, in den Hallen, fühle ich mich wiederum unwohl unter den Blicken der anderen Leute. Früher waren die mir schnurz.

Flammkuchen und Cartoons: Die FBM 2019

Vier Jahre später habe ich mit Cosplay nichts mehr am Hut, genieße die Frankfurter Buchmesse dafür umso mehr. Ich bin etwas aufgekratzt und nervös wegen der Termine, habe aber inzwischen halbwegs einen Plan, in welchen Messebereichen es mir gefällt. Ich schaue mir die diesjährigen Nominierungen für den Cartoon-Preis an, besuche den synästhetisch eingerichteten Norwegen-Pavillon, sehe einem thailändischen Tätowierer zu, fühle mich dekadent bei zwei Messe-Cappuccinos*, genieße im Außenbereich den traditionellen Flammkuchen, flaniere über den Arts+-Bereich, diskutiere mit einer Agentin (?) aus Florida über den Stand der Science Fiction und lausche Diskussionen zu Podcasts und armenischen Schriftstellenden. Dazwischen geht es immer mal wieder zum PAN-Stand, wo die übliche Phantastik-Crowd zu finden ist.

Ich weiß, viele schätzen die FBM nicht besonders, sie ist ihnen zu laut, zu hektisch, zu Business-orientiert. Aber ich habe in den letzten drei Jahren wieder großen Gefallen an ihr gefunden. Ich mag es, mich treiben zu lassen (auf der Via Mobile quasi wortwörtlich) und dabei Themen zu entdecken. Wo sonst erfahre ich was über die Situation für Schriftstellende in Armenien? Wo sonst schenkt mir eine Agentin ein Zen-Armband für gute Vibes?

Literatur und Informationstechnologien: Norajar Sargssjan (Mitte) und Anahit Hajrapetjan (links) aus Armenien in der Diskussion

Texte und Visionen:
Bloggertreffen und „Dream Ursula“

Freitags findet mittags das Bloggertreffen von Amrûn statt. Ich lese kurz aus „Liminale Personae“, wobei mich eine Armada zufällig vorbeikommender Asiaten filmt. Fühle mich kurz als Promi. Danach würde ich gerne noch meinen KollegInnen Stefan Cernohuby und Katharina Kullmann zuhören und mit den Teilnehmenden quatschen, muss aber leider direkt weiter.

Warten mit Stefan Cernohuby vor Asterix (Foto von Janett Cernohuby)

Gemeinsam mit Fabienne Siegmund, Laura Flöter, Stephanie Kempin und Regine Bott geht es einmal quer durch die Frankfurter Innenstadt bis in den Keller des 25hours Hotel The Trip. Hier findet das Bookfest-Event „Dream Ursula“ statt. Theo Downes-Le Guin hält eine sehr persönliche Keynote zum Andenken an seine Mutter Ursula Le Guin. Ich muss gestehen, mich nie besonders mit ihr auseinandergesetzt zu haben, obwohl ich sie thematisch sehr interessant finde. Die Keynote gefällt mir so oder so sehr gut, soweit ich sie durch die Schleier von Nervosität hindurch aufnehme.

Denn danach folgt eine Runde, in der James Sullivan, Regine Bott, Natalja Schmidt, Christoph Hardebusch, Kai Hirdt et moi unsere Gedanken zur Zukunft mitteilen dürfen: Wie sieht die Arbeitswelt von morgen aus? Sagt SF die Zukunft voraus? Welche Rolle soll Kultur einnehmen? Ich empfinde das als erstaunlich nett – erstaunlich nicht, weil ich kein Vertrauen in die Veranstaltung hatte, sondern eher in meine Nerven. Es ist immer die Krux, dass ich eigentlich sehr gerne an so etwas teilnehme oder Vorträge halte, vorher aber im Lampenfieber zergehe. Nun, bei Lesungen hat sich das inzwischen gegeben, meine Hoffnung ist, dass es bei Vorträgen irgendwann ähnlich sein wird.

Jedenfalls, wir geben unsere Statements ab, wobei bloß schade ist, dass wir nicht in Diskussion miteinander treten. Auch wenn die Statements selbst offenbar gut ankommen und die Veranstaltung kurzweilig ist, wird dieses voneinander Abgeschottete kritisiert. Nachdem die Diskussion im letzten Jahr bei der Vorgängerveranstaltung „Think Ursula“ nicht so lief wie geplant, wollte man wohl auf Nummer Sicher gehen. Allerdings bin ich zuversichtlich, dass die Teilnehmenden dieses Jahres es hinbekommen hätten, pfleglich miteinander umzugehen.

Statementrunde: James Sullivan, Alessandra Reß, Natalja Schmidt, Regine Bott, Diana Menschig (Moderation), Christoph Hardebusch, Kai Hirdt (Foto von @tannborn)

Wie dem auch sei, die Veranstaltung geht zu Ende, es folgt eine Lesung von Jenny Mai-Nuyen. Wieder würde ich sie gerne besuchen, soll aber unverhofft ein Interview geben. Ich bin noch ganz wirr im Kopp, hoffe aber, nicht allzu viel Mist zu reden. Lässt sich Mitte November auf 3sat nachprüfen.

Lichter und Landkarten: Galaktisches Forum

Danach ein wenig Gespräch mit anderen Veranstaltungsteilnehmenden, dann laufe ich konfus durch die Stadt, gehe schließlich mit Erik (Erik-Effekt-Erik) und einer Bloggerin vom Koblenzer Stammtisch stilecht im Bahnhof essen. Es gibt Fischbrötchen von Nordsee und dazu Cappuccino Nr. 3, quasi das Soulfood des überforderten Allergikers.

Im Anschluss zurück zum Hotel, Zeit fürs Galaktische Forum, die alljährliche Party der Phantastikszene, ausgerichtet von Droemer Knaur und Fischer TOR. Es ist laut, es ist dunkel, es ist schön. So viele bekannte Gesichter, die ich viel zu selten sehe. So viele unbekannte Gesichter, mit denen ich mich unterhalte. So viele Menschen, mit denen man gerne noch viel mehr reden würde, und die dann doch irgendwo verschwinden zwischen fancy Couchs, alten Landkarten und Weindunst.

Am Ende prophezeie ich Fabienne, dass mich in diesem Jahr der Conblues hart treffen wird. Jetzt, da der Stress abgefallen ist, bin ich krass euphorisiert.

Samstags allerdings ist davon nicht mehr viel übrig.

Gespräche und Ziellosigkeit: BuCon

Es ist BuCon-Tag, eigentlich doch DAS Event des Jahres. Dieses Familientreffen, bei dem man sich einen Tag lang in einer Wohlfühlblase bewegt, in der einem nichts und niemand etwas anhaben kann.

Aber dieses Mal fühle ich mich einfach ziellos. Menschen knuddeln sich, während ich nicht durchsteige, wen man umarmen soll und wer lieber nur die Hand reicht. Menschen unterhalten sich, ich hab das Gefühl, im Weg zu stehen. Irgendwann erblicke ich den Tisch mit Markus Mäurer und den Kerls von Fantasyguide, SF-Lit und finde eine Oase. Später gesellen sich phasenweise noch andere nette KollegInnen hinzu. Aber irgendwie „wabern“ die Gespräche und ich kann ihnen oft schlicht auditiv nicht folgen. Liegt’s am Schlafmangel oder am Gehör, wer weiß. Ich ziehe noch ein paar Runden, aber dieses Homecoming-Gefühl vergangener BuCons, es will sich einfach nicht einstellen.

BuCon-Gewusel

Am Nachmittag nehme ich gemeinsam mit Stephanie Kempin, Heike Schrapper und Ju Honisch am Panel zu den „FaRK Chronicles“ teil. Es macht Spaß, vor allem Jus Auszug kann überzeugen. Danach wieder zielloses Herumlaufen, ab und zu unterbrochen von viel zu kurzen Gesprächen mit Leuten, die vorbeiflattern, ehe irgendein Termin, ein anderes Gespräch oder die Bahn warten.

Ansonsten besuche ich keine Panels. Es werden fast nur Lesungen angeboten, was schade ist. In der Oasen-Gesprächsrunde haben wir es davon, dass wir Diskussionsrunden und Workshops vermissen, am Vortag hat das auch schon jemand auf dem GaFo angemerkt. Lesungen sind auch mal nett, aber den ganzen Tag nichts anderes, mit jeweils sieben Veranstaltungen parallel? Uff.

Und nun?

Auf dem Heimweg ist mein Kreislauf am Arsch und ich bin deprimiert. Es ist nicht der übliche Conblues, den ich Samstagmorgen noch erwartet habe, sondern eher so ein Gefühl tiefergreifenden Verlusts (uh, Dramasprech!). Diese Ziellosigkeit und Befremdung auf dem BuCon waren nicht neu. Wenn ich ehrlich bin, habe ich sie ähnlich schon auf dem FeenCon empfunden, nur hatten dort alle mehr Zeit und dank Stand kam wenig Langeweile auf.

Ich frage mich, ob es das jetzt gewesen sein soll, wieder mal eine Szenezeit zu Ende geht und ich nur noch zum Zaungast werde, der ab und zu ’ne Con besucht und Leuten lustige Fotos aus der Szenezeit zeigt. Haha, guckt, mit 16 hatte Alessandra schwarze Haare und Dornenreich-T-Shirts, mit 26 ist sie wieder blond und trägt ein Hopepunk-T-Shirt.**

Aber die Vorstellung wirkt absurd, ich weiß gar nicht, wie Alessandra sein soll ohne die Szene. Und dann fällt mir auf, dass nicht Entfremdung oder Irritation wie bei den Cosplayern das Problem ist. Es ist nicht, dass ich nicht mehr Teil der Szene sein will, im Gegenteil. Sie ist mir zu einem selbstverständlichen Teil meiner Zeit geworden. So selbstverständlich aber, dass ich nicht mehr kurzen Momenten von Zusammengehörigkeit nachjagen möchte. Ich möchte … ich weiß auch nicht, Weiterentwicklung vielleicht, oder Hinzulernen, Erkenntnisgewinn.

Entschleunigt es noch oder bremst es schon?

Ich habe Samstagabend noch gesagt, dass das Schreiben für mich derzeit eher ein Hobby ist, und vielleicht stimmt das für die Prosa, aber nicht für den Rest. Die Szenearbeit nimmt locker 70 % meiner Freizeit ein, die neben einem Vollzeitjob mit Überstundenneigung nicht allzu ausgeprägt ist. Ich schreibe regelmäßig für diesen Blog und TOR Online, bin fast täglich auf Twitter und Instagram. Hinzu kommen manchmal Tätigkeiten für PAN oder Mephisto, dann die Romane und Kurzgeschichten, der Koblenzer Phantastik-Stammtisch, Gastartikel. Mir macht das alles Spaß und es ist meine eigene Entscheidung, was ich tue oder lasse. Aber da ist so viel Input und ich hab manchmal das Gefühl, auf Cons eher gebremst zu werden. „Entschleunigend“ nannte es einer der Leute aus der Oasen-Runde, aber es fühlt sich für mich eher nach was anderem an. Weiß auch nicht. Nach ungenutztem Potenzial vielleicht.

Ich will diese kleinen Cons auf keinen Fall missen und auch wenn das nun alles ziemlich negativ klingen mag, bin ich wahrscheinlich nächstes Jahr doch wieder überall dabei. Sie sind eine der wenigen Möglichkeiten, das vorwiegend online ablaufende Szeneleben einmal offline zu ergänzen. Aber wäre es nicht cool, zwischendurch mal Vorträge zu hören, womöglich sogar über Themen, denen man auf Twitter noch nicht (so oft) begegnet ist? Oder geordneten Diskussionsrunden beizuwohnen? Die Panels von ihrem reinen Marketingzweck zu lösen, stattdessen mehr auf Informationsaustausch und -aufbau zu setzen?

Klar, wir haben inzwischen die Barcamps, aber im Literaturbereich bieten die vorwiegend Workshops, vielleicht noch einen lockeren Erfahrungsaustausch. Und die wissenschaftlichen Tagungen und das PAN-Treffen bieten halt nur Themen zu bestimmten Bereichen bzw. für einen eingeschränkten Nutzendenkreis. Cons könnten hier eigentlich echt eine gute Verbindung schaffen mit Vorträgen, Diskussionen UND Workshops, Lesungen, Verlagsvorstellungen etc. Gerne auch etwas geplanter und ausgewählter als auf Barcamps. Vielleicht würden so auch die Subszenen miteinander verbunden. Von der U25-Bloggenden-Generation verirrt sich doch kaum jemand auf den BuCon, und kaum jemand aus „Konvent“-Zeiten zeigt sich mal auf einem Litcamp. Ebenso wenig, wie die Barcamper auf eine GfF-Tagung gehen und umgekehrt. ***

Das klingt nun vielleicht alles etwas undankbar oder arrogant. Ich weiß ja auch nicht, was dahinter steht, warum z. B. die früheren Podiumsdiskussionen und Vorträge aus dem Programm gestrichen wurden. Vielleicht haben sich schlicht nicht genug Interessenten gefunden? So oder so, die Cons schulden mir nichts, und ich habe auch von vielen mitbekommen, dass sie dieses Jahr alles ganz toll und plüschig fanden. Außerdem profitiere ich als Kleinverlags-Autorin natürlich auch von diesen Events, und wer bin ich, von einem Con mehr zu verlangen als Networking Familienzusammenführung und Lesungsmarketing?

Doch die Szene wandelt sich, ist in meinen Augen ihrem Kellerimage entwachsen. Vielleicht ist es an der Zeit, dass auch die kleinen Cons sich ein wenig mitwandeln.

Oder vielleicht bin am Ende doch bloß ich es, die sich verändert hat und nun mit Messehektik mehr anfangen kann als mit Conentschleunigung.


*An zwei verschiedenen Tagen, also geht es noch mit der Dekadenz.
**Ok, das T-Shirt kam eigentlich erst drei Jahre später.
***Die awkward Sache mit dem „Wann umarmt man jemanden“ lässt sich dadurch natürlich nicht lösen. Ich glaube, das ist so eine soziale Sache, bei der ich mich daran gewöhnen muss, dass mir die Vibes fehlen.

Eigene Fotos stehen unter CC BY-NC-ND

Allgemein Eventansichten Phantastik Schriftstellerei

2 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Was uns fehlt, ist eine literaturzentrierte Dachveranstaltung wie die Worldcon (Panels, Lesungen, Workshops, Partys), wo von Dozenten über Agenten bis Cosplayern und Fans alle auf ihre Kosten kommen. Ich fürchte, die deutsche Szene ist einfach zu kleinteilig organisiert dafür.

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