Septemberansichten 2019

Wir betrachten den Wert von Science-Fiction-Medien als Vermittler, denken über Diversitätsdebatten in der deutschsprachigen Phantastik-Szene nach, sprechen Geeks Macht zu und berichten über die Wetzlarer Tage der Phantastik.

Wieder mal Monatsansichten und wieder mal wundere ich mich, dass ich sie noch auf die Reihe bekomme. Mir macht der „Brotjob“ mehr Spaß als früher, so viel, dass ich mich sogar nach einem alternativen Begriff für ihn umschaue, der nicht so nach zweiter Reihe klingt. Aber er nimmt halt auch viel mehr Zeit ein als früher und die ganzen Szenesachen leiden darunter – inklusive der Schriftstellerei, die ja nun doch längst mehr als ein Hobby ist. 2019 habe ich bisher eine einzige Kurzgeschichte geschrieben, Lektorate und Überarbeitungen mal ausgeklammert. Und so langsam nagt das doch an mir. Andererseits machen mir auch das Bloggen und die Artikel auf TOR-Online zu viel Spaß, als dass ich sie ganz sein lassen wollte.

Design Fiction und SF als Medium

Nun, es ist ein Dilemma, mit dem ich mich in einer ruhigen Minute (lol) mal beschäftigen sollte, aber bis dahin genieße ich es, wie Brotjob und Szenesachen sich zuweilen doch auf sehr angenehme Art miteinander verbinden. Beispielsweise habe ich in letzter Zeit öfter mal Veranstaltungen eines Dozenten aufgenommen, der sich selbst als Trekkie bezeichnet und es bei seinen Vorträgen zum Thema Digitalisierung nicht versäumt, immer wieder auf Verbindungen zu Star Trek zu verweisen. Überhaupt: Wer immer noch behauptet, die Science Fiction genieße kein Ansehen, war nie auf einer Digitalisierungsveranstaltung. Dort wird eigentlich immer wieder betont, wie sehr das Genre sich dafür eignet, realistische Zukunftsprognosen abzugeben.

Diesem Thema haben sich im September auch zwei Artikel gewidmet: Auf TheConversation.com verweisen Alessio Malizia und Silvio Carta auf „Design Fiction“-Geschichten, die dabei helfen können, ein sozioethisches Bewusstsein für die Folgen neuer Technologien zu entwickeln. Thematisch in eine ganz ähnliche Richtung geht zudem Lars Schmeink in einem Interview auf My Mediastore. Ich glaube, man sollte dabei auch nicht unterschätzen, welche Vermittlerrolle die SF übernehmen kann. Pro- und Contra-Digitalisierungslager liegen ziemlich weit auseinander: Die Enthusiasten negieren gern Gefahren, die mit neuen Technologien einhergehen, die Skeptiker dagegen bewerten sie über und sperren sich gegenüber Innovationen. Geschichten, gleich in welchem Medium sie erzählt werden, können als Brücke zwischen beiden Lagern dienen.

Oh, diese Machtverlockungen!

Genau das gibt Science-Fiction-Produzent:innen eine Form von Macht. Damit sind wir bei jener ominösen Nerd-Macht, die immer mal wieder beschworen wird, meist um darauf zu verweisen, wie, flach formuliert, die Außenseiter aus der Schule dank Informtikkenntnissen und Digitalisierung an die Spitzen der Konzerne kamen. Sie lässt sich aber auch in der Geek Culture finden, die sich lange als Subkultur von unverstandenen Außenseitern verstand, und nicht so ganz damit klarkommt, dass sie längst in der Mitte einer vielfältigen Gesellschaft* angekommen ist. Es ist zum Trend geworden, sich auf lächerliche Weise darüber aufzuregen, wenn das liebgewonnene Franchise Wege einschlägt, die einem selbst nicht passen, wie Rob Bricken hier ausführt.

Ebenso werden Momente von Repräsentation von konservativen oder puristischen Teilen der Geek Culture teils sehr kritisch bedacht. Im Rahmen einer Themenwoche zur Gleichberechtigung ist dazu auf Teilzeithelden.de ein Beitrag von Heike Lindhold erschienen, in dem sich die Autorin für mehr Diversität in der phantastischen Literatur ausspricht auch ihre eigenen Lesegewohnheiten reflektiert. Ein vergleichsweise angenehm unaufgeregter Artikel zu dem Thema.

Insgesamt frage ich mich allerdings, ob sich die Debatte nicht verlaufen hat und sich u. a. zu sehr an den amerikanischen Verhältnissen orientiert. Auf Twitter hatte beispielsweise mal jemand (Peter von Skalpell & Katzenklaue, glaube ich?) darauf aufmerksam gemacht, dass die Migrationsgeschichte in Deutschland eine andere ist als in den USA und sich insofern auch die Repräsentationsdebatte verschieben müsste. Bisher hat das, soweit ich es mitbekomme, wenig Beachtung erfahren.

36. Wetzlarer Tage der Phantastik: Antje Wagner wird ausgezeichnet …

Abschließend noch ein Blick auf Events, die im September eine Rolle gespielt haben: In Arcen fand die Elf Fantasy Fair statt, die die Daheimgebliebenen Jahr für Jahr mit einem fantasievollen Bilderreigen erfreut.

Hierzulande war es an der Zeit für die 36. Wetzlarer Tage der Phantastik. In deren Rahmen wurde am 27. September der Phantastik-Preis der Stadt Wetzlar an Antje Wagner mit ihrem facettenreichen, nicht-chronologisch erzählten Mystery-Roman „Hyde“ verliehen, erschienen bei Beltz.

… und Kai Meyer wissenschaftlich bedacht

Am Tag darauf schloss sich ein Literarisches Symposium an, das sich in diesem Jahr den Werken von Kai Meyer gewidmet hat. Es ging u. a. um Glauben und Unglauben in „Das Gelübde“, um „Loreley“ als femme fatale und, in meinem eigenen Vortrag, um Totenkult und apokalyptische Nicht-Vergemeinschaftung in „Phantasmen“.

Bibliotheksgang mit vielen Regalen und Sitzhockern
Untergeschoss in der Phantastischen Bibliothek Wetzlar

Dem Symposium vorausgegangen war bereits vor vier oder fünf Jahren der Aufruf zu einem Essayband. Leider wurden damals nicht genug Beiträge eingesendet und vor allem viele neuere Romane Meyers nicht bedacht. Daher wurde der Band auf Eis gelegt, stattdessen das Symposium initiiert, bei dem wir im Wesentlichen unsere Essay-Inhalte vorgestellt haben. Das Ziel ist aber, auch den Band irgendwann noch zu vervollständigen. Wer Interesse daran hat, mitzumachen, kann sich bei Klaudia Seibel von der Phantastischen Bibliothek melden. Die Beiträge sollten akademischen Ansprüchen genügen (sprich Quellenangaben haben), müssen aber nicht aus der „wissenschaftlichen Welt“ heraus entstanden sein. Mich haben sie ja auch genommen. ;-)

Phantastische Bildwelten in Wetzlar und Brühl

Schließlich bildeten die Wetzlarer Tage der Phantastik auch noch den Auftakt zu einer Ausstellung mit Bildern von Illustrator Jens Maria Weber (u. a. zu „Die Krone der Sterne“). Besuchen kann man diese noch bis zum 15. November 2019 in den Räumen der Phantastischen Bibliothek.

Ebenso startete eine fantastische Ausstellung in meiner alten hood Brühl: Das dortige Max Ernst Museum – ohnehin einen Besuch wert – widmet sich noch bis 16. Februar 2020 den Werken des französischen Comiczeichners Moebius.

Also, ihr wisst was ihr zu tun habt im Oktober. Und dann sind da ja auch noch die Frankfurter Buchmesse, der BuCon und die SPIEL Essen … Auf der FBM werde ich wohl auch den einen oder anderen eh, Auftritt haben. Infos dazu gibt es rechtzeitig vorher im Termin-Reiter.


*Das soll nicht heißen, dass Geeks vorher nicht vielfältig gewesen wären. Aber sie hatten einen stärkeren gemeinsamen Nenner darin, sich als Underdogs zu fühlen und dadurch einen Zusammenhalt, der vielleicht auch Minoritäten innerhalb der Gruppe stärker geschützt hat.

Allgemein Eventansichten Monatsansichten Phantastik

Kommentar verfassen; bitte beachte, dass die IP-Adresse gespeichert wird, wenn du einen Kommentar verfasst; siehe dazu die Datenschutzerklärung

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.