[KG-Festival] Gar kurze Kurzgeschichten …

… und Jens Salzmanns „Nächtliche Erkenntnis“

Wer in der deutschsprachigen Phantastik-Szene einen Weg als schreibende Person in die Verlagslandschaft sucht, landet dabei oft erst einmal bei Kurzgeschichten-Ausschreibungen. Zumindest war das noch vor ein paar Jahren ein üblicher Weg, um erstens die Zusammenarbeit mit (Klein-)Verlagen zu testen, sich zweitens bei solchen auf den Schirm zu bringen und drittens die eigene Schreibe weiterzuentwickeln. Mit fortschreitender Beliebtheit des Selfpublishings mag das abgenommen haben, aber auch hier finden sich oft Schriftstellende zusammen, um gemeinsam Anthologien herauszubringen.

Auf diese Weise haben Kurzgeschichten, auch wenn sie hierzulande ansonsten als eher vernachlässigt gelten, im Indie-Bereich ihren festen Platz erhalten. Zugleich gelten Anthologien, obwohl durchaus auch bei „fortgeschrittenen“ beliebt, jedoch auch oft als Testgelände eher unerfahrener Schriftstellender. Und viele Leser, gerade in der Phantastik, greifen ohnehin lieber auf längere Texte einzelner Autoren zurück. Um mehr Leute für Kurzgeschichten zu begeistern und auf positive Beispiele aufmerksam zu machen, hat Meara Finnegan zum digitalen Kurzgeschichten-Festival geladen. Auf ihrer Webseite findet ihr eine Auflistung aller teilnehmenden Blogs, Autoren und Verlage.

Kurzgeschichten sind keine Mini-Romane

Ich habe eine Reihe von Anthologien großer und kleiner Verlage bei mir stehen. Einige gefallen mir sehr gut, aber manche der darin enthaltenen Kurzgeschichten haben für mich das Problem, dass hier versucht wird, die Handlungen von Romanen oder wenigstens Novellen auf wenige Seiten zu quetschen. Da Ausschreibungen normalerweise mit einer Zeichenbeschränkung einhergehen, tritt außerdem oft das Phänomen auf, dass eine zunächst geradezu epische Kurzgeschichte (paradox, I know) plötzlich unangenehm fix zum Ende geführt wird. Mein vages Qualitätsmerkmal für eine Kurzgeschichte ist daher: Je kürzer desto besser.

Im Detail gibt das natürlich keinen Sinn. Eine Zwei-Satz-Kurzgeschichte ist selten der Burner. Aber eine gute Kurzgeschichte hat für mich keine epische Einführung von Welt und Figuren. Sie wirft nur ein kurzes Schlaglicht auf das Geschehen und endet auf eine Pointe, ohne große Zeiträume zu umfassen.** Ein sehr gutes Beispiel für eine solche Anthologie ist „Mein kleiner Horrortrip“, erschienen bei Beltz & Gelberg.

Jens Salzmanns „Nächtliche Erkenntnis“

Ja ja, Publikumsverlagsanthologie mit Schriftstellendennamen von Weltrang. Aber auch in Kleinverlagsanthologien stoße ich immer wieder auf solche Beispiele sehr gelungener Kurzgeschichten. Mein Favorit ist Jens Salzmanns „Nächtliche Erkenntnis“ aus der Anthologie „Mystische Schriften 2: Flammende Seelen“ des inzwischen von Saphir im Stahl übernommenen Arcanum-Verlags.

Cover der Anthologie "Mystische Schriften 2: Flammende Seelen". Abgebildet ist eine weibliche Figur mit verbundenen Augen.
„Mystische schriften 2: Flammende Seelen“, Arcanum 2007, ISBN: 978-3-939139-04-1

Diese Geschichte macht eigentlich alles richtig: Sie ist kurz, nimmt im Buch gerade mal 2,5 Seite ein.** Dargestellt wird ein Gespräch zwischen einem Grafenpaar und ihrem ehemaligen Hofnarren Ragnim, der sich Sorgen um seinen Verstand macht. Unmöglich, mehr zu verraten, ohne zu spoilern, aber nun, der Schlusssatz gibt dem Thema eine überraschende Wendung.

Vereinzelt ist die Anthologie noch erhältlich. Wenn ihr die Möglichkeit habt, schaut euch sie oder die Kurzgeschichte an. Es lohnt sich.


*Wenngleich Ausnahmen die Regel bestätigen!
**Was aber wirklich sehr kurz ist. Ich finde durchaus auch an längeren Kurzgeschichten Gefallen, solange sie sich nicht zu episch auszuerzählen ;-)

Aktionsansichten Allgemein Fangirlmodus Phantastik

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