Juliansichten 2019

Der FeenCon feierte runden Geburtstag, die Wikipedia-Auseinandersetzung ging in die nächste Runde, ein Verlag machte Negativschlagzeilen und es wird nie langweilig, sich über Genres zu unterhalten: da sind sie, die Juliansichten.

Liebe Leute, es war ein ereignisreicher Monat für die Szene. So ereignisreich, dass ich schon eine Woche vor Monatsende mit diesem Beitrag anfange – was, wie ich mich kenne, dazu führen wird, dass ich entweder die Hälfte vergesse und / oder den Beitrag erst irgendwann im August veröffentliche.*

Die Bonner Fee wird 30

Auch wenn es tageweise knackig warm war, hielt das die geneigten Mitglieder der Phantastik-Szene nicht davon ab, den Weg nach draußen zu wagen. Ein erster Anlaufpunkt war dabei das Steampunk-Festival „Kohle, Dampf und Eisenglanz“, über das ich bereits hier berichtet habe. Außerdem fand am Wochenende des 20. und 21. Juli zum bereits dreißigsten Mal der FeenCon in Bonn-Bad Godesberg statt.

Ebenso wie BuCon und RPC (bzw. nunmehr CCXP) gehört auch der FeenCon seit einigen Jahren für mich mehr oder weniger zum Pflichtprogramm – auch wenn er leider oft mit Urlauben oder dem Horizonte Festival zusammenfällt, weshalb es ein paar Lücken in meiner Con-Chronologie gibt. Mein erster Besuch müsste, wiederum ähnlich wie auf der RPC, 2009 oder 2010 gewesen sein. Damals existierte die Szene für mich noch vorwiegend online und ich war völlig aus dem Häuschen, von weitem einen Blick auf Christoph Hardebusch erhascht zu haben. Zehn Jahre später habe ich zumindest selbst eine Lesung und Wolfgang Hohlbein für dreißig Sekunden an meinem Autorenstand. :sunglasses:

Einen schönen Rückblick bietet unter anderem Thilo vom Nerd-Wiki. Dabei schwelgt er aber nicht nur in Erinnerungen an frühe oder besonders heiße Jahre, sondern nennt auch Verbesserungs- bzw. Vergrößerungsvorschläge, mit denen der FeenCon zu einer neuen RPC werden könnte. Ich weiß nicht, wie realistisch deren Umsetzung ist – immerhin wird der FeenCon, anders als RPC und Comic Cons, von einem Verein ausgerichtet, nicht von einer Eventagentur. Trotzdem kann ich mich den Vorschlägen anschließen. Derzeit ist der FeenCon ein nettes Treffen mit Kaffeetassen und Szenebekannten, man könnte auch sagen: ein klassischer SFF-Konvent, und eben weder Festival noch Media-Convention. Zu ein wenig mehr hätte er aber sicher auch das Potenzial.

Doch auch ohne dieses Mehr war es eine angenehme Veranstaltung. Mein eigener Stand lief okay, und ich freue mich vor allem, dass „Spielende Götter“ auch vier Jahre nach Ersterscheinung noch auf reges Interesse stößt. Neben der Lesung – an der mich dieses Jahr glücklicherweise nicht wieder der Stich einer Biene aus der Hölle gehindert hat –, hatte ich zum Buch einen kleinen Charakter-Test vorbereitet, der einige unterhaltsame Gespräche hervorgebracht hat. Mal sehen, vielleicht stelle ich ihn die Tage auch hier noch online. Unterhaltsame Gespräche gab es natürlich auch außerhalb dessen, u. a. mit Thomas Michalski von DORP**, mit meiner Lieblingsillustratorin Tatjana Kirsten und mit meinen Standnachbarinnen Fabienne Siegmund, Janika Hoffmann und den „Märchenspinnerinnen“ Christina Löw und Julia Maar. Zum Jubiläum ist außerdem eine kleine Anthologie mit Geschichten rund um die namensgebende Con-Fee erschienen, und ich fühle mich geehrt, ebenfalls mit einem Beitrag vertreten zu sein.

vier Frauen grinsen in die Kamera
(v.l.n.r.) mit Fabienne Siegmund, Julia Maar und Christina Löw

Viel Lärm um Wiki

Während wir auf dem FeenCon herumtollten, braute sich online mal wieder was zusammen. Nachdem bereits das Nornennetz im Zuge der SFF-vs-Wiki-Diskussion die Segel auf der Wikipedia streichen musste, wurde auch gegen den Eintrag des Phantastik-Autoren-Netzwerk PAN e. V. ein Löschantrag gestellt. In der nicht allzu sachlich verlaufenden Diskussion wurde dabei relativ schnell ersichtlich, dass das Ganze wohl eher eine Vergeltungsaktion für die SF-Autorinnen-Liste (guckst du hier) sein sollte. Letztlich durfte PAN bleiben.

Viel ist zu dem Thema bereits gebloggt worden. Als hilfreich empfinde ich diesen Beitrag von Thomas Sebesta, vor allem in Verbindung mit den Kommentaren. Ich denke auch, dass dieses Leben in Szeneblasen ein Knackpunkt ist, und das beidseitig. In der Phantastik-Szene ist gerade viel Empörung zu spüren, und ja, ich bin auch frustriert gewesen angesichts der Löschanträge. Aber ich habe den Eindruck, dass sich einige in ihren Squads doch ziemlich gegenseitig hochgebauscht haben. Wenn wir anfangen, einzelne Wikipedianer auf Twitter zu beleidigen, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn die Emotionen auch „auf der anderen Seite“ immer weiter hochkochen. Und auch innerhalb der Phantasten selbst wird es ja langsam zum Trend, einander auch dann noch abzufucken, wenn man eigentlich in derselben Meinungsblase feststeckt.

Für Veränderungen braucht es immer einen gewissen Eskalationsmoment. Ich hoffe, dass dieser nun erreicht ist und die Wikipedia-Diskussion zu einem konstruktiven Moment finden kann – Ansätze dafür habe ich selbst in der PAN-Diskussion durchaus gesehen. Ich schreibe inzwischen wieder einigermaßen regelmäßig Artikel auf Wikipedia und treffe dabei auf verschiedene Arten von Usern: Pseudoelitäre Idioten, die erst mal alles scheiße finden, was man einstellt, auch wenn letztlich nur eine Kategorie fehlt. Und Idealisten, die konstruktive Verbesserungsvorschläge machen oder sogar mal einen Beitrag einfach sang- und klanglos absegnen. Ich würde sagen: Überlassen wir Ersteren nicht das Feld. Finden wir uns selbst ein in die Wikipedia-Szene, lernen wir sie kennen und verändern wir sie – aber nicht, indem wir sie zerstören. Von dem gelegentlichen Ruf nach einer alternativen Wikipedia halte ich nicht viel. In dem Projekt steckt weiter viel Potenzial und ich glaube, wir tun vielen Ersteller*innen sehr Unrecht, wenn wir „ihre“ Wikipedia auf einige wüste Stimmen reduzieren. Auch wenn diese Stimmen in letzter Zeit laut waren.

V wie Verlagsfrust

Ärger gab es aber nicht nur inter-, sondern auch intraszensisch. Ein Verlag, nennen wir ihn dem aktuellen Trend nach V, macht schon seit einigen Monaten unter Autorenkreisen als Negativbeispiel von sich reden. Eine gewisse Frustrationstoleranz ist im Kleinverlagsbereich, wo fast alle noch einem Hauptjob nachgehen, generell empfehlenswert. Dass ein Buch mal später als geplant erscheint, für die Druckfahnen eine falsche Version genommen wurde oder eine Abrechnung auf sich warten lässt – all das kann vorkommen. Ist ärgerlich, aber meiner Erfahrung nach finden sich meistens Lösungen und letztlich überwiegen (für mich) die positiven Seiten, auch gegenüber Selfpublishing.

Trotzdem taucht alle paar Jahre mal ein Verlag auf, bei dem die positiven Seiten nicht mehr überwiegen, um es höflich auszudrücken. Und in diesem Bereich scheint V derzeit wirklich die Krone abzuschießen, wenn man sich mal den Artikel dazu von Creepy Creatures durchliest. Eine fiktive Verlegerin zu erfinden, ist schon ein ganz neues Kaliber. Bemerkenswert ist es auch gerade dadurch, dass V anfangs als äußerst vielversprechend galt. Die Bücher, die hier erscheinen, waren von Anfang an professionell aufgemacht, und die Masse an Veröffentlichungen machte den Eindruck, als habe der Verleger Großes vor. Was vielleicht auch der Fall war, man weiß es nicht.

Gespräche im Genrewald

Zwei Verlegerinnen, die’s definitiv besser machen, sind Ingrid Pointecker von ohneohren und Grit Richter von Art Skript Phantastik. In ihrem gemeinsam PhanLiTa-Podcast haben sie nun eine Reihe zu Genres gestartet. Habe noch nicht selbst reingehört, aber bin mir sicher, die Reihe guten Gewissens empfehlen zu können. Ich fahre derweil ebenfalls mit meinem Genre-Talk fort, aber auf Tor Online. Dort war diesen Monat die Romantasy dran und Leute, Leute! Wie viele Leser*innen und Autor*innen meinen, sich in den Kommentaren auf Facebook von dem Genre distanzieren zu müssen. Chillt mal. Es ist auch nicht mein Lieblingsgenre, aber erstens besteht es aus mehr als glitzernden Vampiren und zweitens haben selbst die ihre Daseinsberechtigung. Regt euch über was anderes auf, es gibt genug potenzielle Themen (siehe oben). Und, wie ich auch im Artikel schreibe: Die Romantasy stellt für viele Autorinnen einen Türoffner da. Ebenso wird man zwar auch leicht auf dieses Genre reduziert, aber egal, wie viele Klischees es auch erfüllt – ich glaube, es hat die Autorenschaft der Fantasy durchaus diverser gemacht. Paradox, nich?

Solltet ihr Genres aber generell nichts abgewinnen können, ist Mark Lawrence euer Mann. Obwohl, im Grunde sieht er die Sache mit den Labels und deren Sinn oder Unsinn in seinem Essay ja durchaus differenziert. Und irgendwie hat er ja auch Recht. Ich gebe aber gerne zu, durchaus ein Freund von Subgenre-Einteilungen zu sein. Manchmal sind die Abstufungen zwar ziemlich weird, und es ist schade, wenn ein Roman direkt in der Trash-Ecke landet, nur weil er den Romantasy-Sticker draufkleben hat. Oder wenn man für einen Preis nicht in Frage kommt, weil man in keine der Kategorien reinpasst. Aber im Meer an phantastischen Romanen bieten Genres eine notwendige Orientierung. Und worüber sollten wir denn sonst reden?!

So many posts, so little time and space

Es gäbe noch viel mehr zu bequatschen. Andy Hahnemanns Artikel zum Wordbuildung beispielsweise, oder dieses Interview mit Drag-Queen Cheddar Gorgeous über SFF-Einflüsse. Aber in Anbetracht der fortschreitenden Zeilen belassen wir es bei Leseempfehlungen und wenden uns dem August zu. Dieser macht bisher mit der Longlist des Deutschen Phantastik Preises und neuen Insolvenz-Nachrichten von sich reden … aber dazu kommen wir dann in den nächsten Monatsansichten.

P. S.: Ebenfalls wieder gestartet ist übrigens der Buchblog-Award. Man kann Blogs und so nominieren. Just sayin‘.


*Exakt. Inzwischen ist schon der 2. August.
**Und ich glaube, er muss von mir noch eine dicke Entschuldigung bekommen …

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3 Comments Hinterlasse einen Kommentar

      • Ich fand ihn vor allem sehr informativ für „Außenstehende“. Was ich sonst gefunden habe, war größtenteils eher ein wütender Rant für Eingeweihte, wenn man keinen Plan hatte, was genau passiert war & welche Argumente von beiden Sieten aufgefahren wurden, war es schwer durchzublicken.

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