Mit Kohle und Dampf nach Sayn

Es gibt so Orte, die man nie besucht, weil sie einfach zu nahe liegen. Beispielsweise habe ich mir vier Jahre lang vorgenommen, das Brühler Schloss, in dessen direkter Nachbarschaft ich gewohnt habe, einmal von innen zu besichtigen. Letztlich bin ich umgezogen, ohne ein einziges Mal drin gewesen zu sein.

Ähnlich ging es mir auch lange mit der Sayner Hütte und der dortigen Gießhalle. Nach deren Sanierung haben mir immer wieder Leute berichtet, ich müsse unbedingt dieses Industriedenkmal besichtigen. Aber na ja, es blieb bei dem vagen Vorhaben, mal hinzufahren.

Am letzten Wochenende fand dort allerdings anlässlich des 250-jährigen Jubiläums der Sayner Hütte ein Steampunk-Festival namens „Kohle, Dampf und Eisenglanz“ statt, veranstaltet von der Stiftung Sayner Hütte, dem Kultursommer Rheinland-Pfalz und der spezialisierten Event-Beratung Anachronika. Das reichte dann doch als Anreiz aus, endlich in den Bus zu steigen und das Wochenende in Sayn zu verbringen. Nun, es hat sich so sehr gelohnt, dass ich ungeplant diesen Beitrag schreibe, um meine wohlwollende Meinung kundzutun. Kommen wir also zum schon zweiten Juli-Nachbericht in Stichpunkten:

Gießhalle von außen mit Wiese davor
Außenansicht der Sayner Hütte

Location

Alter Falter. Wisst ihr, mit einer Architektur-affinen Schwester bekommt man von der Sayner Hütte so viel vorgeschwärmt, dass man glaubt, die Realität könne dem eh nicht gerecht werden. Aber doch. Ob mit oder ohne Festival, der Ort ist faszinierend. Christian von Aster meinte vor seiner Lesung, er fühle sich andächtig wie in einer Kirche. Tatsächlich erinnert die alte Gießhalle ein wenig an einen Tempel einer Industriegottheit, die Zahnräder als Symbol nutzt. Damit ist die Gießhalle auch der ideale Ort für ein Steampunk-Event. Anfangs wirkte der Markt darin zwar etwas verloren, da der Mittelteil unbebaut blieb, aber für die auftretenden Musiker und anderen Künstler war die Freifläche ideal.

Erwartungen

Ich bin nicht mit besonders hohen Erwartungen hin, um ehrlich zu sein. Schon vor ein paar Monaten hatte ich mitbekommen, dass ein solches Event geplant ist, aber lange keine näheren Infos dazu erhalten, und selbst vier Wochen vorher waren diese rar gesät. Ein Poster hier und da schien auch alles an Werbung zu sein. Erst kurz vorher sind mir einige Pressemeldungen, Zeitungs-Vorabberichte und Social-Media-Meldungen aufgefallen. Nicht viel für eine Region, in der zwar alle Naslang ein Musik-Festival oder Mittelaltermarkt stattfinden, der Begriff „Steampunk“ bei den meisten aber nur Fragezeichen hervorrufen dürfte, Karnevalstrend hin oder her.* Auch die Facebook-Eventseite brauchte ein wenig, um in Fahrt zu kommen. Als das Programm dann endlich veröffentlicht wurde, sah es aber vielversprechend aus.

Programm

Das Herzstück von „Kohle, Dampf und Eisenglanz“ bildete der Steampunk-Markt im Innern der Gießhalle. Hier konnte man zu einigermaßen moderaten Szene-Preisen die passende Kleidung, Schmuck, Bücher oder allerhand Kuriositäten und Bausätze für das Selfmade-Outfit kaufen. Quasi im Dach bzw. der Gießkammer fanden Lesungen von Steampunk-Urgesteinen wie Anja Bagus, Nina Hasse oder Christian von Aster statt. Da der Raum offen war, führte das mitunter zu einer gewissen Untermalung der Lesungen mit Musik aus der Gießhalle oder Gesprächen aus dem Hochofen, aber ich fand’s eher lustig als störend. Ebenfalls in der Gießhalle gaben zudem u. a. das Jazzbaguette, eine Bellydancerin und die Gearmonkeys ihr Können zum Besten.

Auf der Außenbühne, eingerahmt von Foodtrucks und Co., spielten weitere Bands, u. a. die Berliner Feline & Strange oder die Wiener Turm und Strang, die ein wenig an Oomph! erinnerten, nur mit mehr Dampf. Ebenfalls im Außenbereich gab es zudem ein „Expeditionscamp“ mit weiteren Ausstellern und Verkaufsständen. In der Krupp’schen Halle, dem zweiten großen Gebäude neben der Gießhalle, ging es dagegen ruhiger zu. Hier konnte man Vorträgen zum Thema lauschen oder Ausstellungen zu Steampunk und der Geschichte der Sayner Hütte anschauen.

Währenddessen, in der Krupp’schen Halle

Besucherzahlen

Samstags blieb die Szene weitgehend unter sich: Kaum ein Besucher, der nicht gewandet war, und eigentlich … ohnehin kaum ein Besucher. Dadurch kam auch bei den Konzerten nicht so richtig Stimmung auf, obwohl sich beispielsweise Feline & Strange trotzdem alle Mühe gaben, eine Show wie vor ausverkaufter Halle abzuliefern.

Vielleicht lag der Besuchermangel bloß am samstags doch recht drückend-heißen Wetter, denn sonntags war deutlich mehr los und es schienen viele Leute aus der näheren Umgebung gekommen zu sein. Mich freut’s für die Veranstalter, Künstler und Aussteller, und auch die Stimmung war sonntags deutlich besser.

Okay, aber wie war’s nun?

Schön war’s! Ich bin mit Steampunk immer ein bisschen im struggle, weil ich ihn einerseits faszinierend und ästhetisch ansprechend finde. Andererseits gibt es da auch ein paar Aspekte, die mich irritieren, beispielsweise die gepflegte Nostalgie oder der gelegentlich aufblitzende Hang zum Militarismus. „Kohle, Dampf und Eisenglanz“ habe ich aber in erster Linie als Kunstfestival gesehen, das für einen geringen Eintritt – ich habe für beide Tage zusammen 10 Euro bezahlt – viel Programm geboten hat. Damit hat es mir auch deutlich besser gefallen als der vergleichbare Steampunk-Jahrmarkt in Bochum, der bei höherem Eintritt (25 Euro/Tag) nicht mehr bietet, außer man steht total auf Karussells.

Ich hoffe jedenfalls sehr, dass das Festival nicht zum letzten Mal stattgefunden hat, und wünsche ihm für die nächsten Jahre noch ein paar mehr Besucher.

Fabienne hat auch vorbeigeschaut :)

*Ich weiß, jetzt rümpfen einige die Nasen, aber ist nun mal so – Steampunk ist in den letzten Jahren an Karneval fast so beliebt geworden wie der SWAT-Anzug.

Allgemein Eventansichten Phantastik

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