[Random 7] Irgendwie unterschätzte Romane

Im Jahr 2017 sind im deutschsprachigen Raum allein mehr als 72.000 Erstauflagen von Verlagen veröffentlicht worden – hinzu kommen die Titel von Selfpublishern sowie zahlreiche Neuauflagen. Bei diesen Zahlen ist es kein Wunder, dass zahlreiche Titel keine oder zumindest nicht die Beachtung erfahren, die man ihnen wünscht. Zum heutigen Welttag des Buches stelle ich daher einfach mal sieben Bücher vor, die ich mochte und bei denen ich den Eindruck habe, dass sie unter dem Radar liefen oder aus anderen Gründen (noch) mehr Beachtung verdient hätten.

Selbstverständlich ist diese Liste nicht erschöpfend, die Reihenfolge zudem willkürlich.

1. „Der schwarze Garten“ von Dorothee Zürcher

Über diesen Roman habe ich schon häufiger berichtet, unter anderem hat die Autorin an meiner „Früher war alles anders“-Reihe teilgenommen. „Der schwarze Garten“ ist Contemporary Urban Fantasy, wie sie sein soll: Man nimmt ihr gleichzeitig ab, dass die Welt die unsere ist, und doch fügen sich die magischen Komponenten wie selbstverständlich in sie ein. Das ist ein Kunststück, welches nur wenigen Romanen der Contemporary Fantasy gelingt. Dass die zugleich spannend und nüchtern erzählte Handlung zu großen Teilen in Zürich spielt und sich um Lokalsagen rankt, war für mich ein zusätzlicher Pluspunkt. Nicht, dass ich je in Zürich gewesen wäre oder Ahnung von dessen Sagenwelt hätte, aber gerade deshalb hat mir der Roman Neues geboten. Daher weiterhin eine unbedingte Leseempfehlung für diesen Titel, der inzwischen in neuer Auflage bei Litac erschienen ist.

2. „Der Flug des Albatros“ von Deborah Savage

Die meisten Jugendromane mit Fantasy-Einschlag beschäftigen sich mit Elementen, die der Mythen- und Sagenwelt Europas entlehnt sind – höchstens mal mit kleinen Ausflügen in Richtung Ägypten oder Nordamerika. In „Der Flug des Albatros“ zieht es Teenager Sarah jedoch für einen Sommer in ein entlegenes Kaff auf Neuseeland. Natürlich findet sie hier alles öde und langweilig, doch dann freundet sie sich mit dem Maori Mako an. Was folgt, ist ein YA-typisches Abenteuer, das dank der Motiven aus Maori-Mythen jedoch erfrischende Akzente setzen kann – auch wenn ich nicht sagen kann, inwiefern sich die Autorin mit den Themen wirklich auseinandergesetzt hat.

3. „Fourlands: Komet“ von Steph Swainston

So richtig ist New Weird in der deutschsprachigen Diskussion noch nicht angekommen, und wenn doch, ist meist nur von China Miéville und Neil Gaiman die Rede. Als 2007 Steph Swainstons Debüt „Komet“ veröffentlicht wurde, war die Resonanz gering, der dritte Band ihrer „Castle“-Trilogie (auf Deutsch „Fourlands“, weil macht ja voll Sinn) wurde nicht einmal mehr übersetzt. Ich muss zugeben, mich mit dem Buch auch schwer getan zu haben, da es doch einige Längen hat. Zugleich ist es aber faszinierend, weil es typische Elemente der High Fantasy (na ja, Krieg zwischen Fantasyvölkern) mit solchen einer recht progressiven Contemporary Fantasy ( z. B. Pressekonferenzen) mixt. Die beständigen Drogenvisionen von Protagonist Jant geben dem Buch zudem eine surreale Atmosphäre, die manchmal etwas anstrengt, dem Genre aber dringend benötigte neue Impulse verschafft. Im englischsprachigen Raum wurde Swainstons Werk deutlich mehr bedacht, u. a. erhielt sie für „Komet“ den Crawford Award. Schade, dass sie hierzulande kaum bekannt ist.

Foto von Frau auf Tisch sitzend vor Mirkofonen
Steph Swainston (Foto von Johan A unter CC BY-SA 2.0)

4. „Blutrote Schwestern“ von Jackson Pearce

[Achtung, Spoiler] Im Zuge des Trends um YA-Romantasy mit Märchenelementen erschien auch dieser sehr vage an „Rotkäppchen“ angelehnte Roman von Jackson Pearce. Zuvor war Pearce mit „Drei Wünsche hast du frei“ ein kleiner Genre-Hit gelungen. „Blutrote Schwestern“ wurde dann zwar auch relativ fleißig bebloggt, aber heute sagt der Titel vermutlich kaum noch jemandem was. Dabei sticht er meiner Meinung nach durchaus aus der Masse der Fairytale-Romantasy heraus, was vor allem an der Figurenkonstellation liegt. Im Zentrum der Handlung stehen zwei Schwestern, die es sich nach einem traumatischen Erlebnis in ihrer Kindheit zur Aufgabe gemacht haben, im Atlanta unserer Zeit bei Vollmond Werwölfe zu slashen. Während die Ältere der beiden, Scarlet, dabei aber voll aufgeht, wird schnell klar, dass die Jüngere, Rose, eigentlich lieber ein ganz normales Leben führen würde – bzw. so normal, wie ein Leben eben sein kann, wenn man weiß, was bei Vollmond so alles durch die Straßen huscht.

Natürlich ist auch noch eine Liebesgeschichte dabei, aber wie Rose sich langsam vom Leben der älteren Schwester loslöst und ihren eigenen Weg geht, ohne dass das in einem geschwisterlichen Kleinkrieg enden würde, nimmt eine zentrale Rolle innerhalb der Handlung ein. Das macht mir das Buch sehr sympathisch, zumal sowohl Rose als auch Scarlet als Figuren überzeugen können. Und na ja, ich habe eh etwas übrig für Bücher, in denen Geschwister die Hauptrollen spielen.

Lächelnde Frau
Jackson Pearce (von Jackson Pearce unter CC BY 2.0)

5. „Die Tochter des Magiers“ von Torsten Fink

[Achtung, Spoiler] Okay, man kann nicht wirklich sagen, dass diese Trilogie unter dem Radar lief. Erst kürzlich ist sie in einer Sammelband-Neuauflage erschienen, und auch die Erstveröffentlichungen im Jahr 2009 standen in so ziemlich jeder Buchhandlung mit Fantasy-Regal. Ist von deutschsprachigen Fantasy-Reihen die Rede, kommt man trotzdem selten auf diese zu sprechen – und das, obwohl Fink im Anschluss noch zwei weitere erfolgreiche Trilogien und mehrere Einzelbände verfasst hat. Vielleicht liegt’s daran, dass der Autor ein seltener Gast auf Szene-Veranstaltungen und dadurch im Diskurs weniger präsent ist.

Dunno. „Die Tochter des Magiers“ ist jedenfalls keine typische High Fantasy, und Hauptfigur Maru weiß im Grunde auch kaum etwas mit ihren magischen Begabungen anzufangen. Sie ist eher stille Beobachterin als handelnde Figur, aber die ziemlich versumpfte Sword&Sorcery-Welt, innerhalb derer sie sich bewegt, hat ihren Reiz. Dasselbe gilt für die ambivalente Beziehung zwischen Sklavin Maru und ihrem Meister, von dem sie sich am Ende sehr stilecht loslöst.

6. „A Midnight Opera“ von Hans Steinbach

Ein deutsch-syrischer Metalhead, der in den USA lebt, schreibt einen Manga. Das Ergebnis ist diese fulminante Trilogie um einen Vampir und dessen Werwolf-Bruder, die sich in Paris durch die Jahrhunderte futtern und gegen eine blutlüsterne Gräfin und die Inquisition kämpfen. Ich habe mich schon häufiger (z. B. hier) positiv über die leider nicht vollendete Reihe ausgelassen, und ich werde es sicher noch häufiger tun. Vielleicht kann ich ja doch noch einen Hype auslösen, dank dem weitere Bände veröffentlicht werden. Optimistisch bleiben und so.

7. „Wenn Voiha erwacht“ von Joy Chant

An dieser Stelle stand die Frage, welchen meiner beiden Evergreens ich mit aufnehme: „Der Träumer in der Zitadelle“ von Esther Rochon oder einen der Romane von Joy Chant? Habe mich für Letzteres entschieden, da Rochon zuletzt auch recht prominent von Sören Heim bedacht wurde, während die geplante Chant-Reihe von Peter Schmitt und mir weiterhin auf Halde liegt.* Also … wie schon mal erwähnt, weiß ich nicht mehr so recht, worum es in diesem Buch eigentlich ging. Irgendwas mit matriarchalischer Gesellschaft und Musik. Aber ey, ist voll unfair, dass es keiner mehr kennt!


*Fairerweise muss ich sagen, dass das wohl vorrangig an mir liegt, weil ich es nicht auf die Reihe bekomme, die drei Bücher von Chant oder wenigstens eines davon noch mal zu lesen.

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4 Comments Hinterlasse einen Kommentar

    • Ja, hatte noch im Kopf, dass du „Der Mond …“ nicht so mochtest. Von „Roter Mond und Schwarzer Berg“ war ich selbst etwas enttäuscht – das Buch war so „normal“, nach den anderen beiden hatte ich was anderes erwartet. Muss die Chant-Bücher wirklich noch mal lesen – vielleicht malt meine Erinnerung sie etwas enthusiastischer, als ich sie heute fände.

      • Doch, mochte ich, wenn auch nicht so sehr wie „Der Träumer…“. Wir waren uns eher uneins, ob man das Ganze als Jugendbuch bezeichnen kann…

  1. Irgendwann kriegen wir das mit Joy Chant doch noch hin. Wir müssen uns nur so lange gegenseitig daran erinnern, bis das schlechte Gewissen keinen anderen Ausweg mehr zulässt. ;-)
    An die Details kann ich mich bei „Wenn Voiha erwacht“ auch nicht mehr erinnern, aber ein Motiv, das mir im Gedächtnis hängen geblieben ist, war die Entstehung der Kunst als eines Ausdrucks der individuellen Persönlichkeit, während sie bis dahin ausschließlich dem Ausdruck der gesellschaftlich vorherrschenden Wertvorstellungen gedient hatte.

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