Märzansichten 2019

Natürlich reden wir über Wikipedia und die Sache mit Frauen in der Science Fiction. Außerdem geht es um den SERAPH, Skoutz, kommende und vergangene Events sowie die Eltern von Held*innen.

Da sind sie wieder, die Monatsansichten. Irgendwie wundert es mich mit jedem Mal mehr, wenn ich sie noch rechtzeitig auf die Reihe bekomme.

Frauen in der Science Fiction …

Das alles dominierende Thema im März war natürlich jenes um Frauen in der Science Fiction. Es fing harmlos an: Auf Tor-Online hat beispielsweise Judith Vogt eine Reihe mit Portraits zu SF-Autorinnen gestartet und auf Gern gelesen erschien ein Beitrag zur Repräsentation von Frauen im Genre.

Wiederum auf Tor-Online wurde eine Liste der „100 besten Science-Fiction-Bücher aller Zeiten“ veröffentlicht. Auch wenn man mit einer solchen Aufstellung zwangsläufig Kritik ausgesetzt ist, empfinde ich sie als nette Übersicht. Ich wundere mich allerdings, dass es keiner meiner Vorschläge drauf geschafft hat. Gut, ich habe nicht erwartet, dass sich „Drei Monde“ oder „Blueprint“ durchsetzen können – aber nicht einmal die „Robotermärchen“?! Wie dem auch sei. Im Zuge der Veröffentlichung flammte jedenfalls erneut die Frage auf, warum (insbesondere auch deutschsprachige) SF-Autorinnen so unterrepräsentiert sind.

… und was Wikipedia davon hält

Nun hätte das Thema wie üblich recht schnell wieder versickern können. Wäre es wohl auch, hätte Theresa Hannig es nicht gewagt, auf Wikipedia eine Liste von SF-Autorinnen anzulegen, um deren Sichtbarkeit zu erhöhen. Zu den nachfolgenden Ereignissen hat Markus Mäurer hier eine schöne Chronologie angelegt. Um es kurz zu machen: Die Liste wurde immer mal wieder wegen mangelnder Relevanz zur Löschung vorgeschlagen, dann tatsächlich gelöscht, anschließend wieder hergestellt und von VICE über Bento bis zur Süddeutschen haben sogar ein paar *räusper* Hegemonialmedien* über die Scharade berichtet.

Frau liest etwas vor
Theresa Hannig (Mitte), hier bei ihrer Laudatio während der Vergabe des SERAPH 2019

Joa. Die ganze Angelegenheit war ein schönes Beispiel für die Diskussionskultur unserer Tage. Der erste Löschantrag hat mich nicht im Mindesten überrascht, was wohl auch schon viel über das Thema und die SFF-Szene bzw. Teile dieser aussagt. Geärgert hat er mich trotzdem, auch wenn ich persönlich gut damit leben kann, wenn es nur eine allgemeine, dafür aber nach Geschlecht sortierbare Liste gibt (was zu Beginn der Diskussion nicht der Fall war). Aber die Biestigkeit, mit der da vorgegangen wurde, ist schon krass. Lächerlich wurde es für mich spätestens an dem Punkt, an dem auch noch ein Löschantrag für Hannigs Wikipedia-Seite gestellt oder selbst die Sortierbarkeit der allgemeinen Liste als unmöglicher Affront betrachtet wurde. Der erste Anlauf, eine Sortierfunktion zu schaffen, wurde abgelehnt, obwohl zu diesem Zeitpunkt die Autorinnen-Liste nicht mehr online war. Ich habe einen zweiten Versuch mit der Sortierung in m/w/d gestartet, dieser wurde ebenfalls nach einigen Stunden wieder entfernt. Im dritten Versuch ging sie dann doch durch bzw. wurde nur optisch angepasst, und selbst die Autorinnen-Liste ist wieder freigegeben.**

Sad german puppies

Auch wenn das als kleiner Erfolg betrachtet werden kann und die Diskussion dieses Mal breitere Kreise gezogen hat, bleiben Grundprobleme letztlich wohl bestehen. Dass diese sad-puppy-Attitüde auch hierzulande besteht, ist nicht überraschend; mir ist sie bewusst das erste Mal während der Mitarbeit an einem gewissen Online-Magazin begegnet. Die technisch-administrative Macht, mit der sie bei Wikipedia ausgestattet ist, war mir allerdings neu. Vor ein paar Jahren habe ich mich selbst ein wenig auf der Plattform als Autorin versucht und nichts von diesem „Männerclub“ mitbekommen. Allerdings sind Beiträge über Baudenkmäler in der Provinz halt auch nicht so diskussionsanfällig wie eine Liste zu SF-Autorinnen. Nun, der Diskurs ist nun jedenfalls (erneut) da, und ich hoffe, dass er irgendwie konstruktiv weitergeführt wird.

Schon wieder eine Generationenfrage?

Noch allgemein zum Thema Frauen in der SF: Ich bin nun seit etwa fünf Jahren als Autorin im Genre dabei. Den Kleinverlagsbereich, in dem ich veröffentliche, erlebe ich dabei als grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber dem Thema (mehr) Frauen in der SF; als beispielsweise das D9E-Spin-Off mit vorwiegend weiblicher Besetzung angekündigt wurde, waren die Stimmen zum Großteil positiv. Geht es dann aber um Abweichungen von den typischen Inhalten, kommt leider doch schnell eine Form von leicht abstrus anmutender Kritik auf. Das ist mir beispielsweise in Besprechungen zu Nadine Boos‘ „Schwarm der Trilobiten“ aufgefallen, das wohl manchem Leser schon zu „verweiblicht“ war.***

Und, hier wiederhole ich mich: Die „ältere“ deutschsprachige SF-Szene ist, wenn es beispielsweise um Sichtbarkeit etwa in Form von Preis-Vergaben geht, neben den Publikumsverlagen tendenziell auf Genre-Verlage wie Begedia oder Atlantis fokussiert. Jüngere (und nicht zuletzt oft weiblich geführte) Verlage wie ohneohren oder auch Drachenmond****, in denen auch mehr Frauen SF veröffentlichen, laufen hier dagegen etwas unter dem Radar. Insofern sind wir wieder bei der bereits in anderen Monatsansichten angesprochenen Generationen- oder Subszenendissonanz angekommen.

Zwischen Befremdung und Ideenwerkstatt

Aber was war denn sonst noch los? Die Leipziger Buchmesse fand statt. Kurzfristig bin ich sogar selbst noch hingefahren; in letzter Zeit hatte ich so meine struggles mit der Szene und dem Schreiben und ich hatte mir wohl irgendwie erhofft, in beidem ein wenig Sicherheit zurückzugewinnen. Es hat so halb funktioniert. Ein wenig war da Befremdung angesichts Dingen oder Themen, die ich früher faszinierend gefunden hätte. Gleichzeitig habe ich den Austausch mit Kolleg*innen wieder sehr genossen und statt Messeblues fanden sich tatsächlich Entspannung und neue kreative Ideen.*****

Auf einen detailreicheren Einblick in die Messe verzichte ich dieses Mal aus Zeitmangel. Um aber noch mal kurz den Bogen zum vorangegangenen Thema zu schlagen: Auf ihrem Blog hat Meara Finnegan eine Art Messebericht online gestellt, in dem sie gezielt auf SF aus der Feder von Autorinnen eingeht.

Vergebene Engel

Oh, und im Rahmen der LBM wurde ja auch wieder der SERAPH vergeben. In diesem Jahr konnten das Rennen Bernhard Hennen (Bester Roman für „Die Chroniken von Azuhr – Der Verfluchte“), Kris Brynn (Bestes Debüt für „The Shelter – Zukunft ohne Hoffnung“) und Birgit Jaeckel (Indie für „Das Erbe der Rauhnacht“) machen. Schade nur, dass man von der Preisverleihung außerhalb der ersten Reihen ohne Lippenlese-Künste nicht viel mitbekommen hat.

Zum Ende des Monats wurde dann auch noch die Midlist der Skoutz-Awards in zwölf Kategorien veröffentlicht. Die zahlreichen Nominierten sind hier aufgelistet.

Immer diese Waisen

Genug von Glanz und Gloria: Auf dem Blog Schreib fantastisch ging im März ein Artikel online, der einige Gründe nannte, weshalb die Eltern von Held*innen so oft nicht mehr unter den Lebenden weilen. Würde dazu gerne noch einen Grund 6 hinzufügen: Manchmal würden sie der Abenteuerfähigkeit im Weg stehen. Ich habe mich beispielsweise erst kürzlich wieder beim Plotten bei der Frage erwischt, wie es denn sein kann, dass die Protagonistin so viel Mist durchmacht oder auch nur in der Weltgegend herumjumpen kann, ohne dass sich ein Vormund darum schert. Es wäre eine einfache Möglichkeit gewesen, das Problem durch das Ableben des Vormunds zu lösen. Aber das war mir dann doch zu viel des gemeinen Klischees …

Subversiv war gestern

Und um dann doch noch ein letztes Mal zur Science Fiction zurückzukehren: Auf Wired wurde festgestellt, dass SF politisch sein kann. Ok, das klingt etwas lustig, denn wann war dieses Genre denn jemals nicht politisch?! Allerdings heißt es im Beitrag, dass sich die heutige SF weniger auf Metaphern verlasse, sondern einen direkteren Bezug zu aktuellen Themen wähle. Denke, damit trifft der Artikel durchaus einen bedenkenswerten Punkt.

Es pant wieder

Und nun wird es Zeit für den April, auch wenn es für Scherze schon (fast) zu spät ist. Stattdessen ein paar Event-Ankündigungen: Am 7. April findet mittags im Koblenzer Extrablatt wieder unser allmonatlicher Phantastik-Stammtisch statt – wenn jemand Interesse hat, auch vorbeizuschauen, bitte bis zum 4. zwecks Reservierung melden. Und vom 25. bis 27. April ist es dann wieder Zeit für das PAN-Branchentreffen, dieses Mal inkl. Lesenacht. Samstags ist dabei Workshop-Tag, und wer mag und PAN-Mitglied ist, kann dann auch mein Panel zum Thema Screencasts im Autorenmarketing besuchen. Yuchee!

Aber jetzt gucke ich erst mal „Mulan“.


*Lol lol, den Begriff hab ich schon lange nicht mehr benutzt. Feeling so sociological right now.

**Offenbar als positiven Nebeneffekt habe ich nun selbst eine Wikipedia-Seite, die es sogar durch die Sichtung geschafft hat. Sind ein paar Fehler drin, aber mein Ego ist dennoch geschmeichelt, ich geb’s zu. Danke an den/die Ersteller/in.

***Zugleich ist es völlig paradox, dass man als Autorin in einigen Verlagen und Agenturen marketingtechnisch in „typisch weibliche“ Genre bzw. Genre-Spielarten gedrängt wird.

****Zugegeben, Drachenmond ist älter als mancher Genre-Verlag, hat sich aber erst in den letzten Jahren hervorgetan, speziell im für die SF relevanten Dystopie-Genre.

*****Zu deren Umsetzung nur leider aktuell die Zeit fehlt, seufz.

Allgemein Eventansichten Monatsansichten Phantastik

3 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Bevor ich den tollen Beitrag bis zum Ende lese, schonmal ein Einwurf ;-) Ich war vor Jahren mal bei einem „Wikimania“, dem Treffen der dt. „Wikipediamacher“. Abgesehen davon, dass der „Erfinder“ der Wikis einfach nur ein pragmatischer Informatiker ist – die pickelgesichtigen Jungs und Männer, die hierzulande Wikipedia „betreuen“ amüsierten mich, zeigten mir aber auch, wie „ernst“ man Wikipedia zu nehmen hat, nämlich gar nicht. Sie schwingen sich zu allwissenden „Internetgöttern“ auf und editieren und löschen kreuz und quer. ich schlag nur noch Unwichtiges auf Wikipedia nach, für alles andere suche ich mir seriöse Quellen.

    • Seriöse Quellen sollten natürlich bei „wichtigen“ Themen das Mittel der Wahl sein. Aber ich mag den eigentlich idealistischen Grundgedanken hinter Wikipedia immer noch sehr. Nur schade, dass dieser Idealismus der Realität nicht so ganz standhält …

Kommentar verfassen; bitte beachte, dass die IP-Adresse gespeichert wird, wenn du einen Kommentar verfasst; siehe dazu die Datenschutzerklärung

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.