Frankfurter Buchmesse und BuCon 2018

Vier Tage mit Buchmesse und Co. sind rum und ich fühl mich so ein bisschen wie aufgegessen und wieder ausgespuckt. Aber auf eine gute Art. Ich meine, ausgespuckt ist in dem Fall ja besser als verdaut. Andererseits, gefressen ist man dann ja schon … Ach, ich glaub, zu ausgewogenen Metaphern bin ich noch nicht wieder in der Lage.

Aber ich habe in einem weisen Moment für heute noch frei genommen und da kann ich die Zeit ja direkt nutzen, um Aufträge mit drohenden Deadlines in Angriff zu nehmen die letzten Tage in fünf Stichpunkten Revue passieren zu lassen – dieses Mal sogar richtig zeitnah! 2017 hatten mich Messe und der BuCon in Dreieich eher ernüchtert zurückgelassen, und ich dachte schon, ich müsste anfangen, mein Glück stattdessen auf der re:publica zu suchen. Aber, so viel Spoiler sei erlaubt, ich wurde nun versöhnt bzw. es hat sich mal wieder rentiert, mit niedrigen Erwartungen losgezogen zu sein. So leset, was ich im Detail zu verkünden habe. Thx.

Nr. 1: Zuhören

Im letzten Jahr habe ich unter dem Stichwort „Kontemplation“ über die atmosphärischen Orte der Buchmesse philosophiert. Die habe ich dieses Jahr ein wenig vermisst, wobei Ausnahmen die Regel bestätigen: bei Arts+ war es beispielsweise so schön neonpink und Usborne Publishing hatten sich ein Baumhaus gebaut. Auch die Location vom Galaktischen Forum, das Dough House, hatte zweifellos Style, nur durfte der Pyrophobiker in mir die Kerzen nicht zu oft angucken. Na ja, und ich hab die Schwarzlicht-Toiletten vom letzten Jahr vermisst, aber der Verlust war verschmerzbar.

Da auf der Messe selbst die atmosphärischen Orte schnell durch waren, habe ich mir mal wieder die Zeit genommen, mich random* in Lesungen und Vorträge zu setzen und zu schauen, was man da so geboten bekommt. Auf diese Art habe ich einen Überblick über französische Belletristik bekommen, eine halbe Stunde Michelle Hunziker zugehört und ein Interview mit dem Autor oder Illustrator eines Andy-Warhol-Comics angeschaut. Hätte ich vorher das Programm nach Punkten durchforstet, wäre ich wohl höchstens an dem Warhol-Comic hängengeblieben, aber habe den Besuch in allen drei Fällen nicht bereut. Der Comic verwirrt mich allerdings immer noch. Ich kann ihn nirgendwo im Netz finden und warum hat der (englischsprachige) Autor lauter Deutschlandflaggen um den Arm getragen? Manchmal kapier ich echt nicht, was eigentlich abgeht.

 

Auch auf dem BuCon habe ich mal wieder mehr Panels besucht. Eine Oliver-Plaschka-Lesung zu besuchen, hat irgendwie Tradition, wie so vieles auf dem BuCon. El Plaschka hat vorrangig aus seinem „Kristallpalast“-ohneohren-Remake gelesen, das bisher ziemlich an mir vorbeigegangen ist. Es scheint auch wirklich ein lustiger und spannender Roman zu sein, aber ach, Steampunk und ich, wir betrachten uns irgendwie lieber aus der Ferne. Was die anderen Panels angeht – ich sag mal so: Wenn ihr könnt, besucht mal eine Lesung von Lena Falkenhagen. Die hat Soul in ihrer Stimme, mein lieber Scholli.

 

Mir durften Leute ebenfalls zuhören, nämlich im Amrûn-Verlagspanel, das trotz der fortgeschrittenen Uhrzeit voller Zombies steckte.**

Nr. 2: Zucker und der Erik-Effekt

Sabrina Železný und Tanja Rast haben Zucker gesucht, weil ihre Hotel-Kaffeemaschine keinen mitlieferte. Aber eigentlich wollte ich an dieser Stelle nicht von diesem Drama berichten, sondern von der Faszination des Wiedertreffens. Ich bin samstags auf dem BuCon ein wenig rührselig geworden und habe den Erik-Effekt aus der Taufe gehoben. Na, zumindest den Begriff; den Effekt gab es schon vorher. Erik ist ein Typ, von dem ich 364 Tage im Jahr nichts sehe oder höre, und an diesem einen BuCon-Tag quatschen wir dann über Gott und die Welt, und das ist halt irgendwie so das Ding bei diesem Treffen, nich. Ich mein, gut, Erik ist ein Extrembeispiel, denn die meisten sehe ich noch ab und zu auf Cons oder Twitter. Aber so oder so hängt man da die meiste Zeit mit Leuten zusammen, die man zu 90% im RL nicht trifft, und trotzdem quatscht man sich dann gegenseitig einen Tag lang ein Ohr ab und fühlt sich irgendwie wohl dabei (zumindest hoffe ich, dass sich andere auch halbwegs wohl damit fühlen). Ich bin ein bissl davon weggegangen, die Phantastikszene zu stark zu romantisieren, denn die hat stellenweise auch echt ein Rad ab. Aber ja, dieses Alternativfamiliending, das kann sie schon gut, find ich. Hmm. Ja. Wisst ihr, ich bin nicht so gut darin, Zucker in Worte zu packen, aber ich finde es schon sehr cool, euch alle mal wiedergesehen zu haben. Ja, ich guck euch an, ihr Bühnen-Sitzer, Frühstücksmenschen und Verlagsleute aus der letzten Reihe.

Und auf der Buchmesse bin ich einer Schulfreundin wiederbegegnet, die ich vor 8 Jahren das letzte Mal gesehen habe, weil sie danach ausgewandert ist. Wir hatten nur drei Sätze Zeit, weil sie arbeiten musste, aber die haben ausgereicht, um auch der Buchmesse an dieser Stelle eine Honorable Zucker-Mention zu sichern.

Nr. 3: Netzwerken

Netzwerken ist eng verwandt mit „Zucker“, allerdings ein wenig seriöser und mit weniger Umarmungen verbunden. Hier lernt man beispielsweise mal seine Agentinnen kennen, seine Auftraggeber*innen von Tor-Online oder neue Verlagsmitarbeiter*innen. Auch das hat dieses Jahr besser geklappt als im letzten, was nur zu 2/3 damit erklärbar ist, dass ich im letzten Jahr weder Agentinnen noch Auftraggeber von Tor-Online hatte. Jedenfalls war es schön, festzustellen, dass man mit netten Leuten zusammenarbeitet. (Ah, da isser wieder, der Zucker. Vielleicht strebe ich doch noch eine Karriere als Zuckerspender an.)

Nr. 4: Scienceporn

Ich muss zugeben, dieses Jahr nicht primär am Programm der Frankfurter Buchmesse, sondern mehr an dem des „Future of Culture“-Festivals Arts+ interessiert gewesen zu sein. Praktischerweise war das so stark in die Buchmesse integriert, dass ich mich erstens gefragt habe, warum jemand ein Extraticket dafür hätte kaufen sollen, und ich zweitens beides relativ problemlos verbinden konnte. Nur „relativ“ deshalb, weil ich letztlich doch kaum dazu kam, mich näher mit Arts+ zu beschäftigen. Als ich Freitagnachmittag eigentlich schon gehen wollte, bin ich dort auf irgendeiner Preisverleihung zu digitalem Blabla gelandet, auf der mir Sekt in die Hand gedrückt wurde, aber fragt mich nicht, wer da für was genau geehrt wurde. ***

Ein paar Stände weiter habe ich mich in eine Kabine verkrochen, die mir attraktiv erschien, weil niemand sonst da war. Na ja, niemand außer drei KIs, die plötzlich anfingen, mit mir zu reden, Fotos von mir auszuspucken (DSGVO, wo bist du, wenn man dich braucht?) und mein Äußeres auf mein Alter und meine Emotionen zu analysieren. Beim Alter waren sie ganz gut dabei, aber was die Emotionen angeht … Ich sag’s mal so: Ich muss echt fertig und sauer ausgesehen haben. Wenn die Robokalypse kommt, bin ich vermutlich als Erste dran, weil die denken, ich wär total aggro drauf, obwohl ich bloß tiefenentspannt am Fluss entlangspaziere. (Ein mitgenommener Flyer teilt mir übrigens mit, dass es sich bei den KI um Avatare handelt, und dann steht da was von Techno-Schamanismus. Also anscheinend hab ich Techno-Schamanen gegen mich aufgebracht. Well, shit happens.)

Joa, gezielte Termine hab ich kaum wahrgenommen, aber ein Pflichtprogramm gab es für mich, nämlich bei den Interviews mit Aleida und Jan Assmann vorbeizuschauen. Sie haben dieses Jahr ja den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten und entsprechend gab es diverse Auftritte mit ihnen. Im Kulturwissenschafts-Studium wurden wir mit Texten von beiden bombardiert, was ich schon okay fand, vor allem, wenn die Alternativen Weber oder Adorno hießen. Jan Assmanns „Das kulturelle Gedächtnis“ war dann sogar Hauptmaterial für meine Masterarbeit und auch, wenn ich ihre aktuellen Sachbücher nicht kenne – ich finde, die beiden haben viel Gehalt, argumentieren differenziert und ich finde es toll, dass sie die Auszeichnung erhalten haben. Und dass ich sie jetzt mal live gesehen habe. Aura und so. El Assmann hat mich sogar mal kurz angeguckt. Na, zumindest ging sein Blick in meine Richtung. Yay.

Nr. 5: Und sonst so

Was sonst so auf- und anfiel:

  • Ich war so im Fluff gefangen, dass mir negative Aspekte nur am Rande auffielen. Aber ich frage mich doch, warum man einem Höcke erst ein großes Forum auf der Messe selbst bieten muss, aber dann auch noch alles großräumig absperrt, um zu verhindern, dass jemand Ungebetenes hinkommt. Über die Sackgassenlösung für einige der rechtsgerichteten Verlage muss ich noch nachdenken.
  • Ich kann nicht oft genug betonen, dass ich es sehr schade finde, wie die beiden großen Buchmessen das Thema Cosplay in eigene, relativ abgelegene Bereiche aussondern. Ich weiß, dass das auch in der Szene Befürworter findet, aber eigene Events gibt es genug. Für mich bestand der Reiz immer in der Vermischung der relativ biederen Buchmesse mit dem bunten Cosplay. Früher haben die Buchmessen um Cosplayer geworben, man kam als solcher kostenlos aufs Gelände. Jetzt wirkt es, als seien die Buchmessen von ihren eigenen Ambitionen verschreckt.
  • Erstmals gab es eine SF-Veranstaltung namens „Think Ursula“, die ich allerdings nicht besucht habe. Ein eigenes Bild kann man sich in den entsprechenden YouTube-Videos machen. Sobald ich das gemacht habe, gebe ich dann vielleicht auch noch qualifizierten Senf dazu ab. Bis dahin lese ich interessiert die Berichte anderer Leute.
  • Darüber hinaus wurde auf dem BuCon wieder ein Ehrenpreis verlieren, auf welchen wir dann aber in den Oktoberansichten eingehen. Irgendwas muss ich da ja schließlich auch noch besprechen.

Nun erst mal einen schönen weiteren Oktober. Es folgt ja noch die Phantastika. Also nicht für mich, aber für einige von euch, vermute ich.

Herbstthings


*Einer meiner ehemaligen Mitbewohner sagte einmal, er hasse es, wenn Leute „random“ sagen. Vorher ist mir nie aufgefallen, dass Leute das sagen, aber irgendwie ist es seitdem in meinen Sprachgebrauch eingeflossen. Und wider Erwarten nicht nur, um ihn zu ärgern, sondern einfach random.
**Ich fand meinen Wortwitz ganz geil, aber will nicht, dass sich jemand beleidigt fühlt, daher sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass ich damit lediglich auf die vielen vorgestellten Zombie-Romane anspiele. (Wahrscheinlich hat es auch niemand anders verstanden, aber … na ja …)
***Um nicht ganz so unprofessionell zu wirken, habe ich versucht, es nachträglich herauszufinden. Vergeblich. Also, verschiedene Leute haben jedenfalls einen Preis bekommen, und sie waren wohl sehr glücklich darüber.

Allgemein Eventansichten Phantastik Schriftstellerei

4 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Ich sage dazu immer „durchgekaut und ausgespuckt“, und ich brauche immer mindestens einen Nachmessetag, um mich zu erholen. ;)
    Andererseits … ist es schon irgendwie komisch, nach drei, vier Tagen, in denen man ständig mit anderen Menschen zu tun hatte, viel (zu viel) gequatscht und viel zu wenig geschlafen hat, wieder allein im stillen Kämmerlein vor dem PC zu sitzen. Da kommt dann doch so ein bisschen Nachmesse-Blues auf.
    Hier ist übrigens der Comic, den du nicht gefunden hast / finden kannst: https://www.carlsen.de/hardcover/andy-a-factual-fairytale/95747

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