Märzansichten 2018

Der März ist scho fast wieder rum, die Hasen hoppeln über die Felder und verstecken Ostereier. Bevor wir losziehen, um sie zu suchen, noch die Märzansichten. Es geht dieses Mal (erneut) um anstehende und verliehene Preise, um vergangene und kommende Veranstaltungen, um alte und neue Magazine, Heldinnen mit und ohne Make-Up sowie die Geek Culture oder die „non geek-culture“.

Preise und Veranstaltungen

Dreh- und Angelpunkt war diesen Monat die Leipziger Buchmesse, die aus meiner unbeteiligten Sicht heraus offenbar vor allem aus zwei Sachen bestand:

  1. Schnee
  2. SERAPH-Verleihung

Nun mag ich Schnee grundsätzlich sehr gerne, aber hier über die Verleihung des SERAPH zu sprechen, ist wohl doch angebrachter. Wobei sich meine Berichterstattung darauf beschränkt, euch mitzuteilen, dass Michael Marrak mit „Der Kanon mechanischer Seelen“ (bester Roman), Theresa Hannig mit „Die Optimierer“ (Bestes Debüt“) und Janna Ruth mit „Im Bann der zertanzten Schuhe“ („Bester Independent-Titel“) das Rennen gemacht haben. Soweit ich es beurteilen kann, drei durchaus würdige Siegertitel.

Und kaum ist das Teil vergeben, dreht sich auch schon wieder alles um den nächsten Preis: Noch bis 15. April kann man über die Shortlist des Deutschen Phantastik Preises mitabstimmen. Wieder muss man, um eigene Vorschläge einzubringen, verwirrenderweise zugleich auf „Keine Stimme abgeben“ klicken, und die Novellen sind weiterhin bei den Kurzgeschichten gelistet. Hoffe nur, die Autoren aus Österreich und der Schweiz müssen nicht wieder gegen die englischsprachige Konkurrenz im internationalen Bereich antreten. Aus den bisherigen Vorschlägen ist mir das nicht ganz ersichtlich. Vergeben wird der Preis wie schon im letzten Jahr wieder auf der Phantastika im September.

Auch fern der Leipziger Buchmesse ist außerdem die Veranstaltungssaison angelaufen. Unter anderem fand in Köln ein Steampunk-Abend statt und in Koblenz die Fantastische Nacht im Rahmen des Literaturfestivals ganzOhr. Letzere hab ich besucht und für gut befunden, nicht zuletzt dank des Neu- und Wiedersehens mit diversen Twitter-Bekanntschaften. Die ausgiebigere Besprechung überlasse ich auch zweien davon, nämlich Durchgebloggt und Books’n’Stories (ich mochte die Stelle aus „Fairwater“ sehr gern, aber gut, ich bin wohl recht voreingenommen).

Lesung_Koblenz

Auf der Fantastischen Nacht lasen Madeleine Puljic, Oliver Plaschka und Liza Grimm
(Foto von Fabienne Siegmund, danke, dass ich’s verwenden darf :))

Visionäres aus dem Print-Bereich

Verlassen wir aber die Veranstaltungen und kommen zum Bereich der Print– und Online-Magazine. Um die war es zuletzt eher ruhig, viele Projekte wurden eingestellt oder sind still und leise eingeschlafen, während die (Buch-)Blogs boomten. Aber die Magazine kehren zurück, zumindest konnte man diesen Eindruck im März gewinnen. Vom Visionarium gibt es eine neue dicke Sonderausgabe rund um „phantastische“ Verbrechen und die Kritische Ausgabe beschäftigt sich in ihrer 43. Ausgabe mit dem Thema „Jugend“, wobei auch die phantastische Jugendliteratur und -darstellung behandelt wird. Ziemlich … ambitioniert kommt zudem das Magazin Kapsel daher, das sich ausschließlich der chinesischen Science Fiction widmet. Eine Leseprobe und weitere Infos finden sich auf der Webseite des ICC Portals.*

Kulturindustrie, Figuren-Identifikation und szenische Identität**

Aber auch online ging es recht munter zu. Ich bin endlich mal dazu gekommen, mir eine Folge des Kulturindustrie-Podcasts anzuhören, in dem es beispielsweise um die „Auslöschung“-Verfilmung ging, früher im Monat war dort außerdem „Mute“ Thema. Mir fehlt bei Podcasts der Überblick bzw. Vergleich, aber kann ma sich schon mal anhören, finde ich.

Auf Twitter kursierte eine Diskussion darüber, weshalb Make-Up-tragende Figuren in Film und Buch so oft als Antagonistinnen herhalten müssen, was dann auch auf Fried Phoenix aufgegriffen wurde. Ich vermute, dahinter steht so ein (sub-)kulturelles Ding, das von diesem Klischee ausgeht, wonach sich die Leserin schlechthin als weniger Make-Up-affin begreift und ein eher „natürliches“ Schönheitsideal vertritt. Logisch, dass sie sich dann auch lieber mit jemandem identifiziert, der ähnliche Rituale wie sie verfolgt, und da zur Identifikation immer auch ein Feindbild gehört, steht auf der anderen Seite eben der Rouge-Cheerleader. Inwiefern es intelligent ist, solche Klischees weiter zu verfestigen, ist natürlich immer die Frage, mal ganz abgesehen davon, dass ich diesen Non-Make-Up-Vs-Make-Up-trope eher für ein Phänomen der Nullerjahre halte, das langsam aufgebrochen wird. Mag aber auch daran liegen, dass ich nicht mehr so up to date bin, was die aktuelle Jugendliteratur angeht.

Ein schönes Beispiel für ein Buch, das diesen Klischees freundlich den Mittelfinger zeigt, ist übrigens das gänzlich Phantastik-freie „Geständnisse einer Highschool-Diva“ von Dyan Sheldon. Hierzulande ist leider eher die quietschbunte Disney-Verfilmung von 2004 mit Lindsay Lohan und Megan Fox ein Begriff, das Buch spielt aber weitaus gekonnter mit Jugendszenen und -klischees, wenn auch auf sehr US-amerikanische Weise.

darksouls1

Trägt Make-Up, ist böse.
Wobei, für Gothic-Styles gelten meistens noch mal andere Regeln.

(Foto von darksouls1, Pixabay)

Und wenn wir schon bei Jugendszenen sind, widmen wir uns noch einem Blogartikel von Damien Walter. Ich hab kürzlich „Ready Player One“ gelesen und hätte über das Buch genug für einen eigenen Post zu sagen. Zu 60-70% tatsächlich Positives, aber weia, für das „Black Panther der Geeks“ halte ich es trotzdem nicht, und ich glaube auch nicht, dass der Film so etwas sein wird.*** Damien Walters Video-Begründung, weshalb er ebenfalls dieser Meinung ist, hab ich mir nicht angeschaut, aber ausgehend davon widmete er sich der Frage, inwiefern überhaupt von einer „Geek Culture“ die Rede sein kann. Seine These ist dabei, grob zusammengefasst, dass es sich dabei lange eher um eine „geek non-culture“ gehandelt hat, um kulturidentiätsfreie Menschen, die popkulturelle Konzern-Inhalte konsumiert und sich angeeignet haben. Erst in den letzten Jahren habe sich das geändert, indem die Community die Konzerne quasi zu diverseren Inhalten gedrängt habe.

Nun, der Beitrag ist ziemlich kurz und ich würde sagen, auch verkürzt. Natürlich gibt es sie nicht, diese eine große Geek Culture, aber was Damien Walter etwas verkennt, sind die vielen kleinen Szenen und Jugendkulturen, die sich innerhalb des formlosen Geek-Kreises gebildet und in sich durchaus eine eigene kulturelle Identität entwickelt haben. Man denke etwa an die Cosplayer, die Rollenspieler oder auch die Literaturszene – jede dieser Splittergruppen besitzt eigene Rituale, eine formende Geschichte, Werte, Normen, Trends, einen spezifischen Lifestyle, kurz: alles, was soziologisch betrachtet eine Szene ausmacht.****

SzeneV3

Thematisch passende, tolle Grafik mit Einzelszenen und -subkulturen der Geek Culture;
hab ich irgendwann mal für die Uni angefertigt. Braucht Überarbeitung.

Und was die Behauptung angeht, zuletzt habe sich doch eine inhaltsbestimmende Geek Culture gebildet – nun ja. Die kulturelle Ökonomie ist mindestens so alt wie das Fernsehen (Fan Studies lassen grüßen), und Konsumenten haben bis zu einem gewissen Grad immer schon mitbestimmt, was produziert wird. Gut möglich, dass das in den letzten Jahren zugenommen hat, nicht zuletzt dank der größeren Selbstbestimmungsmöglichkeiten des Netzindividuums. Aber inwiefern speziell der Wert Diversity dabei aus der Geek Culture resultiert, wäre zu hinterfragen. Ich wage zu behaupten, dass er auch außerhalb dieser popkulturellen Blase an Bedeutung gewonnen hat und die Konzerne daher eher auf ein allgemeines denn auf ein Fandom-Phänomen reagiert haben. Wäre es anders, würde das der Geek Culture zudem einen spezifischen Werte-Kanon zugestehen, der ihr doch wieder eine eigene kulturelle Identität verleiht. Hachz.

Reicht.

So. Und nun werden hier Eier gefärbt, dann kann der April mit oder ohne Scherze starten. Wiederum finden dann einige Veranstaltungen statt, beispielsweise das PAN-Branchentreffen in Köln oder das Literaturcamp NRW in Bonn. Auf beidem sollte ich auch anzutreffen sein. Ich sag’s ja nur.

Voraussichtlich am 9. April startet außerdem in E-Book-Form die neunteilige SF-Reihe „D9E – Der loganische Krieg“, zu dem ich auch zwei Bände beigetragen habe. Dazu dann mehr, wenn es soweit ist. Macht’s gut.


*Tatsächlich ist der erste Band offenbar bereits im Sommer letzten Jahres erschienen, aber der Hinweis darauf kann auch weiterhin nicht schaden.
**Woah, das klingt doch nach intellektuellem Drama, oder? ODER? (P. S.: Man sagte mir kürzlich, ich sei postintellektuell, und ich rätsele noch, was das heißen soll. Ich war mal intellektuell und bin’s jetzt nicht mehr? Alta, wie kann man denn auf so nen Mist kommen.)
***Wobei ich seit „Wonder Woman“ ja eh skeptisch bin, wenn etwas als das ultimative Identitätsobjekt einer Gruppierung gesehen wird.
****Subkulturen gibt es demgegenüber weniger, aber durchaus Szenen mit subkulturellen Tendenzen.

Allgemein Monatsansichten Phantastik

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