Keine schöne neue Welt? – Von der Utopie im Zeitalter der Dystopie

Der nachfolgende Artikel ist ein (Ex-)Schubladentext. Er stammt von Mitte 2016 und sollte ursprünglich im Sonderheft einer genrefremden (!) Zeitschrift erscheinen, das aber nie das Licht der Welt erblickt hat. Zwei Versuche, ihn in anderen Magazinen unterzubringen, sind gescheitert, die letzte Absage flatterte letzte Woche rein (schnucklige 15 Monate nach meiner Einsendung …). Inzwischen ist der Artikel nur noch so semiaktuell (die Anmerkungen zur Tagespolitik von 2016 sind schon rausgenommen), außerdem würde ich ihn heute etwas anders schreiben, was sich auch an der einen oder anderen Fußnote zeigt, die ich mir dann doch nicht verkneifen wollte.

Trotzdem halte ich den Artikel im Großen und Ganzen noch für recht vorzeigbar, zumindest vorzeigbar genug, um es ärgerlich zu finden, wenn er nun auf der Festplatte vor sich hin gammelt. Also landet er eben hier und ich hoffe, er fühlt sich von diesem Notpflaster nicht gekränkt.

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Escaping the dome (von yumikrum unter CC BY-SA 2.0)


 

Ich bin aufgewachsen im Bewusstsein einer drohenden Apokalypse. Klimawandel, Rohstoffmangel, Atomwaffen: Die Frage war nie, ob die (menschliche) Welt dem Untergang geweiht ist, sondern nur, wie genau sich dieser vollziehen würde. Dabei bin ich nicht einmal in einem besonders pessimistischen Umfeld groß geworden, eher im Gegenteil: Meine Eltern stammen aus einer Generation, die noch genug Optimismus und Aktionismus besitzt, um (erfolgreich) für den Erhalt einiger Kirschbäume zu demonstrieren.* Spätestens aber die Generation X hat eine Haltung etabliert, die sowohl der Erde als auch ihren menschlichen Bewohnern ein äußerst miserables Gesundheits- und Arbeitszeugnis ausstellt. Da erscheint es nur logisch, wenn sich die Dystopie auf Autoren- wie auf Leserseite größerer Beliebtheit erfreut als ihre große Schwester, die Utopie. Nur – müssen denn Verzweiflung und verbitterte Resignation wirklich alles sein?

Das Zeitalter der Pessimisten

So schwarz wie heute sah die Zukunft nicht immer aus. Schaut man sich Postkarten um die vorletzte Jahrhundertwende an, so präsentiert sich einem eine saubere Welt voller Fortschritts- und Technikoptimismus: Roboter spielen Theater, Raketen ersetzen Taxis, der Haushalt wird vollkommen ferngesteuert erledigt und zur Krocket-Partie trifft man sich am Meeresgrund.

In den nachfolgenden Jahrzehnten wandelte sich dieses Bild jedoch, was man auf verschiedene Gründe zurückführen kann. Erstens blieb die technische Entwicklung hinter den an sie gestellten Erwartungen zurück – die Raumfahrt beispielsweise musste immer wieder Rückschläge einstecken, die teilweise aus katastrophalen Unfällen wie dem Brand auf Apollo 1 (1967) oder dem Challenger-Unglück (1986) resultierten. Zweitens offenbarte das 20. Jahrhundert auch die Schattenseiten der Technik: Die Kriegsführung der beiden Weltkriege mit den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki (1945), die Nuklearkatastrophen in Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011) und die Napalm-Angriffe u.a. während des Vietnamkriegs (1955-1975) sind nur einige Beispiele, die die zerstörerischen Seiten der rasanten Entwicklung auf dem Waffen- und Nuklearsektor demonstrieren. Und drittens zeigten sich nun immer mehr die „Schwächen“ der Natur von Rohstoffmangel über Klimawandel und medienpräsente Naturkatastrophen bis hin zum Ozonloch. Die Unfähigkeit der führenden Industrienationen, den CO2-Ausstoß effektiv zu senken tat ihr Übriges, um ein Zeitalter des Pessimismus herbeizuführen, das von einem latenten Misstrauen gegenüber Natur wie Kultur gleichermaßen geprägt ist.

Allerdings: Der Technikfaszination hat dieser Pessimismus trotz allem höchstens vorübergehend einen Dämpfer verpasst. Ja, zwischen Marsmission, angeblichen neuen Erden, weltumgreifenden Netzen und Fußball spielenden Robotern hat sich sogar ein neuer Optimismus herausgebildet – immer in misstrauischem Kontrast zu Big Data und Omegaszenarien.

Science Fiction: Zwischen sense of wonder und Gesellschaftskritik

Dieses zwiespältige Verhältnis zur Technik ist gewissermaßen die Quintessenz des Genres Science Fiction. In den Pionierwerken eines Jules Verne wurden die Möglichkeiten von Technik und Wissenschaft oft genüsslich zelebriert. Hier wurde der sense of wonder mit-geboren, also die faszinierende Entdeckung dessen, was möglich sein könnte. Er ist es bis heute, der zu einem wesentlichen Teil die Faszination am Genre und populären Ausprägungen wie der Space Opera ausmacht.

Allerdings ist das nur eine Seite der Science Fiction. Autoren wie Herbert George Wells oder Kurd Laßwitz haben früh die zweite eingeläutet, die sich bei aller Technikvision und -begeisterung auch durch soziale Kritik auszeichnet. Sie wurden beerbt von den Ikonen der Soft oder Social Sci Fi, von Frank Herbert, William Gibson oder China Miéville. Nicht selten ist der Mensch hier, sofern er überhaupt noch existiert, ein Auslaufmodel, das den Wesen des Alls oder seinen eigenen Erschaffungen naiv entgegentritt. Und ist es auch nicht immer der Mensch, der überwunden wird, so ist die Erde doch oft nur mehr ein Mythos.

Ohnehin ist beiden Spielarten des Genres oft gemeinsam, dass der Mensch nicht mehr als Krone der Schöpfung dargestellt wird, sondern bestenfalls als eine unter zahlreichen Intelligenzen. Ob das Andere nun als knuffiger E.T., als Reptil aus einer anderen Welt, als heimlicher Androide oder als Entität fern menschlicher Lebensvorstellungen präsentiert wird: Es ist da, gibt der Menschheit Einheit und manchmal sogar neuen Lebensraum.

Umso kritischer wird es für den Menschen, wenn er sich mit sich selbst begnügen muss und keine Möglichkeit zur Flucht hat oder nutzt. Derart gefangen zwischen begrenzten Ressourcen und ohne Fremdes, das er bekämpfen kann, bleibt ihm nur die Furcht vor sich selbst.

Je technisierter die Welt, desto unfreier der Geist?

Innerhalb der Soft Science Fiction ist es vor allem die eingangs erwähnte Dystopie, die sich dieses Themas annimmt. Schon in Klassikern wie „Fahrenheit 451“, „1984“, „Schöne neue Welt“ oder „Uhrwerk Orange“ zeigt sich dabei immer wieder, wie der Mensch seine wissenschaftlichen Errungenschaften nutzt, um seinesgleichen zu unterdrücken. Je weiter die Technologisierung voranschreitet, desto unfreier wird die Welt in ihrem Denken.

In den letzten 10 Jahren kehrte die Dystopie vor allem durch den phantastischen Jugendbuchmarkt an die massenmediale Oberfläche zurück. Und auch „Die Tribute von Panem“, „Die Auserwählten“, „Neva“ oder „Die Bestimmung“ knüpfen an die Traditionen ihrer populären Vorgänger an.** Hovercrafts, ganze Länder unter Kuppeln und futuristische Städte dominieren hier die Landschaften einer oft versehrten Erde. Doch so stark sich der Mensch technisch auch entwickelt hat – Freiheit hat es ihm nicht gebracht, die Demokratie ist in Krisen untergegangen. Stets sehen sich die Protagonisten daher einer dominanten, oft diktatorischen Regierungsmacht gegenüber, die breite Massen der Menschheit unterdrückt.

Nur capitalist agitprop?

Als der erste Band von „Die Tribute von Panem“ 2010 den Deutschen Jugendliteraturpreis erhielt, begründete die Jury das unter anderem mit den „brandaktuellen Fragen“. Der Journalist Andrew O’Hehir dagegen warf den Jugenddystopien in einem Artikel für das Online-Magazin Salon.com „capitalist agitprop“ vor. Sie seien nichts als „propaganda for the ethos of individualism“, der Kampf des Individuums gegen den meist diktatorisch orientierten Strom unrealistisch. Denn wo seien Konformität und soziale Segregation in westlichen Gesellschaften schon noch vorzufinden?

Nun – wo nicht? Natürlich, wir erlernen im postmodernen sozialen Leben, uns möglichst originell zu präsentieren, um aus der Masse hervorzustechen und nicht langweilig zu sein. Und dennoch ist Anpassung in der Praxis meist deutlich unkomplizierter, ja, ungefährlicher.

Individualismus und Konformität stehen in einer ständigen Wechselwirkung, die gut ist, weil sie verhindert, dass einer der Pole zu stark wird. Zumindest gilt das so lange, wie Menschen akzeptieren, dass Individualismus und fremde Konformitäten erstens Pluralismus und Vielfalt mit sich bringen und zweitens die Freiheit des Einzelnen dabei nur erhalten werden kann, wenn es einige wenige übergeordnete, „konforme“ Werte gibt.

Realdystopien

In letzter Zeit ist genau diese Akzeptanz in Gefahr geraten und jede Dystopie aktueller, als sie je sein wollte. Populisten werden gefeiert, wenn sie einer Gruppe Sicherheit auf Kosten anderer Gruppen versprechen. Menschen jubeln Autokraten zu, applaudieren, wenn die übergeordneten Werte der Demokratie zu Grabe getragen werden. Die Intelligenz der Masse weicht ihren Emotionen und selbst das Netz hat seine Versprechen gebrochen. Aus dem Spielplatz der Freiheiten ist ein Schafott geworden, vor dem sich die Leute sammeln, um hängen zu sehen, wer ihre Meinung nicht teilt. Hier treffen wir uns, um einen Raum zu zerstören, in dem der Traum von Freiheit hätte Wirklichkeit werden können.

Wo ist Konformität also vorzufinden? Überall da, wo Menschen Wahrheiten proklamieren. Wo ist soziale Segregation vorzufinden? Zunehmend überall. In wohl jedem Land, in jeder Gesellschaft, in der globalen Gemeinschaft findet sich die Separation in Gleiche und Gleichere.

Für die Dystopie bedeutet das: Sie ist keine Fiktion mehr. Kamera- und Datenüberwachung? Nehmen wir für unsere Sicherheit immer stärker in Kauf. Kuppeln, die ganze Länder isolieren? Mauern sind wieder gefragt. Die Unterdrückung des freien Geistes? Immer mehr geisteswissenschaftliche Studiengänge müssen Sparzwängen und Regierungsvorgaben weichen oder sich ihnen anpassen. Mediale Propaganda? In verschiedenen politischen Lagern zu finden.

Das bedeutet nicht, dass wir aufhören sollten, Dystopien zu schreiben. Im Gegenteil sind sie nun wichtiger denn je. Allerdings waren die Qualitäten der Science Fiction nie nur Technikeuphorie und resigniert-verzweifelte Kritik. Zu ihnen gehörten immer auch Visionen – solche negativer, aber auch solche positiver Art. Während die Dystopien aber weiter fester Bestandteil der Verlagsprogramme sind, scheint die Utopie tot. Oder?

Die Utopie ist tot – lang lebe die Utopie

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts tauchten Utopien meist nur noch dann auf, wenn sich jemand aus der Riege der Hard Sci Filer bemächtigt sah, die final frontier aufzubrechen und (für die USA) von seinen Protagonisten eine Kolonie auf irgendeinem fremden Planeten gründen zu lassen. Natürlich gab es vereinzelt auch andere mit der Vorstellungskraft zur Utopie – Kim Stanley Robinson etwa oder auch Ursula K. Le Guin.*** Aber diese Namen waren die Nadeln im Heuhaufen beziehungsweise sie sind es noch immer.

Doch Rettung naht – in Gestalt eines Punks, ausgerechnet: Während sich im deutschsprachigen Raum mit Steampunk ein Genre hält, dessen Visionen sich lediglich an einer fiktiven, wenig fortschrittlichen Vergangenheit und Zukunft orientieren können und mit Cyberpunk ein Genre seine Renaissance feiert, das die Dystopie gerne auf ihre nihilistische Spitze treibt, gilt beispielsweise in der brasilianischen Science Fiction-Szene und im Afrofuturismus Solarpunk als (2018 nicht mehr ganz so) neuer fancy shit.****

Ähnlich wie der Cyberpunk der 1980er und der Steampunk der 1990er Jahre ist der Solarpunk eine Verbindung aus Bewegung, Szene und Genre. Er vereint erneuerbare Energien und urbane Gestaltungsideen mit neuen sozialen Ideologien. Im Solarpunk baut alles auf Altem auf, ohne dass dieses vernichtet würde. Er ist Ausdruck der Hoffnung, dass noch nicht alles verloren ist und ein Widerstand gegen das Aufgeben von Erde und Menschheit.*****

Noch ist der Solarpunk schwer fassbar. Aber er steht für eine Zukunft, die noch nicht verloren ist, für das Verweigern des nahen Endes. „We‘re solarpunks [Hervorhebung im Original], because the only other options are denial or despair.“ Und vielleicht können wir Autoren uns daran ein Beispiel nehmen, das Ziel ins Auge fassen, einmal gewonnene Freiheiten und soziale Errungenschaften zumindest an einem Nicht-Ort wieder populär zu machen.

Es geht mir dabei nicht um die Erzwingung eines Happy Ends, im Gegenteil. Es geht auch nicht darum, etwas zu verherrlichen oder propaganda for the ethos of democracy and other fancy social stuff zu betreiben. Es geht nur darum, sich auch wieder zu gestatten, nach vorne zu blicken.******


*Uh, online werde ich diesen Satz wohl nicht vor meinen Eltern verbergen können …
** Aber in anderer Hinsicht auch wieder nicht, siehe den zuletzt genannten Abriss zur Genreentwicklung.
*** Oder Leif Randt, evtl.
**** Möglicherweise stand da in der Ursprungsversion etwas anderes.
***** Obwohl man ergänzen sollte, dass Solarpunk eher eine technische und nicht automatisch auch eine soziale Utopie darstellt.
****** Eine vage Vision / Bitte / Hoffnung, die inzwischen auch schon häufiger formuliert wurde. Ich verweise beispielsweise auf Volker Wittpahls Vortrag auf dem letzten PAN-Branchentreffen.

Allgemein Outside Tellerrand Phantastik

1 Comment Hinterlasse einen Kommentar

  1. Angesichts der menschlichen Natur (oder was ich davon halte) und den aktuellen, politischen Entwicklungen, bei denen es je nach Lager nicht so leicht ist zwischen Fakt und Gehirnwäsche zu unterscheiden (gerade dann, wenn Fakten gedreht werden bis es in die eigene Vorstellung passen), tue ich mich selbst etwas schwer mit utopischen Zukunftvisionen. Mit Solarpunk kenne ich mich nicht aus, deiner Beschreibung nach schätze ich jedoch, dass er stark von unseren politischen Entwicklungen abhängig ist. :/ Andererseits taucht die Dystopie mittlerweile als vorgegriffenes Mahnmahl umso stärker auf denn je (Black Mirror, Electric Dreams, 3%, Travellers, etc. pp.) – und ich habe den Eindruck, dass sie immer noch nicht bei allen ankommen. Dass, wie immer, die, die es am nötigsten hätten, auf solchen Input nicht zugreifen. Einen Minister für Digitales gibt es immer noch nicht und muss mit einer Petition eingefordert werden. Stattdessen stampft man ein Heimatministerium aus dem Boden, das vom Namen her ein ziemlicher Marketing-Fail ist. (Wie wärs mit Ministerium für Innere Sicherheit? Oder, warte, haben wir da nicht schon ein paar Ministerien, die sich den Aufgabenbereich teilen? Irgendwie kommt mir das alles sehr Potteresk vor.)
    Was mein größtes Problem in Sachen Utopie allerdings ist: Ich bezweifle, dass wir je von der Erde wegkommen und irgendwann geht der Sonne die Puste aus und wir verbrennen alle. Mir kommen da immer besonders die Riesenkrabben aus Die Zeitmaschine in den Sinn … Man kann natürlich diskutieren, ob man es sich auf dem Weg bis zum unausweichlichen Ende nicht noch schön bequem in einer Utopie machen kann – fällt mir persönlich jedoch schwer. Zumal heutige Utopien sicher anders aussehen auf Grund eines anderen Wertesystems als noch vor ca. 120 Jahren. Also, die eigentliche Frage ist: Was wäre denn heute noch utopisch? Roboter, die einem die Arbeit abnehmen, sind die neuen Ausländer, die einem Arbeitsplätze wegnehmen und den ehrbaren Bürger in den Hungertod treiben. *augenroll* Also, bei manchen habe ich den Eindruck, dass sich das noch auf dieser Ebene bewegt. Habe erst letztens eine Dokumentation über E-Motoren gesehen, in der die Dieselmotorenhersteller (und deren Personal) und -zulieferer meckerten und um ihre Arbeitsplätze und Umsätze fürchteten und den E-Motor deswegen schlecht machten. Dabei ist Diesel auch alles andere als gesund, Stichwort Smog. Und das ist nur ein Beispiel von vielen, bei dem der nötige Altriusmus zu kurz kommt. Der Punkt, an dem sich das ändern könnte, ohne dass es zu spät ist, den sehe ich persönlich (noch) nicht. (Wie man es sich jetzt denken kann, bin ich aber auch ein kleiner Schwarzseher.)
    Long story short: Toller Artikel. Und ich stimme dir auch völlig zu, wenngleich ich persönlich so meine Probleme mit Utopien nach heutigem Maßstab habe. ^^

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