Januaransichten 2018

Erste und letztjährige Awards machen von sich reden, utopische und dystopische Literatur ist der neue alte heiße Shit, Fantasyvölker wollen durchdacht sein und Phantastik gibt es auch in Südasien.

2018 startet schwungvoll, indem gleich mal die ersten Awards rausgehauen werden. Das heißt, eigentlich fing es schon im Dezember an: An Silvester verlieh Temporamores seine Phantastik-Awards, die beispielsweise an Marc-Uwe Kling mit „Qualityland“* (bester SF-Roman), Gudrun Bücher mit „Koryphäen“ (bester utopischer Roman) und Markus K. Korb mit „Spuk!“ (beste phantastische Kurzgeschichtensammlung) gingen.

Einige Tage später wurde die Longlist des SERAPH bekanntgegeben, der in diesem Jahr wieder in drei Kategorien verliehen wird und Newcomer ebenso wie große Alte beherbergt. Da ich dieses Jahr in der Jury sitze (yay),** darf ich jetzt 15 Romane lesen und Leute, ich verfluche die mit den 800-Seitern zumindest temporär. Obwohl natürlich die Seitenlänge keinen Einfluss auf meine Entscheidung hat, ich besitze ja auch ein professionelles Ich.

Utopien im Wandel der Zeit

Apropos Professionelle. Hm, das klingt ungewollt unanständig. Aber ich meine jetzt – professionelle Journalisten, IEHW DA WAR EINE FLIEGE IN MEINEM WEIN UND ICH HAB SIE GERADE GETRUNKEN, also diese Leute, die für noch größere Plattformen als die FragmentAnsichten schreiben, die entdecken ja immer häufiger die Science Fiction und all diesen Kram für sich. Manchmal geht es da mehr um die Science, manchmal mehr um die Fiction. Aber weil SF im Moment so bisschen nach pew pew und IchbindeinVater klingt, werden manchmal fancigere Bezeichnungen herangezogen. „Utopische Literatur“ zum Beispiel. Über die also redete Achmed Khammas im Taz-Blog.

Das Wort mit „dys“ vermeidet der Mann dabei übrigens tunlichst.*** Aber die Anti-Utopie, die ja irgendwie auch oft eine Utopie ist und umgekehrt, spielt die Hauptrolle in einem Artikel mit dem dramatischen Titel „The Rise of Dystopian Fiction“. Es geht um die historische Entwicklung der Dystopie im 20. und 21. Jahrhundert, und es ist ein sehr empfehlenswerter Beitrag zu der ganzen Utopie/Dystopie/undallesdazwischen-Debatte, aus verschiedenen Gründen. Erstens, weil er „Uhrwerk Orange“ erwähnt, einen Roman, der bei dystopischen Betrachtungen sonst erstaunlich kurz kommt. Zweitens, weil er das Thema mehr rational als leidenschaftlich angeht und damit sind wir bei drittens: Er versöhnt die good old dystopia eines George Orwell mit der oft belächelten YA-Abenteuer-Dystopie und sieht letztere nicht einmal für sich stehend, sondern in einem größeren Kontext, in dem sie sogar an der Seite eines Murakami existieren darf. Nice one.

Kulturelle Betrachtungen

Wir gehen gleich zur Fantasy über, aber sozusagen als weichen Übergang werfen wir noch einen Blick auf einen weiteren geschichtlichen Abriss, nämlich einen zur südasiatischen speculative fiction. Wenn ich mal eine ruhige Woche hab, versuche ich das in Einklang mit dem Artikel zu philippinischer SF und diversen Mithila-Beiträgen zu bringen. Vielleicht hab ich dann irgendwann so etwas wie einen Überblick.

Ja, nun aber rüber zur Fantasy. Auf Fantasy-Faction veröffentlichte Aaron Miles eine Anleitung zur Erfindung eines Volks. Ich finde, da sind ein paar schöne Denkanstöße dabei, und verweise ergänzend, wie so gerne an dieser Stelle, auf den „dtv Atlas der Ethnologie“. Der weist einen auf verschiedenste, sehr reale Gesellschaftsmodelle hin, an die man als westlich geprägter Autor nicht unbedingt denkt, deren Verwendung und Weiterentwicklung den Weltenbau aber sehr erleichtern können.****

Ursula K. LeGuin und Jack Ketchum verstorben

Weniger reale, aber gewissermaßen dennoch sehr realistische Gesellschaftsmodelle erschuf Ursula K. LeGuin, die am 22. Januar im Alter vonn 88 Jahren verstorben ist. Ich versuche mich gar nicht erst an einem Nachruf, sondern überlasse das u. a. Frank Weinreich und einer Kolumne auf SpOn.

Zwei Tage später, am 24. Januar, ist zudem Horror- und Thriller-Autor Jack Ketchum im Alter von 71 Jahren verstorben. Ein Nachruf erschien in der Stuttgarter Zeitung.


* Hab erst nach dem Kommentar einer Kollegin festgestellt, dass das der Kängurumann ist 😮
** In der Phase zwischen schriftlichen und mündlichen Abiprüfungen sagte eine meiner Lehrerinnen, es wäre die Zeit im Jahr, in der jedes ihrer Worte zu einem Schüler irgendwie in Bezug auf die Prüfungen interpretiert würde. Ich bekomme gerade ein bisschen eine Ahnung davon, wie das ist. 8)
*** Außer, wir meinen damit Odysseus.
**** An dieser Stelle seufzen Ethnologie-Dozenten vermutlich genervt auf. Zumindest die 70 %, die keine Rollenspieler sind.

 

Allgemein Monatsansichten

4 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Ob man wirklich in einem Atemzug mit Murakami genannt werden will 😉 ? Zumindest dessen 1Q84 ist doch das Paradebeispiel eines dieser absolut schrankenlosen „“Ernster“ Literat goes SciFi“ Romane, die dem Leser das Schlimmste aus allen Welten auftischen. Unglaublich redundant (Murakami erzählt manchmal praktisch die gleiche Passage im gleichen Wortlaut bis zu dreimal), stilistisch ungeschliffen (was an der Übersetzung liegen mag) und absolut desinteressiert daran, die Parallelwelt halbwegs glaubhaft aufzubauen. Der ganze Text wirkt als habe Phillip Dick sich vorgenommen, sich ein Beispiel an Proust zu nehmen und gleichzeitig Proust sich ein Beispiel an Dick, und dann hätten die beiden ein gemeinsames Projekt begonnen das konsequent ihre Schwächen vereint. Apropos Dick… Murakamis Obzession mit Geschlechtsorganen tut dem Roman auch nicht wirklich gut…

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