Juliansichten 2017

Was euch erwartet: Dr. Who wird weiblich, Fantasy muss uns nicht mehr peinlich sein und wir beschäftigten uns mit Phantastik-Theorie.

Im Juli habe ich mir einen Spaß daraus gemacht, einige Tage lang zu dokumentieren, was einerseits die großen Nachrichtenseiten und andererseits meine Social Media-Blase interessiert. Am 18. Juli beispielsweise beschäftigte sich meine Timeline mit der Frage, wie sie „Game of Thrones“-Spoilern entgehen kann. Auf Tagesschau und Co. ging es zeitgleich um die Inhaftierung von Peter Steudtner und anderen Menschenrechtlern in der Türkei. Am 17. Juli erschütterte u. a. das Referendum in Venezuela die meisten Medien, während in meiner Blase George Romeros Tod und „Blade Runner 2049“ die Themen waren. Am augenfälligsten allerdings war der 16. Juli, als ganz Deutschland über die Folgen der Krawalle in Hamburg diskutierte. Ganz Deutschland? Nein, ein gar nicht so kleiner Teil der Geek Culture feierte vor allem die Ankündigung, dass der nächste Dr. Who-Doktor weiblich wird.*

Der Tornado nach dem sanften Lüftchen

Nun habe ich von „Dr. Who“ so gar keine Ahnung und hätte nicht mal sagen können, dass es bisher keine Frau in der Titelrolle gab. Gut, an diesem Tag habe ich davon erfahren und auch davon, dass es ganz viele Leute gibt, die sich über die Veränderung aufregen. Hat mich jetzt nicht so überrascht, es sorgt ja auch für Unmut, wenn sich herausstellt, dass in den Weiten des Universums nicht nur holde Prinzessinnen leben und Frauen Geister jagen. Aber ein bisschen habe ich mich an diesem Tag doch gefragt, wo er denn sein soll, der große Shitstorm gegen die Wahl von Jodie Whittaker als nächsten Doctor. Unter den üblichen verdächtigen Hashtags tat sich da jedenfalls nicht viel, wenn man mal von ein paar vereinzelten Trollen absah. Insofern hat mir dieser Artikel auf SPON einigermaßen aus dem Herz gesprochen, in dem gefragt wird, ob die Empörung über den vermeintlichen Shitstorm nicht ein wenig übertrieben war.

Um das klarzustellen: Ich bezweifel nicht, dass es negative Reaktionen gab, denn die gibt es in solchen Fällen immer, und sie verlangen immer nach einer entgegnenden Reaktion. Aber die allgemeine Empörung wirkte fast einstudiert und hat der Nachricht erst recht die Normalität genommen, die sie heute eigentlich haben sollte und – zumindest meinem Empfinden nach – im ersten Moment tatsächlich hatte. Vielleicht sollten wir anfangen, gelassen zu reagieren, um tatsächlichen oder imaginären Gegenstimmen nicht noch mehr Gewicht zu geben.

Wir sind jetzt (halbwegs) anerkannt

Ähnlich hoch kochen die Emotionen immer noch oft, wenn es um das Verhältnis zwischen Hegemonialmedien und Phantastik geht. Gerne wird dabei übersehen, wie viel inzwischen schon getan wird: Die Geeks sitzen längst selbst in den Redaktionen und bringen wöchentliche „Game of Thrones“-Berichte ebenso heraus wie Artikel zum Verhältnis von Science Fiction und Realität. Zugegeben: Geht es um Literatur, kommt die Science Fiction da deutlich besser weg als die (klassische) Fantasy, die doch immer noch ein wenig belächelt wird. Trotzdem lässt sich nicht verleugnen, dass sie längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, dass sie Akzeptanz gewonnen hat. Oder, um es mit den Worten von Robin Hobb in einem Portrait des Guardian zu sagen: „[Fantasy literature] became something that you didn’t have to be embarrassed about carrying.“ Wir Fantasy-Fans sind nicht mehr die Außenseiter, die wir vielleicht ganz gerne wären, wir sind im Grunde der Standard geworden.

Robin Hobb

Robin Hobb (Foto von Georges Seguin / Okki , CC BY-SA 3.0)

… was dann auch zu Beiträgen wie diesem führt, bei dem im Rahmen der Sendung „Böttingers Bücher“ Wolfgang Hohlbein und Kai Meyer portraitiert bzw. besucht wurden. Der geneigte Fantasy-Autor lernt dabei vor allem eins: Ohne Rüstung oder wenigstens einem soliden Schwert im Haus wird das nichts mit der großen Karriere.

Da kamen sie mit Literaturwissenschaft

Soweit bin ich noch nicht, aber wenigstens hat mein Feen-Glossar** auf Twitter eine kleine Diskussion ausgelöst, was man denn nun eigentlich unter Phantastik (oder Weird Fiction … oder Speculative Fiction …) versteht. Auf dem Blog Hermanstadt ging daraufhin der erste Teil eines Rundumschlags zur literaturwissenschaftlichen Sicht auf Phantastik im Sinne Caillois‘ und Todorovs online. Oliver Plaschka brachte daraufhin auf seinem Blog seine Kritik an Caillois sowie den Begriff der „imaginativen Literatur“ ins Spiel – nicht jedoch, ohne dabei Fragen zu stellen, die dann doch wieder alles umwerfen. Solltet ihr nach alldem noch nicht genug von Torodov haben, verweise ich noch auf diesen Artikel von mir von 2014 (hoffe, er ist noch lesbar). Und ansonsten harren wir der Dinge, die in Hermanstadts zweiter Runde kommen werden.

Bis dahin aber erst einmal einen schönen August.

Exposition "Le réel imaginaire à partir de Roger Caillois" 91

Die Sache mit Caillois und seinem Riss
(Bild von Michel Delaborde, CC BY-SA 4.0)


*Um auch das klarzustellen: Ich will damit niemandem vorwerfen, nicht politisch zu sein oder etwas in der Richtung. Mir geht es ja selbst so, dass ich in der relativen Social Media-Öffentlichkeit lieber über Geek-Kram rede als über Tagespolitik. Das Verhältnis fand ich trotzdem spannend.
** Dank der beiden Folgebeiträge weiß ich jetzt, dass ich ein Glossar geschrieben habe!

Allgemein Monatsansichten Phantastik

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