Früher war alles anders 7: „Frost & Payne“

Ich hab mich einmal in meinem Leben in ein Korsett gezwängt. Mochte sein, dass das sexy aussah, aber Atmen finde ich auch ziemlich sexy, deshalb habe ich danach die Finger davon gelassen und von meiner Freiheit Gebrauch gemacht, so ein Ding nicht tragen zu müssen.

Hauptsache Aether (+ Korsetts und Absinth)

schlusselmacherinNun besteht Steampunk zweifellos aus mehr als Korsetts,* aber es ist eines der atmosphärischen Kulissenmomente dessen, was heute unter Steampunk läuft. Und auch, wenn ich der Optik einiges abgewinnen kann, verbinde ich beides mit einer gewissen reaktionären Romantik, mit der ich nicht mehr besonders viel anfangen kann. Deshalb ist der  Steampunk-Trend der letzten Jahre ziemlich an mir vorbeigegangen. Nichts gegen ein paar Elemente wie Dampflokomotiven oder Luftschiffe; „Der Goldene Kompass“ und „Der Sternwanderer“ haben mir auch gefallen, bevor ich wusste, was Steampunk überhaupt ist, und was die Clockpunk-Ästhetik angeht – aloha, Freunde! Aber diese klassische Form, bei der auf jeder zweiten Seite das Wort Aether auftauchen muss, damit der Leser mitbekommt, womit er es zu tun hat … hm, nicht mein Ding.

Steamfantasykrimi? Let’s give it a try

Trotzdem habe ich es immer mal wieder versucht, oft mit Kurzgeschichten, die aber meist allzu bemüht wirkten, irgendwo noch ein wenig Dampf abzulassen. Also ging’s weiter zur nächsten Stufe, einem Serienroman. Genauer gesagt zum ersten Band von Luzia Pfyls „Frost & Payne – Die Schlüsselmacherin“. Im Zentrum der Handlung stehen hier Lydia Frost, Neu-Privatdetektivin, die ihre kriminelle Vergangenheit wenig erfolgreich hinter sich zu lassen versucht, und Jackson Payne, ein New Yorker auf der Suche nach seiner verschwundenen Tochter.

Die Mischung aus heiterer Detektivgeschichte und Steamfantasy kommt dabei als lockere, leicht zu lesende Unterhaltung daher, die sich trotz ihrer Kürze Zeit nimmt, ein stimmungsvolles Londoner Setting zu kreieren – auch wenn sich dabei ein paar sprachliche Schnitzer verirrt haben. Daneben eignet sie sich aus meiner Sicht gut als Einstieg ins Genre. Zwar darf auch hier die gelegentliche Aether-Erwähnung nicht fehlen, aber die wohldosierten Steam-Elemente fungieren nicht als Selbstzweck, sondern schaffen Atmosphäre. Das macht „Die Schlüsselmacherin“ zu einem angenehmen Leseerlebnis für zwischendurch – und zu einem gelungene Reihenauftakt. Dadurch sollte man allerdings auch nicht erwarten, eine abgeschlossene Handlung präsentiert zu bekommen. Letztlich werden mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet, im Zentrum stehen die Vorstellung und das Aufeinandertreffen der wichtigsten Figuren. Monatlich wird ein neuer Band beim Verlag Greenlight Press veröffentlicht, gerade ist mit „Das Protokoll“ der 5. Teil erschienen.

Welche Veränderungen auch eine Serie in ihrer Entwicklung durchlaufen kann und welche Herausforderungen das mit sich bringt, erklärt nachfolgend Autorin Luzia Pfyl selbst im siebten, spoilerfreien Teil dieser Reihe:


Die überforderte Debütantin: „Frost & Payne“

Es war einmal eine kleine Autorin, die gerade erst ihren allerersten Roman in einem Kleinverlag veröffentlich hatte, als sie im Sommer 2015 eine Email mit folgendem Satz erhielt: „Sie wundern sich jetzt vielleicht, nach dieser langen Zeit etwas von mir zu hören.“

Ha, you bet I did!
Mehr als ein Jahr zuvor hatte ich dem Urheber dieser Mail nämlich meinen Debütroman geschickt und nie eine Reaktion darauf bekommen. „Cesario Aero – Kaiser der Lüfte“ hatte inzwischen eine wunderbare Verlagsheimat gefunden und ich war rundum happy. Und dann kommt diese Email mit einem Angebot, das ich unmöglich ablehnen konnte. Ich sollte für den Verlag eine Serie schreiben, mindestens 12 Bände, mit Option auf mehr.

Das Problem war nur, dass ich so etwas noch nie gemacht hatte. Ich bin hauptsächlich Bauchschreiberin und plotte nur sporadisch. Exposés? Meh. Ausführliche Notizen, Szenenplan? Doppel-Meh. Auf einmal sollte ich jedoch ein Konzept für 12 Bücher erstellen, komplett mit Weltenbau, Figuren und übergreifendem Plot. Ich durfte machen, was ich wollte, nur Steampunk sollte es sein.

Was sich auf den ersten Blick sehr cool anhört, hat mich völlig überfordert. Wenn ich heute dieses erste Konzept anschaue, schüttle ich nur den Kopf. Die Ideen, die ich damals im Kopf gewälzt habe, sind noch verrückter.

Bloß nicht 0815

Wie beim „Kaiser der Lüfte“, der ebenfalls Steampunk ist, wollte ich keinen klassischen Steampunk schreiben, bei dem man während des Lesens eine Liste mit den Genrekonventionen und Klischees abhaken konnte. Okay, ein paar Kästchen des Genres musste ich abhaken, das waren die Vorgaben des Verlags. Ansonsten durfte ich mich austoben.

Zu jenem Zeitpunkt schrieb ich an einem Projekt, das mittlerweile in eine ganz tiefe Schublade gewandert ist. Es hat den wunderbaren Arbeitstitel „Five Points & Monster“, ist – natürlich – Steampunk und spielt in den namensgebenden Five Points in New York. Die beiden Hauptfiguren, eine französische Giftmischerin namens Lena Arnaud und ein Copper Schrägstrich ehemaliger Pinkerton namens Jackson Reeves, müssen gemeinsam mysteriöse und teilweise übersinnliche Fälle lösen und ein paar Monster jagen.

luzia_pfyl

Luzia Pfyl

Ihr vermutet es schon, nicht? Lydia Frost und Jackson Payne sind aus diesen beiden Figuren entstanden. Payne blieb zu einem großen Teil der obercoole Pinkerton mit der mysteriösen Vergangenheit(TM), und Frost bekam ein paar Geheimnisse, die ich der Spoiler wegen hier nicht detailliert erläutere. Die Monster habe ich durch die chinesische Mafia ersetzt und das Setting in ein dreckiges London versetzt. Von allen Figuren, die es ins Konzept geschafft haben, veränderte sich Lydia Frost bis zum Schreiben des ersten Bandes am meisten.

Natürlich blieb das Grundkonzept nicht so, wie die Serie heute aussieht. Die meisten Titel der einzelnen Bände haben sich im Laufe des Jahres teils mehrfach geändert (bisheriger Rekordhalter ist Band 4 mit sechs verschiedenen Titeln. Durchgesetzt hat sich „Staub und Kohle“), Nebenhandlungen, die ich nie geplant hatte, tauchten auf einmal auf und brachten neue Rätsel mit sich, und neue Figuren melden sich auch. David, Nr. 23, existierte weder im Konzept noch in den Exposés, bis er auf einmal auf der Matte stand. Mittlerweile ist er eine meiner liebsten Nebenfiguren.

Was ich auch liebend gerne mache: Popkulturelle Referenzen verstecken. Jawohl, in Steampunk Büchern. Meist hauptsächlich für mein eigenes Vergnügen, aber wer sie findet, bekommt ein paar extra Geek-Punkte von mir.

It’s bigger on the inside!

Mittlerweile ist Serienhalbzeit. Ich bin nicht mehr ganz so überfordert mit allem und habe vor allem so langsam aber sicher den Draht raus, wie ich es schaffe, monatlich eine Episode abzuliefern und gleichzeitig den Kopf nicht vor lauter Arbeit zu verlieren. Was ich allerdings gemerkt habe ist, dass ich immer noch zu einem großen Teil Bauchschreiber bin. Egal, wie das Exposé einer Episode aussieht, egal, wie detailliert ich plotte, das Endergebnis ist immer irgendwo weit ab vom ursprünglichen Ziel. Aber genau das macht für mich den Reiz aus. „Frost & Payne“ ist größer, als es von außen den Anschein macht. Selbst ich als die Autorin der Serie weiß manchmal nicht, wohin mich einzelne Nebenhandlungen führen und was für Rätsel mich hinter der nächsten Ecke erwarten (ich darf nur nicht vergessen, all die Fäden auch irgendwann wieder zusammenzuführen oder aufzulösen).

Aber so bleibt es immer spannend, nicht? Ich muss schließlich noch ein paar Bände füllen, bis das Finale stattfinden kann. Ideen für die zweite Staffel melden sich auch bereits. Mal sehen, wie es damit in einem Jahr aussieht.


„Frost & Payne – Die Schlüsselmacherin“ von Luzia Pfyl, Greenlight Press (2016), ASIN: B01K5J80RU.


*Und ich höre, wie in meinem Leserkreis die Messer gewetzt werden …

Allgemein Früher war alles anders Phantastik

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