Bringt NaNo nano oder isses doch ganz nett?

Seit 2012 verfolgt mich der ominöse Begriff des NaNoWriMo, kurz für National Novel Writing Month. Es handelt sich dabei um ein alljährliches Autoren-Ritual, bei dem Schriftsteller längst international versuchen, innerhalb des Monats November idealerweise einen kompletten Roman, mindestens aber 50.000 Wörter zu schreiben, was so grob 200 Buchseiten entspricht.

Klar kannste NaNo schreiben …

Ich fand diese Praxis, nachdem ich das erste Mal von ihr gehört hatte nicht so besonders sinnvoll, um es höflich auszudrücken. Quantität und Qualität und so … Gut, mag Leute geben, die so arbeiten können, aber ich bin eher der Etappenschreiber. Ich schreibe einige Kapitel, dann werden die erst mal überarbeitet, einander angepasst, bis die nächsten Kapitel dran kommen. Der Schreibprozess dauert dadurch länger, die pre-Verlagsüberarbeitungen im Anschluss aber kürzer. Ich habe den NaNo also nicht als für mich geeignet empfunden, und die Berichte haben mich auch eher abgeschreckt. Da sind schon Freundschaften kaputtgegangen, weil jemand ein Schreibteam durch mangelnde Mitarbeit schlecht hat darstehen lassen, andere wurden an den Pranger gestellt, weil sie ein paar Wörter dazugeschummelt hatten. Aaanstrengend.

… aber warum?

Das zeigt aber, dass der NaNo zumindest in manchen Autorenkreisen mehr ist als eine Schreib- und Motivationsübung. Er ist ein soziales Event, auf das schon Monate vorher hingefiebert und das im Nachhinein immer wieder nachbesprochen wird. Vermutlich wird es nirgends so ausgiebig zelebriert wie im Tintenzirkel, wo die „Kampfschreiberei“ große Tradition hat und zum Anlass alles gewichtelt wird, was nicht bei drei auf’m Baum ist. Kein Wunder also, dass darüber noch Wochen und Monate später philosophiert wird. Und kein Wunder, wenn man sich da als No-Nanit ein wenig ausgeschlossen fühlt.

Weil beim Autoren-Stammtisch nicht mitreden zu können auf die Dauer halt doch unbefriedigend ist und man ja auch nicht über etwas lästern soll, das man nicht selbst ausprobiert hat,* hatte ich mir schon häufiger vorgenommen, den NaNo endlich auch mal mitzumachen. Aber warum auch immer der November anderen Leuten geeignet erscheint – bei mir kam in den letzten Jahren immer was dazwischen, das die Zeit anderweitig beanspruchte.

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It’s all about community: der einsame Schriftsteller war einmal (Quelle: Pixabay)

Auf dem PAN-Branchentreffen im April habe ich aber in einem Fall von Übermut dann doch zugesagt, dieses Jahr auch endlich mal dabei zu sein. Okay, ich wusste zwar schon, dass der November auf der anderen Arbeit klassischerweise der stressigste Monat ist, aber andere schaffen das schließlich auch neben dem Brotjob und überhaupt würde es ja nur bedeuten, anders als sonst zu schreiben. Vielleicht wäre es gar nicht schlecht, mal eine andere, womöglich effektivere Schreibweise kennenzulernen? Außerdem erschien es mir als idealer Spielplatz für ein Spaßprojekt, das mir schon lange durch den Kopf geisterte („ZomCon“ – Zombies auf’m BuCon).

Na gut, versuchen wir’s.

Im Oktober war ich kurz davor, wieder hinzuschmeißen. Erstens verlangte mein Alltime-Space-Fantasy-Projekt weiter seine Aufmerksamkeit, zweitens fand ich die „ZomCon“-Idee inzwischen bescheuert. Allerdings geisterte mir seit ein paar Wochen eine neue Idee im Kopf herum, die sowieso ständig das Space Fantasy-Projekt störte. Also hinfort mit der Erst-eins-dann-das-andere-Disziplin, ab 1. November wurde „Alice 27“ geschrieben, das sich fürs Marathon-Schreiben schon wegen seiner nicht-chronologischen Arbeitsweise anbot. Und natürlich sollte es nicht beim Schreiben bleiben – wenn schon NaNo, denn schon NaNo, dachte ich mir, und hab auch noch beim einen oder anderen Side-Event mitgemacht.

Reicht.

Lief die ersten Tage, in denen ich Urlaub hatte, auch ganz gut. Danach nicht mehr so. Einmal zurück im Alltagstrott, wusste der NaNo-Flow mit mir ebenso wenig anzufangen wie ich mit ihm. Oh, nicht dass ich keine Lust gehabt hätte, zu schreiben. Ich habe von morgens bis abends geschrieben, wie immer. Aber erstens wollte ich weder Artikel, noch Blogposts, Städtetrip, Gesundheit oder dieses soziale Leben** darunter leiden lassen und zweitens … hat mich der NaNo etwas „fehlgeleitet“ motiviert. „Alice 27“ hat sich gut angefühlt, aber es war einfach noch nicht an der Zeit dafür. Das Space-Fantasy-Ding hat sich vehementer als zuvor gemeldet und mir hat die Arbeit daran endlich wieder richtig Spaß gemacht. Nur durfte ich die Wortzahlen von hier ja auch nicht offiziell in die NaNo-Statisik einfließen lassen, weil … isso, whatever. Zum Bergfest war mir jedenfalls schon ziemlich klar, dass ich „Alice 27“ nach 2017 verschieben würde (Spaaace-Time!). Letzten Endes habe ich die 50.000 mit Sicherheit geknackt – aber nicht mit dem offiziellen Zeug, das am Ende irgendwo um die 23.000 herumgekraxelt ist.

Ich sag nicht, dass der NaNo deshalb verlorene Zeit oder gar Zeitverschwendung gewesen wäre. Manchmal hat er mich zwar unnötig gestresst, aber seine Rahmenevents und das gegenseitige Anspornen haben auch Spaß gemacht – und das Schreiben ging damit leichter von der Hand. Trotzdem bin ich irgendwie erleichtert, dass er jetzt vorbei ist und ich wieder guten Gewissens nach meinem eigenen Rhythmus schreiben kann.

Fazit

Ob ich den NaNo nächstes Jahr noch mal mitmache, weiß ich nicht. Eher nicht, aber wenn die Umstände günstiger sind … nun, man soll ja niemals nie sagen. Seinen Reiz als soziales Event hat er, und auch wenn er jetzt nicht gerade mein Schreib-Ritual schlechthin wird – zur Motivation taugt er allemal.***

Disclaimer: Der vorliegende Artikel beschreibt meine persönlichen Erfahrungen mit dem NaNo. Wenn jemand voll von diesem Event überzeugt ist und da seine Beststeller geschrieben hat, ist das toll und sehr bewundernswert.


*Natürlich fielen mir schon einige Beispiele ein, über die man ruhig lästern darf, ohne sie ausprobiert zu haben. Man hat ja Vorstellungsvermögen und gesunden Menschenverstand. Aber wir wollen nicht spitzfindig werden.
** Das, wo man Freunde, Familie oder andere Bekannte trifft, um etwas zu tun, was womöglich nicht explizit mit NaNo und Schreiben zu tun hat. Gibt’s tatsächlich.
*** Allerdings habe ich schon bei „Spielende Götter“ gemerkt, dass er auch dann als Motivator taugt, wenn man ihn selbst gar nicht offiziell mitschreibt – einfach, weil so viele Kollegen damit beschäftigt sind, dass der Schreibenthusiasmus wohl irgendwie auf einen abfärbt.

Allgemein Eventansichten Schriftstellerei

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