Früher war alles anders 4: „Das Herz der Nacht“

Ich habe die „Harry Potter“-Bände immer besonders geliebt, wenn sie bei den Dursleys oder während des Schulalltags spielten. Es war viel unterhaltsamer, wenn sich die Geschichte zwischen „Verteidigung gegen die dunklen Künste“, Weihnachtsferien und Qudditch-Spielen abspielte, als wenn es am Ende darum ging, in Grotten nach Horkruxen zu suchen oder im Zaubereiministerium mit Gehirnen zu kämpfen.* Bei „Faeriewalker“ ging es mir ganz ähnlich. Wie viel spannender es war, mit Dana Avalon zu erkunden, als mitzuerleben, wie sie gegen Wasserhexen kämpfte oder in die Privaträume der Feenkönigin einbrach.

Es ist wohl der „Fluch“ von Büchern, die besonders atmosphärische magische Orte kreiieren, dass sie diese Magie vorrangig dann aufrechterhalten, wenn sich die Figuren dort bewegen. Kann die Hintergrundhandlung nicht mithalten, verblasst die Spannung sonst ausgerechnet dann, wenn es aufs Finale zugeht.

Natürlich ist das ein Luxusproblem und überhaupt ist es einem Autoren erst einmal hoch anzurechnen, wenn es ihm gelingt, einen so magischen Ort in seinen Büchern zu erschaffen – selbst vielen meiner Lieblingsautoren ist das nicht gelungen. Als ich „Das Herz der Nacht“ von Fabienne Siegmund gelesen habe, befürchtete ich dennoch lange, es mit einem dieser typischen Bücher zu tun zu haben, in denen Figuren und Handlung vor dem Setting verblassen. Denn der Zirkus, den Fabienne hier erschaffen hat, ist wahrlich einer dieser magischen Orte, von denen wohl jeder (Fantasy-)Schriftsteller bewusst oder unbewusst hofft, ihn einmal erschaffen zu können.

Aber ich greife vor. Zunächst geht es um eine Nacht, eine lange Nacht, die sieben Tage währt. Als sie endet, findet der venezianische Straßenillusionist Mateó das Bett neben sich leer vor: Seine geliebte Anisa, eine begnadete Tänzerin, ist spurlos verschwunden, und mit ihr einige andere Künstler aus den Straßen der Lagunenstadt. Auf der zunächst etwas zäh daherkommenden Suche nach Anisa gelangt Mateó schließlich an einen Zirkus, unter deren Artisten er die verschwundenen Künstler wiederfindet. Unter ihnen ist auch Anisa, die Mateó jedoch nicht wiedererkennt und sich ebenso wenig wie die anderen an ihr Leben in Venedig erinnert. Um bei seiner Geliebten zu sein, schließt sich Mateó selbst dem Zirkus an und findet sich fortan in einer Welt wieder, in der Illusionen zu echter Zauberei werden, Karten die Zukunft voraussagen und es scheinbar an nichts mangelt. Spätestens aber, als Mateó der Weg nach draußen versperrt bleibt, wird ihm bewusst, dass sich im Zirkus die eigentliche Illusion verbirgt. Gelingt es ihm nicht, sie zu durchbrechen, sind die Artisten ewig im Zirkus gefangen.

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Ja, und dieser Zirkus hat es wirklich in sich. Schon in Fabiennes „New York Seasons“ war ein Zirkus einer der Schauplätze des Geschehens, und es gibt auch andere typische Elemente der Autorin, die sich in „Das Herz der Nacht“ wiederfinden, beispielsweise die Macht des Papiers oder der kleinen Dinge. Doch dieses Mal ist der Zirkus der eigentliche Protagonist, und es ist eine Freude, zu lesen, wie er sich Nacht für Nacht in ein Wunderland verwandelt, in dem die Artisten ihr Bestes geben, ohne eigentlich zu wissen, weshalb sie immer wieder ihre Vorstellungen aufführen. Egal, ob es um fliegende Kraniche oder um Schattenspiele geht, um ein Feuerwerk aus Seifenblasen oder um die melancholischen Darstellungen der Clowns: Stets gelingt es Fabienne, den Leser mit scheinbaren Kleinigkeiten zu fesseln und dabei langsam immer mehr von der Handlung einzuflechten.

Es gibt in diesem Buch keinen großen Showdown, keine epischen Schlachten oder Reisen. Ab dem Moment, da Mateó den Zirkus betritt, gibt es fast durchgängig keinen anderen Schauplatz mehr – zum Glück. Denn so verliert die Handlung nie gegenüber diesem wunderbar atmosphärischen Ort, ist sie doch schließlich Teil von ihm. Dass letzten Endes dem Leser nicht alle Antworten abgenommen werden, unterstreicht noch die Melancholie und den surrealen Moment, die der Geschichte stets anhängen und sie letztlich zu meinem Liebling der Autorin macht. Vor allem zu Anfang erinnert der Roman ein wenig an Oliver Plaschkas „Die Magier von Montparnasse“ oder auch Darren Shans „Mitternachtszirkus“. Letztlich gewinnt er zwar seine ganz eigene Dynamik und Poetik, doch wer mit dem Setting des Einen oder dem Artistenleben des Anderen etwas anfangen konnte, sollte hier definitiv einen Blick wagen.

Im Folgenden erzählt Fabienne aber erst einmal spoilerfrei, welche Entwicklung ihr Roman durchlaufen hat und wie ihre Figuren immer wieder Umzüge und Namensänderungen über sich ergehen lassen mussten:


Standort-Hopping mit namensflexiblen Figuren: „Das Herz der Nacht“

Ich begann das „Herz der Nacht“ nach einer Reise zur Leipziger Buchmesse 2013, nachdem ich dort bzw. auf der Fahrt dorthin lang und ausführlich mit Oliver Plaschka und Diana Menschig über die Idee gesprochen hatte. Von dieser bis zur Fertigstellung der Geschichte hat sich einiges verändert – um nicht zu sagen, bis auf die Grundidee der Geschichte eigentlich alles, manches sogar mehrfach.

Vom Herz zum Zirkus

Am einfachsten ist vielleicht die Sache mit dem Titel. Mein Arbeitstitel war „Nachtherz“, aus dem dann nach einer Weile schlicht und einfach „Das Herz der Nacht“ wurde, ein Titel, der sich beinahe aus titelschutzrechtlichen Gründen in allerletzter Minute noch in „Der Mondzirkus“ verwandelt hätte.

Weitaus schwieriger gestaltete sich aber die Sache mit dem Schauplatz und dementsprechend auch die Wahl der Namen der Figuren.

Alles begann in Paris

Der erste Halt der Geschichte war Paris. Montmarte kam vor, die Seine, Notre Dame und die Figurennamen waren Französisch – so hieß Mireia beispielsweise zuerst Mireille und das Zaubererkaninchen, dessen graue Ohrspitzen einem weißen Stofftierkaninchen mit ebensolchen zu verdanken sind, trug zunächst den Namen Gustave (den das eben erwähnte Stofftier heute noch trägt).

Paris war mir allerdings zu nah an anderen Geschichten, und so beschloss ich, dass ein Umzug nötig war. Nur – Wohin? Etwas mit Wasser musste es unbedingt sein. Und eine bekannte, große Stadt, die man schnell erkennt, selbst wenn der Name nicht unbedingt fällt.

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Fabienne Siegmund bei ihrer Lesung zum Buch in der Buchhandlung Köhl, Erftstadt

Meine Wahl fiel zuerst auf Barcelona. Aus Gustave wurde Jordí, aus Mireille Mireia und so weiter. Lediglich Min-Liu, meine Schlangenfrau, konnte ihren Namen behalten, da sie einen asiatischen Background hat. So schrieb ich die Geschichte auf Barcelona um, nur um festzustellen, dass Barcelona leider auch nicht so passte. Und schwupps, wanderte die Geschichte weiter nach München, getreu dem Motto: deutsche Fantasy darf ja auch gerne mal im Heimatland spielen. Mathieu (der spätere Mateó) wurde zu Matthias, Anisa zu Anita und so weiter und sofort. München allerdings stellte sich als noch unmöglicher heraus als Barcelona.

Kurz fasste ich London in die Zielerfassung, nur um den Gedanken ebenso schnell wieder zu verwerfen. Der Stadt der Schornsteine gehören andere Geschichten. Schließlich aber fand ich den geeigneten Schauplatz und so zog die Geschichte ein letztes Mal um: Nach Venedig, wo sich die Figuren direkt zuhause fühlten. Wieder änderten sich einige Namen – in der Barcelona-Version hieß der Clown, der jetzt Tullio heißt, beispielsweise noch Miguel -, andere blieben bestehen. Im Falle des Kaninchens ließ ich Jordí der Einfachheit halber von einem spanischen Händler taufen, weil ich keinen geeigneten italienischen Namen finden konnte – oder besser, keiner der in meinen Augen zum Charakter dieses einen Kaninchens passte.

Somit wurde außer Min-Liu jede Figur also mindestens einmal, eher häufiger umgetauft.

München, Venedig – hauptsache Spanien

Dass klingt jetzt alles sehr glatt, aber tatsächlich stellte die erste Testleserin fest, dass ich mal eben ganze Kathedralen verpflanzt hatte. In der ersten Rohfassung vom „Herz der Nacht“ befand sich die Sagrada Familia noch in Venedig, nachdem sie zuvor wohl eine Weile in München gestanden hat. Aber vielleicht ist da ja unterdessen auch ein wenig weiter an ihr gebaut worden …

Fabienne Siegmund


„Das Herz der Nacht“, Acabus Verlag 2016, ISBN (Hardcover) 978-3862824-35-9
Das E-Book ist 2015 bei Ullstein Forever erschienen.

 


*Allerdings mag ich das siebte Buch trotzdem sehr gern. Und die Szenen in „Der Gefangene von Askaban“ in der Heulenden Hütte zwischen Lupin und Sirius sind Zucker!

Allgemein Fangirlmodus Früher war alles anders Phantastik

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