Augustansichten 2016

Im August geschehen in der Phantastikszene klassischerweise drei Dinge: Leute erhalten Awards. Leute besuchen Cons. Und Leute machen Urlaub. Nun, einen Award habe ich leider nicht erhalten und ausnahmsweise auch mal keine Con besucht, dafür aber Urlaub gemacht. Super Sache, bedeutet allerdings auch, dass ich in der ersten Hälfte des Monats relativ betriebsblind war und diverse Artikel nur so aus der Ferne wahrgenommen habe. Kaum zurück habe ich dem Blog dafür aber einen neuen Anstrich gegönnt, wie ihr sehen könnt. Awardverdächtig, oder? Und wehe, mir kommt jetzt jemand damit, dass man zu weit runtercrollen muss! Ich mach das ja nur, um eure Scrollmuskulatur zu stärken.

Leute erhalten Awards:
Von Hugo bis NOMMOS

Da das geklärt ist, können wir zum gediegeneren Teil der Monatsansicht übergehen. Dank Puppygate hatte sich der Hugo Award im letzten Jahr bekanntlich vom populärsten SF-Award zum Branchenpolitikum entwickelt. 2016 drohte sich die Geschichte zu wiederholen, aber die Crowd hat dann doch Schwarmintelligenz bewiesen* und die Szene halbwegs befriedet. Olé. Das ganze Drama mit satirischen Anleihen können Sie hier auf Deutsch nachlesen.** Zu den diesjährigen Preisträger(inne)n gehören dieses Jahr N. K. Jemisin (Bester Roman für „The Fifth Season“) und Nnedi Okorafor (Beste Novelle für „Binti“).

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Nnedi Okorafor

Neben dem Hugo wurde mit dem Clarke Award eine weitere der großen Sci Fi-Auszeichnungen verliehen. Seit 1987 wird er an britische Autoren vergeben, dieses Jahr hat das Rennen Adrian Tchaikovsky mit „Children of Time“ gemacht.

Nicht ganz so prominent, aber nicht weniger nennenswert, ist der Aurora Award, der jährlich von der Canadian Science Fiction and Fantasy Association (CSFFA) an kanadische Schriftseller verliehen wird. Zu den Preisträgern gehören unter anderem A. M. Dellamonica mit „A Daughter of No Nation“,  Leah Bobet mit „An Inheritance of Ashes“ und Vincent Marcone mit „The Lady ParaNorma“. Im Vergleich zu anderen Awards geht es bei Aurora recht differenziert zu – beispielsweise hat Bobet in der Jugendbuchkategorie gewonnen, außerdem wird zwischen Professional und Fan Categories unterschieden. Übrigens: Für die französischsprachigen Autoren des Landes gibt es mit Aurora-Boréal eine eigene Auszeichnung, die bereits im Mai vergeben wurde. Nur die Fan-Kategorie der Auroras gilt für beide Sprachen.

Und noch ein weiterer Award blinkt am internationalen Horizont: Wie nämlich die neu gegründete African Speculative Fiction Society bekannt gegeben hat, werden im November beim Ake Festival erstmals die NOMMOS für afrikanische Phantastikautoren vergeben.

Leute besuchen Cons:
Von Medizin …

In Deutschland gibt’s glaube ich gerade keine größeren Preise zu vergeben. Dafür herrscht weiter Hochbetrieb in Sachen Cons: Neben RatCon, KrähenCon, UniCon und MantiCon öffnete im August erstmals der MediKonOne seine Tore. Das Besondere dabei: Der Fokus lag auf der Verbindung aus Medizin und Science Fiction. Die meisten Lesungen hatten einen entsprechenden Bezug, außerdem beleuchteten Vorträge die Zukunft der Medizin. Ob es eine Wiederholung des Konzepts geben wird, ist noch unklar – aber spannend ist es allemal.

… und digitaler Verantwortung

Ebenfalls am Blick über den Tellerrand oder hin zur Praxis versucht sich die von der Deutschen Telekom und dem Generalanzeiger Bonn initiierte FutuRead-Lesungsreihe in Bonn. Autoren wie Tom Hillenbrandt, Peter Schaar oder Leif Randt lesen hier aus ihren Werken, im Anschluss folgen Podiumsdiskussionen zum Thema „Digitale Verantwortung“. Besucher können außerdem jeweils vor der Veranstaltung die T-Gallery besichtigen. Den Anfang machte gestern, am 30. August, Marc Elsberg mit seinen Romanen „Zero“ und „Blackout“, es folgen bis Mitte Oktober vier weitere Termine. Auch das ein spannendes Konzept, das, wenn es nicht nur in Werbung ausartet, vielleicht das Potenzial hat, die Lesung aus ihrer angestaubten Ecke herauszuholen. Ich plane jedenfalls, eine der Lesungen zu besuchen und bin mal gespannt, was mich erwartet.

Leute schreiben Artikel:
Von asiatischer Sci Fi, …

Trotz all der Cons und Awards, die man hätte besuchen und (als englischsprachiger Autor) erhalten können, kamen auch ein paar Leute dazu, Artikel zu veröffentlichen. Gleich ein ganzes E-Mag kam beispielsweise beim Mithila Review heraus, das in seiner aktuellen Ausgabe einen interessanten Blick auf die asiatische Science Fiction wirft.

… unendlichen Geschichten …

Auf dem sonst ebenfalls eher asiatisch orientierten Blog von Film und Buch ist im Rahmen einer 80er-Reihe unter anderem ein Beitrag über die Verfilmung von „Die unendliche Geschichte“ erschienen. Wisst ihr … ich mag den Film. Ich mag sogar das erste Sequel.***  Ich habe beide geguckt, bevor mir meine Schwester (nennen wir sie S) das Buch vorgelesen hat. Dass dieser Umstand den Unterschied zwischen „guter Film“ und „nicht ganz so guter Film“ machen kann, habe ich erst kürzlich wieder festgestellt, als die andere Schwester (nennen wir sie J) mit mir „Der Goldene Kompass“ angeschaut hat und ihn bis auf das Ende sehr gut fand.**** Daher betone ich noch mal folgendes Zitat aus dem Artikel:

Betrachtet man aber „Die unendliche Geschichte“ nicht als Adaption, sondern als reinen Fantasy-Film, so muss sich die Produktion nicht hinter der Konkurrenz aus Hollywood verstecken.

Ich könnte darüber einen ganzen Artikel schreiben, aber um es in aller Kürze zu sagen: Wenn man so an Verfilmungen herangeht, hat man mit ihnen eine Menge mehr Spaß. Man muss sich einfach vor Augen halten, welche Möglichkeiten ein Autor hat – und welche ein Regisseur. Ja, es ist ärgerlich, dass sich in den „Harry Potter“-Verfilmungen nicht die Mühe gemacht wurde, Figuren wie Peeves oder Marietta mitaufzunehmen oder in „Die Tribute von Panem“ Madge ihre Rolle mehr oder weniger an Prim abgeben musste. Wenn ein Film seinen Figuren gerecht werden möchte, müssen aber nun einmal Abstriche gemacht werden.***** Dafür bietet er mehr Raum für visuelle Details. Ich glaube jedenfalls nicht, dass eine Verfilmung von „Die unendliche Geschichte“ besser gewesen wäre, wenn sie noch mehr Inhalt in die wenige, ihr zur Verfügung stehende Zeit gezwängt hätte.

… und Con-Belästigungen

Jim C. Hines, Autor u. a. der „Todesengel“- und „Goblin“-Romane, setzt sich bereits seit längerer Zeit aktiv gegen sexuelle Belästigung innerhalb der US-amerikanischen Geek Culture ein. Auch sein aktueller Artikel „Don’t Look Away: Fighting Sexual Harassment in the Scifi/Fantasy-Community“ beschäftigt sich mit diesem Thema. Ausführlich beleuchtet Hines einzelne Vorfälle, die verdeutlichen, dass es sich eben nicht um Einzelvorfälle handelt und die Problematik trotz Cosplay is NOT Consent und Co. weiter existiert.

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Auch in Brüssel ist man sich der Problematik offenbar bewusst (von Miguel Discart unter CC BY-SA 2.0)

Auch im deutschsprachigen Raum kam das Thema immer mal wieder auf. Relativ einhellig war dabei meist die Auffassung, dass das Problem geringer als in den USA ausfällt. Ohne jemals auf einem amerikanischen Con gewesen zu sein, vermute ich, dass das stimmt – allein ein Blick in die englischsprachige Phantastik-Twittercommunity zeigt bei einigen Diskussionen schon, dass die Stimmung dort offenbar um einiges weniger freundlich und nicht selten durchaus frauenfeindlich ist.****** Meiner Erfahrung nach begegnen einem auf einem Con auch weitaus weniger Belästigungen als am Kölner Alter Markt nach einem Fußballspiel. Aber nur, weil etwas an einem Ort weniger auftaucht als an einem anderen, heißt es nicht, dass es dort akzeptiert oder ignoriert werden dürfe. Zumal sexuelle Belästigung auf Cons recht spezifisch ausfallen kann. Veranstalter von Cosplay-Treffen reagieren darauf inzwischen (guckst du auch hier), auf anderen Cons & Co. fehlt das Bewusstsein leider noch. Jim C. Hines schlägt als ersten Schritt vor, nicht wegzuschauen. Seems legit.

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Sven Hüsken verstorben

Anfang des Monats gab die Familie von Sven Hüsken bekannt, dass der 1976 geborene Autor nach längerer Krankheit verstorben ist. Neben seinem Thriller „Papa“ veröffentlichte er phantastische Kurzgeschichten, die beispielsweise in den Anthologien „Tarot“ und „Exotische Welten“ erschienen sind.

Viele Menschen haben in den Stunden und Tagen nach der Nachricht Worte gefunden, um ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen. Ich kann mich nur denen anschließen, die die Zuversicht und den Lebensmut bewundert und betont haben, mit dem Sven seiner Krankheit so lange getrotzt hat. Er wird fehlen.


*Obwohl … wer wählt denn „Der Marsianer“, wenn er auch „Mad Max: Fury Road“ oder „Ex Machina“ haben kann … ?
** Österreiches Deutsch. Sagt man bei euch echt „heuer“? Höhö.
*** Das Zweite nicht. Wir sprechen nicht über das Zweite.
**** Wobei ich ihn auch gut fand. Aber nicht sehr gut. Das waren nicht Lyra und Mrs. Coulter.
***** Außer, man verfilmt „Der Sternwanderer“ und fügt noch Captain Shakespeare hinzu. Aach, der Film ist super. Hat aber auch eine dankbare Vorlage.
****** Mal ganz abgesehen davon, dass fraglich ist, inwiefern sich die Phantastik-Szene hier und die Geek Culture der USA überhaupt aufeinander beziehen lassen.

Ok, mehr als fünf Sterne sind zu viel.

Allgemein Monatsansichten Phantastik

3 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Danke, dass du die Reihe „The 80s“ auf FILM und BUCH erwähnst. Die Artikel-Serie wird noch über den Sommer weiter gehen. – Und es stimmt, zwischen Film und Buch (kleines Wortspiel) von „Die unendliche Geschichte“ klaffen Welten. An den Roman kommt der Film so gut wie nicht heran. Aber als reiner Fantasyfilm ist er aufgrund seiner Effekte doch sehenswert (auch wenn das jetzt irgendwie paradox klingt).

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