Coming of Age mit Joey Goebel (+ Verlosung)

Als Teenager fand ich den Großteil der Jugendbücher wenig überzeugend. Ich habe sie natürlich gelesen – so, wie ich als Teenager alles gelesen habe, was nicht bei drei auf’m nächsten Baum war, und viele dieser Bücher habe ich auch sehr genossen. Aber auch, wenn ich sie verstand, hatte ich selten das Gefühl, das beruhe auf Gegenseitigkeit. Hin und wieder gab es ein Buch, das in die richtige Richtung ging – „Give a Boy a Gun“ etwa oder auch „Bekenntnisse einer Highschool Diva“. Aber die meisten Bücher scheiterten, indem sie immer wieder drei Aussagen über die Jugendphase machten, mit denen ich mich nur bedingt anfreunden konnte:

  1. Jugend ist großartig und die einzigen Probleme bestehen in der Liebe. Du musst täglich hart Party machen und mit deiner BFF Abenteuer erleben, um diese Zeit voll auszukosten. Andernfalls wirst du es später bereuen.
  2. Jugend ist furchtbar. Du wirst dir vermutlich irgendwann eine Überdosis verpassen oder durch eine Atomkatastrophe sterben.
  3. Es ist okay, anders zu sein. Vorausgesetzt, deine Mutter ist eine Fee / du kommst mit 11 nach Hogwarts / du jagst in deiner Freizeit Werwölfe.

So sehr ich mich auch für die Haltung einsetze, dass Geschichten, egal, wie phantastisch sie daherkommen, nur Varianten der Realität (TM, wie immer) sind – meiner Realität, meinem Lebensgefühl, kam nichts davon nach. Und in meinem eigentlich sehr buchaffinen, aber auch Gruftie-, Metal-, Grunge- und Punk-infizierten Umfeld war ich nicht die Einzige, die so empfand. Wir hatten den Sound unserer Zeit gefunden, aber nicht unsere Kinder von Torremolinos.

Dann kam Joey Goebels „Freaks“ und da war es: Das Manifest all derer, die LaVey oder Nietzsche lasen und an Weihnachten trotzdem in die Kirche gingen. Die Dornenreich und Eisregen hörten, aber auch Christina Aguilera was abgewinnen konnten (durfte man ab „Shine a Light“ sogar zugeben). Die montags in Schwarz kamen und dienstags in Weiß. Vordergründig folgte „Freaks“, eine Novelle in Romanlänge, zwar bloß dem Alltag einer schrägen Rockband mit Abneigung gegen Schubladen. Tatsächlich aber war „Freaks“ viel mehr: In Text gegossener Zeitgeist nämlich. Die Versicherung, dass nicht man selbst verrückt war, sondern die Welt.

Das war zumindest die Erkenntnis, die ich mit 17 aus „Freaks“ zog. Und als sich meine Welt und mein Lebensgefühl veränderten, taten Goebels Romane mir den Gefallen, sich mitzuverändern.

  • Erst war da (nach der deutschsprachigen Chronologie) „Vincent“: Das Portrait einer postmodernen Gesellschaft, in der der Künstler scheinbar abhängig ist von einem kapitalistischen System, das sich gegen sich selbst richtet. Eine großartige, naive Dystopie, die zu einer melancholischen Utopie wird (oder vielleicht sogar zu einem optimistischen Blick aufs Hier und Jetzt).
  • Dann „Heartland“: Ein Familienepos mit einem depressiven Bilderbuch-Versager als Protagonisten, der im Verlaufe des Buchs doch mehr Lebensfreude ausstrahlt als sein ganzes scheinbar gesundes Umfeld.
  • „Ich gegen Osborne“: Auf den ersten Blick Goebels einziger wirklicher Jugendroman, tatsächlich aber ein Geständnis jender Y-Twentysomethings, die sich damit abfinden müssen, dass die Punks von früher im Consulting arbeiten und egoistische Kompromisslosigkeit ebenso wenig glücklich macht wie Selbstaufgabe.
  • Und schließlich die im Selfpublishing erschienene Anthologie „Summer Man and other Black Comedies“, ein Zeugnis dafür, dass die Post-Osborne-Frustration wenigstens ihre humorvollen Momente haben kann.
Joey Goebel_Heartland 2
Pittoreskes Stillleben mit Joey Goebels „Heartland“

Mir haben Goebels Romane oft eine Art von Orientierung geboten (, auch wenn das nun sehr dramatisch und vielleicht auch etwas überbewertend klingt). Im Moment finde ich es schwieriger denn je, Orientierung zu haben, wobei das vor allem in sozialer Hinsicht zu verstehen ist. Wir sind auf dem besten Wege, das Verständnis für die Grautöne des gesellschaftlichen Miteinanders zu verlieren. Was dominiert, sind Schwarz und Weiß, ein Denken in Kategorien und Abdriften zu undurchdachten Ideologien. In solchen Zeiten ist es der Philanthropie wenig zuträglich, sich die Kommentare auf sozialen Netzwerken oder gar auf den Seiten der Nachrichtenmagazine durchzulesen. Einige Künstler verstehen sich aber darauf, in ihren Werken – egal, ob es um Gemälde, Romane, Lieder oder was auch immer geht – auf subtile Weise ein Verständnis für jene Grautöne zu wecken, die in Zeiten von AfD, Trump und dem Abfeiern von Freundlöschungen bei Facebook gerne untergehen. Goebel gelingt genau das, auch wenn er zum Glück weit davon entfernt ist, eine neutrale Haltung einzunehmen.

Aus diesem Grund nehme ich den heutigen „Welttag des Buches“ und die Aktion „Blogger schenken Lesefreude“ zum Anlass, einen Roman von ihm zu verlosen. Für „Heartland“ wiederum habe ich mich entschieden, weil das Setting rund um den US-amerikanischen Wahlkampf aktuell auch nicht ganz unpassend ist. Anstelle einer Leseprobe empfehle ich übrigens diesen Essay von Joey Goebel über Bahnfahrten in Deutschland.

Kommen wir zum Kleingedruckten und ich hoffe für euch, dass ihr nicht einfach runtergescrollt habt – wenn doch, weiß die NSA nämlich Bescheid und wir wissen ja alle, was dann passiert.

Ja, das ist eine Verlosung

Um das auf den Fotos abgebildete, extrem attraktive Hardcover-Exemplar von „Heartland“ (erschienen im Diogenes-Verlag) zu erhalten, beantwortet hier, bei Facebook, bei Twitter oder via Mail (alessandra.ress[at]phantastik-autoren.net] folgende Frage:
Ach, wer braucht schon das Volk zum Wählen. Heute ist es an euch, zu entscheiden, wer der nächste Präsident bzw. die nächste Präsidentin der USA wird. Also, wen wollt ihr vom meist zerstörten Haus der Filmgeschichte aus regieren sehen? (Ihr braucht keinen der tatsächlichen Kandidaten zu nennen – von mir aus könnt ihr auch Batman oder Sartre vorschlagen.)

Teilnehmen kann jeder über 18 – Jüngere brauchen eine Einverständniserklärung der Eltern. Zur Not versende ich das Buch auch an den Nordpol, wobei es echt schade wäre, wenn das Buch bei irgendeinem verwirrten Zollmitarbeiter hängenbliebe (schon erlebt).

Die Verlosung läuft bis einschließlich 1. Mai, am 2. lose ich dann aus. Es wäre prima, wenn ihr beim Kommentieren irgendeine Form der Kontaktmöglichkeit angebt. Der Gewinner hat eine Woche lang Zeit, sich zu melden, sonst lose ich neu aus.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit und viel Erfolg!

Joey Goebel_Heartland
Joey Goebels „Heartland“ mit viel Flausch

Allgemein Fangirlmodus Verlosung;

12 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Das, was Du über Joey Goebel schreibst, von dem ich übrigens noch nie gehört hatte, auf den ich jetzt aber ziemlich neugierig bin, habe ich mit Selim Özdogan gehabt. Ein Autor, der mitgewachsen ist und mit „Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist“ damals (TM) ziemlich meinen Nerv getroffen hat.

    Auch wenn es immer unwahrscheinlicher wird, würde ich mir diesmal einen Bernie Sanders wünschen. Ich fürchte nur, auch der würde an der Realität, nein, nicht scheitern, aber doch viele schmerzhafte Kompromisse machen müssen…

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    • Von Özdogan habe ich bisher noch nie gehört, klingt aber interessant 🙂

      Das ist auch mein Problem mit Sanders – er klingt vielversprechend, vor allem im Vergleich zu den anderen Kandidaten. Aber die USA sind so gespalten, dass er wahrscheinlich kaum etwas realisieren könnte. Selbst Obama konnte dank des Widerstands der Republikaner schon so viel nicht oder nur unbefriedigend durchsetzen, und er hatte zumindest 8 Jahre Zeit.

      Willkommen im Lostopf 🙂

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  2. Ich habe jetzt eine Woche lang überlegt, welche reale Person ich mir als US-Präsdident wünschen würde, aber leider ist mir kein Amerikaner eingefallen. Weshalb meine Wahl auch auf Bernie Sanders fällt, einfach, damit nicht die Irren oder das verkrustete Washingtoner Politestablishment wieder an die Macht komme.

    Meine fiktive Idealbesetzung wäre Ron Swanson aus „Parks and Recreation“, der hat eine gesunde Einstellung zur Regierung und Autorität. 🙂

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