Dezemberansichten 2015

Ho ho ho, ihr Leser dieses Blogs!

Schon klar, ich bin etwas spät dran, um auf Weihnachtsmann zu machen, und für die Monatsansichten ist es dagegen noch etwas früh. Aber vielleicht braucht es ja auch noch Zeit für Jahresansichten, Rückblicke, Vorblicke oder anderes Zeuch, was auf kaum einem Blog fehlen darf. Oder vielleicht rebelliere ich auch einfach gegen meine eigenen Regeln, ich Revoluzzer. Wie auch immer. Monatsansichten. Dezember. Hier und Jetzt.

Da ist was erwacht

Ich fürchte, wenn man phantastische Monatsrückblicke schreiben will, kommt man nicht drumherum, Star Wars zu erwähnen. Nun gut. Falls ihr die letzten Monate ohne Internet, Fernsehen und Orangen verbracht, euch auf einer einsamen Insel vergraben oder ein Höhlenlabyrinth erforscht habt, lasst euch gesagt sein: Am 17. Dezember ist mit Star Wars: Das Erwachen der Macht der siebte Teil der Sternensaga erschienen. Läuft wohl ganz gut für ihn.

Ja, okay. Für die Leute, die die letzten Monate nicht in der Versenkung verbracht haben, noch ein paar Links, die vielleicht noch nicht j e d e r kennt. Da wäre beispielsweise ein Artikel über Ralph McQuarrie, dessen Zeichnungen Lucas‘ Ideen erst visuelles Leben einhauchten. Oder ein sehr vergnüglicher Abstecher in die historischen Katakomben des Star Wars-Weihnachtswahnsinns. Und um uns ein wenig vom Thema zu lösen und den Bogen hin zu anderen Franchisen wie dem DC-Universum zu vollziehen, kann auch der Hinweis auf die Fotografie-Serie Figure Fantasy des Kanadiers Daniel Picard nicht schaden, der Helden und Schurken  fröhlich entzaubert, indem er sie in Alltagssituationen darstellt. Ich schätze, bei dem Nachnamen kommt man nicht drumherum, sich mit so etwas zu beschäftigen.

Die Vampirisierung der Mutanten?

Zum Film selbst kann ich noch nichts sagen. Offenbar ist es bei Star Wars untrue, länger als sieben Tage mit dem Kinobesuch zu warten, aber auf mich ist da kein Verlass – ich fand ja nicht mal Jar Jar Binks so schlimm wie seinen Ruf. Kommt allerdings ein neuer X-Men-Trailer raus, kann ich nicht so lange warten. Euch Star Wars, die Avengers und Benman, solange ich Baleman und die X-Men bekomme. Ja, gut, mein Comicwissen ist begrenzt, und Zukunft ist Vergangenheit war so ein bisschen hm und mit zu wenig Blink, aber trotzdem. Ich steh auf beide Trilogien (die Wolverine-Filme klammern wir mal aus) und hab dem Apocalypse-Trailer entgegengefiebert. Jetzt ist er da und … Joa. Evil Nr. 1 ist da und macht einen auf Superbösewicht. Magneto ist natürlich zu allen Schandtaten bereit, Mr. X passt sich seinem Senior-Ich an und Mystique wird unnötig gehyped. Der Mutanten-Stadl erinnert mich jetzt mehr an eine avengereske Vampir-Saga denn an seine sozialkritischen Anfänge, but well. Schauen wir mal, was draus wird.

Alles Kanon oder was?

Wenn mir der Inhalt nicht passt, kann ich zur Not immer noch sagen, dass das für mich nicht Kanon ist. Haben sich ja vor Bryan Singers Zeitreise-Lösung viele schon bei Der letzte Widerstand gesagt und geht bei Star Wars auch ganz gut (leider trifft die Entkanonisierung hier auch die E.T.-Theorie :(). Einen informativen Artikel zur Kanon-Problematik brachte der Dezember bei den Weltenbauern. Interessant dabei der Verweis auf Fantheorien, die oft mehr Sinn ergeben als die Ideen von produzentenabhängigen Drehbuchautoren und Regisseuren. Man denke nur an Matrix.

Keine Freiheit ohne Ang Lee?

Ob das Tiger and Dragon-Sequel für mich Kanon ist, muss ich mir auch noch gut überlegen. Ich weiß, ich weiß, Netflix ist ganz toll und so – aber von mir aus können sie es jetzt auch mal lassen mit ihrem Gravedigging. Ich meine, ja, mit Blick auf die literarische Vorlage macht eine Fortsetzung sogar irgendwie Sinn. Aber der Film ist nicht die Vorlage (soweit ich das beurteilen kann) und er hat als Einzelwerk hervorragend funktioniert. Sicher gab es offene Fragen – aber wer will die denn beantwortet haben?

Hinzu kommt, dass Ang Lee nicht mehr mit von der Partie ist. Das wirkt … falsch. Es gibt Werke, bei denen es keinen Unterschied macht, wer der Regisseur ist. Aber Tiger and Dragon ohne Ang Lee ist wie die Geralt-Saga ohne Sapkowski. Ob Der Eissturm, Taking Woodstock oder sogar das mit dem grünen Flummi (Hulk) – obwohl Lees Filme vom Genre her sehr unterschiedlich sind, atmen sie alle den Topos der Freiheit, und Tiger and Dragon ist seine stärkste Visualisierung und expliziteste Ausformulierung. Das hat den Reiz des Films ausgemacht, ihn von anderen Wuxia-Produktionen abgehoben. Dem Trailer der Fortsetzung geht das abhanden. Es ist nur ein Trailer. Aber es ist ohne Ang Lee.

The weird World of Tim Burton

WoTB
Ultimativer Beweis für Anwesenheit

Na schön, ich gebe zu, an Ang Lee ein wenig den Narren gefressen zu haben (die Uni ist schuld). Dabei beschäftige ich mich sonst herzlich wenig mit Regisseuren. Also … Ausnahmen bestätigen die Regel.
Eine weitere und recht klischeehafte Ausnahme stellt Tim Burton dar, der aber nicht nur als Regisseur und Produzent, sondern auch als Autor und  Zeichner agiert. Vor allem seinem künstlerischen Werk widmet sich die Ausstellung The World of Tim Burton, die noch bis zum 3. Januar in Brühl gastiert. Lieber spät als nie habe ich es mit den Schwestern auch noch hingeschafft – und erst einmal eine knappe Stunde in einer Schlange gestanden. Mit dieser Werkschau hat das Max-Ernst-Museum ganz offenbar einen Nerv getroffen (wenngleich die Mitarbeiter angesichts des Ansturms selbst etwas überrascht wirkten). Und das lange Warten hat sich gelohnt: In drei Ausstellungsbereichen trifft man auf Burtons Frühwerke und erste Verlagsabsagen*, auf Musikvideos und Crew-Bücher, aber auch auf Serviettenzeichnungen aus Hotels oder Cafés und Modelle seiner liebenswert skurrilen Filmhelden. In zwei Stunden bekommt man so einen Überblick über das Werk eines Mannes, der sich und seinem Stil bislang sehr treu geblieben ist – auch, wenn das der eine oder andere zuletzt angezweifelt hat. Wer die Möglichkeit hat, sollte die Ausstellung unbedingt noch besuchen!

Wo bleibt der Comic in der Con?

In Sachen Phantastik-Events hat diesen Monat außerdem die German Comic Con von sich reden lassen, die Anfang Dezember in Dortmund stattfand.** Diverse Berichte zeichnen ein eher verhaltenes Bild, wobei die Kritik vor allem auf die Orga und den Mangel an Comic-Themen abzielt. Zweiteres überrascht mich nicht wirklich. Ich hab den Eindruck, dass die diversen Comic Cons vornehmlich vom Namen profitieren wollen, sich aber lieber auf die in Deutschland publikumswirksamsten Inhalte fokussieren – also im Moment offenbar auf Serien- und Filmstars. Damit reiht sich die German Comic Con anscheinend trotz vergleichsweise geringer Eintrittspreise in die Liste der Mediacons ein, die vornehmlich auf die Kommerzialisierung der Fan+Fansubjekt/-objekt-Beziehung bauen. Wem’s gefällt. Die Beobachtung des Events könnte aber dennoch lohnen. Denn mal ganz abgesehen davon, dass es durchaus auch positive Fazits gab, ist bekanntlich aller Anfang schwer und auch andere Con-Formate haben es geschafft, an Kritik zu wachsen.

International affairs

Natürlich gab’s auch außerhalb des deutschsprachigen Raums wieder jede Menge an Events rund um Phantastik und Verwandtes. In Saudi-Arabien zum Beispiel. Und in Großbritannien wirft weiterhin das Theaterstück Harry Potter and the Cursed Child seine Schatten voraus. Inzwischen steht die Besetzung der Hauptfiguren und die Ankündigung, dass mit Noma Dumezweni eine schwarze Schauspielerin Hermine spielen wird, hat erst einmal für einigen Wirbel gesorgt. Es gibt Figuren, bei denen ich (auch außerhalb vom Whitewashing***) nachvollziehen kann, weshalb die ethnische „Veränderung“ für Kritik sorgt. Aber bei Hermine ist es nun wirklich vollkommen wurscht, welche Hautfarbe sie hat. Findet J. K. Rowling auch.

Hohe Tellerrand-Phantastik

Anfang Dezember veröffentlichte der Cicero einen Artikel, der dem durchaus angenehmen Trend folgt, die Phantastik aus ihrer „Schmuddelecke“ herauszuholen. Im Gegensatz zu vielen vergleichbaren Veröffentlichungen verharrt dieser dabei lobenswerterweise nicht in der „Ey, so doof ist High Fantasy gar nicht“-Ecke, sondern widmet sich tatsächlich einmal den Spielarten des Genres, ohne sich dabei mit allzu vielen Schubladen aufzuhalten. Damit zeigt der Artikel eine erfrischende Sichtweise, an der es auch in der Szene selbst oft mangelt.

Das wäre der perfekte Zeitpunkt, um einige Aussagen Kazuo Ishiguros hinsichtlich des Abgrenzungsdenkens der Fantasyszene zu diskutieren, die er auch in einem Print-Interview mit dem Magazin „Bücher“ noch einmal in Bezug auf Deutschland verfestigt hat. Aber dazu ist immer noch ein eigener Post in Planung. Doch, ja. Irgendwann kommt der denke ich noch.

Me and my vampires

Im Cicero-Artikel wird wieder einmal erwähnt, dass die „brunftigen Vampire“ der Trend von gestern sind.**** Leider haben die liebestollen Vertreter ihrer Zunft das Ansehen der Beißer nachhaltig geschädigt. Dabei haben die Emos und einstigen Monster der Phantastik doch so viel mehr zu bieten als die Verführung von Teenagerbräuten! Findet auch Jonathan Maberry, der auf einer Seite für YA-Literatur seine persönliche Sicht aufs Schreiben von Vampirliteratur darlegt. Wenn man mal davon absieht, dass Maberry den Artikel wie üblich stellenweise als Marketingbio missbraucht, ein recht vergnüglicher Text. (Diskutienswert wäre die Aussage, warum er glaubt, nur als Frau Paranormal Romance schreiben zu können, aber lassen wir das.)

Aileen P. Roberts verstorben

Leider bleibt 2015 auch zum Ende hin gefühlt ein Jahr, in dem die Phantastik-Szene viele Trauerfälle erreichen. Anfang Dezember ist mit Claudia Lössl eines der wohl bekanntesten weiblichen Gesichter der deutschen Fantasyliteratur verstorben. Sie veröffentlichte hauptsächlich unter den Pseudonym Aileen P. Roberts (u. a. Thondras Kinder, Weltennebel und Weltenmagie), gemeinsam mit ihrem Mann auch als C. S. West (Der Kampf der Halblinge). Geboren wurden sie 1975. Eine kurze Stellungnahme des Goldmann Verlags findet sich auf dessen Facebook-Seite.


*Zerreißt sie nicht – sie könnten mal im Museum landen!
** Die inzwischen nicht nur Konkurrenz vonseiten der Comic Con Germany, sondern auch noch von der Berlin Comic Con bekommen hat. Leute, ich versteh ja, dass der Name anlockt, aber es gibt so viele schöne Connamen da draußen!
*** Apropos: Auf Peter Schmitts Blog ist noch eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Whitewashing-Thema plus weiterem Skeptizismus gegenüber Gods of Egypt erschienen.
**** Stattdessen ist die Sci Fi angeblich das neue große Ding. Mist, ich folge dem Trend.

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