Wenn der Metaller in dir hervorkommt: „Jekyll & Hyde“ in Lahnstein

Von Leuten, die sich für Musikkenner halten, werden Musicals oft eher belächelt. Ich kann es ihnen nicht einmal richtig übel nehmen. Ein bisschen albern ist es ja schon, Figuren singend einen Eisberg entdecken („Titanic“) oder ein Feld bestellen zu lassen („Martin Guerre“). Und von diesem Trend, aus dem Liedgut irgendwelcher Sänger oder Bands Musicals mit halbgarer Story zu stricken, wollen wir jetzt gar nicht reden.

Aber – so oft ich auch den Kopf schüttle angesichts haarsträubender Songtexte oder fast schon schlagerartiger Kitsch-Duette: Ich mag Musicals. Übrigens eher als Theater-, denn als Filmversionen, außer, es geht um die Rock (’n’Roll)-Klassiker wie „Hair“, „Grease“ oder „The Rocky Horror Picture Show“. Musicals dürften neben 80er Rock das erste Genre sein, dem ich verfallen war und für das meine ältere Schwester und mich der Sammel-Wahn befallen hatte. Es reichte schließlich nicht, eine Version von „Cats“ oder „Les Misérables“ zu haben – wenigstens die deutsche Einzel- und Doppel-CD und das Ganze noch mal in Englisch mussten es schon sein. Schließlich wechselten die Varianten einzelner Lieder von Version zu Version.*

Einen unserer Sammelrekorde stellten wir mit Frank Wilhorns und Leslie Bricusses „Jekyll & Hyde“ auf, das wir ohnehin ausgiebig gesuchtet haben. Und eben dieses wird aktuell (allerdings nur noch bis Silvester) in Zusammenarbeit mit der Stage & Musical School Frankfurt und unter Leitung Friedhelm Hahns von der Städtischen Bühne Lahnstein präsentiert.

Am dritten Adventssonntag habe ich mir die Aufführung angesehen, wobei meine Erwartungen wahrscheinlich von Anfang an etwas zu hoch angesetzt waren. Denn erstens ist es „Jekyll & Hyde“ und zweitens habe ich 2009 in der Dresdner Staatsoperette eine unglaublich gute Interpretation gesehen, die die Latte für mich entsprechend hoch gelegt hat.

Wie alle (mir bekannten) deutschsprachigen Produktionen setzt auch die Lahnsteiner Version auf die jüngeren Varianten, die sich durch einige Lied- und Namensänderungen von der ursprünglichen Broadway Production unterscheiden. Angenehmerweise bleibt es aber mal bei den „Fassade“-Reprises, die den morbiden Charme des Musicals wie wenig andere Lieder des Stücks unterstreichen – auch dank der Umsetzung durch das positiv hervorzuhebende Orchester.

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Probenfoto: Spider und die Huren (cr Eva-Maria Hahn)

Das minimalistische, aber von der Lichttechnik stimmig in Szene gesetzte Bühnenbild hat bei den Lahnsteinern außer Gitterstäben und einem Arbeitstisch vor allem eins zu bieten: Zahnräder. Wo jüngere „Sweeney Todd“-Varianten seit Tim Burtons Filmversion nicht mehr um eine gute Portion Gothic und einen Johnny Depp-Lookalike in der Hauptrolle herumkommen, braucht „Jekyll & Hyde“ nun offenbar Steampunk, um dem Zeitgeist zu entsprechen. Wir nehmen das wohlwollend zur Kenntnis und vertagen die Frage, wie die weiblichen Schauspielerinnen es geschafft haben, in den Korsetts noch so stimmgewaltig daherzukommen. Ein Geheimnis, das sie mit den meisten Gothic/Symphonic Metal-Sängerinnen teilen. Überhaupt ist der Metal nie weit in dieser Interpretation. Spätestens, als sich Rick Middelkoop unter vollem Körpereinsatz in den hinkenden, würgenden, gutturalen Hyde verwandelt und anlässlich seiner Befreiung die Pommesgabel in die Höhe streckt, wird klar: Das Tier ist ein Metaller und Middelkoop strebt eine Zweitkarriere bei Animate Records an.

Das passt natürlich durchaus zum Geiste dieses Musicals, das ähnlich wie „Jesus Christ Superstar“ oder „Tanz der Vampire“ nicht erst seit der „Resurrection„-Version in den Bereich der Rock-Opern gerückt wird. Mir gefällt sowas normalerweise ja eh, nur … irgendwie ist da das Gefühl, dass das alles etwas too much ist. Das Gestöhne und Gegrowle, Gewürge und Gespucke gibt dem Musical in Verbindung mit Middelkoops Overacting einen komödiantischen Einschlag, von dem ich mir bis jetzt nicht sicher bin, ob er gewünscht ist.

Während aber gerade das Ende den Eindruck einer One Man Show vermittelt, liegt der Fokus zuvor eher auf den Nebenfiguren, allen voran Utterson (Sebastian Ciminski) und Lucy (Felicitas Hadzik, die sich gleichzeitig auch für die Choreographie verantwortlich zeigt). Ein interessanter Ansatz, nur mussten den Lucy-Balladen und Utterson-Monologen mit „The World has gone insane“ und „The Way back“ gleich zwei meiner Lieblingslieder weichen.

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Probenfoto: Jekyll (cr Eva-Maria Hahn)

Einem Teil des Publikums waren die Mord- und Vergewaltigungsszenen, denen sich hier etwas zu ausgiebig gewidmet wurde, offenbar zu viel. Jedenfalls waren die ohnehin dünn besiedelten Reihen nach der Pause noch leerer.** Der Rest des Publikums allerdings war begeistert und hat mit Standing Ovations gedankt.

Unter dem Einfluss der Dresdner Variante, die mit ihrem klassisch-viktorianischen Ansatz und einer weniger übertriebenen Jekyll/Hyde-Darstellung die düstere Grundstimmung des Musicals doch besser transportieren konnte als die Steampunk-Kulisse mit Metal-Hyde, war ich selbst zwar nicht ganz so aus dem Häuschen. Dennoch war es ein sehr unterhaltsamer Abend mit sehr begabten Nachwuchs(?)talenten. Positiv hervorzuheben ist zudem, dass sich eine kleine Bühne wie Lahnstein überhaupt an ein Projekt wie „Jekyll & Hyde“ gewagt hat!

Meistgehörter Satz des Abends: „Mit dem Buch hat das ja so gar nichts zu tun.“


*Später habe ich meine Freundinnen schon als Konsumopfer bezeichnet, wenn sie unbedingt sowohl die „Life-„, als auch die „Death“-Version von Good Charlottes „Chronicles of Life and Death“ haben mussten. Ja ja, ich messe mit zweierlei Maß.

** Die zur Kultur gezwungene Abiklasse, die lieber nicht besonders leisen Techno via Smartphone gehört hat, war leider noch da.

Verwendung der Fotos mit freundlicher Genehmigung der Städtischen Bühne Lahnstein.

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