Holus-Chantalismus oder Wer nennt sein Kind schon Diotima?

Kaum haben die ersten Leute die Leseprobe zu „Spielende Götter“ gelesen, kommt schon die erste Kritik: „Warum haben die alle so bescheuerte Namen?“*

Eine Frage, auf die ich hier natürlich gerne antworte. (Auch wenn die Namen selbstverständlich nicht bescheuert sind, sondern voll kreativ. Und wer das nicht erkennt, versteht einfach nicht meinen genialen Geist.**)

Dazu zunächst ein paar kurze Erläuterungen zur Gesellschaft in „Spielende Götter“. Auf den ersten Blick ist diese der unseren gar nicht so unähnlich***, allerdings in zwei Klassen unterteilt: Ludens und Laborans, die Spielenden und die Arbeitenden. Die Spieler-Fraktion tut genau das – sie verbringt den Großteil ihrer Zeit in Holus, einer recht klassischen High Fantasy-Simulation, deren Erfinder wussten, was sie einer massentauglichen High Fantasy-Welt schuldig sind und die daher (weitgehend) darauf verzichtet haben, die NPCs Maria und Bernd zu nennen. Stattdessen tummeln sich da nun Anpharisse und Rileis, Xelics und Solailas. Und wer etwas auf sich hält, gibt natürlich auch seinem Schwert einen spannenden Namen. Oder seiner Axt. Also, denke ich. Es kommen keine benannten Äxte vor (big Spoiler!).

Holus spielen zu dürfen, ist für die Ludens ein Statussymbol, das sie von der dienenden Klasse, den Laborans, abhebt. Dabei hat die Rolle, die sie in der Simulation einnehmen, Einfluss auf ihr Ansehen innerhalb der Ludens-Gesellschaft: Wer es zum Fürsten schafft, kann auch in der Primärrealität mit Anerkennung rechnen. Wer viele Level vorweisen kann, wird bevorzugt behandelt. Wer Fürst ist, viele Level vorweisen kann und eine Reihe hübscher Städte sein Eigen nennt, hat praktisch ausgesorgt. Problematisch wird es aber, wenn er seine Städte verliert oder sein Avatar stirbt. Dann kann es sein, dass er von einem Tag auf den anderen erhebliche Verluste in seiner Freundesliste hinnehmen muss.

Da sich Holus so auf den gesamten Alltag der Ludens auswirkt, hat die Simulation auch beispielsweise ästhetischen Einfluss auf die Primärrealität. Das kann sich darin äußern, wie Ludens ihre Häuser oder Gärten gestalten, oder eben in der Namensgebung ihrer Kinder. Die Kleinen sollen einmal Herrscher in einer Welt voller Pathos und Dämonen werden – da brauchen sie auch in-reality einen Namen mit ein bisschen Drama im Klang und idealerweise einer hübschen Bedeutung. Sprich, sie nennen ihre Kinder eben Chrysantha oder Diotima, Aurelian oder Ophelia. Warum auch nicht, klingt doch hübsch und lässt sich alles abkürzen. Die Laborans sind da übrigens bodenständiger veranlagt, schon um sich von den Spielern abzugrenzen.

In der Namensgebung ihrer Avatare passen sich die Ludens ohnehin den Holus-Traditionen an. Ich meine, gut, es gibt im RL auch Spieler, die ihren Avatar Meatball nennen, aber in Holus wäre das untrue. Und wer nennt seinen Fantasy-Avatar schon Herbert****.

Abschließend noch der dritte Teaser zu „Spielende Götter“, in dem mit Eleonor eine Ludens auftaucht, die es noch relativ bodenständig getroffen hat. Eleonors Funktion bestand ursprünglich darin, in einem Kapitel mit der Protagonistin Spaghetti zu essen. Wie so viele meiner Nebenfiguren hat aber auch sie immer mehr Platz eingenommen, sodass sie nun auch den Rollladen hochmachen darf. (Teaser 1 gibt’s hier, 2 hier)

teaser3

P.S.: Sorry an alle Chantals für die Verwendung des Begriffs in der Überschrift. Hilft es, wenn ich sage, dass ich als Kind meine Protas immer Scarlet, Chantal oder Stella genannt habe, weil ich die Namen so schön fand?

* Ich sollte vielleicht erwähnen, dass die Kritik von einer Verwandten kam, die mit Phantastik abseits von Michael Ende absolut nichts anfangen kann, selbst bei der „Alice im Wunderland“-Verfilmung von Tim Burton eingeschlafen ist und die die Leseprobe nur aus Gründen des Pflichtgefühls mir gegenüber gelesen hat. Weil ich jeden, der nicht bereit ist, meine Texte zu lesen, selbstverständlich aus meinem Freundeskreis verbanne.
** Ich bin nicht badass genug, um nicht darauf hinzuweisen, dass sich in diesem Text evtl. leichte Anflüge von Sarkasmus oder Ironie finden könnten.
*** Obwohl. Doch.
**** Als ich mit einer meiner Schwestern „Age of Wonders – Shadow Magic“ gespielt habe, war sie ein Untotenherrscher namens Teddy. *seufz* Und ich frage mich gerade, ob jemand, der im RL Legolas heißt, sich vielleicht in Rollenspielen Markus nennt …

Phantastik Schriftstellerei

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