Märzansichten 2015

Mit dem März geht ein in vielerlei Hinsicht ereignisreicher Monat zu Ende. Die letzte Woche mit ihrem Irrsinn auf diversen medialen Ebenen hat mir zeitweise die Sprache verschlagen, but well. Über diese Baustelle lasse ich mich lieber außerhalb des Netzes aus.
Für die Phantastikszene gibt’s aber wieder einen Monatsrückblick, für den ich die Sprache zurückgefunden habe:

Mit der Leipziger Buchmesse fand vom 12. bis 15. März eines der beiden großen Jahresszeneevents statt. Donnerstags wurde dort der SERAPH vergeben, der in diesem Jahr an Kai Meyer (Bester Roman: „Die Seiten der Welt“) und Akram El-Bahay (Bestes Debüt: „Flammenwüste“) ging. Wie sich der ganze Ablauf aus Jurysicht darstellt, kann man auf dem Blog Plaster of Paris nachlesen.

Da ich dieses Jahr nicht selbst dabei sein konnte, habe ich von der Messe nicht so viel mitbekommen, wie ich gerne hätte. Dafür geben aber eine Reihe von Erfahrungsberichten eine Ahnung davon, wie die Messe ablief. Meine Koblenzer Autorenkollegin Laura Dümpelfeld hat die Messe außerdem dazu genutzt, eine Reihe namhafter Autoren für Videointerviews vor die Linse zu bekommen:

Überschattet wurde die Leipziger Buchmesse allerdings von der Nachricht, dass Terry Pratchett am 12. März verstorben ist. Ich kam aus der Stadt, als ich festgestellt habe, dass Twitter plötzlich mit Pratchett-Zitaten geflutet wurde. Bis zur Info, was eigentlich los war, hat es locker dreißig Tweets gebraucht. Nun, die Nachricht hat mich schon sehr getroffen. Einer meiner ersten egoistischen Gedanken war, dass ich Pratchett nun niemals live begegnen kann. Er hat zu den Autoren gehört, die ich gerne mal „in echt“ erlebt hätte. Gerade viele seiner jüngeren, etwas nachdenklicheren Romane (wie beispielsweise „Dunkle Halunken“) haben mich weit über ihren eigentlichen Inhalt hinaus beeindruckt. Natürlich stand Pratchett immer schon für eine Art der Fantasy, die über ihre Handlung hinaus wirkte. Gelegentlich hat das seine Bücher sogar schon mehr zu Aphorismensammlungen als zu Romanen gemacht. Aber einige seiner Bücher waren noch mehr. Manchmal trifft man auf solche Bücher, die einen nicht nur beeindrucken, sondern persönlich berühren. Mit „Dunkle Halunken“, aber auch der Kurzgeschichten-Sammlung „Die ganze Wahrheit“ oder den Tiffany Weh-Büchern hat Terry Pratchett Werke geschaffen, auf die das für mich zutrifft.

In vielen Zeitungen und auf zahlreichen Websites wurden inzwischen rührende Artikel und Illustrationen zu Terry Pratchett veröffentlicht. Mit zu den besten, die ich gelesen habe, gehört etwa der auf Fantasyfaction.

Ohnehin eine sehr empfehlenswerte Website. Im März ist dort beispielsweise auch  „Intersectionality and the White Girl“ von Alyc Helms veröffentlicht worden. Im zweiten Teil des Artikels setzt die Autorin ein wenig zu viel Kenntnis ihres Romans „The Dragons of Heaven“ voraus – durch die ständigen Verweise wird mir hier nicht zu 100% klar, wie sie sich nun dem „white savior issue“ gewidmet bzw. eben nicht gewidmet hat. Aber gerade diese „Schreibtischethnologen-Thematik“ fasst Helms im ersten Teil des Artikels sehr schön in Worte. Klar, hätte jeder Autor immer nur aus der Perspektive geschrieben, die er völlig nachvollziehen kann, die Bücherlandschaft wäre um einiges ärmer. Trotzdem, ich konfrontiere mich z.B. auch ständig mit der Frage danach, ob ich überhaupt aus Perspektiven schreiben kann, deren Situationen ich nicht völlig nachvollziehen kann. Helms spricht zwar explizit von kulturellen Perspektiven, aber das Thema geht natürlich weit darüber hinaus. Mir hat z.B. mal jemand gesagt, Simon (aus dessen Sicht „Vor meiner Ewigkeit“ erzählt wird) sei zwar eine glaubwürdige Figur, aber man merke, dass seine Perspektive von einer Frau stammt. Nun, natürlich kann ich nicht zu 100% nachvollziehen, wie sich ein Mann in dieser oder jener Situation gefühlt hätte. Aber wenn jeder nur aus der Sicht des eigenen Geschlechts schreiben dürfte … puh, das würde die Literaturlandschaft auch langweiliger machen. Und wenn man dann noch nur aus der Sicht der Figur schreiben darf, die auch dieselben Erfahrungen wie man selbst gemacht hat, aus demselben Kulturkreis stammt, die selbe sexuelle Orientierung hat, … Dann schreiben wir alle nur noch Biographien und um die Fantasy steht es dann eh schlecht – Metaebene ist nicht mehr. Trotzdem gibt es Perspektiven, an die ich mich noch nicht herantraue. Recherche kann viel und ich würde mich auch als recht empathischen Menschen bezeichnen. Aber beides hat auch Grenzen und manchmal ist da eben das Gefühl, etwas oder jemandem nicht gerecht werden zu können, wenn man versucht, dessen Perspektive einzunehmen.

Einen weiteren spannenden Artikel gab es Mitte März im Literaturjournal, wo verschiedene Kleinverleger – u.a. Jürgen Eglseer, Zoë Beck und Oliver Graute – über die Gründe für’s Gründen, die Kleinverlagsarbeit und die Erwartungen an die Autoren geplaudert haben. Etwas kritisch ist mir dabei Oliver Grautes Aussage aufgefallen, laut der seine Autoren „immer präsent“ sein sollen.
Natürlich, dass man sich als Autor – egal, ob es um Klein- oder Publikumsverlage oder Selfpublisher geht – nicht zurücklehnt und den Verlag machen lässt, sollte irgendwie klar sein. Jedenfalls, wenn man nicht gerade als der neue Bestseller-Autor gehypt wird und auch ein paar Exemplare verkaufen will. Außerdem laufe ich schon aus persönlichem Interesse gerne auf den üblichen Szene-Cons herum oder halte gelegentlich Lesungen ab. Aber gerade in den sozialen Netzwerken, wo jeder zweite Post darin besteht, das eigene Buch oder auch die eigene CD in noch einer Gruppe, einer weiteren Privat- oder Autorenseite anzupreisen, kann Dauerpräsenz inzwischen auch schnell ins Nervige abdriften. Sicher, der Grat zwischen sinnvollem Selbstmarketing und nerviger Eigenwerbung ist ein schmaler und grundsätzlich schätze ich die Möglichkeiten von Social Media (sonst würde ich sie nicht nutzen). Aber man muss nicht immer präsent sein. Denke ich. Hoffe ich. Wenn es halt mal nichts zu posten gibt außer dem x-ten Link zu Amazon, gibt’s halt mal nichts zu posten (ja, ich weiß, ich poste auch Amazon-Links).
Ach ja, gerade sehe ich, dass inzwischen auch der zweite Teil des Artikels erschienen ist, der mehr oder weniger die Sicht der Kleinverlagsautoren beleuchtet. Interessant, dass die Präsenz-Frage hier eigentlich wieder etwas entkräftet wird.

So viel dazu. Im März hat übrigens auch die Harry Potter-Requisiten-Ausstellung im Odysseum Köln ihre Tore geschlossen. Es wäre sinnvoller gewesen, über sie zu schreiben, als ihr, die Leser, noch Zeit gehabt hättet, meiner Empfehlung hyppozu folgen. Eigentlich war das auch der Plan gewesen, aber … öhm … ich hab’s einfach total vergessen. Also jetzt wenigstens noch die Kurzversion:

Die Harry Potter-Ausstellung im Odysseum Köln war für entsprechend Interessierte echt toll und ihr hättet sie euch ansehen sollen. :-p Sie war sehr auf die sinnliche Wahrnehmung fokussiert; gedimmtes Licht, Special Effects und die charakteristische musikalische Untermalung haben dazu beigetragen, dass man für ein paar Stunden deathtatsächlich das Gefühl haben konnte, in Hogwarts zu sein. Dank der aufwendig gestalteten, detailreichen und entsprechend beeindruckenden Requisiten hättet ihr auch Harry Potter-Unaffine mitnehmen können, ohne dass sich diese gelangweilt hätten. Allerdings hätte ich jedem dazu geraten, sich für 5 Euro einen Audioguide auszuleihen, um sich die Anekdoten und Informationen anhören zu können, auf die in den Ausstellungshallen selbst komplett verzichtet wurde. Ohne die wäre die Ausstellung vielleicht nur halb so empfehlenswert gewesen, zumal es wohl Tage gegeben haben soll, an denen man vor lauter Besuchern kaum etwas zu Gesicht bekommen hat. Glücklicherweise war ich an einem Dienstagmittag da, an dem die Ausstellung so wenige Besucher hatte, dass ich sogar Alraunen züchten und mich auf Hagrids Stühl fläzen konnte.

hagridP.S.: Die Verlage Amrûn, Art Skript Phantastik, Ohneohren und Torsten Low waren so nett, in die letzten anderthalb Märzstunden noch die Info zu packen, dass sie eine gemeinsame Verlagsgruppe machen. Dabei dachte ich, um die Uhrzeit passiert nicht mehr viel, was ich noch unbedingt erwähnen müsste. Na ja – da es dazu aber noch keine weiteren Infos gibt und der erste April gefährlich nahe ist dazu dann mehr im Aprilpost 😉 (P.S.: Über mehrere Tage vorbereitete Aprilscherze sind irgendwie fies.)

Monatsansichten Phantastik

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