Hand aufs Herz

Zahlreiche Menschen halten ihre Hände auf ein Auto. Wer das am längsten durchhält, gewinnt den Wagen.

Kann man aus dieser simplen Ausgangslage einen mitreißenden Roman machen? Selbstverständlich kann man. Zumindest, wenn man Anthony McCarten heißt. Der Australier hat es schon geschafft, Polygamie als eine Form von Altruismus darzustellen und einen Roman über einen krebskranken Jungen mit einem Humor zu würzen, dass einem mitunter auch vom Lachen die Tränen kommen. Eine Situation wie in „Hand aufs Herz“ als Ausgangslage zu nehmen, um einmal mehr einen Blick auf die westliche Gesellschaft und ihre Menschen zu werfen, ist dagegen ein Klacks. Das Besondere dieses Buchs ist aber nicht diese Ausgangslage und auch nicht McCartens satirischer Blick auf die Geschehnisse. In Zeiten, in denen Medien- und Kulturkritik so in ist, dass sie schon fast langweilig wird (wahre Revoluzzer sind längst bei der Metakritik angekommen!), mag es einen gar nicht so verwundern, wenn der Inhalt über die Handlung erhaben ist. Was „Hand aufs Herz“ aber ausmacht, ist, dass sich eben keine adornosche Kulturkritik dahinter verbirgt, die suggeriert, die Menschheit bestehe ohnehin nur noch aus medienhörigen Robotern, die ihre Seele für einen guten Tweet verkaufen. (Hier braucht es dafür wenigstens noch ein Auto.) Diese Vorschlaghammerkritiker gibt es zuhauf, aber glücklicherweise gehört McCarten nicht zu ihnen. Stattdessen zeichnet er das leise Bild einer Realität, die tatsächlich, nun ja, realistisch wirkt! Seine Figuren sind nicht sympathisch, sondern glaubwürdig (die meisten jedenfalls). Seine Darstellung ist keine düstere Prophezeiung, sondern ein im Grunde wertungsfreier, aber gerade dadurch aussagekräftiger Ausschnitt unseres Alltags(wahnsinns). Es geht um Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, um verschiedene Arten von Liebe und Abhängigkeiten.

„Hand aufs Herz“ ist nicht so intensiv wie „Liebe am Ende der Welt“, nicht so herzzerreißend wie „Superhero“ und nicht so unterhaltsam wie „Englischer Harem“. Dafür sind die Figuren ein wenig zu sehr Opfer der Handlung, das sonst immer so überraschende Ende trotz seiner Offenheit etwas zu vorhersehbar und die behandelten Themen ein klitzekleines bisschen zu flach. Aber auch, wenn es nicht McCartens stärkster Roman ist (das bleibt für mich „Liebe am Ende der Welt“), ist es doch einer der stärksten, die ich seit langer Zeit gelesen habe. Für mich eine erneute Bestätigung, dass Anthony McCarten derzeit neben Joey Goebel der beste satirische Autor von Gegenwartsromanen ist (oder wie man diese Romane nun nennt, die keine eigene Genrebezeichnung haben). Also – lesen!

Hand aufs Herz Hand auf Herz von Anthony McCarten Diogenes Verlag, Mai 2011 ISBN: 978-3-257-24058-0

[Text unter CC BY-ND 3.0 DE]

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